Eine dicke, fette Sehnsucht

1968 Wie "das da draußen" in eine Kasseler Dachstube kam. Eine Erinnerung

Im Sommer ´67 fuhr ich mit zwei Freunden auf Fahrrädern nach Holland. Wir waren 16 Jahre alt und genossen sechs Wochen ohne Eltern und Pädagogik, frei von Gängelung und Kontrolle. Endlich öffnete sich die Welt. Wir fuhren, dass uns der Schweiß von der Nasenspitze tropfte, suchten uns gegen Abend einen Zeltplatz und kochten uns auf einem Gaskocher eine Tütensuppe. Dann sahen wir uns um, trafen andere Jugendliche und diskutierten bis tief in die Nacht. Unterwegs kehrten wir in Kneipen und Imbissbuden ein und setzten die Music-Box mit den Hits dieses Sommers in Gang.

Auf irgendeinem holländischen Campingplatz lernten wir Cora kennen. Cora wusste über vieles bereits Bescheid und brachte uns allen nacheinander das Küssen bei. Ausnahmsweise blieben wir an einem Ort mehrere Tage. Es war ein wunderbarer Sommer, eine Spur von Aufbruch lag über allem, und als wir wieder zu Hause waren, waren wir nicht mehr dieselben. Wir hatten den Geruch von etwas anderem in der Nase.

Politisch war ich 1968 noch eine Rübe auf dem Feld und hatte von nichts eine Ahnung. Ich saß trübsinnig zuhause und erfuhr aus dem Transistorradio, das mir mein Großvater hinter dem Rücken meiner Eltern geschenkt hatte, vom Mordanschlag auf Rudi Dutschke. An diesem Gründonnerstag stellte sich für mich in meiner trostlosen Kasseler Dachstube zum ersten Mal eine Verbindung her zwischen "dem da draußen", dem Anschlag auf Rudi Dutschke, und mir und meinem bis dahin namenlosen Unbehagen. Ich spürte, dass mich das anging, aber noch blieb ich zuhause und erlebte die Osterunruhen und Springer-Blockaden direkt nach dem Anschlag als sympathisierender Beobachter. In den nächsten Wochen stand die dritte und abschließende Lesung der Notstandsgesetze an. Von einem übel beleumundeten Gymnasium hauten die Schüler trotz massiver Drohungen des Direktors einfach ab, zogen quer durch die Stadt von Schule zu Schule und holten uns ab. Schließlich fand sich ein ständig wachsender Menschenhaufen zusammen, der vor das Rathaus zog, die Straßenbahnen und den Zugang zum Rathaus blockierte, Flugblätter verteilte und mit Passanten diskutierte.

Was mich an der Bewegung zunächst faszinierte, waren die Jeans, die bei uns zuhause verpönt waren, weil sie aus Amerika stammten und als zu eng und aufreizend galten, die Parkas, die filterlosen Roth-Händle und selbst gedrehten Zigaretten, die langsam länger werdenden und aus der Fasson wachsenden Haare, die freieren Umgangsformen auch zwischen den Geschlechtern und die schnoddrig-respektlose Sprache. Die wichtigsten Argumente gegen die Notstandsgesetze, den Krieg in Vietnam und die Springer-Presse schnappte ich schnell in Diskussionen auf; ich las Flugblätter und lernte aus ihnen.

In der Schule saß ich neben Michael, der im "Aktionszentrum Unabhängiger Sozialistischer Schüler" (AUSS) war und dem im September 1969 der Chef des Sicherheitsdienstes der NPD, Klaus Kolley, bei einer Demonstration gegen den Auftritt des NPD-Vorsitzenden Adolf von Thadden in Kassel eine Kugel durch den Arm schoss. Michael versorgte mich mit Lesestoff und Argumenten.

