Eine Familienaufstellung

Medientagebuch Statt mit rosa Festkleidern beschäftigt man sich auf arte mit der Geschichte der Festspiele

In Wagners Sippe geht´s zu wie auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses. Intrigen, Neid, Machtkämpfe und Geldgier, Täuschung und Rache, Höhenrausch und schreckliches Scheitern, alles, was im Ring der Nibelungen vorkommt, entspricht auch den dramatischen Konstellationen der Geschichte der Wagners, über der nach wie vor das Über-Ich des Genie-Komponisten Richard thront. Ein Stoff, der nach Verfilmung schreit und ein Jahr nach seiner Fertigstellung nun auch endlich als Dokumentation mit dem doppeldeutigen Titel Das Familientheater der Wagners gesendet wird. Auf arte, wo sonst.

Dabei wird vielleicht gar nicht soviel Neues über diese neurotische Familie gesagt, was man nicht schon durch die Fachliteratur und die Klatschpresse wusste. Neu aber ist die Idee von Philippe Olivier und ihre fulminante Umsetzung durch den Autor Oliver Becker und Kameramann Jörg Jeshel, die Wechselwirkungen zwischen den dramatischen Elementen der Oper und den tatsächlichen Ereignissen in der Entwicklung des Wagner-Clans deutlich zu machen. Eine einfache Gliederung und ein ruhiger Bewegungsfluss dieses Wusts an Tönen, Bildern und Irrsinn gibt den Blick frei für die Strukturen, aus denen sich soviel Zerstörung ergeben hat. Der Fernsehzuschauer sitzt sozusagen in der Aufführung der Aufführung des Familientheaters und schaut mit der Kamera auf eine Guckkasten-Bühne. Was er sieht, erinnert nicht umsonst an die Reißbrett-Inszenierung im Lars von Trier-Film Dogville, so streng und zentriert in der Form und gleichzeitig inhaltlich so emotional und politisch bombastisch.

Wabernde Nebelschwaden, giftgrüne Kulissen, leuchtend rot simulierte Feuersbrünste symbolisieren die Unheimlichkeit, das Düstere, kurz: die "fürchterliche Tragödie" und das wie auch immer heute antiquiert wirkende "Großartige" früherer Ring-Aufführungen. Rekonstruierte Opernszenen mit Bühnenbildern der vergangenen Epochen aus Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung werfen die hohe Kunst der Dramatik auf, souveräne Wagner-Kenner wie Peter Wapnewski und Brigitte Hamann sowie stellvertretend für die Sippe der derzeitige Wagner-Hausherr Wolfgang und Urenkel Gottfried erklären, analysieren, bewerten.

Der monumentale Patriarch Richard schrieb ja nicht nur die Musik, sondern auch sämtliche Texte zu seinen Werken selbst. Das war nichts anderes als, wie der Bau des Festspielhauses auf dem Hügel auch, "die Verwirklichung seines Bildes von der Welt und des eigenen Genies", und das wiederum war geprägt von Hass, berauschenden Beweihräucherungen und einer unheilvollen Dominanz gegenüber allen, die unter ihm waren, also jedermann. Wie man an den Gesichtern sehen kann, mit absolut fatalen Folgen bis ins letzte Glied. Sohn Siegfried hatte "keine Chance", schwul, weichlich, tragisch. Außer Vater Richard knebelten ihn die "starken Frauen", Mama Cosima, die drei Schwestern, schließlich die Zwangsehefrau Winifred. Wie bei einer Familienaufstellung blickt man in die Abgründe derselben und ihrer Abhängigkeiten, Tabus und Lügen, allerdings ohne Lösung der Verstrickungen. Davon zeugt Enkel Wolfgang Wagner in seiner haspeligen Schwammigkeit, und selbst Urenkel Gottfried scheint nur oberflächlich davon befreit. Man erfährt also in dem dokumentarischen Film viel über die wesentlichen Grundzüge und Hintergründe des Wagnerianismus. Über Cosimas "kultische Verehrung alles Wagnerischen", über die prägende Rolle der "sehr flachen" Winifred und ihren verklemmt-erotischen Kult um und mit Hitler, der schon seit 1923 "zur Familie gehörte". Es werden nicht nur die engeren Familienbande aufgeschlüsselt, sondern auch die politischen Ausmaße der Musikgewalt und -gewaltigen. Sie sinnlich nachvollziehen zu können, ist das zweite große Plus dieser Sendung. Innige Zusammenhänge entdeckt man bei der rhythmischen Umsetzung des Satzes "Richard Wagners Musik erfährt im Nationalsozialismus seine politische Realisierung". Wenn zum Beispiel der Schnitt von der Opernbühne zu den Archivaufnahmen Ball-schwingender BdM-Mädels gleitet, deren gymnastische Übungen sich perfekt in die Wagner´sche Musik einschwingen. Krieg und Bühnendrama, auch das passte. Wie eine zwingende Synthese zwischen Musik und Ideologie wirkt das Bild der Festspiele 1943, als von den Sängern bis zum Dirigenten alle in Nazi-Uniformen auftraten, vor einem durchuniformierten, begeisterten Nazi-Publikum. Und was ist mit der Assoziation, die einen bei den Archiv-Aufnahmen von Hitlers huldvollem Grüßen des jubelnden Volks vom Balkon des Bayreuther Festspielhauses befällt und an aktuelle Bilder der aktuell das-jubelnde-Volk-huldvoll-grüßenden PolitikerInnen vom Balkon des Festspielhauses erinnert?

Vorhang zu, Abspann, Applaus. Nachhall.

Bleibt die Frage, warum wird der Film nicht zum Auftakt der 94. Festspiele gesendet? Warum so versteckt und zu so später Stunde? Statt sich mit dieser gelungenen Dokumentation über den psychologischen und politischen Widerhall mythologisch verbrämter Musikdramatik auseinander zu setzen und sie entsprechend im Programm zu platzieren und anzukündigen, haben sich Programmmacher und die Presseberichte lieber mit dem alljährlichen Festspiel-Aufzug und, noch prominenter, mit dem Schweißfleck unter dem rechten Arm von Angela Merkels "knapp sitzenden, rosafarbenen Seidenkostüm" beschäftigt. Wenn schon das Bild, wie "Kanzlerkandidatin Angela Merkel und ihr Ehemann Joachim Sauer vor der Premiere der 94. Richard-Wagner-Festspiele" (Süddeutsche Zeitung) auf dem roten Teppich schreiten, dann doch bitte mit der Frage, ob sich die Politikerin der Wirkungs-Geschichte dieser Musik, von der sie angeblich so fasziniert ist, bewusst ist. Den Schweißfleck hatte die Süddeutsche Zeitung in vorauseilendem Gehorsam wegretouschiert. Mit der Geschichte dieses "Familientheaters" lässt sich das nicht machen. Allen Mitwirkenden dieser Fernsehaufklärung sei Dank.

Das Familientheater der Wagners am Samstag, den 6. August, um 22.30 Uhr auf arte.


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00:00 05.08.2005

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