Ein Tschernobyl in Zeitlupe?

Die Bergung der "Kursk" Mit der Verschrottung hunderter Atom-U-Boote türmen sich die Nuklearabfälle im Norden Russlands

Die Bergung der Kursk hat das öffentliche Interesse wieder auf die Gefahren gelenkt, die von den Atom-U-Booten im Falle von Havarien ausgehen. Doch sind es nicht allein Unfälle, die zu Gefährdungen der Arktis führen. Schon der Normalbetrieb der U-Boot-Flotten verursacht große Mengen Nuklearmüll und sorgt damit für eine ständige Kontaminationsquelle. Hinzu kommen Umstände, die zwar weniger von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, die aber nicht unerheblich an der radioaktiven Verseuchung dieser Erdregion beteiligt sind.

Paradoxerweise wird die arktische See immer noch zu den saubersten Gewässern in Europa gezählt. Publikumswirksam hatte Präsident Putin vor Jahresfirst bei laufenden Kameras ein Glas Wasser getrunken. Gemessen wurde nur Cäsium-137 in der Barentssee, der Kara-See und dem Weißen Meer, von dem die Hälfte dabei aus Sellafield (England) und La Hague (Frankreich) stammt. Sollte aber das in der Region eingeschlossene radioaktive Inventar längerfristig in die Umwelt gelangen, sind großflächige Verseuchungen nicht auszuschließen. Experten warnen angesichts der im äußersten Norden entstehenden Atomabfälle vor einem "Tschernobyl in Zeitlupe", besonders in der Murmansk-Region. Anfang 1998 wies der Euro-Arktische Barentsrat (BEAC) darauf hin, dass der Atommüll in Nordwestrussland ein "wachsendes Umwelt- und Sicherheitsrisiko" darstellt.

Gefährliche Demontage - wohin mit dem Nuklearmüll?

Über 90 Prozent aller nuklear getriebenen Schiffe sind heute U-Boote. Die UdSSR (beziehungsweise Russland) baute davon zwischen 1954 und 1996 mehr als die Hälfte: insgesamt 287 Boote, für deren Antrieb zirka 500 Reaktoren verwendet wurden. Ein großer Teil dieser Unterwasser-Armada - derzeit noch 183 Schiffe - gerät an seine Lebensgrenze oder muss aufgrund von Abrüstungsverträgen ausgemustert werden.

Katastrophen, Kollisionen, Havarien

Chronologie: Schwere Unfälle von Atom-U-Booten

Seit dem Stapellauf der ersten Atom-U-Boote Ende der fünfziger Jahre kam es immer wieder zu Zwischenfällen. Bis heute wurden sieben gesunkene Boote, einschließlich der Kursk, von den Nuklearmächten bestätigt. Wie viele tatsächlich in den Weltmeeren verschwanden, ist bis heute Staatsgeheimnis in West wie in Ost. Die schwerwiegendsten Unfälle wurden durch Feuer, Explosionen oder Reaktorüberhitzung infolge Versagens des Kühlmittelkreislaufes ausgelöst. Bei zahlreichen Havarien gelangte radioaktives Material in die Umgebung.

10. April 1963 Das amerikanische U-Boot Thresher sinkt durch eine Explosion 100 Meilen östlich Cap Cod (Massachuss.) auf 2750 Meter Wassertiefe - 169 Tote. 27. Mai 1968 Die US-Schiff Scorpion sinkt mit 99 Mann Besatzung 400 Meilen südwestlich der Azoren auf 3300 Meter Wassertiefe, keine Überlebenden. 10. April 1970 Ein sowjetische Atom-U-Boot der November-Kl. K-8 sinkt mit 52 Besatzungsmitgliedern auf 4.680 Meter. Anfang Juli 1983 Südlich der russischen Halbinsel Kamtschatka havariert ein sowjetisches Atom-U-Boot der Charlie-I-Klasse mit 90 Mann Besatzung. 6. Oktober 1986 600 Seemeilen nördlich von Bermuda sinkt ein sowjetisches Atom-U-Boot der Yankee-Klasse K-219 - die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt. 7. April 1989 Infolge eines Feuers verunglückt das sowjetische U-Boot K-278, bekannt als Komsomolets, vor den norwegischen Bäreninseln und sinkt auf 1.700 Meter Tiefe. 42 Crewmitglieder kommen ums Leben. 12. August 2000 Das russische Atom-U-Boot der Oscar-II-Klasse K-141 Kursk verschwindet östlich von Murmansk in der Barentssee in 110 Meter Tiefe - 118 Besatzungsmitglieder sterben.


