Eine ehrenwerte Gesellschaft

Globalisierung um 1600 Vor 400 Jahren wurde das mächtigste und modernste Unternehmen der frühen Neuzeit gegründet. Die "Holländische Vereinigte Ostindische Compagnie" (VOC) baute in kurzer Zeit ein Netz an Handelsstützpunkten und Kolonien auf und war somit ein Vorläufer der großen globalen Unternehmen unserer Gegenwart

Worin lag wohl der Sinn des Reisens vor 400 Jahren? Versuchte man Wissen zu akkumulieren? Die angstvolle Erfahrung mit der Fremde zu spüren? Den Einblick in unbekannte Welten zu erlangen? Vielleicht, aber doch nur bedingt. Der Sinn des Reisens lag, so hätte ein holländischer Reisender des 17. Jahrhunderts kopfschüttelnd geantwortet, in der Dominanz des fremden Marktes. Niemand verließ seine angestammten Amsterdamer Verhältnisse damals aus einem Drang zur Mobilität. Reisen machte kein Vergnügen. Man reiste, um Herrschaftsverhältnisse zu verkehren, Monopole zu erobern und Märkte zu beherrschen. Die Hoffnung auf Eigenständigkeit und die Etablierung einer selbstbewussten Identität überwogen. Portugiesen und Spanier waren die ersten, die den Ozean auf der Suche nach Kapital durchkreuzten. Holland folgte ihnen bald. Die junge, 1576 unabhängig gewordene niederländische Nation pochte forsch und fordernd an die Tore Südostasiens. Sie tat dies jedoch nicht im Namen des Staates, vielmehr unter dem Banner eines Unternehmens.

Das Recht auf Handelsrecht ist Völkerrecht



Die Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) wird im Frühjahr 1602 begründet, mehr aus wirtschaftlicher Not denn aus planvoller Überlegung. Vier niederländische Unternehmen machen sich im soeben initiierten Ostindienhandel das Leben schwer. Im mörderischen Konkurrenzkampf steht das Überleben aller auf dem Spiel, doch erst durch eine politische Intervention wird den Unternehmern die Tragweite ihrer Strategie bewusst. Die Devise ist simpel und erfolgsversprechend: Entweder man schließt sich zusammen oder treibt in den Ruin. Man wählt die Bündelung gemeinsamer Kräfte. Die Garantie für ein 21 Jahre geltendes innerstaatliches Handelsmonopol wird ausgesprochen. Kein Kartellamt schreitet damals ein, lediglich die Konkurrenz aus dem Ausland wirkt nervös.
In Portugal und Spanien fordert man die Einhaltung ihrer vom Papst ausgesprochenen Konzessionen über den Erdball. Für die calvinistischen Niederländer bedeutet dies eher eine Aufforderung zum Handeln. Und doch versucht man, die geplante Expansion zu legitimieren. Man beauftragt den jungen Rechtsgelehrten Hugo Grotius, den seine These vom freien Handel in ganz Europa bekannt machen wird. "Denn Gott hat eine Welt erschaffen, in der kein Volk über alles verfügt, was es braucht, in der aber jedes Volk andere aufsuchen kann über die Meere, die dank wechselnder Winde in alle Richtungen befahren werden können." Das Recht auf Handelsfreiheit muss Völkerrecht sein.
Durch die Fusionierung der einzelnen Firmen verfügt die VOC über gigantische Kapazitäten. 65 Schiffe sind in ihrem Besitz, ein Großteil der holländischen Lagerhäuser und innerhalb kürzester Zeit mehrere tausend Mitarbeiter unter Vertrag. Am wesentlichsten jedoch erscheint die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Der zukünftige Stolz der Nation wird von Anfang an als unternehmerischer betrachtet. Die Anleger stammen aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus. Hausmeister erwerben Anteilsscheine, Zimmermänner, Dienstmädchen und Politiker. Bemerkenswert modern erweist sich die Firmenstruktur. An deren Spitze stehen 17 Direktoren; ein Vorstand, der anteilsmäßig die Städte und Regionen der zuvor selbstständig agierenden Unternehmen repräsentiert.
