Eine erstaunliche Karriere

Polemik Action, Verrat, Geld, Öl, Frauen: Die Geschichte Osama bin Ladens war ein Thriller mit großem Budget, riesigen Einnahmen – und immensen Verlusten

Es ist verständlich, dass sich Osama bin Laden nach Universalität sehnte, das tun wir alle. Aber warum ist er nicht zum Film gegangen? Er verfügte über Wohlstand und hochrangige Kontakte, lokale wie internationale. Ein Mann mit einer faszinierenden Biographie: Aus einer riesigen Familie mit zahllosen Geschwistern stammend, war er ein rastloser Teenager, der mit 16 bereits berühmt war in den Bars und Bordellen Beiruts und dann mit 44 Jahren zum meist gesuchten Mann der Welt wurde. Mythos und Realität, das Archaische und das Moderne, vertrugen sich selten so gut – und brachten in einer bizarren Ehe einen bemerkenswerten Bastard hervor.

Osama bin Laden wurde am Ende doch berühmt, zum Star in einer riesigen amerikanisch-saudisch-pakistanischen Produktion – einer überwältigenden Show der Heuchelei, Korruption und Zerstörung. Sie schufen ein Monster, das sich schließlich gegen sie wendete. Uns, die wir den endlosen Wiederholungen der Bilder der Angriffe vom 11. September ausgesetzt waren, kam das Ganze vor, als schauten wir wirklich einen Film. Einen jener Apokalypse- und Katastrophenstreifen aus Hollywood, in denen geflügelte, allerdings extrem intelligente und extrem böse außerirdische Kreaturen unseren geliebten Planeten überfallen, der in der Regel als eine große Stadt wie etwa New York dargestellt wird. Und wer außer dem amerikanischen Militär nimmt schon die Verantwortung auf sich, die Aliens zu bekämpfen?


Mit Anfang 20 hatte bin Laden geheiratet und sich vom Trinken und den Huren verabschiedet, er war nun bußfertig, aber immer noch ruhelos, ehrgeizig und außerdem zornig. 1979 fielen die gottlosen Russen in die islamische Wildnis Afghanistans ein, und er wie die übrige Welt – so hören wir von den Mythenerzählern, die sich „investigative Journalisten“ nennen – war entrüstet. Wirklich? Wo waren er und die übrige Welt denn, als sich ein Jahr zuvor die Israelis in den libanesischen Bürgerkrieg einmischten? Oder war der Libanon für ihn und sie bloß ein Bordell? Hatten Lust und Reichtum ihn blind gemacht für die palästinensischen Flüchtlingslager, die sich nur um die Ecke von dort befanden, wo er und andere ölreiche Scheichs das Geld ihrer Bevölkerung verschwendeten?

So ging bin Laden nicht nach Palästina – anders als jeder andere nahöstliche Prophet und Prediger mit Glut im Herzen. Er ignorierte somit den Willen Mohammeds, der seinen Anhängern doch befohlen hatte, der zweitbeste Ort, um dessen willen ergebene Muslime den Dschihad erklären müssten, sei Jerusalem. Weshalb hielt bin Laden sich von Palästina fern? Aus Heuchelei – warum auch sonst?

Diese Geschichte handelt in erster Linie von Heuchelei. Der große Krieger bin Laden, der aus einem eng mit den USA verbundenen Land kam, wusste, dass es politisch opportuner war, gegen Russen zu kämpfen, als gegen Israelis. Und der Scheich bin Laden hatte – bevor er zu jener berüchtigten Person wurde – einen Blick fürs Geschäft entwickelt, kannte seine Märkte also ausgesprochen gut. Seine Sponsoren kannten ihre Märkte ebenfalls.

Doch warum wurden – als es schief ging und sich der Familienstreit zwischen Amerikanern, Saudis und Pakistanern ausdehnte – alle Muslime, der Islam und auch der Koran verantwortlich gemacht? Warum mussten in Afghanistan und dem Irak Zivilisten geopfert werden? Versäumten es all die Romanciers und Sportreporter, die plötzlich zu Islamexperten wurden, diese Frage zu stellen? Wohl nicht. Willentliche Ignoranz war damals das Gebot der Stunde. Und für die rassistische westliche Vorstellungskraft bot sich die Gelegenheit, ihre Errungenschaften zur Schau zu tragen.

Bin Laden, der Film: Das ist eine große Geschichte mit dem Potenzial für ein großes Budget und noch größere Einnahmen. Ein Thriller mit jeder Menge Action, Spionage, Verrat, Geld, Öl und Frauen. Er handelt davon, wie Geschichte gemacht wird und vom Ende des Kalten Krieges.