Im Rumpf jedes Bootes arbeitet auf engstem Raum ein komplettes Atomkraftwerk, dessen Reaktortechnik entschieden gefährlicher ist als die fünf- bis zehnmal stärkeren Leistungsreaktoren an Land. Unterwasserreaktoren sind hochgezüchtete, leistungsstarke Druckwasseranlagen, die mit extrem hoch angereichertem Uranbrennstoff arbeiten. Die Platznot auf den Schiffen erlaubt nur reduzierte Notkühlsysteme. Kettenreaktionen laufen sehr schnell ab. Oft bleiben nur Augenblicke, um gefährliche Entwicklungen zu entschärfen. Unter Wasser können die Reaktoren in einer kritischen Lage, in der ein ziviler Meiler sofort abgeschaltet würde, nicht immer heruntergefahren werden.

Auch die Entsorgung dieser Reaktoren oder ihr Füllen mit neuem Brennstoff birgt größere Risiken als bei Landmeilern. Auf Grund der kompakten Bauweise wird der Brennstoff (er enthält Plutonium und Strontium 90) moderner U-Boote frühestens nach drei Jahren ausgetauscht und ist aufgrund seiner hohen Anreicherung wie der langen Nutzung wesentlich gefährlicher als der Abfall eines zivilen Reaktors. Kommt es zu einem Unglück an der Meeresoberfläche, kann der Wind den radioaktiven Fallout über große Entfernungen transportieren.

Weltweit sollen gemäß geltender Abrüstungsvereinbarungen etwa 300 atomgetriebene U-Boote verschrottet werden. Die USA demontieren davon 100, Großbritannien mustert 16 aus, Frankreich zwei, während Russland bis zum Jahr 2007 die Außerdienststellung von 150 U-Booten zu leisten hat - ein äußerst risikoreicher, kostspieliger Prozess. Denn aufgrund fehlender Demontagekapazitäten müssen die russischen U-Boote zunächst in den eisfreien Häfen der Nordmeerflotte vor Anker gelegt werden, wobei eine kleine Crew an Bord bleibt, um die Reaktorkühlung zu überwachen. Beginnt dann die eigentliche Demontage, umfasst sie mehrere Schritte: Zunächst werden der nukleare Brennstoff entnommen und die Munition entsorgt. Danach muss das Reaktorgehäuse geborgen, der anfallende Nuklearmüll gelagert und zum Schluss der Schiffsrumpf zerlegt werden, während die versiegelten Reaktorteile zur sicheren Langzeitlagerung abtransportiert werden. Für die Verschrottung eines russischen U-Bootes wird mit Kosten von zwei Millionen Dollar kalkuliert, für die eines amerikanischen Yankee-U-Bootes mit 27 Millionen.

Bei alldem bleibt die Entsorgung des anfallenden Nuklearmülls die entscheidende Frage. Während des Kalten Krieges galt in West und Ost das Hauptinteresse dem Bau von Atom-U-Booten und deren Ausrüstung mit modernen Raketensystemen. Als die erste sowjetische Konstruktion dieser Spezies 1957 vom Stapel lief, waren Einrichtungen für das Management radioaktiven Abfalls bestenfalls auf dem Reißbrett vorhanden.

Als Konsequenz gravierender Versäumnisse bei der Entsorgung befinden sich heute nicht nur 18 Prozent aller in der Welt existierenden Reaktoren in der Arktischen Region. Die Kola-Halbinsel und Sewerodwinsk am Weißen Meer verfügen mit etwa 300 Reaktoren auch über die höchste Reaktor-Konzentration in der Welt. Der sich in mehr als 40 Jahren angesammelte Nuklearabfall wurde und wird größtenteils in den Militärbasen auf der Kola-Halbinsel gelagert, im Meer versenkt oder zur Wiederaufarbeitungsanlage Mayak transportiert.

Auf der Kola-Halbinsel unterhält die Nordmeerflotte fünf Militärbasen zwischen Sapadnaja Litsa im Westen und Gremikha im Osten - an sämtlichen Standorten befinden sich Lagerkapazitäten für festen und flüssigen Nuklearmüll, die nicht nur überfüllt sind, sondern teilweise auch einen bautechnisch bedenklichen Zustand vorweisen. Fester radioaktiver Müll wird an elf verschiedenen Plätzen entlang der Kola-Halbinsel sowie in Sewerodwinsk gelagert, stellenweise unter freiem Himmel ohne besondere Schutzvorkehrungen. Flüssiger radioaktiver Abfall - er fällt vor allem bei der Brennstofferneuerung noch im Dienst stehender U-Boote an - wird auf Marinebasen in unterirdischen Tanks, an Bord von Versorgungsschiffen oder in Schwimmtanks deponiert. Das größte Reservoir für verbrauchten Nuklearbrennstoff beherbergt Sapadnaja Litsa in Andrejewa Bay, 40 Kilometer von der norwegischen Grenze entfernt. Hier sollen 23.000 verbrauchte Brennelemente (der Inhalt von etwa 90 Reaktoren) in drei überalterten, innen mit Stahlplatten versehenen Betontanks - bedeckt mit einer Wasserschicht von vier Metern - gelagert sein. Im Februar 1982 traten in zwei der Betonbecken Leckagen auf, ein halbes Jahr lang trat hochgradig kontaminiertes Wasser aus, das in den nur 350 Meter entfernten Litsa-Fjord floss.

