Ein Tag wie eine Ewigkeit

Afghanisches Dorf hinter den Bergen Die Geschichte von Hamid und Fatemah

Märkte sind Leben. In Pada aber existiert kein Markt. Keine Schreihälse preisen ihre Waren. Es gibt nichts zu preisen. Alles ist still. In den staubigen Straßen, die diesen Namen nicht verdienen, laufen keine Kinder herum. Keine Tiere reiben sich an den warmen und brüchigen Mauern der Lehmhäuser. Nur ein paar Hühner scharren im steinigen Boden, als gäbe es dort etwas zu finden. Kein Baum. Nicht hier und nicht an den Hängen. Auch haben die Berge keine Spitzen, an die sich Blick und Hoffnung klammern könnten. Sie steigen, fallen weich und rund, fließen kakaofarben empor zum Horizont, und niemand weiß, ob es dahinter etwas anderes gibt, als fließende Berge und dahin strömende Ebenen ohne Baum und Strauch. Niemand in Pada weiß es. In diesem Tal, das von den Leuten "Tal der Tränen" genannt wird.

Sader Adin Behboadi besitzt den einzigen Laden an Rande der Welt. Eine Art afghanischer Kolonialwarenhandel ist das, ein Dorfladen der ergebenen Entsagung und Demut. In den zwei Räumen seiner schummerigen Hütte kann man Kernseife für die Sauberkeit des Körpers und der Wäsche kaufen, dazu Paracetamol gegen Leiden und Schmerzen aller Art. "Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder meine Tabletten helfen. Oder es hilft gar nichts mehr", murmelt Sader.

Hinter ihm liegt ein ganzes Regal voller Wollknäuel. Gelbe, grüne, rote, braune, vor allem aber tiefschwarze. Die Frauen weben daraus Teppiche. In einem anderen Fach stapeln sich Schuhe aus Plastik, rechts davon Butterkekse aus Teheran. Auf dem Verpackungspapier lachen Kinder vor einer Berglandschaft. Die Kinder sind sämtlich blond, die Berge dahinter saftig grün. Dann gibt es noch Nudeln, Kreide, Zigaretten, rote Kaugummibälle, Nähseide, Büstenhalter. Im Hinterzimmer lagern Besen aus Reisig, Spaten und Schaufeln. Es riecht nach altem Leder, fauligem Holz und Staub, all diese rohen Düfte kommen in Sader Adin Behboadis Laden wie auf einem Marktplatz zusammen, von dem keiner weiß, ob es ihn überhaupt gibt.

Denn man verkauft bei Sader kein Brot, kein Gemüse, kein Obst. Ein trostloser Laden wäre das, käme nicht manchmal jemand vorbei, um auf einem der Stühlchen im Hinterzimmer eine Pfeife zu rauchen und mit wiegendem Kopf über die Leute des Dorfes diese und jene Geschichte zu erzählen.

So ist es auch, als wir in Pada ankommen. Die Männer umringen uns, jeder redet, bis Sader energisch das Wort an sich reißt. Die Ernte demnächst im Sommer werde schon wieder schlecht sein und bald verbraucht. Keine Gurken, keine Kartoffeln, kaum Weizen. In den vergangenen zwei Jahren hätten sie erst ihre Tiere, dann ihre letzten Besitztümer gegen Lebensmittel eintauschen müssen. "Jetzt haben wir nichts mehr zum Tauschen." Sein Finger fliegt an den Regalen vorbei und fegt verächtlich eines der Pakete mit den lächelnden blonden Kindern vor den saftig grünen Bergen zu Boden. "Die meisten Kinder hier in Pada haben noch nie Obst gegessen. Wir dachten, dass die neue Regierung für bessere Zeiten sorgt. Wir haben gehört, die Welt wolle uns helfen. Nun haben wir gehört, die Welt hat es sich anders überlegt. Ist jetzt alles wieder wie vorher, wenn die Ernte nichts bringt?"

