Energiesparen und Tempolimit jetzt – für Freiheit und Frieden

Energie Wegen des Krieges zurück zu Kohle und Atom? Warum solche Forderungen von Friedrich Merz & Co. Unsinn sind – und was stattdessen hilft
Trotz Pandemie und Krieg – oder gerade deswegen? Klimaaktivist*innen versammeln sich im März 2022 in München
Trotz Pandemie und Krieg – oder gerade deswegen? Klimaaktivist*innen versammeln sich im März 2022 in München

Foto: aal.photo/IMAGO

Parallel zur um sich greifenden Kriegslogik droht in der Energiepolitik ein Rollback alter Denkweisen. Lobbyisten der Waffen-, Agrar-, Kohle- und Atomindustrie versuchen, den Krieg in der Ukraine schamlos für sich zu nutzen. CDU-Chef Friedrich Merz, exponiertester Energielobbyist, fordert mit Blick auf einen möglichen Importstopp für russisches Öl, Gas und Steinkohle eine Revision des Atom- und des Kohleausstiegs. Der Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken hat Robert Habeck eine klare Absage erteilt. Er stützt sich dabei auf eine gemeinsame Prüfung von Bundeswirtschafts- und Bundesumweltministerium, die vor allem Sicherheitsaspekten und logistischen Fragestellungen nachgeht. Entscheidende Aspekte in der Stromproduktion und dem Wärmesektor lässt sie jedoch unberücksichtigt. Wie absurd Merz' Forderungen sind, wird dagegen erst bei einer Gesamtbetrachtung deutlich.

Im Stromsektor ist die Versorgung nicht ansatzweise gefährdet. Es gibt immer noch erzeugende Kapazitäten im Überfluss, auch abzüglich der restlichen Atommeiler und der Hälfte aller Steinkohlekraftwerke. Erdgas lässt sich zudem in diesem Sektor kaum einsparen. Laut aktuellem Monitoringbericht der Bundesnetzagentur wurden 2020 aus dem Gasnetz 108 Terawattstunden (TWh) für den Betrieb von Gaskraftwerken entnommen – zirka 11,5 Prozent des gesamten Erdgasverbrauchs in Deutschland. Dieser Anteil dürfte zuletzt nochmals erheblich gesunken sein. Die meisten der am Netz befindlichen Gaskraftwerke produzieren neben Strom auch Wärme, weshalb sie kurzfristig während der Heizsaison nicht ersetzt werden können. Der Rest steht als Lückenfüller zur Verfügung, wenn wenig Wind- oder Solarstrom fließt. Diese Funktion, schnell und punktgenau Strom zu liefern, können die unflexiblen Atom- und Kohlekraftwerke nicht übernehmen.

Für den Stromsektor ist deshalb nur die Reduzierung der Steinkohle relevant. Fielen die etwa 14 Millionen Tonnen russischer Steinkohle weg, die für das noch laufende Jahr eingeplant sind, könnten 20 TWh Strom nicht produziert werden. Das entspricht in etwa der überschüssigen Menge beim Stromexportsaldo von 2021. In diesem Jahr liegt die Exportrate sogar noch höher – im Januar und Februar wurden insgesamt zehn TWh mehr Strom exportiert als importiert. Die Erzeugung von fossilem Strom lag etwas niedriger als vor einem Jahr – trotz des Abschaltens von drei Atommeilern an Silvester. Das hängt mit dem windreichen Februar, einem um drei Prozent niedrigeren Verbrauch und der Tatsache, dass Atomstrom im Norden nicht mehr die Netze verstopft und weniger Windstrom abgeregelt werden muss, zusammen. Der Zubau von Solar- und Windanlagen – so niedrig dieser auch ist – trägt ebenfalls zum wachsenden Anteil von grünem Strom bei. Dieser könnte 2030 bei 100 Prozent liegen, wenn die Energiewende tatsächlich massiv gefördert wird.

Industrie hat großes Energie-Einsparpotential

Dieses Jahr ist mit einer starken Beschleunigung des Ausbautempos von Erneuerbaren noch nicht zu rechnen, auch nicht bei optimalen Rahmenbedingungen, denn die am Boden liegende Windbranche braucht Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen. Um den restlichen Atomstrom ab Jahreswechsel zu kompensieren (zusätzlich zum Steinkohlestrom), reicht das jetzige Ausbautempo jedoch aus, wenn gleichzeitig der Stromverbrauch mindestens drei Prozent unterhalb dem des Vorjahres bleibt.

Seit jeher wurde das Potential der Erneuerbaren deutlich unterschätzt, genauso wie das der Energieeffizienz, die Habeck mit keinem Wort erwähnt. Dabei ist sie ein Gamechanger, gerade auch im Wärmesektor. Momentan verschlingt dieser etwa die Hälfte der im Erdgasnetz befindlichen Menge, wovon wiederum die Hälfte aus Russland stammt. Mittelfristig kann eine flächendeckende Gebäudesanierung und die Umstellung von Heizkesseln auf hocheffiziente Wärmepumpen Abhilfe schaffen. Kurzfristig ist neben der Suche nach alternativen Gaslieferanten vor allem die Effizienz und das Energieeinsparen Gebot der Stunde. Das Thermostat um nur ein Grad herunterzuschalten, spart sechs Prozent Gas oder Öl ein. Eine technisch unaufwändige Optimierung der Heizung senkt den Verbrauch um zehn bis 20 Prozent. Diese und viele andere schnell wirkende Maßnahmen zählt die Deutsche Unternehmerinitiative Energieeffizienz (Deneff) auf und fordert von der Bundesregierung ein „historisches Energiesparpaket“.

Gerade in der Industrie schlummere ein großes, zügig zu hebendes Einsparpotential. Laut Deneff könnten unbürokratische Energiegutscheine kleine und mittlere Unternehmen dazu anreizen, ihre Effizienz- und Sparkonzepte umzusetzen, die bereits fertig in der Schublade liegen. Stromintensive Unternehmen sind bisher von einem Großteil der Netzentgelte und Energiesteuern befreit. Diese Rabatte müssen endlich an Effizienz-Gegenleistungen geknüpft werden und dürfen keinesfalls zu einem Mehrverbrauch anreizen (wie bei manchen Firmen bereits geschehen). Nach dem Vorbild skandinavischer Länder muss auch das brachliegende Potential der Nutzung von Abwärme ausgeschöpft werden. Rechenzentren, von denen viele zur Zeit wie Pilze aus dem Boden schießen, bieten dafür ein gutes Beispiel. Statt viel Strom zur Kühlung eng beieinander stehender Server zu verschwenden, könnte die Wärme zur Beheizung benachbarter Gebäude verwendet werden.

Die Deutsche Umwelthilfe fordert zudem eine beschleunigte energetische Sanierung besonders vernachlässigter Schulgebäude, die Vermeidung von Einweg-Kunststoff sowie ein generelles Tempolimit. Letzteres wäre sofort umsetzbar und würde laut DUH 3,7 Milliarden Liter Sprit und 9,2 Millionen CO2 einsparen.

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