„Eine Art Protektorat“

Interview Um Griechenland zu verstehen, muss man seine Geschichte kennen. Eine Lehrstunde mit Olga Katsiardi-Hering

Das Staatsverständnis der Griechen ist immer wieder Gegenstand kritischer Betrachtung, über den politischen Tag hinaus. Einerseits hält man die Pflichten gegenüber dem Staat für nur schwach verankert im kollektiven Bewusstsein und beklagt die Steuermoral. Andererseits hält man den Staatsapparat für mächtig, den öffentlichen Sektor für aufgebläht, den Klientelismus für ausgeprägt. Falls nicht alles an diesen Eindrücken trügt: Geschichte kann erklären, woher welche Mentalität kommt.

der Freitag: Frau Katsiardi-Hering, die Griechen haben den modernen Staat lange als Unterdrücker verstanden. Warum?

Olga Katsiardi-Hering: Da muss ich etwas ausholen. Der griechische Staat existiert seit 1830 beziehungsweise 1832. Davor gibt es eine lange Periode, in der verschiedene Teile des heutigen Staatsgebiets zum Osmanischen, dann wieder zum Venezianischen Reich, den Genuesen oder Katalanen gehörten. Die Revolution war dann ein Ergebnis eines wirtschaftlichen Aufschwungs der griechischen Bevölkerung in Griechenland, der Griechen im Osmanischen Reich und der Diaspora.

Wer lebte damals auf griechischem Gebiet?

Kleinbürger, Händler, Landwirte und Bürger der Städte. Dazu gehörten aber auch die Armatoliken, also die griechischen Selbstverwaltungsangestellten der Besatzer, und die Klephten. Die Klephten kämpften gegen die osmanische Herrschaft, dagegen, Steuern zu zahlen, gingen in die Berge – es waren eigentlich Räuberbanden und Rebellen. Diese Bewohner im griechischen Raum stellten sich einen Staat mit einer Verwaltung vor, wie sie ihn vom Osmanischen Reich kannten. Und sie beanspruchten die Grundstücke der Osmanen für sich.

Gegenüber der zurückkehrenden Diaspora?

Genau. Denn nun kamen reiche bürgerliche Gruppen aus Städten wie Wien, Leipzig oder Odessa und vor allem die Phanarioten auf den Peloponnes. Das waren wohlhabende, kultivierte Griechen aus Istanbul. Viele waren Staatsbeamte des Osmanischen Reichs, andere hatten in Zentraleuropa studiert. Ihnen schwebte die Verfassung einer demokratischen Republik vor, sie waren aber vorher noch nie auf dem Peloponnes gewesen. Nach drei guten Jahren begannen zwei Bürgerkriege, die Revolution konnte sich nicht finanzieren, man hatte Schulden. Es begann die lange Geschichte, die sich bis heute durchzieht: Auslandsdarlehen, besonders aus England, soziale Auseinandersetzungen, Klientelismus. Die Revolution endete mit der Seeschlacht in Navarino, Ioannis Kapodistrias wurde das erste Staatsoberhaupt Griechenlands.

Kapodistrias galt als Außenseiter im besten Sinne, er war fast keiner der Gruppen zuzuordnen.

Na ja, vielleicht. Er hatte als Bevollmächtigter für das Russische Reich den Wiener Vertrag mitverhandelt, hatte in der Schweiz die Verwaltungsorganisation mit aufgebaut und versuchte drei Jahre lang, den kleinen griechischen Staat zu ordnen. Der Staat saß am Rande der Balkanhalbinsel, aber außerhalb des Raums, in dem seine wichtigen Handels- und Kulturzentren lagen. Inzwischen wollten europäische Mächte – Engländer, Franzosen und Russen vor allem – in der Region ihren Einfluss geltend machen. Als Ergebnis dieser Rivalitäten und der ökonomischen Schwäche der Griechen mussten sie, statt einen demokratischen Staat zu etablieren, einen fremden König, Otto I. von Bayern, akzeptieren. Das ist nun eine erste Erklärung, die ich für die Entfremdung der Bevölkerung gegenüber dem Staat sehe. Also: Drei verschiedene Gruppen gründeten den Staat, Ausländer wurden als Könige eingesetzt – die Könige wurden in Griechenland immer als Ausländer betrachtet –, sie hatten keine Ahnung von der heimischen Kultur. Rundherum saßen Mächte, die Darlehen gaben und sie mit Interessen verbanden. Zwar erkämpften die Griechen 1843 eine konstitutionelle Monarchie, aber es gab nie ein Vertrauen gegenüber den Regierenden. Zudem war Griechenland ein Kleinstaat, konnte von allein nicht leben, also wurde es eine Art Protektorat.

Zur Person

Olga Katsiardi-Hering ist Professorin für Neuere griechische Geschichte am Institut für Geschichte und Archäologie der Universität Athen. Sie ist Autorin eines Buchs zum Wandel des griechischen Verhältnisses zu Europa

Foto: Lennart Laberenz

Dennoch betrieben die Griechen ihre Expansion.

Ja, es gibt diese Resistenz gegen den Staat und den Wunsch, weiter zu wachsen. Nicht einfach zu verstehen. Aber die Megali Idea, die große Idee, prägte bis Anfang des 20. Jahrhunderts den griechischen Nationalismus. Das meinte Kämpfe gegen die Türken, die dazu führen sollten, Griechenland nach Norden zu vergrößern.