Keine Zeit nirgends

Am Anfang dieser Reise in den äußersten Nordwesten Afghanistans steht Herat. Die ewig grüne und fruchtbarste Oase weit und breit. Herat hat einen Markt, auf dem alle Waren zu haben sind, die zum Leben reichen - zum Leben in Afghanistan allemal. Es gibt frisches Obst und Gemüse, Fleisch, Brot, Kuchen - Gold- und Stoffhändler, Antiquitätengeschäfte, Fahrradwerkstätten, Marktschreier, hochrädrige Kutschen. Klebrige Limonade in gelben und grünen Plastikflaschen. Es gibt Wohnungen in Herat, die eine Heimstatt sind, weil Essen auf dem Tisch steht. Sogar Hospitäler hat dieses Herat. Das heißt nicht, dass man auf jeden Fall überleben wird in dieser Stadt.

An einem frühen Morgen brechen wir auf von Herat nach Pada. Vier in einem Jeep. Ein Fahrer, unser Dolmetscher, ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation World Vision und ich. Allmählich verliert sich die Stadt ins Dörfliche. Die Asphaltstraße weicht einer breiten Piste voller Bombenkrater, Granattrichter und Schlaglöcher. Links eine niedrige Bergkette, rechts tauchen die Zelte eines Flüchtlingscamps auf, weichen bald Lehmgehöften mit kleinen Gärten, in denen Gurken und Melonen wachsen. Manchmal reicht das Wasser sogar für die wenigen Hektar eines Reisfeldes.

Dann legt sich eine breite Geröllspur in den Weg, wir krachen mit durchdrehenden Rädern durch das Bett des Flusses, der schon lange keiner mehr ist. Nicht ein Tropfen Wasser glitzert im Sand. Jenseits des Flusses schlägt die Landschaft um, als ginge ein Schnitt hindurch und spalte sie in zwei Hälften: eine, über die Gott wacht, eine andere, die er längst aufgegeben hat, denke ich.

Es wird nicht das letzte Mal auf dieser Fahrt sein, das Gott sich aufdrängt, obwohl ich nicht gläubig bin. Während der Weiterfahrt bin ich Zeuge der letzten Schöpfungsstufe. Das Gestein der Berge leuchtet in den Farben des Regenbogens, aufschießende Kegel und flache Sanddünen reihen sich in urzeitlicher Unschuld aneinander. Nur Atem und Leben, Luft und Sonne. Einen Seelenzustand braucht dieses Schöpfungswerk nicht. Ich suche vergeblich nach einem Zeichen der Fürsorglichkeit für jene, die diese Landschaft bewohnen, die Samen streuen und Felder bestellen. Ich finde nur Unbehaustheit.

Je weiter wir nach Norden fahren, desto mehr erstarrt alles. Nicht einmal Vögel singen. Steinernes Schweigen. Hitze, Staub, Löcher, braunes Gestrüpp. Keine Zeit nirgends. Ein Jahr ist hier wie ein Tag. Und ein Tag wie eine Ewigkeit. In weiter Ferne ziehen Hirten mit Kamelen oder Eseln über die Hänge, manchmal stehen schwarze Nomadenzelte auf lichten Kuppen.

Und gleich denke ich an den Tod, Ängste bäumen sich auf, die den Abschied von einer zurückgelassenen Zivilisation verkünden.

Aber nicht schwarz, sondern weiß ist die islamische Farbe der Trauer.

Der Löwe von Herat

Rangin Khan, Oberhaupt von zehn Nomadenfamilien und Vater von vier Töchtern, weiß nicht, wo Amerika liegt. Oder Europa. Von uns, die wir überraschend vor seinem Zelt auftauchen, nach langem Palaver über dies und das plötzlich zu erfahren, dass die Erde eine Kugel sei und Amerika auf der anderen Seite liege, entsetzt ihn schon. Nie hätte er geglaubt, dass die Welt so groß ist. "Auf wie vielen Seelen muss Allah da seine Augen ruhen lassen!" ruft er erstaunt und besorgt. Da sei es verständlich, wenn Allah Afghanistan so oft vergessen habe.

