Ein übler Kater

Seenotrettung Carola Rackete als Kinderbuchheldin? Spenden Sie lieber das Geld
Erika Thomalla | Ausgabe 43/2019

Am 3. Oktober 2019 gab es im Europäischen Parlament Standing Ovations. Zu Gast war die Kapitänin der Sea-Watch 3, Carola Rackete, die im Juni trotz Verbots der italienischen Behörden und der Drohgebärden des damaligen Innenministers Salvini 53 aus dem Mittelmeer gerettete Flüchtlinge in den Hafen von Lampedusa brachte. Rackete ist seitdem zu einer Ikone der Seenotrettung und diverser Protestbewegungen geworden.

Viel „ungewollte Aufmerksamkeit, eine ganze Menge Einladungen, Ehrungen aus verschiedenen europäischen Ländern“, so berichtete sie den Parlamentariern, habe sie nach ihrer Freilassung aus einer dreitägigen Haft in Italien erhalten. Eine eher zweifelhafte Ehrung, die Rackete nun zuteilwurde, ist ein Kinderbuch, das die Ereignisse vom Juni in eine simple Erzählung packt: Käpt*in Rakete, die im Kinderzimmer auf ihrem Boot „Wackelzahn“ fährt, lässt die Chance auf eine große Portion Pfannkuchen sausen, um ihren Teddy, den Hund Bernhard, eine Spinne und eine Raupe aus strömendem Regen zu retten. Nachdem alle Hindernisse überwunden sind, sitzt die Gruppe vor dampfenden Tellern und feiert ihren Erfolg.

Rechte hetzen gegen das Buch

Das klingt nach einer netten Geschichte über Freundschaft und Hilfsbereitschaft. Allerdings handelt es sich bei Käpt*in Rakete nur der Form nach um ein Kinderbuch. Inhaltlich ist die von der linken Satiregruppe Hooligans Gegen Satzbau (HoGeSatzbau) publizierte Erzählung eher ein kritischer Kommentar zu den Geschehnissen in Lampedusa. Das haben auch rechte Kritiker bereits bemerkt, die sich von der Publikation anscheinend so provoziert fühlen, dass sie in den sozialen Medien fordern, das Buch zu verbrennen oder auf den Index zu setzen.

Fast ein Grund, das Buch zu kaufen, wenn es nicht gravierende Schwächen hätte. Denn aus der komplexen europäischen Flüchtlingspolitik wird in Käpt*in Rakete eine Fabel mit strahlenden Helden, finsteren Bösewichtern und einer schlichten Moral. Mit plumpen Anspielungen auf die Realpolitik haben die Autoren nicht gespart. So stellt sich Käpt*in Raketes Rettungstruppe der Kater „Saltini“ in den Weg, der die Freunde aus Futterneid nicht ins Haus lassen möchte und Teddy zu allem Übel auch noch einen Hieb mit der Tatze verpasst. Ein Kinderpublikum wird über solche Wortspiele kaum lachen können. Für ein reines Erwachsenenpublikum hingegen erscheint diese Kinderzimmervariante – bei aller nachvollziehbaren Antipathie gegen Salvini – doch als arge Verkürzung der realen Problemlage. Denn die Zwangssituation, in die Rackete im Juni mit der Sea-Watch 3 geriet, war nicht allein der fehlenden Gastfreundlichkeit eines einzelnen Politikers geschuldet. Die fehlende Solidarität der europäischen Staatengemeinschaft, die die Mittelmeeranrainer mit der Flüchtlingsproblematik lange weitgehend allein gelassen hat, ist der entscheidende Hintergrund, der in Käpt*in Rakete keinen Platz hat.

Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Moral der Erzählung fragwürdig: Der Leitspruch von Käpt*in Rakete, der zugleich den letzten Satz des Buchs bildet, lautet: „Wir schaffen das!“ Die Kinderzimmerkapitänin geht eine implizite Allianz mit der deutschen Bundeskanzlerin ein. Deren Flüchtlingspolitik soll offenbar das positive Gegenprogramm zur Knauserigkeit des Katers Saltini alias Salvini abgeben. Der pädagogische Effekt, den diese schematische Gegenüberstellung von italienischer Abschottungspolitik und deutscher Willkommenskultur haben soll, ist unklar – zumal die Suggestion, dass Rackete den verlängerten Arm deutscher Flüchtlingspolitik darstelle, weder den Fakten entspricht noch dem Selbstverständnis der Seenotretter gerecht wird. Rackete hat immer wieder betont, dass die Flüchtlingsproblematik im Mittelmeerraum eine gesamteuropäische Lösung erfordert und nicht nur im Verantwortungbereich Italiens liegt.

Die Verfasser scheinen der Idee aufgesessen zu sein, dass sich politische Konflikte an Kinder nur trivialisiert vermitteln lassen. Es ist zwar legitim, das Thema der Seenotrettung in einen Kontext zu verlagern, der auch jungen Lesern vertraut ist. Man hätte aber die Bedeutung von sozialem Engagement und Fürsorge vermitteln können, ohne die Welt schwarz-weiß zu zeichnen. Gute Kinderbücher trauen ihrem Publikum zu, auch für Handlungen von „bösen“ Figuren Verständnis und Empathie zu entwickeln – ohne deren Verhalten dadurch zu rechtfertigen oder zu beschönigen.

Manchmal hinkt der Jambus

Ein Ziel von HoGeSatzbau besteht darin, gegen „Rechts-Schreibung“ vorzugehen. Gemeint ist die „verbale Verrohung“ in sozialen Netzwerken und die „Missachtung aller gängigen Grammatikregeln“, die damit oft einhergehe. Von solcher Sensibilität für Sprache und Ausdruck, aus der bei HoGeSatzbau auch ein Dünkel gegenüber sogenannten Bildungsfernen spricht, merkt man in den hilflosen Versen, aus denen die Geschichte gemacht ist, leider wenig. Da liest man etwa: „ ,Ich kann’s schon riechen‘, ruft Rakete. ,Beeilung Crew – sonst wird’s zu späte!‘ “ Oder auch: „Dort in den Fluten, nah der Rinne, treibt Teddy, nass bis schon zum Kinne.“ Das vierhebige jambische Versmaß wird öfter mal durch holprige Zeilen wie diese durchkreuzt: „Die Mannschaft – mutig, ohne Scheu – steuert an der Gefahr vorbei.“ Das alles wirkt lieblos und eilig zusammengeschustert – man muss nicht lange überlegen, bis einem ein paar stimmigere Strophen einfallen. Auch die Bilder, hinter denen laut Impressum gleich drei Illustratoren stecken, erwecken nicht den Eindruck, als hätte sich hier jemand künstlerisch verausgaben wollen. Bleibt als einziger Grund, das Buch zum Kauf zu empfehlen, der Euro, der vom Erlös eines Exemplars an Sea Watch geht. Man könnte aber auch einfach gleich die vollen zehn Euro an die Organisation spenden.

Info

Käpt*in Rakete Hooligans Gegen Satzbau Illustrationen von Piscator, Haiflosse, Niels Bülow, Kunstmann 2019, 32 S., 10 €

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