Eine echte Dandy

Ikone Ruth Landshoff-Yorck war ein It-Girl im Berlin der 1920er Jahre. Zwei Bücher erinnern an Leben und Werk
Maike Wetzel | Ausgabe 41/2015 2

Im Kuhfellmantel mit geflecktem Hund posiert Ruth Landshoff-Yorck 1927 vor ihrem „weiblichen Auto“. 2015 stellt sich Ronja von Rönne als Mann verkleidet ins Rapsfeld und schmollt mit ihrer Kollegin in die Kamera, die Bildunterzeile: „2 Frauen, 2 SUVs und Tucholsky im Gepäck“. Zwischen beiden Bildern und den dazu verfassten Texten für die Dame und für einen Welt-Beitrag liegen also beinahe 100 Jahre. Heute bewegt sich das Selbstverständnis junger deutscher Frauen irgendwo zwischen Rönnes Post- oder Antifeminismus, Judith Butler und dem #aufschrei.

1927: Frauen hatten erst seit neun Jahren das Wahlrecht, und die wenigen Autofahrerinnen kannten sich alle persönlich. Eher durch Zufall kommt Ruth Landshoff-Yorck, die Tocher aus gutem Haus, zum Journalismus. Ihr Stil entspricht ihrem Typ, extravagant, witzig, hintergründig: „Sehr wenige begreifen, dass ein Mädchen mit ganz wenig PS viel schneller vorwärts kommen will als alle Jungs mit Mercedes oder 8-Zylinder-Bugattis.“

In den meisten ihrer Texte für Zeitschriften und Tageszeitungen, die zum größten Teil erstmals in Das Mädchen mit wenig PS – Feuilletons aus den zwanziger Jahren erscheinen, stehen keine Berühmtheiten, sondern moderne Mädchen im Mittelpunkt, deren etwas „dekadente Leichtlebigkeit sie zugleich dokumentiert und glorifiziert“, wie Landshoffs Biograf Thomas Blubacher schreibt.

Glorifizierte Leichtlebigkeit

Ruth Landshoff-Yorck ist die Autorin einer neuen, unerschrockenen und weltgewandten Generation von Frauen. Tatsächlich aber war sie in der Berliner Gesellschaft schon vor ihrem ersten Text „berühmt fürs Berühmtsein“. Das Publikum schätzte sie vor allem ihrer Aura wegen, schreibt sie über sich in ihrer (nie erschienenen) Autobiografie. Erst später vertrat Ruth Landshoff-Yorck die Kraft und das Eigene ihres Schreibens selbstbewusst.

Landshoff lebte als eine Art It-Girl ihrer Zeit im Berlin der 20er Jahre und wurde später die Poet Lady von Greenwich Village – ein schöner, androgyner Paradiesvogel, dem Frauen wie Männer gefielen. Allein die Liste ihrer namhaften Bekannten und Liebschaften füllt die jetzt erschienene Biografie Die vielen Leben der Ruth Landshoff-Yorck von Thomas Blubacher leicht: „Sie verkehrte mit Gerhart Hauptmann und Andy Warhol, Hugo von Hofmannsthal und Patricia Highsmith, Ernst Toller und Bette Midler. Sie spielte Krocket mit Thomas Mann, wurde von Oskar Kokoschka porträtiert, tanzte mit Josephine Baker, verhalf Marlene Dietrich zu ihrer Rolle im Blauen Engel und führte Charlie Chaplin durch Berlin.“ Mit Adolf Hitler fuhr sie Fahrstuhl, Salvador Dalí war ihr Premierengast und Annemarie Schwarzenbach eine gute Freundin.

Doch das war nur eine Facette der vielen Leben der Ruth Landshoff. In der US-amerikanischen Emigration wandelte sich die Nichte des jüdischen Verlegers Samuel Fischer zu einer kämpferischen Autorin gegen das Dritte Reich. Viele ihrer Verwandten wurden im Holocaust ermordet. Sie verarmte, wurde krank, verlor ihre Sprache und erfand sich Anfang der 60er Jahre in New York als Theaterautorin und Salondame der schwulen Kunstszene neu.

Landshoff rettete das Beste der 20er Jahre über die Zeit, liebte das Spiel mit Geschlechterrollen. Mit ihrem schwulen „Zwilling“, Franceso von Mendelssohn, hat sie mehr als einen Möchtegernliebhaber hinters Licht geführt. Als Frau kostümiert, hilft ihr Franceso, sich elegant aus der Affäre zu ziehen, wenn ihr die Tuchfühlung mal wieder zu eng wird. „Ruth findet, es sei durchaus großzügig von ihr, ihr unwilliges Ich gelegentlich durch den bezaubernden Cesco zu ersetzen. Tatsächlich zeigen sich etliche der durch die Maskerade getäuschten jungen Männer nach dem ersten Schock nicht abgeneigt, ihm noch näher zu kommen.“