Rangin Khan hat noch vier Zähne, sein Gesicht ist so faltig wie die Bergschichten des Hindukusch, sein Leben, glaubt er, habe bisher fünf Jahrzehnte gedauert oder etwas mehr. Vier davon hat er Kamele über die Hügel getrieben und Waren von einem Ort zum nächsten gebracht. Er sah nie Bilder von einer Welt, die hinter seinem Tal liegt. Rangins Zelt steht in einer steinigen Ebene zwischen zwei Bergzügen, in der ein rüstiger Wind die trockene Erde belustigt vor sich hertreibt. Eine Landschaft, in der Leben und Tod wie Liebende aneinander ruhen. Wer hier nicht demütig und duldsam sein kann, zerbricht an ihrer himmelschreienden Schönheit. Kriege, könnte man glauben, hinterlassen in dieser Gegend kaum mehr als einen Kratzer, über den sich schon Sand und Langmut legen werden.

Über Rangin Khan und die anderen Bewohner im Norden Afghanistans herrscht Ismail Khan, der Löwe von Herat. Manchmal bereist er sein Reich, um es gegen andere Kriegsherren zu verteidigen, die dieser bergigen Ödnis viel abgewinnen können. Deshalb hat Khan bei seinen Besuchen auch eine Privatarmee im Tross. Geld und Lebensmittel bringt er nicht, Hilfsprogramme für die hungernden Bergdörfer kennt er auch nicht. Vor der Verantwortung für das Volk haben sich schon die Taleban gedrückt - die neuen oder alten Herrscher stehen ihnen da in nichts nach.

Die Taleban? Rangin Khan windet sich ein wenig. Was soll er dazu sagen? Sie kamen und gingen, sie kämpften und starben. Manchmal ganz in der Nähe, manchmal raubten sie das Vieh. In die Zelte der Nomaden aber kamen sie nie. Wofür sie kämpften, wer wusste das schon genau? Als die jungen Männer zurückkehrten, die für ein Handgeld, für eine Mahlzeit täglich und die Gnade Allahs mit den Gotteskriegern gezogen waren - als sie zurückkehrten und wieder vor den Zelten standen, wussten sie zu erzählen, im Koran stehe geschrieben: man müsse jeden besiegen, der das Wort Allahs nicht achte. Die Taleban, wussten sie noch, stünden in einem Heiligen Krieg.

Als dieser Krieg vorbei war oder verloren, ließen die Taleban ihre jungen Rekruten ohne Lebensmittel und ohne ein erklärendes oder tröstendes Wort, aber nicht ohne Waffen zurück. "Da kamen sie wieder nach Hause, unsere Leute", erinnert sich Rangin. "Wo sonst auch hätten sie hingehen sollen?"

Die von den Heiligen Schlachten beurlaubten Krieger schnitten sich die Bärte ab und versteckten ihre Waffen. Sie spielten ein wenig mit den Kindern. Bald stellten sie fest, dass es noch immer nicht genug Essen und keine Möglichkeit des Geldverdienens gäbe. "Nach einigen Wochen sind sie wieder los gezogen. Manche in die Städte, andere zurück zu den Taleban - sie hatten wohl keine Geduld", glaubt Rangin Khan.

Jedes Bild verschluckt

Es geht nicht zurück, aber auch nicht nach vorn. Wir erreichen einen Pass, dahinter streckt sich eine Schlucht, groß wie ein Mondkrater. "Wir müssen hinunter und durch", sagt Ahmed, der Fahrer, und lacht mit einem so schrillen Ton, als fürchte er sich und warte nur auf ein Zeichen von uns, die Fahrt an dieser Stelle abzubrechen.

