Ein unangenehmer Geruch

Tschechien Zu lange ließen es die Behörden zu, dass auf dem Gelände des ehemaligen Roma-KZ Lety Schweine gemästet wurden
Ein unangenehmer Geruch
Von hier aus gingen zwei Massentransporte nach Auschwitz

Foto: CTK Photo/Imago

Ceněk Růžička steht neben dem als Steinkugel gehaltenen Denkmal in Lety. Sein Nachname bedeutet Röslein und kam häufig in den Gefangenenlisten des an diesem Ort einst bestehenden Konzentrationslagers vor. Aber nicht deswegen sucht Růžička die Gedenkstätte auf, sondern weil er dem Komitee für die Wiedergutmachung des Holocaust in Tschechien vorsteht. Geboren 1946, entstammt er jenen zehn Prozent tschechischer Roma, die den zwischen 1939 und 1945 begangenen Völkermord überlebten.

Ein unangenehmer Geruch liegt in der Luft, wogegen auch Blumengebinde nichts ausrichten können, die an diesem Erinnerungsort 80 Kilometer südlich von Prag abgelegt wurden. Eine Mastanlage mit mehr als 13.000 Schweinen liegt hinter dem Wald – 13 Ställe, davon drei direkt auf dem Gelände des ehemaligen Lagers.

Mehrere tschechische Regierungen haben Růžičkas Komitee versichert, in Bälde werde der Tierzuchtbetrieb nicht mehr vorhanden sein. Man wisse, was man den Opfern schuldig sei – jahrelang ist nichts passiert. Es waren mehr als 1.300 Häftlinge, darunter Kinder, die hier zur Arbeit beim Straßenbau und im Steinbruch gezwungen wurden. Zwei Massentransporte mit etwa 500 Gefangenen gingen aus Lety, das 1942 auf Befehl der deutschen Besatzer zum „Zigeunerlager“ erklärt wurde, nach Auschwitz. Der letzte bei Schließung des Lagers im Mai 1943, als sich Typhus ausgebreitet hatte, der sadistische Kommandant entlassen war, und zwei jüdische Ärzte durch eine Quarantäne versuchten, die Epidemie einzudämmen. Schließlich mussten die letzten verbliebenen Gefangenen die Baracken abbrennen.

Auch wenn nicht vollends erforscht ist, in welchem Maße in Lety gemordet wurde – das Lager war ein Nebenschauplatz des Genozids an den Sinti und Roma, dem bis 1945 eine halbe Million Menschen zum Opfer fielen. Als „Samudaripen“ erinnern die Roma das monströse Verbrechen.

Miroslav Brož und Jozef Miker, Gründer einer Roma-Initiative, legen keine Blumen an der Steinkugel ab. Sie wollen das 1995 eingeweihte „Fake-Denkmal“, wie Brož es nennt, nicht anerkennen. Es sei ein Feigenblatt, das die Entwürdigung des Ortes verbergen soll. Brož, ehemaliger Streetworker, bezeichnet sich als „Gadjo“, so nennen die Roma den Rest der Menschheit, doch für viele ist er einer von ihnen. Miker, mit dem von Krankheit gebeugten Kreuz, ist ein ehemaliger Bergarbeiter aus den Kohleminen Nordböhmens, der heute von einer Invalidenrente lebt. Wie die meisten Roma in Tschechien zogen seine Eltern vor Jahrzehnten aus der Slowakei hierher – der Arbeit wegen. Zu Hause, in einer größtenteils von Roma bewohnten Plattenbausiedlung in Krupka, ist er eine Autorität, „Strejdo“, Onkel, nennen ihn die Kinder. Einige der älteren hat er nach Lety mitgebracht, damit sie etwas über ihre Geschichte lernen. In tschechischen Schulbüchern wird der Mord an den Roma mit anderthalb Sätzen abgehakt.

