Eine amerikanische Frau

Kunstmännerwelt John Updikes Roman "Sucht mein Angesicht" und eine Ausstellung der Deutschen Guggenheim Berlin kreisen um einen amerikanischen Mythos namens Jackson Pollock

"Er ist Amerikaner, er ist rauher und brutaler, aber er hat auch mehr Substanz." Was der amerikanische Kritiker Clement Greenberg 1947 über den amerikanischen Maler Jackson Pollock schrieb, hat das öffentliche Bild des Vorzeigekünstlers der abstrakten Expressionisten bis heute bestimmt: Die Geburt des ersten Helden der amerikanischen Kunst aus dem Geist der Freiheit. Dieser Held der kraftvollen Direktheit und Ungebundenheit ist das genaue Gegenteil zum europäischen Wesen der Raffiniertheit, Sublimierung und der Diplomatie, das die Kunstgeschichte bis dahin geprägt hat. In der jüngsten Ausstellung mit Papierarbeiten Jackson Pollocks in der Zweigstelle des New Yorker Guggenheim-Museums in Berlin steht dem Besucher gleich zu Beginn mit einem Pollock-Porträtfoto dieses role-model vor Augen: Ein grober Dickschädel mit aggressiv-abschätzigem Blick, in der einen Hand glimmt die Kippe, die andere steckt in einem derben Arbeitskittel. Hinter ihm hängt eines seiner legendären Tropfbilder.

Die Leistung Pollocks, dem "Erfinder" der "drippings", als einer der ersten Künstler der amerikanischen Moderne ist unbestritten. Trotzdem gilt Greenberg mit seiner Interpretation von Pollocks Werk mindestens genauso als dessen "Schöpfer" wie der der Avantgarde der "New York School", zu der Pollock zählte. In den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb er ihn zu einem Symbol des neuen amerikanischen Zeitalters empor. Der kanadische Kunsthistoriker Serge Guibault hat in seiner brillanten Studie Wie New York die Idee der modernen Kunst gestohlen hat von 1983 (deutsch 1997) gezeigt, wie sich die ideologischen Bedürfnisse der Nachkriegszeit im beginnenden Kalten Krieg und der Positionierungsdrang eines jungen Nachwuchskünstlers so trafen, dass Greenberg daraus den Gründungsmythos des neuen Amerika gegen das alte Europa aber auch gegen den sowjetischen Totalitarismus formulieren konnte. Kraft stand künftig über Geschmack. Der Held dieser Freiheit hieß Jackson Pollock.

Ungewollt transportiert diesen langlebigen Mythos auch Tessen von Heydebreck im Vorwort des Katalogs zu der Berliner Ausstellung. Das Vorstandsmitglied des Guggenheim-Partners Deutsche Bank preist Pollocks etwas vollmundig "von allen Vorbildern aus dem alten Europa losgelöste, genuin nordamerikanische Kunst". In dem veränderten historischen Kontext des Jahres 2005 klingt eine 50 Jahre zurückliegende Leistung der amerikanischen Avantgarde von vor 50 Jahren plötzlich wie ein Nachhall von Donald Rumsfelds berüchtigtem Diktum über den alten Kontinent.

Man hätte erwarten können, dass diese unfreiwillige Symbiose von Künstler und Kritiker, das dialektische Zusammenspiel zwecks ideologisch-strategischer Neuformierung der USA ein spannendes Motiv für einen Roman über Jackson Pollock hätte abgeben können. Noch dazu, wenn ein so bedeutender Romancier wie der Amerikaner John Updike sich dieses Themas annimmt. Doch Greenberg ist in Sucht mein Angesicht, dem zwanzigsten Werk Updikes, allenfalls eine Randfigur. Gerade drei, vier Mal taucht der Mann der Kritik darin kurz als "Clem" auf. "Er hatte sich zum Sprachrohr des abstrakten Expressionismus gemacht" erklärt die Hauptfigur des Romans, die 79jährige Malerin Hope McCoy, Witwe des Malers Zack McCoy, zwar ihrer Besucherin, einer jungen Kunstkritikerin namens Kathryn in ihrem Landhaus in Vermont. Greenbergs Funktion als ideologischer opinion-leader schrumpft bei Updike aber auf eine persönliche Karrierestrategie: "Clem hat Zack benutzt, um sich einen Namen zu machen, und als Zack ins Schlingern kam, war Clem der erste, der von Bord ging" bescheidet Hope ihre Besucherin lapidar über diese zeitweilige Allianz.