Vorsichtig lässt er den Wagen von Plateau zu Plateau gleiten, unter jeder Höhe, die wir gewinnen, liegt eine neue Tiefe, in die wir hinab müssen. Erst als wir ganz unten im Tal ankommen sind, denke ich an die rohe Gewalt der Steine und die übermächtige Traurigkeit, die zwischen den Felswänden hängt. Es scheint so, als verfolge mich diese Traurigkeit überall. Wo ich auch hinkomme im Norden Afghanistans - sie ist immer schon da.

Pada liegt mit dem Auto acht bis zehn Stunden von Herat entfernt. Wie lange man für diese Strecke mit dem Esel braucht, rechne ich gar nicht erst aus. Jemand erzählt mir, es gäbe auch die Möglichkeit, auf einem der Lastwagen mitzufahren, die von Herat zur turkmenischen Grenze unterwegs seien, das koste umgerechnet 100 Dollar, aber die hat niemand.

Weltenden mag es viele geben, Pada ist auf jeden Fall eines davon. Nur langsam gelingt es Hilfsorganisationen wie World Vision, Ärzte ohne Grenzen oder dem World Food Program, ihre Hilfsdienste in diesen abgelegenen Regionen aufzubauen. Mehr noch als die Unwegsamkeit des Geländes sind es die Unsicherheit, die Gefahr von Überfällen, Raub und Plünderung, die einen Hilfskonvoi zu einer Kamikaze-Aktion werden lassen. Rivalisierende Warlords mit ihrem Gefolge oder versprengte Taleban greifen gern ein. Und die Provinzfürsten stellen Bedingungen, bevor sie für sicheres Geleit sorgen. Auch Ismail Khan hält die Hilfsorganisationen am Gängelband, hoch willkommen wäre es ihm, sie würden für ihre Transporte nur seine Lastwagen mieten.

Endlich kommen wir an. Wie ausgestorben liegt das Dorf in der Nachmittagshitze. Erst als wir halten, sehe wir in den dunklen Hauseingängen Männer stehen. Sie warten, bis wir aussteigen. Langsam gehen sie auf uns zu. Ihre Gesichter haben den Ausdruck stiller Würde. Sie wundern sich nicht über unseren Besuch. Sie fragen nicht, was wir wollen. Sie begrüßen uns nach afghanischer Sitte mit der rechten Hand auf dem Herzen und Salam Aleikum. Kurz neigen sie den Kopf, dann suchen ihre Augen nach uns. Sie sind wie ein Spiegel, der jedes Bild verschluckt und nichts davon wieder nach außen schickt. Den Stolz dieser Gesichter bemerkte ich schon in Herat. Hier scheint er mir noch größer und verunsichert mich. Darf man so stolz aussehen, wenn man im Elend lebt? Muss man sich nicht beugen, wenn das Leben über so viele Jahre hinweg von Krieg und Not bestimmt ist? Und was geschieht, wenn ich von diesem Stolz erzähle, der manchmal schon an Hochmut grenzt - ist er die stärkste Waffe gegen den Hochmut der restlichen Welt? Erstirbt dann nicht jedes Mitgefühl? Werden aus Afghanistan nicht Jammern und Klagen, Verzweiflung und Tränen erwartet?

Erst später begreife ich, dass die Traurigkeit, die mich auf dieser Reise nie verlässt, meine eigene ist. Ich fühlte mich verloren in dieser Kargheit. Die Menschen, die mir begegnen, können auch darin ihren Gott finden. Im Tal der Tränen jedenfalls sehe ich nicht eine Träne fließen. Was aber sieht der Beobachter, der Fremde schon?

Noch immer schweigend weisen uns die Männer mit der Hand den Weg in ein Haus, in dem warme, weiche Teppiche liegen, es ist das Haus des Kaufmanns von Pada. Das Haus von Sader Adin Behboadi. Tee wird gebracht und klebrige Bonbons. Die Männer sehen uns ruhig an und warten. Wir erklären, dass wir als Protokollanten gekommen seien. Zu fragen hätten, wie viele Tonnen Weizen und Reis in diesem Jahr geerntet werden? Wie lange die Lebensmittel noch reichen, die vor Monaten gebracht wurden. Ob die Mädchen zur Schule gehen oder nicht?