Im Deutsch-, Sozialkunde- und Religionsunterricht fingen wir an, Kritik an den tradierten Inhalten und Formen des Unterrichts zu üben. Es war für uns tatsächlich noch eine Entdeckung, dass es im klassischen Athen Sklaven gegeben hat. Wie leicht waren diese autoritären und nur oberflächlich entnazifizierten Pauker auf die Palme zu bringen und zu demaskieren! Das Gelächter über blamierte und bloßgestellte Autoritäten war eine große, befreiende Kraft. Meinen Abituraufsatz schrieb ich mit zusammengeklauten Argumenten über und gegen das dreigliedrige Schulsystem, das die Spaltung der Gesellschaft in Klassen und Schichten zementiere. Zum Abitur bekam jeder Schüler vom Direktor ein Buch eigener Wahl überreicht. Ich ließ mir Kinderkreuzzug oder beginnt die Revolution in den Schulen? von Günter Amendt schenken. "Götz Eisenberg - zum Andenken an seine Schule", steht da samt einer Unterschrift des Direktors als Widmung drin.

Ich begann zu lesen und langsam fand mein diffuses Unbehagen seine Begriffe. Ich lernte, meine persönlichen Lebensumstände im Kontext gesellschaftlicher und geschichtlicher Bedingungen zu sehen, im Individuellen meiner Misere das Allgemeine zu entdecken, ein für mich wie für viele andere wichtiger Lernprozess.

Aber es waren zunächst Beweggründe unterhalb des Kopfes und der politischen Programmatik, die mich zur Schülerbewegung trieben, eine Art dicke, fette, frei flottierende Sehnsucht nach etwas anderem, jenseits eines Elternhauses, das mich einengte und ins Korsett sperrte. Zuhause ging es zu wie eh und je in bürgerlichen deutschen Elternhäusern: "Sitz gerade, Junge; nimm den Ellenbogen vom Tisch; linke Hand am Tellerrand; kämm dich gefälligst vor dem Essen." Es gab Sonntagskleider und Werktagskleider, Bügelfalten und steife Krägen, einen Waschlappen für oben und einen für unten. Ohrfeigen und Schläge galten nach wie vor als probates Mittel der Erziehung. Alle paar Wochen bekam man von einem Vorstadtfriseur den obligatorischen "Kochpottschnitt" verpasst und selbstverständlich hatte man abends zeitig zu Hause zu sein. Eindringlich warnte man uns vor den Folgen der Onanie und beschwor das Gespenst des hohlwangigen Onanisten, dessen Gehirn sich schließlich zersetzt. Die pädagogische Paranoia, die man in Deutschland Erziehung nannte (und mitunter immer noch nennt) und die die subjektiven Bedingungen der Möglichkeit des Faschismus geschaffen hatte, war in vielen Familien nach wie vor verbreitet.

Außer über Sexualität wurde über die nationalsozialistische Vergangenheit zuhause und in der Schule nicht gesprochen. Ab und zu kam Onkel Ludwig zu Besuch, der ein "hohes Tier" in Hitlers Wehrmacht gewesen und von Kopfverletzungen grässlich entstellt war. Er war so etwas wie die personifizierte Wiederkehr des Verdrängten. Dieser Onkel wurde uns Kindern als Vorbild in Sachen "Tischzucht" empfohlen: "Seht nur, wie sich Onkel Ludwig trotz seiner schweren Verletzungen bei Tisch hält, wie er mit Messer und Gabel umgeht". Zunächst hielt ich es für einen Widerspruch: Wie kann einer mit so guten Manieren eine solche Rolle bei den Nazis gespielt haben? Dann begriff ich: Man kann sehr wohl gute Manieren haben und Nazi sein. Gute Manieren, Anstand und humanistische Bildung schützen vor nichts.

Wir begannen, unsere Eltern und Lehrer bezüglich ihrer Haltung zum Nationalsozialismus zur Rede zu stellen und stießen auf Schweigen, Lügen, Ausflüchte und Feindseligkeit. Die Revolte zerstörte die Friedhofsruhe, die sich als Resultat der kollektiven Verleugnung und Verdrängung des Faschismus über das politisch-gesellschaftliche Leben der Bundesrepublik gelegt hatte. Wir haben all jene Erinnerungen wieder in die Gegenwart geholt, von denen sich unsere Eltern losgerissen hatten, um wieder so zu leben wie zuvor, und zerstörten die kollektive bundesrepublikanische Lebenslüge des Davon-haben-wir-nichts-gewusst. Alle Normen und Werte, die man uns zuhause und in der Schule beibringen wollte, verloren ihre unhinterfragbare und Gefolgschaft erheischende Würde, seitdem wir wussten, dass sie an Wänden von Konzentrationslagern gestanden hatten.

