Ein wirkliches Gegenüber

Oberflächenphänomene In ihren neuen Büchern "Schule der Gewalt" und "Der Übergriff" kämpfen Norbert Niemann und Ursula Krechel darum, Gewalt zu erklären

Wenn "zum Beispiel dieser 13-jährige Mitchell Johnson und sein elfjähriger Kumpel Andrew Golden sich eines Tages drei halb automatische Gewehre, eine großkalibrige Jagdbüchse und neun weitere, kleinere Schußwaffen aus dem Großvaterkeller schnappen (...) und, nachdem sie zuvor Feueralarm ausgelöst haben, ihre Mitschülerinnen wie aufgescheuchte Rebhühner abknallen" - woher kommt diese plötzliche Gewalt? Wo fängt das Trauma an? Oder muss man anders fragen: Gibt es überhaupt eine Realität außerhalb des Traumas? Norbert Niemann und Ursula Krechel behandeln in ihren neuen Büchern eine Frage, die in diesen Tagen wie keine andere wieder aufgebrochen ist - auf unterschiedliche Weise.

Franz Beck, Hauptfigur in Norbert Niemanns Roman Schule der Gewalt, sieht sich permanent mit einer vermeintlichen Realität konfrontiert, die doch nur das wabernde Produkt der Medien ist. Darin besteht sein Trauma. Ein simuliertes Du changiert chameleonartig zwischen Nachrichtensprecher, Showmaster und bildlosem Zensor im eigenen Kopf: "Man meint dich endlich festnageln zu können, ist im Begriff zuzuschlagen, schwingt bereits den Hammer, da löst du dich auch schon in Luft auf, erscheinst an ganz anderer Stelle ..." Beck ist Gefangener seiner medial formierten Weltwahrnehmung: je mehr er begehrt, zur "Wirklichkeit" durchzubrechen, desto mehr entgleitet sie ihm - eine Spirale, die in offensiver Gewalt mündet.

Ursula Krechel hingegen spürt in ihrer Erzählung Der Übergriff den Mikrostrukturen von Gewalt nach. Ihre Protagonistin begehrt nicht auf, sie verinnerlicht erfahrene Gewalt und verliert Stück für Stück den Bezug zur Wirklichkeit. Wir lesen hier die Aufzeichnungen einer Frau, die von sich selbst wie von einer Fremden berichtet.

Niemann trat bereits 1998 in seinem Roman Wie man´s nimmt als scharfer Medienkritiker auf. "Von diesem Autor wird man noch hören", reagierte damals das Feuilleton auf sein energisches Debüt. Das von Niemann 1999 mitbegründete Internetprojekt Forum der Dreizehn übt Medienkritik im Medium selbst. Im Unterschied zu anderen Internetprojekten wie Null oder Pool geht es den beteiligten Schriftstellern um mehr als Beliebigkeit. Sie führen, für jeden Interessierten einsehbar, politische und ästhetische Debatten in der medienadäquaten Form des Brainstormings. Angesichts der Terroranschläge in den USA scheiterte die Gruppe jedoch an ihrem Verfahren - aus viel Spontanität entsteht vielleicht eine gute Richtung - und Niemann zog sich peinlich berührt und schimpfend zurück.

Medienkritik also auch im neuen Roman: Franz Beck, 38 Jahre, geschieden, ist Lehrer für Deutsch und Geschichte. Er hat eine zwölfjährige Tochter, die er hin und wieder trifft. Ihrer vorprogrammierten Entwicklung zum Standardteenager steht er mit der selben Hilflosigkeit gegenüber wie seinen Schülern - für Beck nur eine undurchschaubare, "abstrakte Jugendsuppe". Die lungern im Schulhof, knallen mit dem Skateboard gegen Blumenrabatten, sind gepierct, tragen Glatze oder Rasterlocken. Die strotzen vor Dummheit oder sind "supergescheite, superfade Computerfreaks". Und Beck soll ihnen Geschichte vermitteln, die auch ihm entgleitet. Was hatte der Epochenbruch 1989 schon mit ihm, Beck, zu tun? Einmal durch die Medienmaschine gedreht, verliert jedes Ereignis seine Wirklichkeit: "Die Mauer fiel und blieb sozusagen als Film auf dem Bildschirm kleben." Lehrer wie Schüler haben den Bodenkontakt verloren, und während sie ankerlos und ferngesteuert durch Scheinwelten irren, "wird dieses Jucken immer heftiger, spannt sich die Kopfhaut immer mehr, setzt diese Lust ein, wird dieses Verlangen immer zwingender, auf irgendetwas, irgendjemand einzuschlagen." Die Gewalt und der Hass der Jugendlichen entladen sich unvermittelt. Niemann stellt den Cliquenterror nicht als Phänomen extremer Gruppierungen dar. Gerade die, die eben noch gemeinsam friedlich träumten, schlagen aufeinander ein, sobald sich das Erträumte als Illusion erweist. Gewalt lauert permanent unter den schillernden Oberflächen, die zu keinem Halt taugen.

Nächtelang hackt Beck in seinen Computer, sammelt, recherchiert, beobachtet und ist dem Wahn erlegen, aus dieser Anhäufung von Material irgendwann einen Zugang zu dem zu erlangen, was hinter den Oberflächen liegt. Und der Leser hofft mit. Denn Niemann fordert ihm mit seinem Roman einiges an Durchhaltevermögen ab. Der hastende Rhythmus, der flüchtige Tagebuchstil, die sich wiederholende Gedankenmaschine ermüden spätestens nach der ersten Hälfte. Hier ist jemand rastlos, das wird klar, der seinem Unbehagen mit Erklärungen beikommen will. Und es drängt sich die Frage auf, ob sich die Aufgabe von Literatur darin erschöpfen kann, die Debatte um Medien und Gewalt - materialreich belegt - zu repetieren, ohne sprachlich darüber hinaus zu gehen.