Während wir reden, drängen sich Kinder in der Tür. Die Jungen schieben die Mädchen nach hinten. Die Mädchen lassen sich schieben, räumen fügsam die vorderen Plätze. Ein Stück von der Tür entfernt hocken sie schließlich auf dem Boden. Ihre Kleider aus gelben, roten und blauen Stoffen leuchten in der Sonne. Immer wieder rutschen ihnen die Tücher vom Kopf. Sie sind so schön, dass ich jede von ihnen fotografieren möchte, aber sie lassen mich nicht. Auch dann nicht, als sie von ihren Vätern ermahnt werden, es mit sich geschehen zu lassen. Scheu verstecken sie ihre Gesichter hinter beiden Armen.

Ganz hinten stehen die Frauen, Tücher um die Gesichter gelegt, nur die Augen sind frei. Ich wüsste gerne, ob sie den Kreis ihrer Unterwürfigkeit verlassen möchten. Ob nicht der Krieg und das Sterben ihrer Kinder sie hart werden ließen, Ebenbürtigkeit zu verlangen. Ich versuche den Blick dieser Augen zu fangen, wünsche mir ein Lächeln, einen Augenblick der Vertrautheit, aber sie schauen mich an, ohne erkennbare Regung.

Das Grab des Kommandeurs

Sader Adin Behboadi führt das Gespräch. Seine Rede ist voller Bedacht. Zwischen den Sätzen wiegt er den Kopf, sucht unsere Augen, wie um unsere Gedanken zu prüfen. "Wir haben den Weizen verbraucht. Lasst euch nicht täuschen von der heißen Sonne. Wenn ihr Bogen über unserem Dorf flacher wird, müsst ihr neuen Weizen bringen, sonst ist es zu spät. Im Herbst und Winter werden keine Lastwagen mehr über die Pässe kommen. Dann werden wir erneut hungern, wie im Jahr zuvor. Bis März haben wir Halme gegessen und den Kindern Äste gegeben, damit sie darauf kauen und den Hunger vergessen konnten. Der Saft der Äste hat die Kinder erkranken lassen. Sie fingen an, sich zu übergeben, manche sind daran gestorben. Erst als ihr Lebensmittel gebracht habt, hatte das Sterben ein Ende."

Nach einer Pause fährt er fort: "Ihr sollt wissen, dass wir unsere Töchter nicht in die Schule schicken. Wir verstehen, dass es gut ist, wenn sie lesen und schreiben können. Aber wir haben keine Lehrerin. Ihr sagt, wir sollten die Mädchen von einem Lehrer unterrichten lassen. Das ist unmöglich - die Mädchen würden sich schämen, wie ihr euch schämen würdet, wenn ihr keine Kleider anhättet ... "

Wir reden über die Demokratie. Der Kaufmann von Pada weiß nicht, ob sie seinem zerrissenen Land helfen kann. "Wir sind es gewöhnt, für Allah zu leben und in Allah zu sterben. Wir denken, dass er uns gibt, was wir brauchen. Wenn er uns Demokratie gibt, werden wir uns freuen. Wenn er uns anderes gibt, werden wir auch das annehmen." Er sieht mir bei dieser Antwort gerade in die Augen. Wir brauchen keine geistigen Almosen, sagt dieser Blick. Wir klagen nicht über das, was wir nicht haben, schon gar nicht über das, was wir nicht brauchen. Vor diesem stolzen Blick zerfällt jede kulturelle Mission zu Staub.

Wir schweigen und trinken Tee. Wir fragen nach ihren Plänen. Der Kaufmann sagt, es wäre gut, wenn es Elektrizität gäbe im Dorf. Und einen Bus, wenigstens einmal in der Woche, wirft ein anderer ein. Sieben Stunden seien sie mit dem Esel bis in die nächste Kleinstadt - bis nach Quala-e-Naw - unterwegs. "Das ist zuviel, wenn man krank ist." "Sind bei euch viele krank?" "Gerade haben wir eine schwangere Frau, die seit einer Woche halb bewusstlos da liegt. Seht sie euch an, vielleicht wisst ihr Rat."

