Ein Verletzter, der zu verbluten droht

Israelis und Palästinenser Die Zwei-Staaten-Lösung hat seit 1967 sehr viel mehr an Boden gewonnen, als es im Augenblick scheinen mag

40 Jahre Sechs-Tage-Krieg, das heißt zugleich 40 Jahre Besatzungshoheit der Israelis über die Westbank und - trotz des Abzuges von 2005 - über den Gaza-Streifen, auch 40 Jahre der vergeblichen Hoffnung auf einen Staat der Palästinenser. Immer wieder vermeidet es Israel anzuerkennen, worin die Grundvoraussetzung eines gerechten Friedens besteht: einem Ende der Besatzung, einem Ende des Siedlungsbaus.

Ich bin 83 Jahre alt. Ich habe im Laufe meines Lebens den Aufstieg der Nazis gesehen und ihren Fall. Ich habe die Sowjetunion auf ihrem Höhepunkt beobachtet und ihren Zusammenbruch verfolgt. Einen Tag vor dem Fall der Berliner Mauer hat kein Deutscher geglaubt, dass er diesen Augenblick noch erleben würde. Die gescheitesten Experten haben das nicht vorausgesehen. Denn in der Geschichte gibt es unterirdische Strömungen, die niemand so wahrnimmt, wie sie tatsächlich fließen.

Man hat gesagt, der Avnery ist alt, er hält fest an alten Ideen, er ist nicht fähig, eine neue Idee aufzunehmen. Und ich frage mich: Ist die Idee eines "gemeinsamen Staates" mit den Palästinensern eine neue Idee? Sie florierte schon, als ich noch ein Junge war, in den dreißiger Jahren, aber sie schlug fehl. Die Idee der Zwei-Staaten-Lösung hingegen wuchs auf dem Boden der neuen Realitäten in Palästina.

Das Modell Südafrika?

Jeder, der mit der israelisch-jüdischen Öffentlichkeit irgendwie zusammenhängt, weiß, dass ihr innerster Wunsch die Existenz eines Staates mit einer jüdischen Mehrheit ist. Eines Staates, in dem die Juden Meister ihres Schicksals sind. Dieser Wunsch übertrumpft alle anderen Ziele, sogar den Wunsch nach einem Staat im ganzen Eretz Israel.

Man kann natürlich reden über den "Einen Staat" vom Mittelmeer bis zum Jordan, ein bi-nationales oder nicht-nationales Gebilde - in der Praxis bedeutet dies, den Staat Israel zu demontieren.

Wir wollen viele Dinge in diesem Staat verändern, wir wollen die Besatzung draußen und die Diskriminierung drinnen beenden. Wir wollen eine neue Basis für die Beziehung zwischen dem Staat und seinen arabisch-palästinensischen Bürgern herstellen. Aber es ist unmöglich, das Grundethos der überwiegenden Mehrheit der Staatsbürger zu ignorieren - 99,99 Prozent der jüdischen Bevölkerung wollen den Staat nicht demontieren. Und das ist ganz natürlich.

Die Mehrheit des palästinensischen Volkes will gleichfalls den eigenen Staat. Er wird gebraucht, um ihren Nationalstolz wieder herzustellen und ihr Trauma zu heilen. Das wollen auch die Führer der Hamas, mit denen wir gesprochen haben. Jeder, der anders denkt, leidet unter einer Illusion. Es gibt Palästinenser, die von "Einem Staat" reden, aber für die meisten unter ihnen ist das nur ein Codewort für die Demontage des Staates Israel. Auch sie wissen, dass das utopisch ist.

Es gibt Leute, die zitieren das Modell Südafrika. Ein ermutigendes Beispiel. Unglücklicherweise gibt es kaum eine Ähnlichkeit zwischen dem Problem dort und dem Problem hier. In Südafrika gab es keine zwei Nationen, jede mit einer Tradition, einer Sprache, einer Religion, die mehr als tausend Jahre zurück reichen. Weder die Weißen noch die Schwarzen wollten einen getrennten Staat für sich, noch haben sie je in zwei getrennten Staaten gelebt - es ging um die Macht in ihrem einen Staat.

Die einstigen Herren Südafrikas waren Rassisten. Insofern war es nicht schwer, ihren Apartheid-Staat zu boykottieren. Israel dagegen wird von der Welt akzeptiert als Staat der Holocaust-Überlebenden, es wird niemand über Israel einen Boykott verhängen. Es würde genügen, wenn die Juden an den Nazi-Slogan erinnern, der am Anfang des Weges nach Auschwitz stand: "Kauft nicht bei Juden!".

Was lehrt Europa?

Die Zwei-Staaten-Lösung ist die einzig praktikable und realisierbare. Es ist lächerlich, zu behaupten, sie wäre fehlgeschlagen. Genau das Gegenteil passiert: Auf dem wichtigsten Gebiet, dem kollektiven Bewusstsein, gewinnt sie an Boden.

