Ein todsicheres Zeichen

Geheimcode Wie ­kommunizieren echte Mafiosi? Und spielen sie tatsächlich Mafia-Filme nach? Diego Gambetta gibt in einem spektaulären Buch die Antworten

Jenseits aller Mythen besteht das organisierte Verbrechen in erster Linie aus Geschäftsleuten. Auch Mafiosi müssen ihr Angebot bewerben, bevor sie eine potenzielle Nachfrage bedienen. Aber wie bringt man seine Dienste an den Mann, wenn sie in Drogenschmuggel, Menschenhandel oder Auftragsmord bestehen?

Ein gewöhnlicher Unternehmer nutzt alle erdenklichen Arten von Werbung, verteilt Visitenkarten und pflegt seine Homepage. Kommt ein angehender Gesetzesbrecher auf solche Ideen, freuen sich bloß die Sicherheitsbehörden. Der britische Elektroingenieur Paul Clark musste diese bittere Lektion noch lernen, als er auf einer Website 25.000 Dollar Belohnung für einen Doppelmord anbot. Clark hatte per E-Mail mit einer Texanerin geflirtet. Als er erfuhr, dass sie verheiratet war und eine Scheidung nicht in Frage käme, wollte er sie töten lassen und ihren Mann gleich mit. Der Brite stellte Name, Adresse und Telefonnummer des Paars online und bat um ein Beweisfoto der Tat. FBI und bitische Polizei verhinderten Schlimmeres.

Die Anekdote stammt aus dem faszinierenden, noch nicht ins Deutsche übersetzte Buch Codes of the Underworld. Geschrieben hat es Diego Gambetta, der in Oxford Soziologie lehrt und seit vielen Jahren über die Mafia forscht. Nun hat er also genauer untersucht, wie Verbrecher allen Restriktionen zum Trotz miteinander kommunizieren. Einfach ist das nicht; der täppische Clark scheiterte bereits am ersten Kontakt mit der Unterwelt. Viele angehende Kriminelle wiederum bleiben beim Gedankenspiel stehen. Idee und Bereitschaft sind vorhanden. Aber wie können sie Partner gewinnen, ohne dabei heikle Informationen preis zu geben, die auch die Aufmerksamkeit der Polizei wecken?

Kriminelle müssen also nach außen treten und unter gewissen Bedingungen ansprechbar sein – aber zugleich extreme Vorsicht walten lassen. Selbst langjährige Profis, vom kleinen Hehler bis zum Syndikatschef, können sich ihrer Sache nie sicher sein. Steht vor ihnen ein routinierter Killer oder bloß ein Aufschneider? Sprechen sie gerade mit einer Undercoverpolizistin oder doch mit einer Süchtigen? Erhalten sie für ihren Geldkoffer wirklich Raketenwerfer oder will man ihnen alten Schrott andrehen?

Zeig mir deine Tätowierungen

„Kriminelle verkörpern den homo oeconomicus in seiner rohesten Form, und sie wissen darum“, schreibt Gambetta. Sie müssen daher ständig damit rechnen, von ihren Geschäftspartnern betrogen zu werden. Da sie in solchen Fällen kaum die Gerichte bemühen können, brauchen sie Garantien. Aber wie sehen diese aus? Auf wortreiche Beteuerungen können sie sich nicht verlassen. Um sich in ihrer halböffentlichen Sphäre zu schützen, haben mafiöse Organisationen daher ein breites Repertoire an kommunikativen Zeichen und Signalen entwickelt. Das reicht von blutig inszenierten Morden bis zu subtilen Nuancen der Körpersprache.

Eine beliebte Methode zur Enttarnung verdeckter Ermittler besteht etwa darin, die Kosten für den Zugang zur Organisation hoch zu treiben. Selbst ein V-Mann mit großem Handlungsspielraum darf keinen Mord begehen; ein ernsthafter Mafia-Aspirant zahlt diesen Preis schon eher. Aus dem gleichen Grund schmücken längere Gefängnisaufenthalte manchen Verbrecher wie eine Auszeichnung: Kein Polizist, der sich einschleusen will, nimmt dafür zehn Jahre Haft auf sich. Umgekehrt darf der echte Langzeitinsasse für sich beanspruchen – wen die halbe Ewigkeit im Hochsicherheitstrakt nicht zermürbt hat, der gibt auch draußen nicht so schnell klein bei.

Auf das sichtbare Abbild der kriminellen Reputation vertraut wiederum die russische Mafia, die seit dieser Woche auch in Dominik Grafs Fernsehserie Im Angesicht des Verbrechens zu sehen ist (bis 11. Mai jeweils dienstags und samstags auf Arte). Deren Mitglieder tragen ihren Werdegang unter der Haut. Was für Uneingeweihte nach großen Tätowierungen aussieht, erzählt Insidern eine ganze Geschichte. David Cronenbergs Film Tödliche Versprechen – Eastern Promises bezieht daraus eine starke Szene: Der Mafia-Anwärter Nikolai Luschin, gespielt von Viggo Mortensen, steht mit Shorts bekleidet vor einem Halbkreis älterer, wohl situierter Männer, die gründlich seine Tätowierungen lesen. So erfahren sie von seiner Herkunft, seinen Vorstrafen und seiner Spezialisierung. Nikolai wird akzeptiert. Vor dem Dreh hatte Mortensen nicht nur die Fachliteratur studiert, sondern auch Kontakt zur russischen Unterwelt gesucht und sich über Gesten, Redewendungen und Tätowierungen informiert.

