Ein Stück Identität

Notizen zu einem "Kulturkampf" Ist es angebracht, das "Kopftuch" moslemischer Frauen als "Flagge des islamischen Kreuzzuges" zu bezeichnen?

Das "Kopftuch-Urteil" des Bundesverfassungsgerichtes vom 24. September 2003, wonach die Bundesländer in dieser Angelegenheit eigene gesetzliche Grundlagen schaffen sollen, hat in Deutschland eine Art "Kulturkampf" entfacht. Gerade hat Bundespräsident Rau seine Auffassung bekräftigt, das ein Verbot des Kopftuches im Sinne der Gleichbehandlung auch ein Verbot der Mönchskutte in den Schulen nach sich ziehen müsse. Während Bundestagspräsident Thierse bezweifelt, ob das Kopftuch nur ein religiöses Symbol ist. "Ein Kreuz ist kein Symbol von Unterdrückung, das Kopftuch für viele muslimische Frauen schon", sagte er in einem Gespräch.

Das Thema eignet sich hervorragend, die Ängste der Menschen gegen fremde Kulturen zu mobilisieren und bei Bedarf auch zu Wahlkampfzwecken zu instrumentalisieren. Die Stichworte für den neuen Kulturkampf liefert die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, die im Namen von Frauenemanzipation, Freiheit und Gleichheit die Kampagne anführt. In zahlreichen Zeitungstexten und Talkshows bezeichnet sie das Kopftuch als "Flagge des islamistischen Kreuzzuges" und als Symbol der islamischen Fundamentalisten, die "die ganze Welt zum Gottesstaat deformieren" wollten. Dass diese Torheiten bei Spitzenpolitikern in Deutschland auf Zustimmung stoßen, gibt Anlass zur Sorge. Und dass die Tendenz überwiegt, das Kopftuch tatsächlich verbieten zu wollen, ist alles andere als ein Gütesiegel für den Reifegrad der Demokratie. Aber vielleicht braucht die pluralistische Demokratie hierzulande noch mehr Zeit, um eine moslemische Pädagogin mit Kopftuch als normal zu empfinden. Die Behauptung, das Kopftuch sei ein Symbol des islamischen Fundamentalismus, ist genauso ein Unfug wie die Behauptung, Freikörperkultur sei der Höhepunkt geistlicher Freiheit. Wer Hunderte von Millionen moslemischer Frauen weltweit und Hunderttausende von Mosleminnen in Deutschland im Handumdrehen als Fundamentalistinnen stigmatisiert, strotzt nicht nur vor Ahnungslosigkeit, der handelt auch fahrlässig. Besonders gilt dies gegenüber den moslemischen Frauen, die in einer fremden Kultur trotz großer Anpassungslasten keine Mühe scheuen, Anschluss an das öffentliche Leben in ihrer neuen Heimat zu finden. Nun aber - gewissermaßen mit dem fundamentalistischen Stigma auf der Stirn - werden sie es mit Kopftuch fortan erheblich schwerer haben, sich in die Arbeitswelt hinaus zu wagen. Sie müssen damit rechnen, als Fundamentalistinnen gebrandmarkt und diskriminiert zu werden. Welcher Behördenchef, welcher Filialleiter einer Bank, welcher Personalchef eines Industrieunternehmens wäre auch darauf erpicht, sich durch die Beschäftigung von "Fundamentalistinnen" Ärger einzuhandeln. Die Tragweite des Streits geht weit über die Frage der staatlichen Neutralität gegenüber Religion in der Schule hinaus. Das Anliegen von Fereshta Ludin, die das Bundesverfassungsgericht angerufen hatte, weil sie weder auf ihren Beruf als Lehrerin noch das Tragen des Kopftuchs im Unterricht verzichten wollte, ist das Anliegen vieler gläubiger moslemischer Frauen in Deutschland. Es geht darum, allen - nicht nur den Lehrerinnen - entweder die Chance zu eröffnen, trotz ihres für die Mehrheitskultur fremden Erscheinungsbildes im öffentlichen Leben akzeptiert zu werden oder auf ihren bisherigen Lebenskreis beschränkt zu bleiben. Ein Kopftuchverbot wäre daher auch ein Rückschlag für die Integration der Moslems in Deutschland. Seine Botschaft ist im Klartext: entweder ihr assimiliert euch oder ihr haut ab.