Im Herbst desselben Jahres, 1969, kam ich zum Studium nach Gießen. In der Mensa zeigten mir einige Schulfreunde, die schon länger hier studierten, die örtlichen APO-Größen. An der Sitzordnung war die beginnende Fraktionierung bereits deutlich erkennbar. Die paar Mitgliederversammlungen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, die ich noch miterlebte, waren schon von Grabenkämpfen geprägt. Aus Berlin und Heidelberg erreichten uns Positionspapiere und Grundsatzerklärungen, um die sich parteiförmige Gruppen bildeten, die bald schon kaum noch miteinander sprachen. Die Zeit des "kleinbürgerlichen Anarchismus" und der "antiautoritären Handwerkelei" sei nun vorüber, hieß es, und es gelte, sich straff zu organisieren. Auf einer der letzten Krisensitzungen, die noch gemeinsam stattfanden, ließ ein älterer Genosse, den ich sehr bewunderte, einen Satz fallen, der in seiner apodiktischen Kürze einen Schlussstrich unter die antiautoritäre Phase setzte: "Die Arbeiterklasse ist und bleibt das revolutionäre Subjekt!"

Ein paar Monate später folgte ich diesem Genossen in eine der maoistischen Sekten, die der Zerfallsprozess der Revolte hervorgebracht hatte. Doch schon wenige Monate später flog ich wegen irgendeiner "Abweichung" aus der Bochumer Linie der KPD/ML heraus. Den Sommer 1970 verbrachten ein WG-Mitbewohner und ich auf Einladung und Kosten der DDR in einem "Schulungslager" in der Nähe von Weimar. Man wollte die nach dem Ende der antiautoritären Bewegung um sich greifende Desorientierung nutzen, um Mitglieder für die 1968 gegründete DKP und deren Studentenorganisation "Spartakus" zu rekrutieren. Die Phrasen aus dem Arsenal eines zur Legitimationswissenschaft parteikommunistischer Herrschaft erstarrten Marxismus-Leninismus, mit denen die zu unserer Schulung abgestellten SED-Funktionäre uns abspeisen wollten, überzeugten uns nicht, und wenn wir vor dieser Reise noch Illusionen über den "real existierenden Sozialismus" gehabt haben sollten, verloren wir sie in diesen drei Wochen. Das konnte die Alternative nicht sein. Was aber dann? Ab 1973 sammelten sich die von den so genannten K-Gruppen Enttäuschten und Abgestoßenen unter dem selbstironischen Etikett "Spontis", das ihnen ursprünglich ihre leninistischen Kritiker verpasst hatten.

Die Sehnsucht nach etwas, das meinem Leben einen Sinn geben könnte, hatte mich in die Arme der antiautoritären Bewegung getrieben. Nachdem auch die lockeren Sponti-Zusammenhänge sich aufgelöst hatten und die Rebellen von einst vom bürgerlichen Alltag wieder verschluckt worden waren, büßten die revolutionären Hoffnungen ihre Verankerung in der Welt ein und wurden wieder zu dem, was sie zuvor gewesen waren: Sehnsucht. Vor uns lag die Leidensgeschichte der Mäßigung der Ansprüche und die bittere Erkenntnis, dass die Veränderung der Welt nicht die Zeitstruktur des Sofort besaß. Wir alle würden lernen müssen, in einer Gesellschaft älter und vielleicht sogar alt zu werden, die wir im Kern ablehnten und die wir nun dennoch zur Basis unserer Lebensentwürfe nehmen mussten.

1973 erschien von Götz Eisenberg (Jahrgang 1951) unter dem Titel Fluchtversuche (mit W. Thiel) eine kritische Bilanz der antiautoritären Zeit. Danach: sozialwissenschaftliches Studium, Verlagsarbeit, Forschungsprojekte, Arbeitslosigkeit, Ausbildung zum Familientherapeut. Seit 1985 Arbeit im Erwachsenenstrafvollzug. Veröffentlichungen zu sozialen Bewegungen, Gewalt, Amok.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare