Eine Art Wilder Westen

Kampfzone Islamisten weiten ihre Operationen von Mali auf die Uranförderung in Niger aus. Auch Frankreich, die USA und andere westliche Länder rüsten in der Region auf
Sabine Kebir | Ausgabe 23/2013

Am 23. Mai wird der Norden Nigers von zwei zeitgleich verübten Selbstmordattentaten erschüttert. Gegen fünf Uhr morgens fährt ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug in eine Kaserne bei Agadez. Unmittelbar danach gibt es eine schwere Explosion – die Bilanz: 20 tote und 15 schwer verletzte Soldaten. Eine halbe Stunde später verschafft sich ein als Offizier getarnter Terrorist in einem ebenfalls mit Sprengstoff beladenen Jeep Zutritt zum Terrain der Uranverarbeitungsanlage bei Arlit und lässt den Wagen vor einem StromKraftwerk in die Luft gehen – es wird vollständig zerstört. Die Anlage im Norden des Landes gehört zur Uranmine von Arlit, die seit den frühen siebziger Jahren durch eine Filiale der AREVA-Gruppe betrieben wird – einen französischen Industriekonzern, der Kraftwerke baut und insbesondere Atommeiler ausrüstet.

Zu den Anschlägen bekennt sich eine Gruppe islamistischer Kombattanten, die unter dem Namen Mujao (Bewegung für die Einheit und den Dschihad in Westafrika) eigentlich im Nachbarland Mali operieren. Zu deren Anführern zählt der fälschlicherweise totgesagte Top-Terrorist Mokhtar Belmokhtar. Die Regierung in Nigers Hauptstadt Niamey lässt später verlauten, es seien Dschihadisten aus dem Süden Libyens – nicht aus Mali – nach Niger eingedrungen. Das eine schließt jedoch das andere nicht aus. Seit Monaten kursiert die Vermutung, die islamistischen Verbände in Mali seien durch die französische Intervention zwar dezimiert worden – aber sie hätten längst nicht aufgegeben. Im Gegenteil: Sie würden immer größere Regionen der Sahelzone als Aktionsfeld erobern und sich offenbar auch mit anderen Gruppen vernetzen.

Niamey ist abgemeldet

Wer nach den Ursachen forscht, stößt auf Parallelen zur Lage im Norden Malis. Ähnlich wie in dieser Region werden auch im Norden des Niger die lokalen Volksgruppen seit der Unabhängigkeit von 1960 sträflich vernachlässigt. Zwar entfällt hier die kulturelle Nähe zum fundamentalistischen Islam, doch gelang es den Islamisten mit einigem Geschick, sich als vermeintliche Anwälte lange vernachlässigter Interessen zu empfehlen. Und das fiel nicht weiter schwer.

Die Bevölkerung im Norden Nigers will endlich an den Gewinnen aus der Ausbeutung vor ihrer Haustür lagernder Bodenschätze beteiligt werden. Schürfrechte vergab die Regierung in Niamey im zurückliegenden Jahrzehnt nicht nur an AREVA, sondern ebenso an Bergbauunternehmen aus Kanada, China, Südafrika und Indien. Wer erkundet und gefördert hat, musste sich freilich immer wieder nadelstichartiger Angriffe einer regionalen Guerilla namens Mouvement des Nigériens pour la Justice (MNJ) erwehren. Dabei fiel auf, dass die Angreifer auf Sabotage gegen Anlagen des französischen AREVA-Konzerns verzichteten. Was einen einfachen Grund habe, erklärte die Regierung in Niamey: Die MNJ werde zu einem guten Teil durch AREVA finanziert. Daraufhin begannen die Unternehmen der anderen Länder die jeweils im Umfeld ihrer Minen ansässigen Bevölkerungsgruppen gleichfalls zu „unterstützen“ und in der Tradition der amerikanischen Indianerpolitik des 19. Jahrhunderts gegeneinander auszuspielen. So entstand im Ressourcen reichen Nordniger eine Art Wilder Westen. Bald schon hatte die Zentralregierung in Niamey nicht mehr viel zu sagen.