Wird der derzeitige Verschrottungsplan eingehalten, hat Russland bis 2007 pro Jahr Nuklearmüll von etwa 20 U-Booten zu entsorgen. Bisher jedoch reichen die Lagerkapazitäten nur für den Abfall von drei. Deshalb wird derzeit untersucht, ob sich eine Langzeitlagerstätte für hochradioaktiven festen Atommüll auf der Insel Nowaja Semlja oder der Kola-Halbinsel (Kosten: 200 Millionen Euro) einrichten lässt. Allerdings hat Norwegen bereits Bedenken angmeldet, da die Reservoirs nahe der norwegischen Grenze liegen dürften.

Langzeitmessung in der Barentssee - wohin driften radioaktive Substanzen?

So spektakulär U-Boot-Unfälle und die Verklappung des Nuklearmülls auch sein mögen, an einer schleichenden radioaktiven Verseuchung der Arktis hatten sie bisher eher einen geringen Anteil. Als Anfang der neunziger Jahre bekannt wurde, dass große Mengen an Nuklearabfällen in die Kara- und Barentssee gelangt waren, gab es gewaltige Befürchtungen, diese Meeresgebiete könnten erheblich kontaminiert sein. Um den Grad der Verschmutzung zu ermitteln, begannen 1994/95 im Auftrag der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), der NATO (Committee on the Challenges of a Modern Society/CCMS) und der Arktik-Anrainerstaaten internationale Arbeitsgruppen damit, in der Region Messprogramme auszuführen.

Es sollte geklärt werden, ob außer für die Barents- und Karasee überregionale Folgen etwa durch die Verdriftung radioaktiver Substanzen mit Meeresströmungen für das Europäische Nordmeer und den angrenzenden Atlantik zu erwarten waren. Immerhin wird in diesen Gewässern ein Großteil des in Europa angelandeten Fischs gefangen. Die bisherigen Ergebnisse zeigen indes, dass die nachweisbaren künstlichen Radionuklide überwiegend aus den oberirdischen Atomtests der fünfziger und sechziger Jahre, dem Tschernobyl-Unfall und aus Einleitungen radioaktiver Abwässer in die Nordsee wie in die Irische See aus den europäischen Wiederaufbereitungsanlagen stammen. Messungen von Cäsium-137 in der Karasee zeigten, dass 40 Prozent vom Fallout der Nukleartests stammen und 55 Prozent aus der Irischen See, verursacht durch die Wiederaufbereitungsanlage Sellafield. Man findet hohe Dosen (bis 20 Becquerel/kg) von Cäsium-137 in Fischen der Ostsee und Irischen See, während die Dosen in der Barentssee und im Nordatlantik geringer sind (2 Becquerel/kg).

Um so mehr scheinen präventive Maßnahmen geboten, um Russland bei der Abrüstung seiner riesigen U-Boot-Flotte Unterstützung zu geben, so dass Gefahren für die globale Ökologie minimiert werden können. Das gilt für eine Hilfe durch Technologien, Materialien und Geld. Allerdings verlangt der Schutz der ökologisch sensiblen Arktischen Region darüber hinaus mehr öffentliche Aufmerksamkeit und klarere politische Konzepte, um dieser latenten Gefahr zu begegnen. Radionuklide machen nicht vor den Hoheitsgrenzen Halt. Bei größeren Unfällen sind wir alle davon betroffen, wie die traurige Erfahrung von Tschernobyl gezeigt hat. Schon heute gibt es keinen Menschen unter 45 Jahren, in dessen Knochenmark sich nicht Spuren des atmosphärischen Fallouts finden ließen. Dennoch hat die radioaktive Verseuchung auch nach Einstellung der oberirdischen Kernwaffentests weltweit zugenommen, nicht zuletzt auch durch die zivile Nutzung der Kernenergie. Heute ist es Normalität geworden, mit einer anthropogen erzeugten Hintergrundradioaktivität zu leben. Welche Folgen das für Mensch und Umwelt hat, vermag niemand abzuschätzen.

Die Langfassung des Artikels wird im Jahrbuch Ökologie 2002 Ende des Monats erscheinen. Wir danken den Herausgebern für die Möglichkeit dieses komprimierten Vorabdrucks.

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00:00 12.10.2001

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