Wir gehen zum letzten Haus im Dorf. Auf dem Lehmdach steht ein Kind, der Wind weht durch sein Haar. Ein wenig abseits flattern Fahnen auf einer Steinmauer. Es scheint ein Grab. "Wer liegt dort?" - "Ein Bruder der kranken Frau. Er war ein Kommandeur bei den Taleban." - "Starb er hier?" - "Er war schwer verwundet und ritt auf seinem Pferd nach Hause." - "Ein ziemlich großes Grab!" - "Er ist hier geboren, er ist hier gestorben. Er war einer von uns. Wir ehren unsere Toten", sagt Sader Adin.

Fatemah

In der Hütte liegt auf einer Matratze ein dünnes Mädchen mit breitem Gesicht. Die Haut spannt über den Wangenknochen. Ältere Frauen hocken im Kreis und wiegen den Oberkörper mit leichtem Singsang. In einer Ecke kauert ein Mann. Das sei der Bruder, sagt unser Dolmetscher. Das Mädchen trägt ein rotes Kleid, um den Kopf schwere Tücher. Das Gesicht, die Haare, ihre Sachen, ihre Hände sind schweißnass.

"Wie heißt sie?"
"Fatemah."
Ich spreche die Frauen an, aber der Bruder antwortet. Ich frage, wie alt sie ist.
"Sie wird 15."
"Warum hat sie Fieber?"
"Sie spuckt Blut."
"Hat sie Tuberkulose?"
"Wir wissen es nicht."

Als spüre Fatemah mein Zögern, beginnt sie zu wimmern. Meine Gedanken fahren Karussell: Sie ist ein Jahr jünger als deine Tochter, sie ist ein Kind, vielleicht stirbt sie, wenn du sie hier lässt, vielleicht stirbt sie, wenn du sie mitnimmst. Möchtest du, dass jemand deine Tochter in diesem Zustand liegen lässt? Ich bin wütend auf den Mistkerl, der sie geschwängert hat, wütend auf die Trauerweiber, die sich summend hin- und herwiegen. Wütend, weil das nächste Krankenhaus viele Stunden entfernt ist. Wütend, weil ich keine Ahnung habe, ob ich mich richtig oder falsch verhalte. Wie soll ich mich entscheiden? Ich komme aus einer Welt, in der Handlungswillen ein hehres Wort und Ergebenheit eine Schwäche ist.

Ich frage meine drei Begleiter und beteure zugleich, von der Schwangerschaft sei kaum etwas zu sehen, höchstens im fünften Monat könne das Mädchen sein. Der Bruder mischt sich ein und behauptet, sie sei im neunten. Wir vier fluchen ein wenig und beschließen, Fatemah mitzunehmen. Irgendwer schiebt eine Matratze auf den Rücksitz, das Mädchen wird aus dem Haus in den Wagen geschleift. Zwei Frauen setzen sich daneben. Wir sagen, das geht nicht - die eine sei Fatemahs Mutter, heißt es, also darf sie sitzen bleiben. Der Bruder steigt ebenfalls ein. Den Kindvater müssen wir zum Glück nicht aufladen, der ist in den Bergen bei der Pistazienernte. Als wir abfahren, haben wir trotz unseres Protestes noch zwei Männer im Jeep, von denen sich einer den Arm gebrochen hat und auch gern ins Hospital möchte.