Und das war fatal?

Nun, der Staat musste neue Provinzen eingliedern und auch die Bevölkerung integrieren, es gab neben der griechischen Bevölkerung in den neuen Provinzen Albaner, Slawen, neue Grundstücksordnungen, Großagrarier in Thessalien. Und Gewohnheiten, die Dinge persönlich zu organisieren, mit einer direkten Geldzuwendung wie im Osmanischen Reich. Der Staat musste eine soziale, eine politische und wirtschaftliche Ordnung herstellen – das hat er nie wirklich geschafft. Und dann kam die kleinasiatische Katastrophe.

Nach den Balkankriegen organisierte die Regierung des Osmanischen Reichs die Verfolgung vieler Griechen in Kleinasien, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs begann Griechenland eine Kriegskampagne in Kleinasien und wurde 1922 von den Türken besiegt.

Ja, und nach dem ersten Bevölkerungsaustausch 1923 musste Griechenland 1,2 Millionen Christen aus Kleinasien aufnehmen. Zugleich prägte die tiefe Spaltung zwischen König Konstantins Anhängern und denen des Reformers Eleftherios Venizelos die griechische Politik. Außerdem hatten die Oktoberrevolutionäre gewonnen, kommunistische Ideen wurden populär, vor allem unter den Flüchtlingen, von denen viele arm waren, arbeitslos, enttäuscht von einem Staat, der wenig für sie tat.

Wieder ein Aspekt, der den Klientelismus verstärkte, wieder etwas, das sich von regionaler und persönlicher Organisation nicht auf ein Staatsgebilde übertragen ließ?

Ja, das zieht sich durch, noch aus der Zeit vor der Revolution von 1821: Die Griechen hatten gelernt, dass man unter den Osmanen Verwaltungsämter nur gegen Bezahlung, peskesh, bekam. Es funktionierte alles mit Bezahlung, Beziehungen, Familienzugehörigkeit. Diese Erfahrung aus dem 19. Jahrhundert spielte eine wichtige Rolle in der Politik. Die Besetzung Griechenlands durch die Nationalsozialisten und der blutige Bürgerkrieg nach dem Zweiten Weltkrieg führte zu einer neuen Spaltung und zu einer neuen Entfremdung eines großen Teils der Bevölkerung vom Staat. Nach dem Bürgerkrieg waren kommunistische Organisationen verboten, Kommunisten konnten nicht in die Verwaltung eintreten, nur wenige durften ein Universitätsstudium absolvieren. Die Diktatur zwischen 1967 und 1974 vertiefte diese Kluft.

Nach der Diktatur gab es die konservativ-bürgerliche Nea Dimokratia, die Sozialisten oder Sozialdemokraten (die Pasok) und die Kommunisten. Ist es eine soziale und kulturelle Trennung, die auch verhindert, dass es so wenig politische Koalitionen in Griechenland gab?

Vor allem weil es immer Ausschlüsse gab. Nach dem Bürgerkrieg war die Kommunistische Partei nicht als Parlamentspartei anerkannt. 1951 gründeten sich die Vereinigten Demokratischen Linken, EDA, sie durften aber nicht als Kommunisten auftreten. Vor der Diktatur waren die Konservativen und die rechten Parteien an der Macht, sie organisierten den Staat. Die Diktatur ist die Zäsur, dann beginnt eine sozialistische Ära, mit dem Aufbau des Wohlfahrtsstaats, Gesetze zur Gleichstellung von Mann und Frau wurden verabschiedet, zur Demokratisierung des Unterrichtswesens und manches mehr. Es begann aber auch eine Zeit der Revanche gegen die Nationalisten und die Rechten.

Warum verpasst es Griechenland danach, ein modernes Staatsverständnis zu etablieren?

In den 1980er Jahren begann eine Phase der Verstaatlichung des Landes. Andreas Papandreou organisierte die Wirtschaft mit dem Staat, er meinte, damit sozialistisch gegen die Bourgeoisie, gegen die Kreditgeber vorgehen zu können. Gleichzeitig fehlte es aber an einer Verwaltungsorganisation, die man modern nennen könnte. Der Familienklientelismus des 19. Jahrhunderts wandelte sich um in Parteienklientelismus. Und der letzte Schlag gegen die Industrie war der Euro. Denn Griechenland war als Produktionsland plötzlich teuer, inzwischen waren die Nachbarländer im Norden nicht mehr kommunistisch, und die Industrie wanderte ab. Die Entindustrialisierung war meiner Meinung nach eine wirkliche Katastrophe: Griechenland ist heute ein Agrarland oder lebt vom Tourismus. Die Reeder waren immer eine Kaste für sich und viel stärker international vernetzt. Einerseits also hat es die griechische Politik verpasst, einen modernen Staat mit einer wirtschaftlichen Basis zu organisieren, wir haben heute noch kein umfassendes und funktionierendes Katasteramt. Andererseits waren das wirtschaftliche Interessen, die sich gegen den Staat durchgesetzt haben. Und sie sind durchgekommen und Teil des Euro geworden. Es gab wenig Druck, sich anzupassen. Das ändert sich nun vielleicht.

06:00 31.08.2015

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