Eindeutig

Linksbündig Mit dem Nobelpreis für Harold Pinter bekräftigt die Stockholmer Akademie eine alte Rolle

Wieder einmal hat das Stockholmer Komitee die Literaturjournalisten kalt erwischt. Wer hätte ernsthaft damit gerechnet, dass dem englischen Dramatiker Harold Pinter knappe acht Monate, nachdem er öffentlich verkündet hatte, nun keine Stücke mehr schreiben zu wollen, der Literaturnobelpreis zuerkannt werden würde? Wahrscheinlich ebenso wenige, wie im letzten Jahr die Nominierung von Elfriede Jelinek vorhergesagt oder, um im Heimatland des Laureaten zu bleiben, vor 22 Jahren auf William Golding getippt hätten. Letzterer war hierzulande zwar, weil er den ewigen Klassiker der Englisch-Leistungskurse Herr der Fliegen verfasst hat, mitnichten ein Unbekannter, doch als aktiver Autor wurde er schon lange nicht mehr wahrgenommen. Und daran hat letztlich auch der Nobelpreis wenig geändert.

Bei Harold Pinter liegen die Dinge anders. Der in der letzten Woche 75 Gewordene ist, seit er 1957 gleich mit drei Stücken debütierte, ein fester Bestandteil des literarischen Lebens nicht nur Großbritanniens. Und wer am vergangenen Donnerstag rasch einen Artikel zu dem neuen Nobelpreisträger abliefern musste, konnte auf dessen eigener Homepage (www.HaroldPinter.org) alle notwendigen Informationen finden. Einschließlich der Mitteilung, dass Pinter erst im Jahre 2004 der Wilfred Owen-Preis für Lyrik verliehen wurde, eine Auszeichnung, die wohl weniger dem Dichter als dem wortgewaltigen Gegner des Irakkrieges galt. "Die Vereinigten Staaten sind ein außer Kontrolle geratenes Monster", rief er vor zwei Jahren in London den Teilnehmern einer Antikriegsdemonstration zu. "Dieses Land wird von einer Bande krimineller Irrer regiert, und Blair ist ihr gekaufter Schläger."

Harold Pinter, laut einer einschlägigen Literaturgeschichte der gegenwärtig "bedeutendste lebende britische Dramatiker", ist gleichzeitig eine der Leitfiguren des linken Establishments auf der Insel. Widmeten sich seine früheren Bühnenwerke vor allem den Abgründen zwischenmenschlicher Kommunikationslosigkeit, bezog er 1984 mit seinem Anti-Folter-Stück One for the Road eindeutig Stellung. Es blieb nicht beim künstlerischen Protest. Serbien, Afghanistan, Irak - seit geraumer Zeit ist immer mit Pinter zu rechnen, wenn es gegen die neue Weltmachtpolitik der USA und ihrer Verbündeten geht. Dass das bevorzugte Ziel seiner Attacken Tony Blair heißt, verwundert da wenig.

Vielleicht, der Gedanke liegt nahe, haben die Juroren in Stockholm ähnliche Vorbehalte. Denn die Preisvergabe an Harold Pinter ist ein klares politisches Votum.

Nicht dass das literarische Werk des Autors - es umfasst neben 29 Theaterstücken auch Drehbücher, Lyrik und Prosa - belanglos wäre. Vor allem Pinters frühe Stücke gelten als moderne Klassiker und haben ihren festen Platz im schulischen Lektürekanon. Doch ginge es darum, dann wäre der Literaturnobelpreis 2006 tatsächlich eine sehr verspätete Würdigung des so genannten absurden Theaters, und man müsste befürchten, das Komitee habe vergessen, dass 1969 schon Samuel Beckett ausgezeichnet wurde.

Wahrscheinlich ist also, dass mit Harold Pinter ein Schriftsteller geehrt werden soll, dessen literarische untrennbar mit seiner politischen Identität verknüpft ist. Als Deutscher mag einem da der Preisträger des Jahres 1999 einfallen. Wie Günter Grass verkörpert Harold Pinter einen Künstlertypus, der im Aussterben begriffen scheint. Das lässt sich nicht nur daran ablesen, wie wenig Schriftsteller der jüngeren Generation bereit waren, sich im letzten Bundestagswahlkampf zu engagieren. Die Vorstellung, dass eine künstlerische Aussage sich bruchlos in eine politische, sei diese auch noch so ehrenwert, übersetzen lasse, ist offenbar den meisten zeitgenössischen Autoren fremd. Pinter hingegen hat die provokative moralische Indifferenz seines frühen Werkes klaren Botschaften geopfert, und dafür den Beifall des ihm gleichgesinnten Publikums gefunden. Und das Nobelpreiskomitee schließt sich an. Eine öffentliche Figur wird in ihrer Rolle bestätigt.

So ist es nur konsequent, dass Harold Pinter, der seit mehreren Jahren gegen eine Krebserkrankung kämpft, zwar das Stückeschreiben eingestellt hat, aber nicht daran denkt zu verstummen: "Ich werde das weiterschreiben, was ich schreibe, bis ich sterbe." Angesichts eines solchen Vertrauens in das geschriebene Wort, möchte man sich fast den alten Glauben an die gesellschaftsverändernde Kraft der Literatur zurückwünschen. In Stockholm jedenfalls ist er noch lebendig.


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00:00 21.10.2005

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