Einiges spricht im Augenblick dafür, dass sich Frankreich, speziell AREVA, auf ähnlich verschlungenen Wegen wie im Norden Nigers einen privilegierten Zugriff auf Uranvorkommen im Norden Malis sichert. Die blau gewandeten Tuareg des sezessionistischen Mouvement National de Libération de l’Azawad (MNLA) genießen momentan in den französischen Medien eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit. Und das, obwohl im Januar mit der Opération Serval ausdrücklich interveniert wurde, um die territoriale Einheit Malis zu erhalten. Als jedoch die Franzosen im Februar die Stadt Kidal einnahmen, durfte nicht die malische Schwesterarmee nachrücken, sondern die MNLA. Deren Tuareg-Kader sind es, die jetzt dort herrschen – und zwar gemeinsam mit der Islamischen Bewegung für Azawad (MIA), einer verbündeten, eindeutig dschihadistischen Fraktion.

Der große Deal

Kidal ist nicht nur das größte urbane Zentrum der malischen Tuareg. Die Stadt könnte außerdem die künftige Basis für die Ausbeutung beachtlicher Uranvorkommen werden, die 2009 vom australischen Bergbaukonzern Uranium Limited im Umland entdeckt wurden. Offenkundig ist Frankreich wie einst in Niger zu der Überzeugung gelangt, dass für den Zugriff auf diese Ressourcen die Erlaubnis der Tuareg wichtiger ist als ein Plazet der Regierung in Bamako. Also werden die Sezessionisten protegiert. Dass ein solches Kalkül nicht immer aufgeht und Risiken heraufbeschwört, zeigen die jüngsten Anschläge in Niger.

Die malische Regierung ist erkennbar konsterniert über die offensichtliche Doppelstrategie der Ex-Kolonialmacht, der noch im Januar nichts wichtiger schien als Malis territoriale Integrität. Wurde nicht deshalb interveniert? Begünstigt Paris inzwischen aus eigensüchtigen Interessen ein Zerbrechen des Landes? Wird deshalb im Einklang mit der EU und den USA scheinheilig auf Parlamentswahlen Ende Juli gedrängt? Ein derartiges Votum wird von malischer Seite als viel zu früh angesehen. Und das zu Recht. Wie beispielsweise soll in Kidal ein regulärer Wahlkampf geführt werden? Zumal die MNLA bereits mitgeteilt hat, dass sie zum Wahlboykott aufrufen werde, sollte die malische Armee versuchen, sich Kidals zu bemächtigen. Das heißt, wer jetzt einen Urnengang vorantreibt, schadet der Einheit des Landes.

Die französische Regierung von Präsident François Hollande rechtfertigt ihr Verhalten damit, dass die malische Übergangsregierung nur durch drastische Mittel zum Dialog mit den Tuareg gezwungen werden könne. Ob aber die Exekutive in Bamako, besonders die Armee Malis, wirklich gedemütigt werden muss, um sie zu zwingen, über den Status des Nordens zu verhandeln, ist zweifelhaft

Fest steht, nicht nur Frankreich, der gesamte Westen stellt sich auf ein indirektes oder direktes Eingreifen in der Sahara und der Sahelzone ein. Neben hochmodernen Antiterror-Ausrüstungen für Eliteeinheiten der malischen Armee finanzieren die USA zwei Flugpisten im äußersten Norden Malis, eine weitere bei Timbuktu. Deutschland und Großbritannien unterstützen vergleichbare Basen in Niger, Mauretanien und Burkina Faso. Auf ein ähnliches Engagement zur ökologischen Rekonstruktion des Sahel oder für dort zu errichtende Schulen und Universitäten wartet man vergeblich.

Um die Uranvorräte in Niger und Mali kämpfen nicht nur europäische Staaten und einheimische Dschihadisten, sondern ebenso Bürgerbewegungen, von denen man leider nur wenig hört. Auch im Südwesten Malis und den angrenzenden Gebieten des Senegal und Guineas sind Uranvorkommen entdeckt worden, die nur ausgebeutet werden können, wenn die dortige Bevölkerung auf seit Generationen landwirtschaftlich genutzten Boden verzichtet. Dass diese Gewohnheitsrechte von Familien in Mali seit 1995 qua Gesetz in moderne Besitztitel überführt werden können, blieb den Betroffenen unbekannt. Es fehlt eine juristische Infrastruktur, die ihre Rechte verteidigt.

Sabine Kebir ist freie Autorin und schreibt für den Freitag regelmäßig über den Sahel und die Sahara-Region

01:00 20.06.2013

Ausgabe 08/2020

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