Der 1922 in Pennsylvania geborene Updike kratzt an der blinkenden Freiheitsmedaille namens Abstrakter Expressionismus samt ihrem ersten Träger nicht mit dem politischen Küchenmesser, sondern mit dem Sezierbesteck der Ideologiekritik. Zum Objekt seiner ästhetischen Operation wählt er sich die Geschlechterfrage. Zack McKoy ist eine Kunstfigur, hinter der sich ganz offensichtlich Jackson Pollock verbirgt. Und Hope ist natürlich die fiktive Variante von Pollocks Lebensgefährtin, der Malerin Lee Krasner. Im Roman ist sie als alte Frau selbst zu einer Ikone der amerikanischen Kunst aufgerückt. Die junge free-lancerin Kathryn will in einem Interview erkunden, wie sie ihr Leben als Frau dreier berühmter Künstler zugebracht hat.

Schon die Wahl der weiblichen Perspektive zeigt, wie wenig es Updike bei seinem Roman darum gegangen sein kann, ein weiteres Loblied auf das männliche Genie zu singen. Eigentlich ist Hope eine rebellische junge Frau, die sich mit ihrer Familie überwarf, um Malerin werden zu können. Aber auch auf sie übte Zack eine geradezu magnetische Anziehungskraft aus. "Er hatte eine zustoßende Kraft" erinnert sich die sensible Frau ihrer Leidenschaft für einen rohen Mann, der zum Symbol einer Freiheit stilisiert wurde, die keine Rücksichten zu nehmen braucht. Susan Davidson, die Kuratorin der Berliner Ausstellung unterstreicht diese besondere Ausstrahlung des richtigen Pollock, wenn sie über den Künstler schreibt: "Interessant ist, dass sich unter den frühen Sammlern eine Reihe von Frauen befand, die gezielt Arbeiten des als maskulin geltenden Künstlers erwarben."

Dass es dem gelernten Kunsthistoriker Updike eher um eine Entmystifizierung des Mannes Pollock geht, merkt man spätestens, wenn er Zacks Leben mit Hope in dem kleinen Haus auf Long Island oder in den Künstlerkneipen um den Union Square in New York City beschreibt. Die hohe Avantgarde im Lichte des niederen Alltags: Ständig schwankt der kunstbesessene Mann zwischen Unsicherheit und Megalomanie, seine Alkoholexzesse enden im Leben wie im Roman regelmäßig in der Beschimpfung seiner Frau und im Bettnässen. 1956 rast er wie sein Vorbild in der Realität in einem Sportwagen auf Long Island volltrunken gegen einen Baum.

Im Verlaufe des immer intimer werdenden Gesprächs der beiden ungleichen Frauen stellt sich heraus, wie Hope immer wieder ihr eigenes Talent zurückstellte, um Zack und den anderen zwei Künstlern, mit denen sie nach dessen Tod zusammen lebte, den Rücken frei zu halten. In der Rückschau des Interviews erzählt sie noch einmal wie sie stets in deren Schatten lebte, bezeichnet sich ein Mal sogar als "Haussklavin" Zacks mit einer selbst gestellten Aufgabe: "Sie würde diesem Mann seine Größe entlocken". Wenn das späte Emanzipationsvorbild Hope Zack im Nachhinein trotzdem zu "einen amerikanischen Mann" stilisiert, dem sie als Dienerin verfallen war, dann ist sie die prototypische amerikanische Frau - das Wesen in der Dunkelkammer der Kreativität. Meist malte sie in lichtlosen kleinen Räumen monochrome, graue Gemälde.

Updikes meisterhafte, filigrane Epik überblendet gelegentlich die Motivprobleme seines Romans. Allzu stark schieben sich Subtexte von einigem Gewicht vor das kritische Hauptthema. Wieder und wieder beschreibt er die Hinfälligkeit seiner Protagonistin Hope. Die Bilder des welken Fleischs und der Widrigkeiten eines Lebens im Angesicht des Todes machen den Roman mehr als einmal zu einer Apotheose des Alters. Man kann den Roman als retrospektiven Liebesroman lesen. Oder als einen weiblichen Zweikampf: Die Interviewsituation in dem Atelier ist ein heikler Balanceakt. Die alte Malerin schwankt immer wieder zwischen Abneigung gegen die "junge Inquisitorin" und einer mütterlichen Zuneigung für das unerfahrene, aber auch taktlose Geschöpf, das ihr auch immer wieder sexuell heikle Details entlocken will. Die junge Journalistin mit dem kleinen grauen Sony-Aufnahmegerät symbolisiert aber auch noch ein anderes, längst entschiedenes Duell: In Hopes versunkener Welt der Kunst der fünfziger Jahren zählte noch die Leidenschaft. "Wie gewaltig Malen damals war. Es war wie Sex" erinnert sie sich an die wilden New Yorker Jahre, wo sie auf den samstäglichen Partys der Artists League noch nackt, nur mit Kohlenstab bedeckt, auf dem Tisch tanzte, wo also, mit anderen Worten, Kunst noch Leben war und umgekehrt.. In der leidenschaftslos registrierenden Medienwelt Kathryns löst sich alles nur noch in elektronische Impulse auf.