Kurz nach dem Krieg 1948, als wir die Fahne dieser Idee hissten, waren wir eine Handvoll Leute. Jedermann behauptete damals, ein palästinensisches Volk existiere gar nicht. Noch in den sechziger Jahren lief ich in Washington herum und sprach mit Leuten im Weißen Haus, im National Security Council und mit der US-Delegation in der UNO - keiner dort wollte von solch einer Idee hören.

Jetzt gibt es einen weltweiten Konsens, dass dies die einzige Lösung darstellt. Die USA, Russland, Europa, die öffentliche Meinung in Israel, die öffentliche Meinung in Palästina, die Arabische Liga. Man begreife, was das bedeutet: Die gesamte arabische Welt befürwortet jetzt diese Lösung - für die Zukunft von enormem Wert.

Warum war das möglich? Weil die innere Logik dieser Lösung die Welt erobert hat. Obwohl ein Teil ihrer heutigen Befürworter nur ein Lippenbekenntnis ablegt. Auch Ehud Olmert erwärmt sich für diese Idee, während er gleichzeitig die Aufhebung der Besatzung verhindern will. Gerade das weist darauf hin, dass er begriffen hat, man kann nicht mehr offen gegen die Zwei-Staaten-Lösung antreten. Wenn die ganze Welt diese Lösung als die einzig machbare anerkannt hat - wird sie am Ende realisiert sein.

Die Parameter sind bekannt, auch sie genießen weltweit Zustimmung: Ein palästinensischer Staat entsteht neben Israel. Die Grenze wird auf der Grünen Linie, der Demarkationslinie vor dem Sechs-Tage-Krieg, basieren (eventuell präzisiert durch den Tausch gleichwertiger Gebiete). Jerusalem wird Hauptstadt beider Staaten. Es wird eine Übereinkunft zum Flüchtlingsproblem geben, das heißt in der Praxis: Nach einer einvernehmlichen Regelung kann eine gewisse Zahl nach Israel zurückkehren, alle anderen werden sich entweder im Staat Palästina ansiedeln oder in ihrem jetzigen Domizil bleiben, wobei großzügige Entschädigungen ihnen helfen, willkommene Gäste zu sein. Es wird eine Wirtschafts-Partnerschaft geben - und die bloße Existenz beider Staaten den gewaltigen Unterschied der Macht zwischen ihnen, zumindest in bescheidenem Ausmaß, verringern. Einen guten Teil des Weges dorthin haben wir schon zurückgelegt, seit den Tagen, als Israels Öffentlichkeit die bloße Existenz des palästinensischen Volkes leugnete, die Idee von einem Staat Palästina zurückwies und Verträge mit Arafat verweigerte.

Und lehrt nicht gerade die europäische Erfahrung, dass der klassische Nationalstaat weiterhin existiert, auch wenn er viele seiner Funktionen wie in der EU an multinationale Strukturen überträgt? Dass jeder weiter unter seinem Dach und seiner Flagge lebt? Als erstmals von der Vereinigung Europas die Rede war, wollten viele die Nationalstaaten auflösen und die Vereinigten Staaten von Europa gründen, nach dem Vorbild der USA. Charles de Gaulle warnte damals, die nationalen Gefühle zu ignorieren und rief zum "Europa der Vaterländer" auf. Glücklicherweise wurde sein Rat befolgt, und nun tut das Leben, was es immer tut.

Solch eine Entwicklung - so nehme ich an - wird schließlich auch hier zustande kommen. Im Moment freilich müssen wir die unmittelbar anstehenden Probleme behandeln. Vor uns liegt ein Verletzter, der zu verbluten droht. Wir müssen die Wunden versorgen, bevor wir die Krankheitsursachen in Angriff nehmen.

Richtig, auf dem Boden der Tatsachen ist die Lage deprimierend: Die Siedlungen werden mehr und größer, die Mauer wird länger und länger, die Besatzung verursacht jeden Tag ungezählte Abscheulichkeiten. Aber unter der Oberfläche gibt es Strömungen in umgekehrter Richtung. Alle Meinungsumfragen belegen, dass sich eine klare Mehrheit der Israelis mit der Existenz des palästinensischen Volkes abgefunden hat, auch mit der Notwendigkeit eines palästinensischen Staates. Die Regierung hat gestern die PLO anerkannt und wird morgen die Hamas anerkennen.

Kein Zweifel, 120 Jahre Konflikt haben in unserem Volk gewaltige Ausmaße an Hass, Vorurteilen, unterdrückten Schuldgefühlen, Angst und absolutem Misstrauen den Arabern gegenüber geschaffen. Um so mehr wird sich der Friede für Israels Zukunft lohnen. Bei sich verändernden internationalen Umständen und einer Partnerschaft mit dem palästinensischen Volk haben wir so gute Chancen auf einen Frieden. Ich habe jedenfalls beschlossen, am Leben zu bleiben, bis das geschieht.

Uri Avnery ist Schriftsteller und Publizist; Übersetzung: G. Merz/G.Weichenhan-Mer.


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00:00 01.06.2007

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