Wir fahren noch keine Stunde, als Fatemah ihr Kind bekommt. Über dem Tal weit unter uns liegt ein riesiger Abendschatten, wir sind am oberen Rande eines Canyons und dort ist es noch immer unerträglich heiß. Der Wind wirbelt den Sand umher. Die zwei Nomaden, die wir von ihren Tieren wegholten, damit sie ihre Tücher als schützendes Zelt um die Gebärende halten, senken die Köpfe vor den scharfen Sandkörnern. Mit Alkohol aus dem Erste-Hilfe-Koffer haben wir unsere Hände desinfiziert, aus Fäden eine Kordel zum Abbinden der Nabelschnur geflochten, mit einer Decke aus dem Wagen ein Lager bereitet. Die Verwandten beten zu Allah, die Nomaden mit ihnen. Fatemahs Mutter und ich ziehen das Kind aus dem vor Entsetzen starren Leib. Ein kleine Junge liegt auf der Decke. Ohne einen Ton. Wartet geduldig, bis die Nabelschnur getrennt ist. Dann endlich schreit er. Wir sind trunken vor Erleichterung.

Zwanzig Tage

Der Rest ist schnell erzählt. Ahmed rast danach über die Piste, als sei die eine gut ausgebaute Straße. Nach zwei Stunden sind wir im Krankenhaus von Quala-e-Naw, das von der Organisation Ärzte ohne Grenzen betrieben wird. Im Nachhinein verunsichert mich die Wortwahl, denn natürlich ist ein afghanisches Hospital keineswegs, was das Wort verspricht und an Erwartungen auslöst. Oft ist es nicht viel mehr als ein Ort, an dem der Tod nur aufgehalten wird, weil es an allem fehlt. Auch ist Quala-e-Naw keine wirkliche Stadt, sondern nicht mehr als eine Ansammlung größerer Lehmhäuser und Basarstände an vier sich kreuzenden Sandpisten. Uns aber - und gewiss auch Fatemah - scheinen Stadt und Krankenstation nach der Geburt am Rande einer gottverlassenen Bergstraße wie eine sichere und warme Zuflucht.

Zumindest das Baby, sagen die Ärzte, sei gesund. Ich werde aufgefordert, dem Kind einen Namen zu geben und nenne es Hamid. Meine symbolische Verbeugung vor Hamid Karzai und meine sentimentale Hoffnung, Hamid möge ein anderes Afghanistan erleben als seine Mutter. Doch für Fatemah können wir nun nichts mehr tun. Eben so wenig für die andere junge Frau im Zimmer, die Zwillinge geboren hat und darüber so verzweifelt ist, dass sie mich mehrfach bittet, doch den schwächeren der beiden Säuglinge mitzunehmen.

Wenige Tage nach der Geburt verlässt Fatemah mit ihrem Baby das Krankenhaus, ich kehre um die gleiche Zeit dem Norden Afghanistans den Rücken. Wochenlang nehme ich mir vor, zurückzufahren und nach den beiden zu suchen. Aber Pada hinter den kakaofarbenen Bergen ist Ewigkeiten entfernt.

Es dauerte eine Weile, bis ich Nachricht von den beiden erhalte. Hamid ist tot, mit 20 Tagen gestorben. Einem Mitarbeiter von World Vision gelingt es schließlich, Fatemah ausfindig zu machen. Sie könne nicht sagen, weshalb ihr Kind zugrunde ging, erfahre ich.

In den Schmerz um dieses winzige Wesen, dessen Leben für ein paar aufregende Stunden mit meinem verbunden war, mischen sich Bitterkeit und Wut. Weil so viele Hoffnungen, die ich mit der Zukunft Afghanistans verbanden, gescheitert sind. Weil dort noch immer kein Frieden herrscht. Noch immer Kinder an simplen Dingen sterben, Mütter noch immer leiden, obwohl schon ein paar Medikamente Linderung brächten. Weil der Westen soviel an versprochener Hilfe vorenthält. Weil es offenbar wichtiger ist, neue Wunden zu reißen, als alte zu heilen.

Wenigstens einen Trost gibt es, World Vision baut in Pada eine winzige Krankenstation und bildet Frauen des Dorfes zu Hebammen aus. Vielleicht hätte Hamid jetzt überlebt. Wer kann es wissen?


00:00 14.05.2004

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