Wieder und wieder spickt Updike seinen Roman auch mit Andeutungen über Pollocks verdeckte Homosexualität. Das amerikanisch Virile, das dieser so beeindruckend ruppig darzustellen vermochte und das bis heute zum gestischen Repertoire der amerikanischen "Helden", vom Filmstar bis zum Präsidenten, gehört, wäre demnach nur ein Ausdruck verunsicherter Männlichkeit. Diesen Pfad in die Tiefe der amerikanischen Psyche leuchtet Updike aber leider nicht weiter aus.

Dass die Berliner Ausstellung nun unter anderem zeigen will, dass die Zeichnungen in Pollocks Oeuvre einen eigenständigen Platz einnehmen, ist von mehr als formaler, werkgeschichtlicher Brisanz. Gemeinhin gilt Pollock - zahlreiche Selbstzeugnisse belegen das, Updike, Davidson und Hope sind sich da auch einig - als Mann, der nicht zeichnen konnte und sich im Großformat austobte. Doch vor allem die fast ästhetizistischen Kalligraphien, die man in dem Berliner Guggenheim-Kabinett sehen kann, lassen sich als Beleg dafür nehmen, dass Pollock nicht nur ein bösartiger Dämon war, der seine Hervorbringungen wie eine instinktive Urgewalt aus sich heraus und auf die Leinwand am Boden schleuderte. Wer so zeichnet, verfolgt einen Plan, zeigt Feinheit und Delikatesse.

An diesem Punkt berühren sich der Künstler und sein Biograph: Ein Dripper ist Updike nicht. Wohl aber ein Meister des Patchworks und der Überblendungen. Wie ein experimenteller Videokünstler verschmilzt er Andy Warhol, Claes Oldenburg oder Jasper Johns zu den Kunstmännern Guy Holloway oder Jerome Chafetz, den zwei anderen Männern Hopes nach dem Tode Zacks. So spannt er in seinem Roman einen kunstgeschichtlichen Bogen bis zur Pop-Art. Doch Updikes eigentliche Stärke ist das epische all-over - eine philosophisch durchwirkte Kunst der Beschreibung, die mehr als einmal malerische Qualität gewinnt: "Die fernen Berge überschneiden sich in Wellen wie Viskose, gewissenhaft durchzogene blaue Pinselstriche auf Glas. Die Wolken oben rücken in geschlossenen Formationen vor, Walzen Walzen auf fleckigem Wasserdampf" beobachtet Hope in einer Pause des Interviews. "Ein paar nadelfeine kalte Tropfen treffen sie stechend ins Gesicht und auf den Rücken ihrer ausgestreckten Hand".

Wo sich Updike in Sucht mein Angesicht Einszueins an Pollocks oder Krasners Leben hält, ist sein Roman trotz der beeindruckenden erzählerischen Souveränität kein übermäßiges Kunststück. Die eigentliche Sprengkraft dieser bewegenden Lebens-Erinnerung liegt an einem anderen Punkt. Updike, der Chronist des amerikanischen Mittelstandes trifft dessen Ideologie diesmal über den Umweg der Kunst: In Sucht mein Angesicht stellt ein amerikanischer Künstler, einer der führenden Intellektuellen der USA, vermittels des anverwandelten weiblichen Blicks eine verklärte Heldenepoche des amerikanischen Selbstbewußtseins als phallogozentrische Tyrannei dar. Wenn Zack sich über Hopes Versuche amüsierte, seine gestische Malweise zu imitieren, überfiel sie immer das Gefühl, er wolle ihr zu verstehen geben: "Ich hatte keinen Schwanz". Und Hopes oft genug stinkbesoffener Mann machte sich über sie mit den Worten lustig: "Fotzen malen nicht" und lästerte über ihre "pseudogegenständliche Kacke".

Wenn diese Frau der mit einem Filmemacher liierten Kathryn am Schluss des Interviews den Rat gibt: "Leben Sie ihr Leben. Lassen Sie nicht zu, dass dieser Alec oder irgendein anderer Mann es Ihnen wegnimmt" bekommt Updikes altersmüde Protagonistin plötzlich etwas unangemessen Pathetisches. Aber wem fiele ein anderer Ausweg aus dem System ein, für das Hope im Nachhinein nur den Seufzer übrig hat: "Kunst war eine Männerwelt". Vielleicht könnte die Deutsche Guggenheim ja bald ein paar Kleinode von Lee Krasner zeigen.

John Updike: Sucht mein Angesicht. Roman. Deutsch von Maria Carlsson. Rowohlt. Reinbek bei Hamburg 2005, 320 S., 19,90 EUR

No Limits, Just Edges. Jackson Pollock. Malerei auf Papier. Ausstellung in der Deutschen Guggenheim, Berlin. Noch bis zum 10. April 2005. Katalog, Hatje Cantz, Ostfildern-Ruist 2005, 144 S., 34 EUR


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00:00 01.04.2005

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