Ein Volk unter den Füßen

Säbelkämpfer Dimitré Dinevs fantastisch-märchenhafte und sozialkritische Geschichten werfen ein Schlaglicht auf die neuen europäischen Verhältnisse

Als "die literarische Neuentdeckung" feiert der Verlag den 1968 in Bulgarien gebürtigen Dimitré Dinev, dem 2003 mit Engelszungen ein beachtlicher Erstling gelang. Tatsächlich unterscheidet sich seine Schreibe scharf vom melancholischen Ton einer Judith Hermann oder von den Konstruktionen einer Maike Wetzel und anderer deutscher Jungschreiber, die für viele Literaturkritiker angeblich die Zeitstimmung verkörpern. Bei dem frischgebackenen Chamisso-Preisträger Dinev begegnet der Leser freilich nicht irgendwelchen gelangweilten jungen Frauen oder Männern in mikroskopischen Krisen, sondern Arbeitern, Arbeitslosen und Asylanten, Popen, Steuereintreibern, Straßenkehrern, Taxifahrern, Soldaten, Wunderheilern, Schuhputzern, Sträflingen und Polizisten, kurz: dem leibhaftigen Volk.

Es kann einem kraft rationaler Anstrengung ein Licht aufgehen oder, angesichts so mancher Wunder, die dem Leser in Dinevs Kosmos über den Weg laufen, über einem die göttliche Erleuchtung obwalten. Mit beiden hat Ein Licht über dem Kopf nichts zu tun, die Titel gebende Erzählung des neuen Bandes von Dimitré Dinev verweist auf eine viel handfestere Lösung. Plamen Svetlev verdingt sich nach dem Militärdienst in die sibirischen Weiten der Sowjetunion zum Holzhacken und kehrt nach zwei Jahren mit einem roten Lada und einer blonden russischen Olga zurück. Und mit Erspartem, immerhin hat er, von höheren sozialistischen Werten nicht sonderlich infiltriert, mehr verdient als ein bulgarischer Lehrer in zehn Jahren. Ohnehin geht das System des roten Kapitalismus flöten, und jetzt, in den helleren Zeiten des Globalkapitalismus, muss jeder zeigen, was in einem steckt.

Anfangs kapiert Plamen die neue Lage noch nicht so ganz und hat auch etwas Pech. Ein Leichenbestattungsunternehmen erweist sich nicht als das Wahre, Gute und Schöne. Denn im Leichenwagen fährt der Mensch nur einmal. Also steigt er auf Taxi um. Das Leuchtschild auf dem Dach, das ist das Licht über dem Kopf, das gute Geschäfte bringt. Bis er eines Tages überfallen und ausgeraubt wird. Der Weg ins Elend ist eine Autobahn. Die Familie verkommt. Plamens Karriere als Ikonenräuber ist kurz und knastig. Olga lässt sich scheiden, fährt mit den Kindern nach Russland zurück. Plamen sitzt und studiert die Tätowierungen seiner Mithäftlinge. Auf dem Schwanz eines Zuhälters findet er das Wort: Taxi. Das gefällt ihm, erinnert ihn an seine beste Zeit. Das lässt er sich eintätowieren. Als er wegen guter Führung drei Tage Hafturlaub bekommt, hat er die Adresse eines Passfälschers. In Thessaloniki als Pyros Putakis geboren und freier Bürger der Europäischen Union genießt er die reibungslose Reise nach Wien. Der Visahandel funktioniert auch anderswo professionell und profitabel, so ist nun mal die freie Marktwirtschaft. In Wien heuert er wieder an: ein Licht über dem Kopf. Manchmal sucht er sich eine Frau im Prater, fährt in eine Tiefgarage, schaltet das Leuchtschild aus und holt sein Taxizeichen heraus. Vier Jahre lang geht das gut so ...

Aber Dinev greift in seinen Erzählungen auch historisch weit zurück. Gnadenlos schöpft er aus der Mythologie oder erfindet überhaupt gleich neue mythische Lügenmärchen, die er bedeutenden Personen, etwa Publius Ovidius Naso oder Homer ins Maul legt. Dabei ficht er nicht mit feiner Klinge, sondern mit dem Säbel offensichtlich satirisch gegen die (nationalistische) osteuropäische Unart, Mangel an Geschichte durch Mythologie zu ersetzen. Wenn der Bildungsbürger Dinev dazu noch mit Descartes und Kant hineinwürzt, wird aus Scherz, Ironie und Bildungselementen letztlich aber ein eher geschmacksindifferenter Eintopf.

