Eine andere Welt ist möglich

Globalisierung Drei gelungene Versuche, weltwirtschaftliche Strukturen zu analysieren

In den 1990er Jahren sah es lange so aus, als ob die außerparlamentarische Opposition von der Straße gekehrt worden sei - und nun auf der Müllhalde der Geschichte ihr Dasein fristet. Doch spätestens seit den Protesten in Seattle 1999 ist ein Widerstand gegen die herrschende Weltordnung wieder wahrnehmbar. Im Gepäck hat die nunmehr globalisierungskritische Bewegung jetzt Fragen, die sich auf die Funktionsweise weltwirtschaftlicher Strukturen richten: Ein Eindruck, der sich deshalb aufdrängt, weil anfänglich Weltwirtschaftsgipfel und G8-Treffen Anlass zum Protest boten. Analysekategorien, die soziale Bewegungen zuvor mühsam erkämpft hatten - wie Sex und Gender, Rasse, Klasse, Sexualität, geopolitische Verortung, körperliche Fähigkeiten. Sie alle wurden im Zusammenhang mit der neuen Formation zunächst kaum thematisiert. Dagegen waren - unterschiedliche Herrschaftsformen wenig differenzierende - Theoriegebäude wie das berühmte "Empire" von Negri und Hardt bald in aller Munde.

Erfreulich daher, dass inzwischen einige Sammelbände erschienen sind, die der allgemeinen Suche nach einem umfassenden Erklärungsansatz widerstehen. Vielmehr bieten sowohl radikal global als auch die Schriftreihe metroZones Perspektiven an, die von der Ebene der Alltagsphänomene aus die Wirkungen der Globalisierung nachvollziehen. Während die einigende Klammer der metroZones-Bände der urbane Raum ist, macht die Stärke von Radikal global aus, sich auf basisnahe Bewegungen beziehen. Versammelt sind hier feministische, migrantische, ökologische, pazifistische oder allgemein linkspolitische Aufsätze, die es allesamt auszeichnet, sorgfältig gegenwärtige Machtverhältnisse im lokalen, nationalen und globalen Rahmen auszuloten und nach besseren, gerechteren Handlungsweisen zu suchen. In radikal global zeigt sich auch, dass alteingesessene politische Fragestellungen nichts an Aktualität verloren haben, weil sie weiterentwickelt gesellschaftlichen Veränderungen analytisch kontern können.

Der Beitrag Christoph Görgs zur Ökologie ist zum Beispiel erhellend, weil er "Umwelt immer schon in einem gesellschaftlichen Kontext sieht. Die Konstruktion von Natur als etwas, "das alle angeht" und so bestenfalls zum pflichtgemäßen Recycling führt, dient für ihn meist nur einer neoliberalen Entthematisierung von Machtverhältnissen. Erst die Frage, "welche Akteure die Kontrolle über die Gestaltung der Naturverhältnisse haben", eine, wenn man so will, "alte" Fragestellung, zeigt laut Görg soziale Ungleichheitsverhältnisse auf. Auch die Debatte zwischen Katharina Pühl und Ariane Brenssell kann nicht oft genug geführt werden, weist sie doch darauf hin, wie fundamental Geschlechterverhältnisses gesellschaftliche Organisationsformen bestimmen. Manuela Bojadzijev, Serhat Karakayali und Vassilis Tsianos zeigen, dass MigrantInnen jeglicher Aufenthaltsstatusse sozial, politisch und ökonomisch bereits jetzt Teil nationalstaatlicher Gesellschaften sind, wiewohl der herrschende Diskurs sie außerhalb der Gesellschaft verortet oder ihre Kämpfe und Lebensweisen verschweigt. MigrantInnen bringen den rassistischen Repressionsformen einen eigenen Widerstand entgegen. Dass der seit 11/09 geführte Diskurs über Sicherheit entdemokratisiert und einen auf Verdacht handelnden "Präventionsstaat" hervorbringt, wird von Regina Brunnett und Stephanie Gräfe gezeigt. So können ganze Bevölkerungsgruppen ohne nachweisliche Regelverstöße kriminalisiert werden.