Kehrseite der Moderne

Warum legen Millionen moslemischer Frauen in der ganzen Welt so großen Wert auf ihren Schleier? Wollen sie sich dadurch bewusst von anderen abgrenzen, ihre Religiosität demonstrativ zur Schau stellen? Für den Islam missionieren, wie dies die Verfechter des Kopftuchverbots behaupten? Die Antwort auf diese Frage ist ziemlich einfach: die überwältigende Mehrheit von ihnen tun es aus Gewohnheit, weil sie sich den traditionellen Konventionen ihrer Kulturen verpflichtet fühlen. Sie tragen das Kopftuch oder den Schleier, weil sie sich so subjektiv besser geschützt fühlen und dieses Stück Stoff - ob andere dies gut oder schlecht finden - ein Stück ihrer persönlichen Identität geworden ist. Meine Schwester etwa, die mich oft in Deutschland besucht, sagt mir, ohne Kopftuch fühle sie sich einfach unangezogen. Frauen aus meiner Verwandtschaft in Iran lehnen - wie 80 Prozent der Iraner - das Mullah-Regime ab. Ihnen würde jedoch nie in den Sinn kommen, deshalb ihren Schleier abzulegen. Sie haben den Schleier auch schon vor diesem Regime getragen. Der Schleier hat eine unvergleichbar längere Geschichte als der islamische Fundamentalismus, den wir kennen. Dieser Fundamentalismus ist nicht zuletzt auch eine Reaktion auf unsägliche Versuche, die westliche Moderne in den traditionsorientierten islamischen Gesellschaften von oben verordnen oder gar gewaltsam einführen zu wollen. Reza Schah, der Gründer der Pahlawie-Dynastie in Iran, glaubte nach der Machtübernahme 1925, durch ein gewaltsames Schleierverbot und die erzwungene Einführung westlicher Kleidung für beide Geschlechter den Weg Irans in die Moderne ebenen zu können. Das Ergebnis ist bekannt: ein halbes Jahrhundert nach Reza Schahs gewaltsamer Modernisierung erlebte Iran 1979 eine islamische Revolution und die Gründung des ersten islamischen Gottesstaates. Dieser Fundamentalismus war die Kehrseite einer falsch verstandenen Moderne - er ist insofern ein Bestandteil von uns, mehr als uns lieb ist. In Iran führten die Mullahs den Schleierzwang wieder ein und verletzten dadurch die Würde und Identität derjenigen Frauen, die keinen Schleier tragen wollten, sie eröffneten jedoch zugleich der großen Mehrheit von traditionalistisch erzogenen Mädchen und Frauen den Zugang zu höheren Schulen und zum öffentlichen Leben, von dem sie bis dato gänzlich ausgeschlossen waren. Inzwischen liegt der Anteil der Frauen an iranischen Hochschulen bei 60 Prozent. In der Türkei beispielsweise, wo dagegen nach wie vor ein Schleierverbot in öffentlichen Einrichtungen besteht, bleibt der Zugang zu höherer Bildung und zum öffentlichen Leben der übergroßen Mehrheit jener türkischer Frauen versperrt, die dem traditionellen Segment der Gesellschaft angehören. Daraus folgt nicht, der Türkei die "iranische Lösung" zu empfehlen. Vielmehr ist es höchste Zeit, dass sowohl die Türkei das Kopftuchverbot und der Iran den Schleierzwang aufheben und dem Unrecht der Diskriminierung türkischer Frauen, die das Kopftuch tragen wollen, und iranischer Frauen, die den Schleier nur gegen ihren Willen tragen, ein Ende setzen. Das Selbstbestimmungsrecht der Frauen ist in beiden Ländern ein Gradmesser der Demokratisierung, die allein eine Grundlage für Meinungsvielfalt wie die friedliche Koexistenz verschiedener Lebensweisen ist. Mit einem Kopftuchverbot würde sich Deutschland ein Stück weit den Gepflogenheiten der Türkei und Irans annähern.

Es geht um Menschenwürde

Die Lebensweise der Menschen ist Bestandteil ihrer Identität und ihrer Würde, die in Deutschland durch das Grundgesetz geschützt ist. "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt" (Grundgesetz, Art. 1, Abs. 1). Ein Kopftuch-Verbot für Fereshta Ludin verletzt ihre Menschenwürde und konnte auch aus diesem Grunde durch das Bundesverfassungsgericht nicht verhängt werden. Dass die Karlsruher Richter diese Dimension des Falles übersahen, ist ihnen vorzuwerfen. Auch Ludin war offenkundig falsch beraten, sich allein auf den Artikel 4 GG zu berufen, der die Religionsfreiheit garantiert. Der Schutz der Menschenwürde wiegt in diesem Streit unvergleichlich schwerer als der Schutz der Religionsfreiheit. Und genau um die - wohlgemerkt subjektiv empfundene - Würde geht es bei mehreren hundert Millionen moslemischer Frauen, die es vorziehen, ihren Körper mehr oder weniger stark zu verhüllen. Was veranlasst Frau Schwarzer dazu, durch das Kopftuch von Frau Ludin so leichtfertig auf deren fundamentalistische Gesinnung zu schließen? Liegt diesem intellektuellen Kurzschluss nicht eine ebenso weitverbreitete wie oberflächliche Annahme zugrunde, dass der Schleier und das Kopftuch für die Frauendiskriminierung und -unterdrückung in der islamischen Gesellschaft stehen? Die auf den ersten Blick einleuchtende Behauptung - Schleier gleich Frauenunterdrückung - wie sie durch den Mainstream westlicher Frauenbewegungen unermüdlich aufgestellt wird, ist irreführend und lenkt davon ab, dass in den islamischen Gesellschaften wie in der westlichen Welt das Patriarchat die eigentliche Ursache der Frauendiskriminierung ist. Historisch gesehen hat es das Patriarchat in den islamischen Gesellschaften verstanden, den schon vor dem Islam existierenden männlichen Besitzanspruch auf das weibliche Geschlecht religiös zu untermauern und die wenigen vagen Hinweise im Koran zur Verhüllung des weiblichen Körpers vor männlichen Blicken für eine systematische Verbannung der Frauen aus dem öffentlichen Leben zu instrumentalisieren. Die afghanische Burka und die saudische Totalverhüllung sind in der Tat manifeste Beispiele für die religiös legitimierte Verewigung einer archaischen Vorherrschaft des männlichen Geschlechts. In anderen islamischen Gesellschaften haben moslemische Frauen es trotz des Schleiers geschafft, in allen Bereichen Positionen und Einfluss zu erlangen. In dieser Hinsicht stehen sie den Frauen in den westlichen Gesellschaften in nichts nach und sind dort genau so wie hier bestrebt, ihre vollständige Emanzipation gegen die männliche Vorherrschaft durchzusetzen. Statt des Islamrates hätten eigentlich Frauenorganisationen Fereshta Ludin gegen das drohende Kopftuch- und Berufsverbot unterstützen müssen. Aber deutsche Frauenrechtlerinnen sind offenbar noch weit davon entfernt, Frauenrechte als Kultur übergreifende universale Rechte zu begreifen.

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00:00 16.01.2004

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