Ein zeitgenössischer Woyzeck

Nahaufnahme Franz hat von vorn angefangen nach 1989. Er hat hart gearbeitet für das Glück, das er gefunden hat. Bis zum tödlichen Affekt

Im Zuge der Maueröffnung, die den Tatgegenstand der versuchten Republikflucht ad absurdum führt, nach elf Monaten aus einem Leipziger Gefängnis entlassen, steht Franz Ende November 1989 vor dem Notaufnahmelager in Bayreuth und denkt: „Jetzt fängt dein neues Leben an!“

Seine inzwischen verstorbene West-Oma hatte ihm vorsorglich die Telefonnummer von Freunden zukommen lassen, die in der Nähe von Darmstadt leben. Die Freunde sind vor Jahren aus der Tschechoslowakei geflohen und zeigen sich dem Neuankömmling gegenüber hilfsbereit: „Natürlich kannst du zu uns kommen und fürs Erste bei uns wohnen.“ Franz bezieht ein Kellerzimmer, das zu seinem Schrecken vergittert ist. Die Tochter des Hauses hilft ihm in den nächsten Tagen bei den fälligen Behördengängen. Auf dem Arbeitsamt entdeckt er einen Aushang: „Baustoffhandlung sucht einen Kraftfahrer und Schlosser.“

Er ruft an, erhält einen Vorstellungstermin und kann am nächsten Morgen anfangen. Die Firma ist ein Familienbetrieb, der Besitzer ein Chef alten Schlages. Wer Franz als Mitarbeiter gewinnt, kann sich glücklich schätzen. Er arbeitet wie ein Berserker, Arbeit ist sein Lebenselixier. Als Konsequenz aus den Entbehrungen in der Kindheit hat er sich geschworen, nie ohne Geld dazustehen und auf fremde Hilfe angewiesen sein zu müssen, auch wenn er dafür rund um die Uhr arbeitet. Anfangs ist er erschrocken über die zwischen den Kollegen herrschende Indifferenz und die Leistungsmentalität. Aber Franz lernt schnell und arrangiert sich mit den Anforderungen des real existierenden Kapitalismus. Er entwickelt sich in der kleinen Firma zum Faktotum und genießt das volle Vertrauen des Chefs.

Drei Mal in der Woche geht er ins Fitness-Studio, an den Wochenenden trifft er sich hin und wieder mit Arbeitskollegen. Beim Tanzen lernt er Frauen kennen, denen er als Kavalier Blumengrüße zukommen lässt. In dem Blumenladen, der die Sträuße zusammenstellt und verschickt, arbeitet eine attraktive Frau, die Ende 20 ist. Ines gefällt Franz. Da auch sie Gefallen an ihm findet, beginnen sie miteinander zu reden, ein wenig zu flirten. Ob sie nicht mal an einem Wochenende mitkommen könne, wenn er mit seinen Freunden ausgeht, fragt sie eines Tages. Doch sie ist verheiratet, wenn auch unglücklich und enttäuscht, wie sie ihm versichert, und Franz ist ein gerader Typ, der nichts mit einer Frau anfängt, die noch mit einem anderen Mann liiert ist. Er dringt auf Klärung. Es kommt zu einer Aussprache zu dritt, die friedlich und vernünftig verläuft und damit endet, dass die Ines und ihr Mann sich darüber klar werden müssen, wie es mit ihnen weitergehen soll. Vier Wochen später steht Ines mit Koffern und einem Vogelkäfig vor Franzens Tür, sie zieht bei ihm ein. Sie wechseln in eine größere Wohnung und ein Jahr später kommt Sohn Justin zur Welt. Sie kaufen ein Haus, das in Eigenarbeit umgebaut und hergerichtet wird. Franz hängt sich rein, arbeitet tagsüber in der Firma und bis tief in die Nacht am neuen Haus. Als alles fertig ist, ziehen sie mit den Schwiegereltern und einem unverheirateten Bruder von Ines ein.

Brachliegende Sehnsüchte

Das Glück scheint perfekt. Da beginnt Justin im Alter von zweieinhalb Jahren plötzlich und ohne erkennbaren Anlass zu stottern. Ein Arzt wird um Rat gefragt, ein Logopäde aufgesucht, ohne Erfolg. Das Kind ringt mit den Worten. Im Internet stoßen Franz und Ines auf Berichte über eine Klinik in Paderborn und deren erstaunliche Erfolge. Sie fahren nach Paderborn und begeben sich wenig später zu dritt für zehn Tage in die Klinik. Eine Kombination aus Gesprächen, Entspannungs- und Atemübungen bringt tatsächlich den erhofften Erfolg. Erleichtert kehren sie mit dem geheilten Justin nach Hause zurück. Im Überschwang des Glücks wird Ines zum zweiten Mal schwanger. Franz erschrickt über diese Nachricht. Nach den just überstandenen Strapazen mit Justin will er sich auf das Abenteuer eines weiteren Kindes nicht einlassen. Außerdem steckt die Firma finanziell in der Klemme. Die Lage ist ihm zu unsicher, und seine alte, aus der Kindheit mitgeschleppte Verarmungspanik steigt in ihm auf. Er besteht auf einer Abtreibung, in die Ines schließlich einwilligt.