Auch Space//Troubles und Learning from*, die beiden bisher erschienenen metroZones-Bände, letzterer Katalog einer Austellung der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin im letzten Herbst, widersetzen sich einer allwissenden und allumfassenden Theoriepolitik. Vielmehr graben sich die Autoren wie Maulwürfe in die Bauten der Städtepolitik. Nimmt Space//Troubles die Idee des Good Governance - des guten Regierens - unter die Lupe, widmet sich Learning from* der informellen Organisation innerhalb von Stadtgebieten. In beiden Fällen finden sie eine tiefe Kluft, die zwischen den wohlmeinenden Intentionen der formal-öffentlichen Diskurse und ihren Machtpraktiken auf der einen Seite und den gesellschaftlichen Konsequenzen daraus auf der anderen Seite entsteht. So wurde beispielsweise das Konzept des Good Governance von BürgermeisterInnen der weltweit dreißig größten Städte, von Nicht-Regierungsorganisationen sowie von VertreterInnen der Weltbank und IWF entwickelt. Es geht davon aus, dass allgemeiner Wohlstand durch die Wettbewerbsfähigkeit von Ländern des globalen Südens gesteigert werde, und Kommunen, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft ihre Anstrengungen auf dieses Ziel richten sollen. Doch die Realität sieht anders aus, wie sämtliche Beiträge von Space//Troubles zeigen. Sichert der Staat die Marktfreundlichkeit und nicht den demokratischen Zugang zu Ressourcen, bilden sich Gewaltstrukturen. Die einen können sich darin, wie Stephan Lanz ausführt, ihre Sicherheit käuflich erwerben, indem sie entweder private Wachdienste oder paramilitärische Organisationen beschäftigen, oder Bündnisse mit VertreterInnen der Staatsgewalt wie Polizei oder Militär eingehen. Diesen eingekapselten Zonen der Sicherheit ständen Zonen der Unsicherheit gegenüber. Wo Selbstorganisierung der Aufrechterhaltung dieses Systems im Wege steht, wird sie - teilweise gewaltsam - unterbunden.

Learning from* kehrt wiederum die Perspektive um und zeigt, wie erfinderisch und effektiv ökonomische Strukturen sind, die sich jenseits von staatlicher Kontrolle bilden. Die Akteure dort beweisen Handlungsmacht, indem sie den Marktbedingungen entsprechend Ein-Personen-Unternehmen bilden. Ihre informelle Arbeit ist prekär und ungesichert, und sie ist die direkte Antwort auf eine neoliberale Politik, die von diesem Schwamm überflüssiger ArbeiterInnen profitiert. Trotzdem erlauben Organisierung und Solidarität einen Ausstieg aus der ökonomischen Unsicherheit, wie Elmar Altvater und Birgit Mahnkopf betonen. Nicht nur in diesem Beitrag zeigt sich, dass eine andere Welt möglich ist, solange Machtverhältnisse dynamisch bleiben. Dafür müssen sie aber zunächst benannt und analysiert werden - was die vorgestellten Bücher vortrefflich leisten.

BUKO (Hg.): radikal global. Bausteine für eine internationalistische Linke. Assoziation A, Berlin 2003, 271 S., 16 EUR

Jochen Becker/ Stephan Lanz (Hg.): Space//Troubles.Jenseits des guten Regierens. Schattenglobalisierung, Gewaltkonflikte und städtisches Leben. b_books, Berlin 2003. 231 S., 12 EUR

Dies. (Hg.): Learning from*. Städte von Welt, Phantsamen der Zivilgesellschaft und informelle Organisation. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 2003. 246 S.,
16 EUR


00:00 23.01.2004

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