Blöd nur, dass der Kalte Krieg tatsächlich endete und die Kämpfer in Afghanistan ebenso zurückließ wie ihre Sponsoren, die nun verzweifelt neue Feinde brauchten. Anders als Fußballer ergeben sich Mudschaheddin nicht dem Schicksal einer frühzeitigen Pensionierung. Nach mehr als einem Jahrzehnt des Krieges, den sie eigentlich ja gewonnen hatten, konnten bis zu 14.000 Kämpfer nicht einfach zu stillen Zivilisten werden. Auch der Sieg ist zum Fürchten.

Ebenso wenig machen Geheimdienste, Sicherheitskräfte und Militärs einfach den Laden dicht, wenn der Auftrag erledigt ist. Es sind Institutionen fürs Leben mit Jobs fürs Leben. Und gibt es keinen Feind, der ihre Existenz und ihre gewaltigen Budgets rechtfertigen würde, dann müssen sie einen ersinnen. Schon lange vor dem 11. September begannen diese Kräfte in Amerika von der „islamischen Bedrohung“ zu reden. Will man, dass etwas passiert, fängt man am besten damit an, ein Gerücht zu streuen. Die Mudschaheddin und ihre ehemaligen Sponsoren suchten und fanden den tröstenden Feind ineinander.

Der Waffenhandel ist für anständige Steuerzahler, die scheinheiligen Massen, sehr lukrativ. Er sorgt für Geld in den Staatskassen und eine gute Versorgung mit öffentlichen Dienstleistungen. Zumindest sorgt er dafür, dass die Banken genug Cash haben, das sie an Arbeits- und Mittellose verleihen können, solange diese in der Lage sind, Zinsen zu zahlen – und es so nicht zur Notwendigkeit wird, von sozialer Gerechtigkeit zu sprechen. Stattdessen werden die Reichen ungehindert reicher, können sie die Medien kontrollieren und die Politik manipulieren.

Schuss auf einen Untoten

Nun fand sich unser Protagonist bin Laden auf der Seite der wirklichen Abtrünnigen, die mit seinen alten Unterstützern wenig gemein hatten. Was hätte er tun sollen? Sich ruhig verhalten, sein Geschäft auf lokaler Ebene führen, vor allem aber die Arbeiten Foucaults’, Habermas’ und das Opus der Frankfurter Schule lesen sollen – so wie schlaue Leute wie wir es getan haben – und sich ein Beispiel an uns nehmen? Er hätte erfahren, dass er keine Chance hat, dass er im Kampf gegen seinen neuen Feind nach vollkommen neuen Methoden hätte suchen oder das Kämpfen komplett hätte aufgeben sollen. Es ist aber schwierig, sich neu zu erfinden und einfach, sich umzubringen. Und so hatte unser Mann eine relativ kurze, aber erstaunliche Karriere.

Nun folgt das Ende: Der kranke und frühzeitig gealterte Held ist tot. Lebte er noch, als sie ihn fanden oder war er kalt wie Eis und musste deshalb hastig im Meer versenkt werden, bevor man die Leiche hätte untersuchen und feststellen können, dass die furchtlosen amerikanischen Kommandos tatsächlich einen Toten erschossen haben? Der Gerechtigkeit wurde jedenfalls Genüge getan – zumindest bis zum nächsten Mal. Bis zu einer weiteren kostspieligen Produktion über Fanatiker und Kriege und Hunderte unschuldiger Zivilisten, die mit ihren Leben bezahlen. Dann werden wir über eine Fortsetzung nachdenken – Osama bin Laden, der Film, Teil II.


Samir El-Youssef
wurde in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Süd-Libanon geboren und lebt seit 1990 in London. Er ist der Autor der Romane A Treaty of Love und Die Illusion der Rückkehr sowie des Geschichtenbands Alles Gaza, den er gemeinsam mit dem Israeli Etgar Keret verfasst hat





Dieser Text ist Teil der Freitag-Sonderausgabe 9/11, die der Perspektive der arabisch-muslimischen Welt auf die Terroranschläge und ihre Folgen gewidmet ist. Durch einen Klick auf den Button gelangen Sie zum Editorial, das einen ausführlichen Einblick in das Projekt vermittelt. In den kommenden Tagen werden dort die weiteren Texte der Sonderausgabe verlinkt.

Übersetzung: Holger Hutt

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15:46 08.09.2011

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