Miker, Brož und einige Unterstützer beten und stecken Rosen in den Zaun, hinter dem einmal das Lager war. Dann laufen sie rasch das Feld hinunter, vorbei am Tor der Mastanlage, zu einem kleinen See. Dort werfen sie die übrigen Blumen hinein, denn in diesem Gewässer sollen Roma-Kinder vom Wachpersonal des Lagers ertränkt worden sein. Der Onkel seiner Frau habe das als Gefangener mit ansehen müssen, sagt Miker.

Kein Geld für „die Zigeuner“

Seit Jahren kämpfen sie gegen den Mastbetrieb – Brož mit der Attitüde des Fassungslosen, Miker mit der des Ungebrochenen. Sie haben viel versucht: die Einfahrt zur Schweinezucht symbolisch blockiert, Briefe an Prager Politiker geschrieben, ihr Banner „Reißt die Schweinefarm nieder!“ entrollt – in Lety, in Prag, am Brandenburger Tor in Berlin, um etwas gegen die Vorsicht in Deutschland zu tun, das sich nicht einmischen will. Gespräche zwischen der Regierung in Prag und dem privaten Mastbetreiber AGPI fanden zwar statt, scheiterten aber stets am Preis, den die Firma für eine Geschäftsaufgabe verlangte. Geld für „die Zigeuner“ ausgeben – das betrachten die meisten Tschechen als Verschwendung.

Ende Juni hat es darauf eine Antwort gegeben. Vor dem Zaun der Schweinemast ließen Miker und Brož an einem heißen Samstag eine Bühne mit Lautsprechern aufbauen. Busse fuhren vor, mit ungarischen, moldawischen oder niederländischen Kennzeichen. Mehr als 200 Roma-Aktivisten aus 16 Ländern fanden nach Südböhmen. Eine polnische Sejm-Abgeordnete war dabei, eine EU-Parlamentarierin aus Manchester. Sie forderten in ihren Reden, die Würde der Opfer nicht länger zu missachten, manche wütend, manche nachdenklich. „Opre Roma!“ (Erhebt Euch, Roma!), rief das Publikum nach jeder Rede. So viele Menschen kamen wegen Lety seit langem nicht mehr zusammen. Im Gras vor der Bühne saß Justizminister Robert Pelikán als Vertreter der Regierung, hörte sich den Unmut an und sagte: „Wir werden die Schweinemast kaufen, auch gegen den Willen der Mehrheit.“

Aus dem 260 Einwohner zählenden Dorf Lety wollte niemand teilnehmen, was symptomatisch für die Haltung im Land schien. Die Bürgermeisterin erklärte, dass im Krieg schließlich alle gelitten hätten, und die Gemeinde das Denkmal im Auftrag des Staates pflege. Zumindest durften die Aktivisten auf einer Gemeindewiese kampieren. Sonst hörte man von den Dorfbewohnern: „Es war ein Lager für Leute, die nicht arbeiten wollten. Für Kriminelle. Kein Konzentrationslager.“ Dass die Menschen von hier nach Auschwitz fuhren, weiß jeder in Lety, trotzdem heißt es: Hier hat sich eine Tragödie abgespielt, die Gefangenen wurden zu Opfern von Hunger und Typhus. Doch wurden sie als solche erst 1995 anerkannt. Und es verhallten die Worte des damaligen Präsidenten Václav Havel, der urteilte: An den Sinti und Roma wurde ein rassistisches Verbrechen verübt, das viele Tschechen guthießen, weit über das Kriegsende hinaus.

Ein Gesetz zur Errichtung von Arbeitslagern für als „asozial“ erklärte Personen erließ die tschechische Regierung, noch bevor die Deutschen im März 1939 einmarschierten und den tschechischen Staat komplett zerschlugen. Ab August 1942 begannen gezielte Vernichtungsaktionen. Tschechische Gendarmerie, die den deutschen Statthaltern unterworfen war, brachte Roma nach Lety. Der Reichsprotektor von Böhmen und Mähren konnte auf das „Landfahrer-Register“ zurückgreifen, das die Kriminalpolizei der demokratisch regierten Tschechoslowakei seit 1927 erstellt hatte. In diesem Dossier war nicht nur „fahrendes Volk“ erfasst, sondern jeder, der als Roma galt. Dies war den deutschen Besatzern bei ihrer Genozid-Planung ebenso von Nutzen wie die Bereitschaft von Tschechen, Wärter eines KZ zu sein. Nirgendwo anders fand sich der Völkermord an den Roma so perfekt organisiert.