Da gelingt das Ausholen - mit einem kräftigen Griff in den Romantik-Tiegel - in der Liebesgeschichte Die Handtasche weit besser. Ihr Bogen reicht von 1925 bis 1993 und geht den Weg einer besonderen Tasche nach. Ohnehin sind Frauenhandtaschen ein Äquivalent für Geheimnisse, diese Tasche ist zudem noch von außergewöhnlichem Stoff. Der gemeine, westlich-rationale Leser greift sich angesichts der geschilderten Außergewöhnlichkeiten nur noch an den Kopf oder sonst wohin. Nur in verkrachten Balkanprovinzen lässt sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine Romantikpistole ansiedeln, in der ein älterer Kommissar der Geheimpolizei eine schöne leichte Dame von hehrer Jugendlichkeit und wildem Feuer besucht, die ihrerseits wieder einen links lodernden Dichter entjungfert und auch dessen zwölfköpfige Apostelschar im Visier hat. Was der ältere, offensichtlich noch recht potente Geheimvögler mit wilder Eifersucht zu verhindern sucht, indem er den staatsbedrohlichen Verschwörern buchstäblich das Fell abzieht und seiner Feuerlady ein geschmackvolles Täschlein schenkt, deren Weg durch Zeit und Raum bis hin zu ihrer Erlösung es zu verfolgen gilt.

Aber es geht bei Dinev nicht nur balkanisch, unheimlich, fantastisch, surreal und mystisch zu, ganz im Gegenteil. Der "Republiksflüchtling", 1968 in Plovdiv geboren und 1990 nach Wien übergesiedelt, kennt sich auch ganz hervorragend im Leben von Asylbewerbern, Illegalen und Emigranten aus. So realistisch wie manche Erzählungen klingen - etwa Spas träumt -, wirft sich der Eindruck auf, da berichtet jemand aus eigener Lebenserfahrung. Bei allen derben Späßen, die Dinev in manchen anderen überspitzten Geschichten treibt, bei vielen Ironien und Sarkasmen, die freilich auch oft Haltegriffe für die Ruhe- und Bodenlosigkeit östlicher Existenzen nach der Wende sind, schält sich in dieser Erzählung große Literatur heraus. Angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Lage in den Neunzigern in Bulgarien suchen unzählige Menschen ihr Heil in der Fremde, oft durch illegale Einwanderung in Länder der Europäischen Union. Spas träumt skizziert mit leisen und unaufgeregten Tönen ein eindringliches und erschütterndes Migrantenschicksal; es ist eine Erzählung, die unter die Haut geht, weil der Leser sofort merkt, dass hier alles stimmt, diesem Spas ist man soeben begegnet, an der Brücke oder in einer Kneipe, wo er noch Schwarzarbeit hat, und man weiß jetzt, wie das enden wird und möchte jedem, der "Scheißausländer" sagt, am liebsten die Fresse polieren, aber man weiß auch, dass das nichts nützt. All das, was Dinev hier schildert, passiert ja trotzdem, und man hat nur noch dieses Kotzgefühl, Himmel, ist dieses Wohlstandseuropa eine abgefuckte Müllhalde. Und auch das nützt nichts.

Hat man sich dann wieder gefasst, kann man zum Schluss gelangen, dass dieser Dimitré Dinev ein ziemlich ausgebuffter Autor ist, der einiges versteht von ostmitteleuropäischen und russischen Literaturtraditionen, diese einigermaßen geschickt einsetzt in einer raffinierten Kombination mit hervorragend beobachteter postkommunistischer Realität. Stilistisch ist das genau kalkuliert, und manches mag dabei den deutschen Lesern vielleicht formalistisch oder gar redundant klingen. Am besten und wirklich groß aber ist er dort, wo er keine besonderen Mittel benötigt, wo einfach die Geschichte trägt und der Autor ganz in den Hintergrund tritt. Dinevs Erzählband lebt mit diesem Widerspruch: Gefällige, gut konstruierte und stilistisch sichere Erzählungen, die auch bei einem breiten Publikum ankommen können; und eine "stille", sehr verhaltene und umso massivere Geschichte, große Literatur, freilich eher für einen kleineren Kreis.

Dimitré Dinev: Ein Licht über dem Kopf. Erzählungen. Deuticke, Wien 2005, 192 S., 17,90 EUR


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00:00 18.03.2005

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