Ein zarter Sport für die Provinz

Sportplatz "Ja wenn die Griffe sitzen und die Ringer schwitzen und die Brücken fallen ein, was kann das Leben uns Schön´res geben? Wir wollen Ringer sein. Wir ...

"Ja wenn die Griffe sitzen und die Ringer schwitzen und die Brücken fallen ein, was kann das Leben uns Schön´res geben? Wir wollen Ringer sein. Wir waren im Osten, wir waren im Westen in unserem schönen Land. Die Zonengrenzen, sie sind gefallen, die Losung ist bekannt."

Mit diesem Lied grüßt der Ring- und Stemmclub Jugendkraft 1898 Gelenau e.V. seine Fans, und der Text verrät einiges über die ganz eigene Welt der Ringer, in der die Sportsfreunde einander mit "Kraft heil" zu grüßen pflegen.

Vor der Turnhalle riecht es nach frischer Bratwurst, drinnen spielt eine Band zum Saisonauftakt bis schließlich das archaische Spektakel beginnt. Die Ringkampfsportler aus Gelenau bei Chemnitz sind zu Gast in der Berlin-Treptower Kiefholzstrasse beim SV Luftfahrt Ringen e.V., auszutragen gibt es die zweite Ringerbundesliga Ost. Der Kampf Mann gegen Mann ist irgendwo zwischen Laubenpieperromantik und modernem Streetfight angesiedelt.

Ringen kann man griechisch-römisch, wobei nur Griffe oberhalb der Gürtellinie erlaubt sind oder Freistil, da darf überall angegriffen werden und auch die Beine können zum Einsatz kommen. Ziel ist in beiden Formen entweder der Schultersieg, bei dem der Gegner mit beiden Schultern die Matte berühren muss, oder ein Sieg nach Punkten. Die Kämpfe dauern je sechs Minuten mit einer kurzen Pause nach der Hälfte der Zeit. Die Kontrahenten treten in sieben Gewichtsklassen (55 bis 120 Kilogramm) gegeneinander an.

Inzwischen ist der Ringkampfsport keine rein männliche Domäne mehr. Seit den achtziger Jahren stehen auch Frauen auf der Matte, und in diesem Jahr in Athen war Frauenringen erstmals auch olympische Disziplin. Der interessierte Fan kauft sich das Fachblatt Der Sachsenringer oder klickt im Internet die Seite: www.schultersieg.de an.

Zurück zum Duell in Berlins Osten: In der Freistilklasse bis 55 Kilogramm stehen sich der Luftfahrter Kevin Thalau und Daniel Franke aus Gelenau gegenüber. Die etwa 200 Zuschauer feuern Kevin an. "Der ist doch schon satt (=fertig), stabil, Kevin, stabil! Der schiebt doch bloß! Passiv, passiv! Dreh dich raus!" Jonathans Augen leuchten. Der Vierjährige war schon oft hier. Nachher kämpft sein Papa. "Der ist voll stark", sagt er.

Der SV Luftfahrt ist ein sehr gemischter, sympathischer Verein. Die Atmosphäre ist familiär und entspannt. Man kennt sich. Hier kämpfen zwei Kasachen, ein gebürtiger Türke, einige Berliner Jungs, darunter auch die 17-jährigen Zwillinge Mirco und Marcel Redmann, und der Neuberliner Klaus Prestele aus dem Allgäu. Stolz sind sie auf ihre Nachwuchsarbeit, die 2003 mit dem "grünen Band für ausgezeichnete Jugendarbeit" prämiert wurde. Talente werden schon im Grundschulalter aufgespürt und gezielt gefördert. Die besten kommen auf die Ringerinternate in Frankfurt/Oder und in Luckenwalde, einer Hochburg des Ringkampfsports.

Klaus Prestele ringt, seit er fünf Jahre alt ist. Das Ringen sei besonders fair und gerecht, sagt er, "Aggressionen spielen keine große Rolle". Eine Studie habe gezeigt, dass im Fußball ein wesentlich größeres Aggressionspotential ausgelebt werde. Das ist auch gut vorstellbar. Dies "Raufen nach Regeln" könnte ein idealer Ort zur sublimierten Aggressionsverarbeitung sein.

Ringen ist eine der ältesten Sportarten überhaupt. Die erste bekannte bildliche Darstellung des Ringkampfsportes stammt aus Ägypten und zwar aus der fünften Dynastie im 2.650 vor Christus aus dem Grab des Ptahlotes bei Sakkara. Sie zeigt Knaben beim Freistilringen. Bei Griechen und Römern hatte das Ringen einen sehr hohen Stellenwert. Dem sechsmaligen Olympiasieger, Chilen von Kroten, etwa, setzte seine Heimatstadt eine lebensgroße Statue aus purem Gold "zu Ehr und ewigem Gedenken".

Heute kämpfen die Ringerinnen und Ringer eher darum, überhaupt medial wahrgenommen zu werden. Für ihre geringe mediale Präsenz gibt es verschiedene Ursachen: Ringen ist ein Provinzsport. Die erfolgreichsten Vereine sitzen in Orten wie Luckenwalde und Schifferstadt, eine Hochburg ist das südliche Sachsen. Vor Ort ist der Ringsport oft die "Nummer eins", jenseits der Kommunen aber wird er kaum wahrgenommen. Zudem muss fachkundig sein, wer als Zuschauer auf seine Kosten kommen will, denn nur Eingeweihte verstehen die Feinheiten der Punktrichterentscheidungen.

Große mediale Aufmerksamkeit errang einst Deutschlands berühmtester Ringer, Alexander Leipold. Er gewann bei den olympischen Spielen in Sydney die Goldmedaille im Freistil, die ihm kurze Zeit später wegen eines positiven Dopingbefunds wieder aberkannt wurde. Es folgten Schlaganfälle und schwere Erkrankungen. In der nächsten Woche wird Leipolds Autobiografie mit dem sinnigen Titel Ich glaube an mich erscheinen. Ringen ist sein Lebensinhalt geblieben. Heute kämpft er bei dem AC Bavaria Goldbach in der Oberliga Hessen, back to the roots. Man möchte aber such den unbekannten Recken vom SV Luftfahrt mehr Zuschauer wünschen, wenn sie das nächste Mal auf die Matte müssen gegen so klangvolle Klubs wie RC Germania Potsdam, AV Jugendkraft/Con Zella-Mehlis oder WKG Pausa/Plauen!


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00:00 22.10.2004

Ausgabe 38/2020

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