„Was im Lager Lety passiert ist, geht auf das Konto Deutschlands. Es gab ja keinen tschechischen Staat mehr“, meint der Publizist Markus Pape. Der gebürtige Berliner lebt in Prag und hat 1997 ein Buch zu Lety auf Tschechisch veröffentlicht. Die Taktik der Nazis, Tschechen bei der Roma-Verfolgung als Helfer einzusetzen, sei aufgegangen. Wie man nach dem Krieg damit umging, betrachte er als das eigentliche Problem, so Pape. Beim einzigen Lety-Prozess 1948 in Prag kam Lagerkommandant Josef Janovský trotz klarer Beweislage mit einem Freispruch davon. Die Verhandlung gegen einen Täter, dem Hunderte von Toten zur Last gelegt wurden, dauerte ganze drei Tage.

Anfang der 1990er Jahre ist es Paul Polansky, ein amerikanischer Schriftsteller, der Lety dem Schweigen entreißt und als Erster Überlebende befragt. Sie berichteten von Schlägen und Hinrichtungen durch das Wachpersonal. 1997 stellt Markus Pape Strafanzeige gegen unbekannt und einen damals noch lebenden Wärter wegen des Verdachts auf Völkermord. Ein Jahr lang wird ermittelt – bis der Mann verstirbt. Vergeblich ermahnen der Europarat und der UN-Menschenrechtsausschuss jahrelang tschechische Regierungen, die Schweinemast zu beseitigen – ohne Erfolg.

Jahrelang mahnt die UN

Ungeachtet dessen dokumentiert in dieser Zeit ein Prager Institut die Namen aller Opfer des Genozids an den Roma, während Archäologen der Universität Pilsen auf der Wiese vor dem Tierbetrieb Relikte des Lagers ausgraben, unter anderem Schmuck und das Fundament der Kommandantur. Der Historiker Jan Tesař veröffentlicht die Erinnerungen des Lety-Überlebenden Josef Serinek, den er bereits in den 1960er Jahren befragt hat. 17 Lagerinsassen, die der Gewalt von Wärtern zum Opfer fielen, zählte Serinek allein in den sechs Wochen seiner Haft, bevor ihm die Flucht aus Lety gelang. Seine Aussagen widerlegten die Version von der Tragödie.

Čeněk Růžička weiß um die Macht dieser Erzählungen. Seit seiner Kindheit hat er die Namen der Lager gekannt, die seine Eltern durchliefen. Nur von Lety sagten sie ihm nichts. „Weil sie Angst hatten, dass ich mich an den damals noch lebenden Tätern vergreife und dafür ins Gefängnis muss.“

Und dann, in diesem Sommer, die kaum mehr für möglich gehaltene Wende. Am 7. August teilt die Nachrichtenagentur ČTK mit: „AGPI nimmt Angebot der Regierung zum Rückkauf der Schweinemast in Lety an.“ Der Preis ist Geheimsache. Und noch muss das Parlament zustimmen Die Regierung hat bereits einen Fahrplan angekündigt: Abriss der Stallanlagen, Entgiftung des Bodens, Bau eines Denkmals. „Wir müssen Exhumierungen vornehmen, um Gewissheit über die Zahl der Opfer zu erlangen“, sagt Minister Pelikán. Čeněk Růžička lehnt dies ab – aus Respekt vor den Toten. „Was ändert das, ob es einige Opfer mehr oder weniger waren?“ Aus seiner Sicht reiche ein schlichter Pfad mit Informationstafeln, der durch das ehemalige Gelände des Lagers führt. Auch solle ein Teil der Schweinefarm erhalten bleiben – als Zeugnis der Nachkriegsgeschichte.

Nancy Waldmann ist freie Autorin mit dem Schwerpunkt Mittel- und Osteuropa

06:00 07.10.2017

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