Cronenberg lässt diese so sicher wirkende Kommunikationsform allerdings scheitern. Der Neuling steht auf der Gehaltsliste des russischen Geheimdiensts FSB; die scheinbar eindeutigen Signale haben die Bosse in die Irre geführt. Solche Fehler sind teuer, betont Gambetta in seinem Buch. Schlimmstenfalls bekommt man nicht die Chance, sie zu wiederholen. Etablierte Organisationen bemühen sich daher stets um die Verfeinerung ihrer Zeichen und Codes. Dabei sind ihnen aber Grenzen gesetzt, weil sie nicht völlig unterhalb der Wahrnehmungsschwelle operieren dürfen.

Die Tarotkarte unter der Tür

Hier greifen sie auf die Kultur zurück, vor allem auf den Film. Er spielt für die Mafia eine kaum zu unterschätzende Rolle. Sie benötigt ein Zeichensystem, das eindeutig, unmissverständlich und leicht zu merken ist. Innerhalb kleiner Gruppen fällt die Verständigung mittels selbst geschaffener Symbole oder Geheimsprachen leicht. Was aber, wenn die Organisation wächst und ihre Mitglieder einander nicht immer persönlich kennen? Was, wenn man mit Außenstehenden oder anderen Gruppen kommunizieren will? Die Mafia kann nicht mit Firmen-Jingles für sich werben – aber die Titelmelodie des Paten tut es auch.

Gerade Francis Ford Coppolas epische Trilogie beschert der Unterwelt einen reichen Fundus an Zeichen: Der Pate genießt Kultstatus unter den Mafiosi und liefert damit ein Allgemeinwissen, auf das die Gangster in der Kommunikation rekurrieren können. Jeder versteht Marlon Brandos legendären Ausspruch in seiner Rolle als Vito Corleone: „Ich werde ihm ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann“. Selbst Organisationen aus Hongkong und Japan, die eigene starke Traditionen haben, wissen um die implizite Drohung in diesem Satz. Das gilt auch für Außenstehende: Als Carmelo Di Caro, ein Vorarbeiter im Hafen von Palermo, 2001 einen abgetrennten Pferdekopf in seinem Auto fand, wusste er Bescheid.

Mafiosi nutzen Filme nicht nur als Reservoir für verschlüsselte aber eindeutige Botschaften. Sie identifizieren sich auch mit ihren Leinwandpendants. Der Journalist Roberto Saviano schreibt in seinem Beststeller Gomorrha, dass die Anrede „Pate“ in den italienischen Organisationen traditionell nicht gebräuchlich gewesen sei. Erst nach dem gleichnamigen Film wollten die Bosse so tituliert werden. Andere hoffen, die Coolness der Gangster-Filme möge auf sie abfärben. So war bei den Camorra-Chefinnen und ihren Leibwächterinnen in der Gegend um Neapel zeitweilig jener kanariengelbe Dress populär, den Uma Thurman in Kill Bill trägt. Solche Imitationen reichen bis in den Kernbereich des kriminellen Geschäfts – mit schlimmen Folgen, wie Saviano von Gerichtsmedizinern berichtet wurde. Sie erzählten von Mafia-Opfern im Leichenschauhaus, die nicht nur von tödlichen Kugeln getroffen worden waren, sondern weitere Schusswunden aufwiesen, so als ob die Mörder nicht genau gezielt hätten. Offensichtlich hatten die Killer Pulp Fiction gesehen und die dort von Samuel L. Jackson und John Travolta vorgeführte Schräghaltung der Pistolen nachgeahmt.

Kein Wunder, dass ein hochrangiger britischer Polizist in Gambettas Buch mit dem Vorwurf zitiert wird, solche Filme ermutigten das organisierte Verbrechen. Der Soziologe Gambetta hält das zwar nicht für völlig ausgeschlossen, gibt aber zu bedenken: „Die Gangster wissen in der Regel, was für sie das Beste ist, sie müssen es nicht aus Filmen lernen.“ Die Unterwelt hat es vor der Erfindung des Kinos gegeben, und sie könnte auch ohne das Kino bestehen.

Unschlagbar sind Filmzitate aber wegen ihrer Unmissverständlichkeit. Ikonische Zeichen aus anderen Bereichen wie Literatur und Religion erreichen diese Deutlichkeit oft nicht mehr. Gambetta selbst liefert dafür ein Beispiel. Bei seinen Recherchen zur sizilianischen Mafia fand er eine Tarot-Karte unter seiner Hoteltür. Sie signalisierte: „Ein neugieriger Mensch sollte Vorsicht walten lassen, da ihm Strafe droht“. Gambetta aber hatte sich nie für Tarot interessiert und dachte sich deshalb nichts weiter. Die Drohung verpuffte. Erst später wiesen weniger verklausulierte Botschaften den Wissenschaftler auf die Gefahr hin.

Codes of the Underworld: How Criminals Communicate Diego Gambetta Princeton University Press, 2009, 368 S., 24,95

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17:00 30.04.2010

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