Eine besondere Kunst

Amtseinführung Amanda Gormans Worte bewegten die USA – Nora Gomringer über die „Poet Laureate“ und das Erfolgsrezept ihrer Rede
Eine besondere Kunst
Gorman bei der Inauguration des neuen US-Präsidenten: Gedankenstrom, besser gehört als gelesen

Foto: Patrick Semansky/Getty Images

Gorman. Amanda Gorman. Bis vor einigen Tagen eine völlig Unbekannte für deutsche Leserinnen und Leser, hab ich sie schon länger im Blick gehabt, weil ich eine kleine Obsession für die Schützlinge der amerikanischen Library of Congress pflege, aber dazu später mehr.

Seit ein paar Jahren weiß ich, dass Gorman Wählerin ist, Wahlen und die Küsten liebt, für deren Erhalt sie sich einsetzt, dass sie offene Bücherschränke gut und wichtig findet, Abtreibungsrecht unterstützt, als Dichterin und schöne Frau schmückender Gast der Mailänder Fashion Week war. Das alles zeigt ihr bunter, praller, sorgfältig kuratierter Instagram Account. Die Dichterin, deren Text The Hill We Climb („Die Anhöhe, die wir erklimmen“) am Mittwoch vergangener Woche durch die Corona-isolierten Wohnzimmer der Welt schallte, ist eine Social-Media-Influencerin mit weit über zehn Fanpages und einer eigenen Instagram-Präsenz mit hochgeschnellten 2,5 Millionen Followern. Bis dieser Artikel erscheint, wird sie sich der Prognose nach bei vier Millionen Followern eingependelt haben, und sie ist dabei immer noch Dichterin, also Vertreterin schönster Nerdkultur.

Auf ihrer Homepage werden drei Bücher aus ihrer Feder als „forthcoming“, also bald erscheinend, bei Penguin Random House avisiert und man kann sie für fünf Anfragen augenscheinlich direkt kontaktieren: wenn es sich um Fan-Mail handelt, wenn ein Buchungswunsch, eine Publikationsanfrage, ein Thema rund um die Presse oder eine Anfrage für Film oder Fernsehen zu klären ist. Die Homepage ist genau so, wie sie einem von jedem professionellen Mediengestalter angeraten wird: klar verständlich, ausdrucksstark in Bild und Farbigkeit und ohne weitere Ablenkungen. Die Dichterin im Zentrum, ihre Dichtung etwas versetzt. Dahinter stecken Strategie und Marketing, jahrelange Erfahrung, erfolgreiche Beratung. Drei ihrer Bücher werden beworben, man kann sie mit einem Klick gleich kaufen. Diese Dichterin macht es, wie fast alle Autoren in den USA und nur wenige in Deutschland, bequem für die Kundschaft, was ja oft nicht nur Veranstalter und Leser meint.

Prosa ins Buch, Lyrik ins Netz!

Autoren, die in Bildern kommunizieren, nicht nur in sprachlichen, sondern tatsächlichen, haben mich von klein auf beschäftigt. Seit dem Instagram-Höhenflug der kanadisch-indischen Lyrikerin Rupi Kaur, die der Opulenz der Sprache Gormans eine eher konzentrierte, mal brüchige, mal augenzwinkernde Dünnlippigkeit entgegenhält, werden Lyrik-Liebhaber in diesem bildbasierten Medium fündig. Zarte gezeichnete Linien, schemenhafte Knäuel oder Körper werden auf den Bildkacheln mit wenigen Worten gepaart, Selfies der Dichterin inklusive. Gefälligkeit scheint das Langziel zu sein und ist meist schon beim ersten Blick erreicht, ein paar der Bild-Gedichte allerdings sind so feinsinnig, so rührend, dass der deutsche – ach, aller! – Spott und die verdammte Pathosangst abprallen müssen, denn dann stehen einfach lakonische Wahrheiten da, wie etwa: „und hier nun, lebst du ja doch, trotz aller Widrigkeiten“.

Wer mit einem Gegenentwurf zu Hochglanz-Gorman aus der englischen Literaturszene vergleichen möchte, klicke sich durch Hollie McNishs oder Kae Tempests Seiten oder – Achtung! Revolution! – lese sich deren Texte einfach mal selbst laut vor. Prosa ist im Buch immer noch gut aufgehoben. Der kleinen, viele Male totgesagten, aber biegsamen Form der Lyrik gehört die Zukunft der Bildsprache der sozialen Medien.