6,4 Millionen Gulden werden als Grundkapital in die Kassen der VOC gespült. Der Betrag wird sich in der Zeit ihrer Existenz nicht verändern. Schon wenige Tage nach der Gründung am 20. März 1602 verlassen die ersten Schiffe den Amsterdamer Hafen mit Ziel Ostindien. Die Firmenphilosophie ist aggressiv: Um an die begehrten Gewürze zu kommen, soll man weder vor Druck noch Gewalt zurückschrecken. Die Kapitäne befolgen die Order. Portugiesische Schiffe werden gekapert, englische Kaufleute eingeschüchtert. Am härtesten freilich trifft die Geschäftspolitik die lokale Bevölkerung der kleinen Gewürzinseln. Schon 1602 wird ein erpresster Vertrag unterzeichnet, in dem sich die Verantwortlichen der jeweiligen Inseln verpflichten müssen, nur noch an die VOC zu verkaufen.
Die Inselbewohner halten sich jedoch keineswegs an die Dokumente. Zu wichtig ist der Handel, vor allem mit den innerasiatischen Partnern. Man benötigt Reis zum Überleben, und die Chinesen sind bereit, ihn zu liefern. Auch englisches Silber will man nicht verschmähen. Die Holländer allerdings pochen auf ihr Monopol. Wer nicht handeln will, muss sterben. Schnell erkennt man auf den Inseln, dass sich der vormals freundschaftliche Handelspartner als hartnäckiger Opponent erweist, durchaus gewillt, sich sein vermeintliches Recht auch mit Gewalt zu holen.
In Holland unterstützt man die rücksichtslose Jagd nach Profit. Zwar kritisieren einzelne Mennoniten die brutalen Auswüchse des wirtschaftlichen Vordringens - manche verkaufen oder verschenken ihre Aktien -, fürs erste jedoch wird der rigorose Kampf um die Gewürzinseln als Notwendigkeit angesehen. Protest erhebt sich aus anderen Gründen. Die Tonnen an Muskatnüssen, Nelken, Zimt und Pfeffer erzielen am europäischen Markt horrende Preise. Als Modeprodukte für die wohlhabenden Klassen und Statussymbole für die Herrschenden haben sie längst Eingang in die Warenwelt gehalten. Preis steigernd wirken sich zusätzlich die vielfältigen medizinischen Wirkungen aus, die man den exotischen Gewürzen zuschreibt. Mit ihnen bekämpft man Flatulenz, Impotenz und Keuchhusten. Nicht zu vergessen die Pest, die - zynisch wie es der Weltmarkt verlangt - pünktlich zur ersten Ausfahrt Teile Europas überzieht.
Von den gewaltigen Profiten jedoch sehen die Aktionäre nichts. Die Direktoren verwenden die Überschüsse, um aufs Neue zu investieren. Die militante Geschäftspolitik erfordert Ausgaben. Handelsstützpunkte sollen errichtet werden, Soldaten ihre Sicherheit gewährleisten und expansiv neuen Raum erschließen. Die Gefechte gegen die Konkurrenz verschlingen Millionen. Zudem erreicht nicht jedes Schiff den Heimathafen. Man weigert sich also, die versprochenen Dividenden auszuzahlen. Die Aktionäre wehren sich, doch ist ihr Mitspracherecht beschränkt. Sie veröffentlichen Pamphlete, Flugschriften gegen die Direktoren geraten in Umlauf, man sieht sich um sein Vermögen betrogen: "Anstatt ihre Bücher mit Speck zu beschmieren", fordert man Rechnungslegung und die Rechtfertigung der Ausgaben. Dazu ist die Kompanie nicht verpflichtet. Doch kurze Zeit vor Auslaufen des ersten Handelsmonopols lenkt man, durchaus populistisch, ein. Weitere 21 Jahre werden gewährleistet. Zwar bekommen die Aktionäre kein Vetorecht, doch verpflichtet man sich, fortan Dividenden zu zahlen.