Mit dem Fötus stirbt etwas anderes ab. Sie fühlt sich nicht mehr geliebt, zieht sich von Franz zurück und verwehrt ihm fortan körperliche Nähe und Sexualität. Sie schlafen weiter in einem Bett, aber es läuft nichts mehr zwischen ihnen. Er darf sie nicht mehr anfassen. In den nächsten Monaten und Jahren leben sie so nebeneinander her. Ein 14-tägiger Urlaub in der Karibik bringt nicht die von Franz erhoffte Auflockerung und Wiederannäherung. Etwas ist in Ines zerbrochen und lässt sich nicht mehr kitten.

Sie fährt mit ihrer Mutter und Justin in den Ferien an die Nordsee. Franz hat unter den gegebenen Bedingungen keine Lust mehr auf gemeinsamen Urlaub. Außerdem hat er eine neue Stelle in einer Spedition gefunden, kann und will da nicht gleich fehlen. Im Urlaub trifft Ines sich mit ihrem Jugendfreund Siegfried, der in der Nähe wohnt und ihnen die Gegend zeigt. Ihm vertraut Ines sich an. Sie klagt ihm ihr Leid, dass sie sich von Franz unverstanden und nicht richtig geliebt fühlt. Auch in den folgenden Jahren finden diese Begegnungen in den Schulferien statt. Irgendwann schläft sie mit Siegfried. Franz erfährt davon nichts und ist weiter arglos: Warum soll ein Jugendfreund sich während des Urlaubs nicht um Ines und Justin kümmern und etwas mit ihnen unternehmen?

Nach vier Jahren ohne körperliche und seelische Nähe und mit brachliegenden Sehnsüchten zeigt die Chefin der Bäckerei, bei der er sich während der Arbeit gelegentlich Stückchen holt, Interesse an ihm, macht ihm schöne Augen. Endlich fühlt er sich wieder hofiert und begehrt, lässt sich aber nicht darauf ein. Er liebt Ines nach wie vor. Als er ihr von den Annäherungsversuchen der Bäckerin erzählt und hofft, sie würde wenigstens eine Spur von Eifersucht zeigen, sagt sie gleichgültig: „Dann geh doch zu ihr.“ Franz beschließt, ein Zeichen zu setzen. Um Ines den Ernst der Lage vor Augen zu führen, richtet er sich in einem ein paar Kilometer entfernten Ort eine kleine Wohnung her und zieht aus. Er geht seiner Arbeit nach und kümmert sich im Rahmen seiner Möglichkeiten um Justin.

Als er Justin wenige Tage nach seinem Auszug abholen will, ist da ein fremder Mann in der ehemals gemeinsamen Wohnung. Er bewegt sich dort wie selbstverständlich und wird ihm als Siegfried vorgestellt. Langsam dämmert Franz, dass dieser Jugendfreund nicht so harmlos ist, wie er dachte. Ines beginnt, Justin von Franz fernzuhalten und ihre Begegnungen zu hintertreiben. Siegfried kauft Justin zur Konfirmation einen Laptop. Bei der Konfirmation wird der Schein noch einmal gewahrt. Alle bemühen sich, eine heile Familie zu simulieren. Fotos werden gemacht, die das dokumentieren sollen. Franz wird von Verlustängsten geplagt, fühlt sich ausgenutzt und abserviert. Nachts wälzt er sich schlaflos von einer unbequemen Lage in die andere, steht auf und geht an die Hanteln. Aber er wird nicht müde, sondern noch nervöser und gereizter. Lange wird er das so nicht mehr durchhalten. Als Franz und Justin wenig später zu einem Benefizspiel zwischen Darmstadt ‘98 und Bayern München im Stadion sind, deutet Justin an, dass seine Mutter nach Norddeutschland zu Siegfried ziehen und ihn mitnehmen will. Justin möchte das nicht und übernachtet bei Franz.