Locker-flockig

Nur bei einem Senioren bedauert Ruth ihre Leichtfertigkeit: „Der alte Mann Lucius hätte einen Herzinfarkt erleiden können. Wir sollten so etwas nie wieder tun.“ Landshoff liebte Männer wie Frauen, heiratete kurzzeitig einen adligen Bankangestellten. Ihr Leben war schnell und brüchig, aber die dunklen Zeiten fallen in der Rückschau meist unter den Tisch, was an ihrem eigenen, nonchalanten Darüberhinweggehen liegen mag. Zum Beispiel die Vergewaltigung, der sie zum Opfer fiel, die noch dazu eine stümperhafte Abtreibung und daraus folgende Kinderlosigkeit nach sich zog. In der Emigration in den USA litt sie unter den verschiedensten Schmerzen, und es hagelte Absagen. Denn im Wirrwarr der Zweisprachigkeit und zusätzlich unter Druck durch die schwere Existenznot verlor sie ihr Ausdrucksvermögen. „Sie schreibt in beiden Sprachen, übersetzt etliche Texte in die jeweils andere, beherrscht aber keine. Es scheint sogar, als gehe ein Teil ihrer englischen Sprachkenntnisse im Lauf der Jahre wieder verloren.“

Es ist ein vertrauter, aktueller Ton in den Worten, in denen sich Ruth Landshoff-Yorck als Sprachrohr ihrer Generation, als Teil einer Gemeinschaft von jungen Leuten versteht, „die außer Atem sein müssen, ehe sie zum Lesen kommen von Sonne, Luft, Bewegung und Freude am Leben“. Und auch der Tadel und die leicht paternalistischen Sorgen kommt einem sehr aktuell vor. „Süße und erschreckende Ruth, voll Verzweiflung und Staunen, so bereit für morgen – so unvorbereitet für heute.“ Der amerikanische Schriftsteller John Latouche adelt sie 1944 in seinem Tagebuch als „ein Genie ohne Disziplin“. Ihre Feuilletons in Blättern wie Die Dame, Tempo, Das Magazin oder Sport im Bild, das seien „locker-flockige Feuilletons, ironische Glossen und prägnante Skizzen, leicht und flott geschrieben für den raschen Gebrauch“, befindet der Biograf Thomas Blubacher, kurzum: Sie sind ein wenig oberflächlich.

Aber Ruth Landshoff-Yorck konnte mehr als spötteln und feiern und verwegen sein. Sie schrieb kess und scharf, witzig und zärtlich. „Ja, hast du denn nie einen Baedeker gelesen, ungebildeter Bursche? Drei Sterne bedeuten etwas ganz Besonderes, Gretlein ist eben in ihrer Art erstklassig“, schreibt sie in einem ihrer Feuilletons an den Provinzvater, der die Sterne hinter dem neuen Namen seiner Starlettochter nicht versteht. Weit über über 100 Artikel in verschiedenen Magazinen und Zeitungen verfasste Ruth Landshoff-Yorck bis 1933, und sie trat schließlich auch als Schriftstellerin hervor. Ihr Debütroman Die Vielen und der Eine erschien 1930, als sie 26 Jahre alt war.

„Gekonnt spielt sie darin mit Illustriertenklischees und Techniken der Avantgarde“, heißt es. Die mit Ruth Landshoff-Yorck befreundete Schriftstellerin Annette Kolb lobte zunächst, merkte aber dennoch an: „Sie hat eine große und liebenswürdige Eigenschaft, sie schreibt nicht langweilig. Aber sie hat einen weiten Weg und wird sich gehörig entsnoben müssen.“ In Bezug auf Männer und Gewalt scheint Landshoff weniger hochnäsig als desillusioniert gewesen zu sein: „In Deutschland dachten die meisten Männer, moderne Mädchen mit modernen Ideen hielten es für modern, mit jedem, der gerade Lust hatte, zu schlafen – was den echten Huren das Leben sehr erschwerte.“ Als Journalistin und auch als Motorrad- und Autofahrerin ist sie in den 20ern eine Ausnahme.

1966 ist Ruth Landshoff-Yorck gestorben. Im Bild einer Unbekannten zeichnete sie sich selbst: „Sie war eine Frau, wie es sie heute geben könnte, die gegen ihre Zeit lebt, gegen eine uns fremde vergangene Zeit mit Problemen, die nie gelöst wurden, sondern von selbst verschwanden.“

Info

Das Mädchen mit wenig PS – Feuilletons aus den zwanziger Jahren Ruth Landshoff-Yorck Walter Fähnders (Hg.), Aviva 2015, 224 S., 18,90 €

Die vielen Leben der Ruth Landshoff-Yorck Thomas Blubacher Insel 2015, 365 S., 24,95 €

Maike Wetzel lebt als Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Berlin

06:00 17.10.2015

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