Ein zauberhafter Berg

Cezanne-Mahler-Zidane Das Opernfestival in Aix-en-Provence 2006 stand dieses Jahr ganz im Zeichen von Paul Cézanne und seinem liebsten Malobjekt

Soviel Kultur wie in diesem Sommer gab es in Aix-en-Provence wohl noch nie, in dieser so schönen und so konservativen Stadt, die sich um das Schöne, das nach der französischen Revolution entstand, nur gelegentlich kümmert. Im Winter besteht ihr Kulturangebot im Wesentlichen aus zwei guten Kinos.

Nun aber eine Cézanne-Ausstellung anlässlich seines hundertsten Todestages. Für den von seinen Mitbürgern lange ungeliebten Sohn der Stadt, der ihren Hausberg, die Montagne Sainte-Victoire, zur Chiffre des Berges in der Malerei überhaupt gemacht hat, vergrößerte man das verstaubte Provinzmuseum der schönen Künste um ein Vielfaches, modernisierte es und holte aus aller Welt Cézanne-Gemälde auf ein Gastspiel in die Heimat zurück, in der kein einziges Ölgemälde von ihm verblieben war. Die Ausstellung Cézanne in der Provence zeigt nachdrücklich und mit Werken aus allen Schaffensperioden, dass der Maler sich seine Motive tatsächlich immer wieder in der Region um Aix herum suchte, sie zeigt aber auch, dass er wahrlich kein Heimatmaler war. Leider hat die Ausstellung im Durchschnitt 3.800 Besucher am Tag, die einander die Sicht verstellen.

Cézanne also seit Juni und dazu im Juli, wie seit mehr als fünfzig Jahren, das Opernfestival. Auch da tut sich Großes. Stephan Lissner, der in den letzten acht Jahren aus dem Festival wieder eines der ersten der Welt gemacht hat, nahm seinen Abschied, um sich fortan ganz der Leitung der Mailänder Skala zu widmen und übergab die Nachfolge seinem Wunschkandidaten Focroulle, der von der Brüsseler Monnaie kommt. Lissner hinterlässt Aix die Erinnerung an, sagen wir, ein gutes Dutzend herausragende Aufführungen von Regisseuren wie Bondy, Brooks, Chéreau, Nordey, Grüber, von Dirigenten wie Abbado, Christie, Minkowski, Rattle und immer wieder Harding. Und er hinterlässt als steinernes Erbe die weit fortgeschrittene Baustelle des neuen Festivalpalastes, der im nächsten Jahr eingeweiht werden soll. Der wird die Platzkapazität um 50 Prozent erhöhen und mit all den technischen Raffinessen ausgestattet sein, die den bisherigen offenen, allesamt ursprünglich nicht für den Opernbetrieb konstruierten Spielstätten, insbesondere dem Innenhof des Bischofspalastes, fehlten. Ob dem neuen Palast im Gegenzug auch der sommernächtliche Charme der historischen Spielstätten fehlen wird, wie zu befürchten steht, wird sich im nächsten Juli weisen.

Lissners letztes Programm in Aix sollte also fulminanter Schlusspunkt und Auftakt einer neuen Ära zugleich sein. Das wichtigste Wagnis: Zum ersten Male Wagner in Aix, wo traditionell Mozart im Vordergrund steht, wenn auch das Repertoire in den letzten Jahren systematisch erweitert wurde. Also Wagner. Und wenn schon, denn schon, der Ring. In diesem Jahr der erste Teil, also Rheingold, mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle, die 150.000 am Tag kosten. Nicht an Goldstücken, aber immerhin doch an Euro.

Sie haben wunderbar gespielt unter der kleinen Bühne des Bischofspalasts, selbst wenn´s manchen mit zwei Stunden 40 Minuten zu lang war. Hochklassig durchgehend auch die Sänger. Und trotzdem blieb ein Unbehagen, das wohl wesentlich mit der Inszenierung Stéphane Braunschweigs zusammenhing, der in Aix bisher vor allem mit einer Jenufa und einer beeindruckenden Die Äffaire Makropulos hervorgetreten ist.

Sein Rheingold spielt auf fast leerer, grauer Bühne, die Spielebenen werden durch Absenken oder Anheben von Bühnenteilen angedeutet, zum Glück überwiegend sparsam eingesetzte Videoprojektionen auf den Wänden deuten die Elemente an. Wotan (Sir William White) ist gekleidet wie ein afrikanischer UN-Vertreter in New York, Fricka (Lilli Paasikivi) trägt die Frisur und den Hosenanzug von Angela Merkel; Alberich (Dale Dusing) ist in die Uniform eines Dritte-Welt-Diktators gekleidet; die Riesen kommen als Geschäftsleute mit Samsonite-Aktenkoffern. Nur Loge darf Flitter tragen, Freia und die Rheintöchter sind im Nachthemd. Alles ziemlich geschmackvoll, ohne Aufdringlichkeit auf die Gegenwart bezogen, sieht man von ein paar überflüssigen Videoüberblendungen ab, die fast didaktisch deutlich machen sollen, dass Wotan auch nicht besser ist als Alberich, der beraubte Räuber des Rheingolds. Kurz: Es geht bei Wotans zu wie bei den Leuten. Die Mutti möchte ein neues Haus namens Walhalla und der eitle, sich allmächtig wähnende Hausvater Wotan macht den Bauleuten Versprechungen, die er dann nicht halten kann, muss in seiner Not auf Loge, den Spin-Doctor zurückgreifen, der zum Raub am Diktator und Ausbeuter Alberich rät, welcher auch gelingt, so dass genügend Geldscheine da sind (ja, Geldscheine, nicht Goldstücke), um Freia auszulösen. Dann redet Erda als Psychoanalytikerin dem Wotan ins Gewissen. Am Ende gehen aber doch alle die Stufen hoch, direkt auf die Wand zu, die sie für Walhalla halten.

Und der Mythos bei alledem? Ich meine nicht wabernden Nebel aus der Eiskiste. Braunschweig hat genügend Geschmack, um uns damit zu verschonen. Sicher, der Mythos war bei Wagner schon aus zweiter Hand. Sicher, schon Wagner konnte sich nicht entscheiden, ob der Ring denn nun ein Feuerbach-, ein Bakunin- oder ein Schopenhauer-Ende haben sollte. Aber sollte man sich um das Gigantische des Vorhabens einfach drücken, indem man es als Strindbergiade mit gefälliger symbolischer Dekoration auf die Bühne stellt? Taugen die Mittel, die bei der Affäre Makropoulos am Platze waren, auch für den Ring? Was soll da noch kommen, fragt man sich bang für die nächsten drei Teile, die ebenfalls Braunschweig betreuen wird? Aber vielleicht rückt ja schon die nächste Aufführung bei den Salzburger Osterfestspielen 2007 auf einer zehnfach größeren Bühne die Götter ein bisschen weg von uns und damit in ein günstigeres Licht.

Da die Berliner Philharmoniker nun schon einmal da waren, hatte man die Idee, sie könnten doch ein Freilichtkonzert geben. Umsonst, was man ja von den Opernkarten gewiss nicht sagen kann. Kunst vom Feinsten für alle. Und da die hunderste Wiederkehr von Cézannes Todesjahr zu feiern war und da "sein" Berg so großartig aussieht im Licht der untergehenden Sommersonne, waren die Kulturmanager und die Politiker, links wie rechts und eigentlich alle, bis auf die Verkehrspolizisten und Feuerwehrleute begeistert von der Idee eines Konzerts der Philharmoniker für 10.000 Gratiskartenbesitzer vor der Kulisse der Saint-Victoire. Erst gab es gigantische Verkehrsstaus und dann Mahlers Fünfte vor einer Bühne mit zwei gigantischen Videoschirmen, auf denen man sehen konnte, was mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen war. Die Kamera zeigte auch den Sonnenuntergang hinter der Sainte-Victoire, obgleich man den auch mit eigenen Augen sehen konnte. Nur war der Videohimmel viel schöner und viel blauer als der echte. Und viel größer natürlich als bei Cézanne. Und dazu eben noch Musik von Mahler, nur manchmal vom Winde verweht. Und außerdem konnte man sich über die kleinen Handy-Bildschirme jederzeit darüber informieren, wie der Stand im Spiel Frankreich-Portugal war und auch hier mitfiebern. Cézanne-Mahler-Zidane und alles ganz friedlich in Woodstock-Atmosphäre. Mehr Kultur für so wenig Geld war nie. Ein neuer Sieg der Demokratie. Und die alten Betrogenen, einverständig auf Campingstühlen.

Zurück zu den Opern. Wem Wagner zu schwierig schien, für den gab´s als zweite Großproduktion die Zauberflöte, inszeniert vom polnischen Regisseur Krystian Lupa, dirigiert von Daniel Harding. Lupa hatte eine gute Idee für die Inszenierung: Gegen die freimaurerisch-männliche Initiation Taminos sollte der Verweigerung Papagenos, sich dem unverständlichen Gesetz zu unterwerfen, mehr Recht gegeben werden. Freilich kam die Idee am besten im Programmheft zum Ausdruck, obgleich Lupa in Adrian Eröd einen nicht nur gut singenden, sondern auch begeisternd gut spielenden Papageno zur Verfügung hatte. Auf der Bühne hat sich Lupa denn doch nicht vom Deklamatorischen, Weihevollen, von den Palmwedeleien der Sarastro-Welt lösen können, ohne sie andererseits ernst zu nehmen.

Seltsamerweise waren es aber zwei "kleine" Produktionen weniger bekannter Opern, die dem Spaß am Aixer Sommerfestival die meiste Nahrung gaben. Michael Grübers Inszenierung von drei Kurzopern der frühen musikalischen Moderne war eigentlich für die Saison 2003 gedacht, die wegen der Streiks des Bühnenpersonals ausfiel. Sie geht auf eine Idee des 80-jährigen Pierre Boulez zurück: El Retablo de Maese Pedro (1923) von Manuel de Falla inszeniert als subtiles Spiel im Puppenspiel eine Szene aus dem Don Quichotte; Renard (1922) von Igor Stravinsky zeigt auf der Grundlage russischer Volksmusik eine Tierfabel von der Überlistung eines Fuchses; Schönbergs Pierrot Lunaire (1912) ist die Vertonung von Gedichten des symbolistischen Poeten Albert Giraud an den Mond. Populäre Stoffe, teils schwierige, teils durchaus mit populären Elementen spielende Musik, eine intelligente Inszenierung, die einen Rahmen schuf, aber keine Einheit erpresste, Pierre Boulez mit dem Ensemble intercontemporain als Dirigent, der Sprechgesang Anja Siljas, Monument der Musikkultur des 20. Jahrhunderts auch sie - das war gewiss der Höhepunkt des diesjährigen Festivals in Aix, wenngleich die Zuschauerzahlen an die des Mahler-Spektakels oder an die Operninszenierungen im Bischofspalast in keiner Weise heranreichten.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 28.07.2006

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare