Ein wirklich seltsamer Pilz

Sachlich richtig Erhard Schütz liest ein weiteres Mal naturkundliche und artverwandte Bücher über Bienen, Trottellummen und Matsutake-Pilze
Ein wirklich seltsamer Pilz
Allüberall Bienlein und Vögelein, Wäldlein und Gärtlein – für unseren Kolumnisten wird die Naturwelle ziemlich unheimlich

Foto: EntertainmentPictures/Imago

Selbst für jemanden wie mich, der sich zeitlebens fürs Biologische und die daraus ableitbaren Viecher, Bäume und sonstigen Gebilde zumindest als Leser interessiert hat, wird die Naturwelle, die die Verlage über uns schwappen lassen, ziemlich unheimlich. Allüberall Bienlein und Vögelein, Wäldlein und Gärtlein – homöopathische Schmusenatur. Und menschen- und mediennaturgemäß auch das Gegenteil, die finstersten Bedrohungen durch Glyphosat, Palmöl, Plastik, Gier, Skrupellosigkeit und Dummheit.

Wie wiederum Willkommenskulturelle und Migrantenaversanten sich über den Umgang mit eingewanderten oder eingeschleppten Tier- und Pflanzenarten ins Gehege nicht nur ihrer Zähne kommen. Da ist ein Buch wie dieses mehrfach sehr willkommen: Es geht um einen Pilz, ein sozial unterschätztes, kulinarisch vielleicht überschätztes Mitwesen, nämlich um den Matsutake. Bisher ist er, der vor allem in Asien als Delikatesse gilt, nicht kultivierbar, sondern wächst vorzugsweise auf industriell ruinierten oder ruderalen Böden. So war er das erste Lebenszeichen im zerstörten Hiroshima. „Um Geschichten von Landschaften erzählen zu können, muss man ihre menschlichen und nicht menschlichen Bewohner kennen.“ – so die Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing, die sich eben auf die Spuren dieses Pilzes und der Menschen gemacht hat, die als Esser oder Ernter von ihm leben – nicht nur in Asien, sondern etwa auch in Oregon, wo sie auf ein Konglomerat von Menschen stößt, die sich ähnlich wie der Pilz nicht kultivieren lassen wollen oder können, dort in den Wäldern gemeinschaftlich vom Sammeln eben dieses Pilzes leben. In Summe: Eine unauftrennbare natürlich-kulturelle Vielfalt, die weniger des Schutzes bedarf als der Bewunderung, ja, die eine Ahnung davon gibt, wie das Über- und Wieder-Leben in einer ruinierten Welt aussehen könnte.

Auch die Dinosaurier leben ja noch, und das nicht nur in Kinderzimmern, auf Screens und in Erlebnisparks! Dies will uns der Biologe Bernhard Kegel beibringen, den ich als Sachbuchautor seit 1999, seit Die Ameise als Tramp, höchst schätze. Ebenso sachkundig wie klar erzählt er nun die Geschichte der einschlägigen Forschungen und spekulativen Gestaltwandlungen der Dinosaurier. Und was das Weiterleben angeht, so sind wir dann doch wieder bei den lieben Vögelein angekommen, denn die stammen allesamt von den Dinos ab.

Florian Werner, international erfolgreich mit Büchern über die vierbeinige Kuh und die keinbeinigen Schnecken, ist zweifellos ein Zweibeiner: Das eine steht im Interesse an vielerlei Getier, das andere spielt in der Philosophie. Beide werden geführt durch ein wunderbares Gespür für Sprache und Unterhaltsamkeit. Sein Buch über die Weisheit der Trottellumme, könnte vom Titel her in unerträgliche Witzischkeit missweisen, tatsächlich handelt es sich um ein ungemein vergnügliches Buch. Miniaturen, die unter der Devise stehen: Von Tieren lernen! Das ist zwar nichts für Hardcore-Naturalisten oder Hobby-Biologen, aber für Liebhaber hinterhältiger Argumente für ein tier- und menschenfreundliches Zusammenleben. Hier werden Philosophie, Ökonomie oder auch Theologie nicht auf den Hund, sondern auf Floh und Nacktmull gebracht.

Die Biene zum Beispiel wird so mit zwingenden Argumenten zur Habermas’schen Diskursethikerin par excellence, und man lernt, wie man als spätberufener Vegetarier dahin kommt, sich nicht auf Hitler berufen zu müssen, sondern entspannt und überzeugender den südamerikanischen Pacú anführen kann. Die Kuh lehrt die Weisheit der Rumination, die leider fratzbüchern viel zu wenig beachtet wird, wie überhaupt die Tierwelt zwischen titelbesagter Trottellumme und kommunem Brathähnchen, Schaf, Krokodil und Hund ihren Heidegger, Kierkegaard, Zizek, Emerson, Montaigne, Barthes, Plutarch, Berkeley oder Schiller internalisiert hatte, ehe die Herren selbst überhaupt wussten, was sie dann zu wissen meinten, geschweige denn ihre Wappentiere kannten. Eine stattliche Freude an nicht unziemlichen Nachdenklichkeiten.

„Ich sage immer, ein kleines Aquarium mit ein paar von diesen hübschen Geschöpfen ist sehr erzieherisch, hier lernen unsere Kiddies alles, was sie über Kindsmord, Brudermord, Gattenmord, Kannibalismus und andere häusliche Tätigkeiten wissen müssen.“ Gegen die Verschmusung der Tierwelt ist die Wiederentdeckung dieses älteren Natur-, nein: nicht Freunds, eher Schiedsrichters eine Wohltat. Will Cuppy (1884 – 1949) ist eine höchst eigene Marke. Er hielt es weniger mit den Sentimentviechern als mit Fischen und Reptilien, vor allem mit Sauriern und Ausgestorbenen. Dabei hat Cuppy glasklare Ratschläge parat, wie diesen: „Wir sollen nett sein zu allen Lebewesen, vielleicht mit Ausnahme der Kobra und Brillenschlange.“ Kein Wunder, dass man bei ihm nicht nur über stilvolles Aussterben lernen, sondern auch fürs weitere Leben so ausgestorbene Wesen wie das Wollhaarmammut kennenlernen kann.

Info

Der Pilz am Ende der Welt Anna Lowenhaupt Tsing Matthes & Seitz 2018, 448 S., 28,00 €

Ausgestorben, um zu bleiben. Dinosaurier und ihre Nachfahren Bernhard Kegel Dumont 2018, 270 S., 22 €

Die Weisheit der Trottellumme. Was wir von Tieren lernen können Florian Werner Blessing 2018, 200 S., 18,00 €

Wie man ausstirbt und weitere nützliche Tipps aus der Tierwelt Will Cuppy dtv 2018, 176 S. , 14,00 €

06:00 22.07.2018

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