Der erste Völkermord der östlichen Hemisphäre



Zu diesem Zeitpunkt ist die holländische Dominanz über einen Teil Südostasiens bereits Fakt. Wo es möglich war, wurde kolonisiert, wobei man, im Zeichen der Muskatnuss, selbst vor der Auslöschung der einheimischen Bevölkerung nicht zurückschreckt. Auf der winzigen Insel Pulo Ai vollzieht sich der erste Völkermord der östlichen Hemisphäre. Gesicherte holländische Kastelle erheben sich daraufhin über mikroskopische Inseln. An den Küsten von China und Japan sieht die Welt anders aus. Zumeist ist man sich der eigenen Unterlegenheit bewusst; und allzu abenteuerlustige Kommandanten werden schnell eines Besseren belehrt. Also begnügt sich die VOC mit Handelsniederlassungen und scheut dabei keine Selbsterniedrigung. Man buckelt und bettelt, überschüttet die Herren des Ostens mit Geschenken, intrigiert gegen Konkurrenten und schwört sogar dem eigenen Glauben ab. Auf diese Weise wird man zwar belächelt, doch sichern sich die Holländer langsam auch besondere Konzessionen. So sind sie beispielsweise bis ins 19. Jahrhundert die einzigen Europäer, denen es gewährt ist, in Japan Handel zu treiben.
Die umtriebige und expansive, bald globale Unternehmensstruktur ist nur durch die Verbindung mit der Politik möglich. Der Staat fördert seine Kompanie wann immer er es für nötig hält. Kein Wunder, ist doch ein Großteil der Politiker auch Inhaber von Aktien, oder aber direkt in die Geschicke der VOC involviert. Lukrativ ist das allemal. So schieben sich die Direktoren gegenseitig Aufträge zu, sind Hauptzulieferer der Schiffe und verkaufen ihrem eigenen Unternehmen die Produkte, die es als Ausrüstung benötigt. Segel und Wein, Salz und Getreide werden von ihnen, keineswegs zu Sonderkonditionen, geliefert. Die gewährt man sich jedoch selbst, wenn es um den Erwerb spezieller ostindischer Produkte geht. Ein Schritt, wenn auch ein kleiner, in Richtung Abgrund. Da die potentiellen Ankläger jedoch zumeist Familienmitglieder oder Freunde sind, halten sich die Sorgen in Grenzen. Die Macht der Kompanie nimmt beizeiten exzessive Ausmaße an. Ein Staat im Staate generiert sich.
Im Vorhof der Hölle
Der ist zeitweise für über 20.000 Beschäftigte verantwortlich, wobei sich die Sorge um das Personal auf die Arbeitsleistung und die möglichen Profite reduziert. Die Berichte über die Arbeitsbedingungen lesen sich wie der Jahresbericht von Amnesty International. Wie Fliegen sterben die Seeleute und Kaufmänner, an Deck oder in den tropischen Kolonien. Zwei von dreien sehen Holland nicht wieder. Vitaminmangel ist zumeist dafür verantwortlich, Wasser mit Würmern eine der vielen anderen Ursachen. Angelegt wird während der achtmonatigen Reise nur an der Kolonie am Kap. Man fürchtet Verzögerungen und das vorzeitige Verlassen des Schiffes. Die Arbeitsbedingungen sind verheerend und die geringe Freizeit ist mit einem Register von Regeln belegt. Ihr Bruch ist mit Strafen versehen, die nicht selten den Tod zur Folge haben.
In den Kolonien selbst kämpft man fortwährend: gegen die Hitze, gegen Aufständische, Monopolbrecher - zumeist aus den eigenen Reihen -, sittenfremdes Verhalten, Gottlosigkeit und was es sonst an Übeln im 17. Jahrhundert gibt. Ein Vorhof der Hölle. Der Auswanderungswille der Holländer, die diese Berichte kennen, bleibt verständlicherweise gering. So kommt es, wie es kommen muss. Die Crème der Kolonisten besteht aus einem Gemisch von Hoffnungslosen und Häftlingen, die Disziplin stellt ein permanentes Problem dar. Zuweilen erweist sich dies als Vorteil. So treibt man in Prügel- und Mordlust die letzten Engländer vom indonesischen Archipel.
Durch diese Rücksichtslosigkeiten bricht zunehmend Zorn über die Kompanie. Man schiebt ihr die Verantwortung für die drei Seekriege gegen England im 17. Jahrhundert zu. Nicht ganz zu Unrecht. Die Idee vom freien Handel gilt, wie die Engländer richtig mutmaßen, nur für die Holländer. Mehrmals kommt es zu Massakern an englischen Kaufleuten, das Weltmonopol für die Muskatnuss wird unrechtmäßig und mit Gewalt erobert. Als Kompensation verlangt England die holländische Kolonie Manhattan. Man einigt sich, und die kleine Insel wird eingetauscht.

Schmuggel, Korruption und Rezession: Das Ende der Compagnie



Vielen Holländern ist ihre eigene Kompanie ein Dorn im Auge und oftmals wünscht man sich, dass deren Schiffe kein Land mehr sehen. Kompromisse sind freilich mit der VOC nicht zu machen. Ihre Firmenpolitik reagiert nicht auf die Zweifel aus dem Volk. Im Gegenteil: der Versuch mutiger Politiker, die Machtfülle der VOC zu durchbrechen, scheitert. Offen wird mit Abwanderung gedroht - sobald man anfängt, mit Angeboten aus Frankreich zu kokettieren, verstummt die Kritik.
Durch die Eroberung des Gewürzmonopols erreicht die VOC eine weltumspannende Bedeutung. Auch verlegt man sich zunehmend auf die Ausfuhr weiterer Produkte. Mehr als 100 werden es zur besten Zeit sein. Zusätzlich wird der Handel über den ganzen europäischen Raum ausgedehnt, um damit das nötige Silber für die Geschäfte mit Japan und China zu bekommen.
In ihrer Weltläufigkeit liegen freilich auch die Gefahren begraben. So schafft es die VOC niemals, den Schmuggel ihrer eigenen Angestellten in den Griff zu bekommen. Korruption untergräbt die Firmenstruktur. Unterschlagungen werden Gewohnheit. Dazu explodieren die Kosten für die Sicherung der Standorte. So verwundert es nicht, dass das Unternehmen bei ständigem Sinken der Gewürzpreise immer größere Probleme bekommt. Rezessionen können anfangs noch aufgefangen werden, doch im späten 18. Jahrhundert ist die VOC von innen her ausgehöhlt und von der ungünstigen Preissituation am Weltmarkt gebeutelt. Das mächtigste Unternehmen der frühen Neuzeit wird 1798 aufgelöst. Der holländische Staat tritt an die Stelle der VOC. Der Weg für ähnlich gigantische Unternehmungen ist freilich vorgezeichnet. Die Nachfolger haben nur bedingt aus den Fehlern gelernt. Die Resultate sind Tag für Tag aufs Neue sichtbar.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 03.05.2002

Kommentare