Nadja, charismatische Schülerin und Anführerin der Klassenclique, läuft dem krisengeschüttelten Lehrer über den Weg - wie in Zeitlupe - und plötzlich ist sie da, die Erlösung. Ein neues Du, ein wirkliches Gegenüber. Doch ist Unschuld überhaupt möglich innerhalb einer derart von typisierten Bildern verseuchten Umwelt? Niemann zeigt die Beziehung der beiden aus der bedrängten Lage des Protagonisten, der seine gerade gewonnene Insel wieder und wieder gegen den Vorwurf eines sexuellen Verhältnisses verteidigen muss. Die heikle Verschwörung der beiden kippt und leitet das dramatische Ende ein. Beck wird zum isolierten Sündenbock und wehrlosen Angriffsfläche seiner Schüler. Auf absurde Weise scheint die konkrete Aggression aber endlich etwas wie Wirklichkeit zu versprechen. Der Held stürzt sich ins Zentrum der Gewalt: Das Messer aufgeschnappt, bewegt er sich auf die bewaffnete Jugendmeute zu ...

Im Gegensatz zu Becks ausufernder Eloquenz kommt Ursula Krechels Protagonistin die Fähigkeit zu sprechen zunehmend abhanden. "Halt´s Maul" fährt eine fremde Stimme immer dann über den Mund der Frau, wenn sie ihn öffnen will, um etwas zu sagen. Die Lippen sind von den Zurechtweisungen bereits rau und spröde. Krechel beschreibt in ihrer Erzählung die Einübung ins Schweigen. Die schreibende Hand wird zur letzten Ausflucht vor einer überwältigenden Sprachlosigkeit, die Notizblöcke zur Überlebensmetapher.

Die Erzählung beginnt mit einer Schiffsreise der Frau, die früher Pressesprecherin war und durch eine ersetzt wurde, die "jünger und effizienter ist". Auf dem Schiff lernt sie einen Mann kennen; sie nennt ihn den "Visitenkartenbesitzer". Wenig später zieht sie zu ihm. Auf einem blauen Diwan sitzt die Frau nun, breitet ihren gefältelten Rock und die Notizblöcke aus und schreibt auf, wie ihr das Leben passiert. Sie ordnet, wogegen sie anzukämpfen keine Willenskraft mehr aufbringt. Vor ihrem Fenster springt den Platanen vor Trockenheit knackend die Rinde vom Stamm. Es ist einfacher, sagt sich die Frau, mit einem Fremden zusammen zu sein. "Er ist zufrieden mit meinem Gesicht, ich bin zufrieden mit seiner Zufriedenheit, mehr ist nicht zu erwarten." Hin und wieder schlägt sie ihn. Worum er sie bittet. Sie tut es aus Höflichkeit. So findet Gewalt ihre geordneten Bahnen. Die Frau vollführt sie wie im narkotisierten Zustand. Eine Art Scham überfällt sie im Nachhinein, etwas zwischen Resignation und Müdigkeit. "Eines Tages, sage ich mir, werde ich auf dem Diwan nach einem kurzen Schlaf erwachen, und kein Gesicht wird mehr auf der Vorderseite meines Kopfes sein."

Krechel führt die Verflechtungen von Scham und Schuld vor, den Verlust des Verantwortungsgefühls sich selbst und anderen gegenüber. Kommunikation kommt in ihrer Erzählung nur als konsequente Verfehlung vor. Schon die Sehnsucht nach einem Gegenüber, jede Form von Sprachbegehren ist in dieser Prosa ersetzt durch das Bedürfnis, keinen Anstoß zu erregen und selbst unbehelligt zu bleiben.

Die Erinnerung der Frau kreist um Gewaltsituationen: Da sind die Schreie der Nachbarstöchter, wenn die von ihrem Vater geschlagen wurden, die irgendwann zum Alltag gehörten, das psychologische Experiment, in dem Versuchspersonen anderen Menschen widerspruchslos Stromstöße verpassen, ihr Aufenthalt in einem umkämpften Krisengebiet, wo sie an der ungreifbaren Angst der Menschen teilhatte, während sie in den Medien den Kampfplatz vom griffigen Ton eines CNN-Reporters kommentiert sah. Auch Krechel verweigert die Illusion, es gäbe einen Ort außerhalb der Gewalt. Sie macht die schleichende Desensibilisierung durch Sprache selbst spürbar, wobei ihr die Erfahrung als Lyrikerin zu Gute kommt. Die Höhen und Tiefen emotionaler Regungen sind eingeebnet in einer hochartifiziellen Plateausprache. "Mir ist der Ton abgestellt bis auf einen einzigen. Dem bin ich ausgeliefert; jedenfalls verhalte ich mich so." Es ist der nicht mehr stattfindende Aufschrei, der die Lektüre so beklemmend macht.

Becks explosive Getriebenheit und der schweigende Selbstverlust der namenlosen Protagonistin beschreiben zwei Seiten ein und derselben Medaille. Gewalt beginnt nicht erst mit der Eruption, sondern bereits beim täglichen "code unbekannt". Niemann und Krechel geben keine Antworten, vielmehr überführen sie den Leser durch den jeweils offenen Schluss ihrer Bücher der Ratlosigkeit. Die ein wichtiges Eingeständnis sein kann, um die Frage von Gewalt neu zu stellen.

Norbert Niemann: Schule der Gewalt. Roman. Hanser-Verlag, München 2001, 316 S., 39,80 DM
Ursula Krechel: Der Übergriff. Erzählung. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2001, 159 S., 36, 90 DM

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00:00 12.10.2001

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