Kaleidoskop im Kopf

Am nächsten Tag ruft Justin nach der Schule bei Franz an. Er hat sein Shampoo bei ihm liegen lassen. Franz will am Abend die Harley seines neuen Chefs reparieren und verspricht, das Shampoo auf dem Weg dorthin vorbeizubringen. Gegen halb sechs erreicht er mit dem Fahrrad das Grundstück. Vom Garten aus sieht er Ines im Wohnzimmer am Laptop sitzen und hält, um ihr den Grund seiner Anwesenheit zu demonstrieren, die Shampooflasche in die Höhe. Sie öffnet die Tür. Er stellt die Shampooflasche ab und geht zu den Schwiegereltern hinauf, die mit Vorbereitungen fürs Abendbrot beschäftigt sind. Sein Schwager steigt mit ihm in den Keller hinunter, um ihm die neue Verschalung der Wände zu zeigen, mit der er gerade fertig geworden ist. Danach trinken sie in der Garage ein Bier und rauchen eine Zigarette. Sie verstehen sich gut, sind in den letzten Jahren Freunde geworden.

Franz will noch kurz mit Ines über die Lohnsteuererklärung reden. Als er zu ihr in die Wohnung kommt, sitzt sie noch immer am Laptop. Ohne es zu ahnen, beginnen die beiden ein Spiel mit dem Feuer. Er fragt, ob sie ihm die Bilder von der Konfirmation zeigen kann. Dabei tauchen Fotos von Ines und Siegfried auf. Sie präsentieren sich als glückliches Paar auf einer Motorradtour. „Hast du vor, wegzuziehen?“, fragt er. „Das geht dich nichts an, es ist mein Leben“, erwidert sie. „Aber du wirst doch den Jungen nicht mitnehmen?“, fragt er. Und dann fällt der Satz, der Franz eine Wunde reißt und in ihm einen Hebel umlegt: „Das Kind geht dich nichts mehr an!“ Ab jetzt ist er ein anderer. In berserkerhafter Wut zieht er ein Klappmesser, das er als Handwerker stets in der Brusttasche seiner Latzhose mit sich führt, klappt es auf und sticht zwei Mal wuchtig auf Ines ein. Ein Stich trifft sie in der Herzgegend. Als sie zu Boden sinkt, rammt er sich das Tatmesser in die eigene Brust. Er reißt ein Steakmesser aus dem Messerblock in der Küche und stößt es sich seitlich bis zum Heft in den Bauch. Er wankt durch die Terrassentür nach draußen und bricht im Garten zusammen. Dort finden ihn die vom Schwager verständigten Polizisten und Sanitäter. Man bringt ihn in eine Klinik nach Darmstadt, wo man ihm in einer Notoperation das Leben rettet. Als er aus der Narkose erwacht, kann er sich an nichts erinnern und fragt, was vorgefallen, warum er in der Klinik ist. In seinem Kopf geht es zu wie in einem Kaleidoskop: Bildfragmente und Erinnerungsfetzen wirbeln durcheinander und fügen sich zu keinem erkennbaren Ganzen zusammen. Da ist nur das vage Nachgefühl, dass irgendetwas Schreckliches passiert ist. Von einem Polizisten, der ihn vernimmt, erfährt er, dass seine Frau den Verletzungen erlegen ist, die er ihr beigebracht hat.

Sieben Wochen verbringt er in einem Gefängniskrankenhaus, danach wird er in eine Untersuchungshaftanstalt verlegt, wo er auf die Verhandlung wartet. Die Anklageschrift wirft ihm Mord vor. Da sich der Vorwurf des vorsätzlichen und geplanten Mordes nicht halten lässt, wird er im Januar 2009 wegen Totschlags zu neun Jahren Haft verurteilt.

Ein Jahr später kann er immer noch nicht fassen, dass er „mit diesen Händen“ seine Frau getötet hat. Er akzeptiert die Strafe als notdürftiges Äquivalent der immensen Schuld, die er auf sich geladen hat: „Es ist in Ordnung, dass ich für lange Zeit im Gefängnis bin.“ Wenn er eines Tages entlassen wird, sagt er, wird es wieder so sein wie damals, als er in Bayreuth mit seinem Koffer vor dem Notaufnahmelager stand. Nur dass er dann nicht mehr Ende 20, sondern Mitte 50 ist. Und für den Rest seines Lebens eine ständige Begleiterin haben wird: seine Tat.

Götz Eisenberg arbeitet beim psychologischen Dienst einer Haftanstalt für erwachsene Straftäter. Die porträtierten Gefangenen haben ihm ihre Geschichte erzählt, sie kennen die schriftliche Fassung und sind mit der Veröffentlichung einverstanden. Namen, Orte und Jahreszahlen wurden anonymisiert und verändert.


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20:00 01.03.2010

Ausgabe 42/2021

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