Eine Couchgarnitur im Transformationsprozess

KEHRSEITE

Es war kurz nach der Wende, als auch wir uns - beflügelt und inspiriert durch schnelle, verwirrende und erstaunliche Veränderungen - entschlossen, unser trautes Heim in den rasenden Wandel einzubeziehen. So viel Revolution musste sein.

Es ging nun auch nicht länger so weiter - die alte Klappcouch mit Blümchen, noch aus den achtziger Jahren, musste weg und was neues Schickes dort hin. Zu bedenken war allerdings, dass zwei Kater namens Fritz und Franz gnädig die Wohnung mit uns teilten. Ihr lebensfrohes Tun und Treiben über Tisch und Bank und natürlich auch über die Polstermöbel musste einkalkuliert werden. Elegant, schön, strapazierfähig - so etwas sahen wir bei einem Möbeldiscounter. Hellbrauner florartiger Stoff, Dreisitzer, Zweisitzer, Sessel angesiedelt zwischen Friseur- und Ohrenstuhl. Orientiert an einer sehr konventionellen Stilauffassung, der wir wenig individuellen Gestaltungswillen entgegensetzten, angepasst wie wir waren. Außerdem sah das Ensemble aus, als wäre es auch durch die schärfsten Krallen nicht so schnell in seiner Dauerhaftigkeit zu beeinträchtigen. Als ich mir den Sessel näher besah, erinnerte ich mich, dass ein hochrangiger Wissenschaftler der DDR in diesem Stück sitzend, ein Fernsehinterview gegeben hatte. Das, und nicht etwa ein kritischer Blick auf die Verarbeitung, gab den Ausschlag. Es handelte sich um etwas so Gutes, dass es zu DDR-Zeiten nur sehr renommierte Akademiker vielleicht auch noch andere zahlungskräftige Leute mit Verbindungen - wie private Handwerker - ergattern konnten. Jetzt war so etwas für alle da, die es sich leisten konnten. Das war revolutionär und passte zu uns.

Wir kauften die Sitzgruppe und waren damit eine ganze Weile sehr zufrieden. Dies um so mehr, als auch die Katzen nach kurzem und wilden Ritualen der Inbesitznahme recht friedlich und ineinander verschlungen darauf lagen. Sie waren also einverstanden, protestieren nicht durch beleidigtes Urinieren auf die Neuanschaffungen - ein Glück, Friede im Haus.

Kurzfristigen Attacken mit Zähnen oder Krallen hielten die soliden Stücke stand, obwohl mein Mann, der in seinen jungen Jahren das Sattler- und Polsterhandwerk gelernt hat, ein wenig sarkastisch meinte, viel Handwerkskunst habe man an die Herstellung nicht verschwendet, aber naja ...

Die Zeit ging dahin, und bei den Fernsehabenden, die wir in der Sitzgruppe miteinander verbrachten, erlebten wir nach und nach, dass wir durch diese Anschaffung mit dem Schicksal vieler Menschen verknüpft waren. Die gemütliche Garnitur "verlinkte" uns gewissermaßen mit der rauen Welt "da draußen". Das auf "gutbürgerlich" gestylte Stück musste von der ehemaligen DDR-Fabrik zu Hunderttausenden in alle Welt, vor allem aber in die Bundesrepublik exportiert worden sein. Und gegen Ende wurde sie zahlreichen DDR-Bürgern angedreht.

Allmählich waren wir auf immer wieder ähnliche Szenarien vorbereitet:

Sahen wir einen Film über Menschen mit Suchtproblemen, konnten wir beinahe drauf wetten, dass sie, wenn sie noch ein Zuhause hatten, auf der gleichen Sorte Couch saßen wie wir.

Die Wohngemeinschaft gestrauchelter ehemaliger DDR-Bürger - welche Sitzgruppe war ihr eigen? Genau, es war die unsere.

Eine ältere Dame, die über die geringe Höhe ihrer Rente klagte, worauf saß sie?

Auf einem Sessel, den wir gut kannten. Das Set einer Krimi-Szene, die in einer billigeren Pension spielte - womit war es bestückt? Richtig ... mit unserem Zweisitzer.

Ein Mann klagte über die Treulosigkeit seiner Frau, die ihn, den Kampfhund und eine beachtliche Sammlung leerer Flaschen kurzerhand verlassen hatte. Er umklammerte die gleichen Sessellehnen, die auch wir bei spannenden Fernsehszenen oder manchmal auch bei Ehekrach umklammerten.

Ich gewöhnte mir an, meinen Mann immer gleich zu rufen, wenn wieder ein Teil von "unserer" Couchgarnitur auf dem Bildschirm auftauchte. Nach und nach jedoch reagierte er auf meinen Ausruf mit den Worten "Schon gut, sag´s nicht". Er meinte, ihm werde langsam unbehaglich, sollten wir nicht doch mal die Kriterien des Individualisierungsprozesses, der jetzt die Welt bestimmt, anlegen und nach etwas suchen, das unserer Wohnung einen ganz persönlichen Akzent verliehe? Ich hielt ihn hin und konnte Aufschub erlangen, obwohl "unser" Dreisitzer auch der Kneipe um die Ecke die gemütliche Atmosphäre verlieh. Und - da waren ja auch noch Fritz und Franz. Sie hielten als Argument her. Ihretwegen mussten wir uns gedulden. Das sah auch mein neuerungssüchtiger Mann ein, dennoch reagierte er immer mal wieder mit Unwillen auf diese ständige Erinnerung an Massenprodukte.

Nach einiger Zeit begann Kater Franz zu sabbern, wurde unwillig und schlief sehr viel. Der Tierarzt konstatierte Krebs - Franz war ja auch schon über 13 Jahre alt. Eine gnädige Spritze beendete sein Leiden. Nicht lange danach begann der zurückgebliebene Fritz mit einer ähnlichen Symptomatik, und auch er ist nun nicht mehr. Leere und Trauer breiteten sich aus.

Kürzlich begann mein Mann wieder zu bohren: "Wollten wir nicht eine neue Couchgarnitur kaufen?" fragte er anlässlich eines weiteren sozialkritischen Fernsehbeitrages, bei dem die Mitglieder einer Großfamilie - natürlich auf bekannter Sitzgruppe verteilt - Klage führten über ein Gemeinwesen, das kinderreiche Familien zur Armut verdammt. Ich aber will diese Sitzgruppe - auf der sich der "Menschheit ganzer Jammer", manchmal aber auch ganz lustige Habenichtse niedergelassen haben - nun gar nicht mehr loswerden. Gemütlich ist sie ja. Und der Gedanke, mit anderen Menschen "im Design" verbunden zu sein, erzeugt in mir soziale Gefühle. Für Individualität müssen wir eben eine Weile noch selbst sorgen, statt dafür die Marken-Warenwelt zu bemühen. Außerdem sind wir im Moment sowieso ziemlich pleite.

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00:00 30.03.2001

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