Nach Gormans Vortrag ihres Langgedichts anlässlich der Amtseinführung von Joe Biden und Kamala Harris, für den sie den hymnischen Predigerton vieler großer Redner der amerikanischen Geschichte gewählt hat, interessieren sich viele für die eigentümliche Beschreibung einer „Poet Laureate“, eines Titels, den Gorman bereits ein paar Jahre tragen darf. Als Highschool-Schülerin in den USA wusste ich um die ehemals britische Dichterkrone, den Titel des Laureatus, die Ehre, die in den USA adaptiert wurde. Sie war mir ein flammendes Ziel, bis ich verstand, dass nur amerikanische Staatsbürger für die Ehrung in Frage kamen. Mit dem Status, offizieller Dichter der Vereinigten Staaten und dabei ein aktiver Botschafter für das Lesen und Schreiben von Lyrik zu sein, haben Dichter wie Elizabeth Bishop und Robert Frost Weltruhm erlangt. Auch Nobelpreisträgerin Louise Glück war von 2003 bis 2004 Trägerin des ideellen Lorbeerkranzes, der im lateinischen Namen der Auszeichnung steckt. Amanda Gorman ist der landesweit gefeierte National Youth Poet Laureate des Jahres 2017. Ihre Themen sind Rassismus, Gleichheit, die bewegte Welt ihrer Heimat Los Angeles. Wer mit dem Titel ausgezeichnet wird, hat einen kompetitiven Ritt durch die Literatur-Instanzen hinter sich gebracht, wurde im Heimatdistrikt zur gewählten Lieblingsdichterin, stand auf unzähligen Bühnen, sprach vor Schülern, Studierenden und Hochschulprofessoren oder, im Fall von Gorman, sogar vor demokratischen Politikern im Weißen Haus während der Präsidentschaft Obamas.

Gormans Timing scheint schicksalhaft, bestätigte doch Obama die Initiatorin der Jugendvariante der Auszeichnung, Carla Hayden, als erste Frau im Amt als Hauptbibliothekarin der Kongressbibliothek. Sie ebnete ab 2017 den jungen Dichterinnen und Dichtern parallel zum erwachsenen Poet Laureate den Weg zu Wahrnehmung und intellektueller Elite, und die Allererste, der die Ehre und besondere Distinktion als „Führerin“ („strong leader“) und Aktivistin unter Gleichaltrigen zuteilwurde, war Amanda Gorman, damals Schülerin, heute Harvard-Absolventin. Durch die mediale Präsenz dieser wenigen, aber mit großer Sichtbarkeit ausgestatteten Jungdichter erfüllen sich mehrere amerikanische Ideale: Wettbewerbsfreude, Positivität und das Hervorheben Einzelner, die zu partes pro toto erklärt werden, was ein haarsträubend einfaches, aber oft einnehmendes Rezept dafür darstellt, eine Sache, einen Menschen, einen Sachverhalt bekannt zu machen.

Diese in den USA üblichen „Fenster der Relevanz“, die sich rituell öffnen und schließen wie etwa beim Sologesang der Hymne vor jedem Sportereignis, sind geschätzte Gelegenheiten, Können und Talent vorzuzeigen, und – nach meiner Erfahrung – sehr oft vom Wohlwollen vieler, wenn auch vom Verdruss mancher begleitet. Diese Art der Lyrik nämlich, eine Art erhebende, hymnische Predigt, ist eine „inspirational speech“, eine Rede, die durch die Verwendung bewährter stilistischer Ingredienzien zu inspirieren versteht und auf effektvolle Rhetorik und sprecherisches Charisma setzt. Wer zum Workshop eines Spoken Word Artist wie etwa Saul Williams oder des Erfinders der Poetry-Slam-Kultur Marc Kelly Smith geht, wird diese Art der Rede unweigerlich für sich selbst adaptieren. Es ist manchmal ein Gedankenstrom, der gekonnt und modulhaft im Stegreif zusammengesetzt wird – oft ist diese besondere Kunst des „Flows“ Vertretern des Hip-Hops und guten Rappern gegeben –, oder die Rede wurde, wie im Fall Gormans, durch die Dichterin vorher gestaltet, ausgearbeitet, ihr Vortrag viele Male geübt. So stand sie da in kaiserlich leuchtendem Gelb und mit roter Krone, und sie machte den wilden Sturm oranger Wut vom 6. Januar allein durch ihre komponierte Erscheinung für einen Moment vergessen.

Die Rede, die sie hielt, war dem Anlass angemessen, sie war brav und voller großer Worte nach amerikanischer Manier, sie hatte einen Sprachfluss, der aufhorchen ließ und eine weltweite Wirkung des Erstaunens bot. Eine junge Frau, die sich an anderer Stelle keck als Präsidentenkandidatin für 2036 ausgerufen hatte, sprach zu Millionen von Zuschauern weltweit souverän von der nicht perfekten Demokratie des Landes, das es durch einen gemeinsamen Sinn zu einen gelte. Dies alles ganz im Sinne Bidens, der Ähnliches sagte, dabei nur blasser wirkte.

Erstaunlich ist, wie viele starke Zitate man aus dem oft rührend sich reimenden Text ziehen kann, dass einem die ganze Rede aber besser gehört als gelesen eingehen möchte, was aber wohl Erfolgsrezept der Textart bleibt. Sie realisiert sich, wenn gehört, geteilt, besprochen. Sprecher und Rezipient sind direkt und im selben Atemzug von der Sache betroffen. Atemzug, Gleichzeitigkeit, Sprecher und Rezipient – Horror! Womöglich noch an einem Ort?! Kein Wunder, dass Reden in Corona-Zeiten tatsächlich als das erkannt werden, was sie sein können: ansteckend! Schön!

Nora Gomringer, 41, vielfach ausgezeichnete Dichterin, Performerin und Fan der amerikanischen Poet-Laureat-Tradition, leitet als Direktorin Bayerns Künstlerhaus, die Villa Concordia in Bamberg

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 30.01.2021

Kommentare 9