Eine Feier des Vorurteils

Kulturkommentar Der Eurovision Song Contest lebt von Klischees – und das ist auch gut so. Das Punkte-Unser ist eben Teil des Vergnügens

Klischees sind kleine Helfer, die es uns erleichtern, die Welt zu verstehen. man könnte sogar sagen, dass in der Pflege der Klischees sein tieferer Zweck liegt. Eine hohe Messe als gigantische Unter­haltungsveranstaltung, die von vielen Menschen vor allem zelebriert wird, um bestehende Klischees zu bestätigen. Denn davon leben Klischees – sie wollen nicht hinterfragt, sondern bekräftigt werden.

Leider genießen sie deshalb einen extrem schlechten Ruf. Dabei braucht der Mensch Klischees und Vorurteile. Sie festigen nicht nur sein Weltbild, sondern ermöglichen es ihm ganz grundsätzlich, sich in der Welt zurechtzufinden. Sie ermöglichen es auch, den Eurovision Song Contest ansatzweise zu verstehen: Da gibt es das Klischee, bei der größten Musikshow der Welt würde zugleich auch die schlechteste Musik der Welt gespielt werden. (Wer sucht, wird natürlich fündig werden in ein paar der 25 Lieder, die beim Finale erklingen werden ). Und dann gibt es die Vielen, die dem Eurovision Song Contest von Kindesbeinen an treu ergeben sind und das ganze Jahr über im Rhythmus dieses Ereignisses leben. Den Sommer über werden die Platten der einzelnen Interpreten gekauft, im Herbst beginnen die ersten Sendungen zur Vorauswahl für das neue Jahr, und so geht es weiter bis zum großen Ereignis, jedes Jahr das Immergleiche.

Die Balkanstaaten

Also auch kommenden Samstag. Der Eurovision Song Contest ist streng ritualisiert: Um 20.15 Uhr finden sich die Menschen vor dem häuslichen Altar im Wohnzimmer ein und lassen sich vom Te deum, der Eurovisionshymne, auf den Abend einstimmen. Dann wird es ein paar Stunden hin- und hergehen durch Europa, und die Länderkunde wird zuverlässig auf den Plan treten: Die Röcke der Osteuropäerinnen werden wieder besonders kurz sein, die Skandinavier besonders blond, die Show besonders perfekt, weil in Deutschland ausgerichtet.

Um etwa 23 Uhr erreicht die Messe dann ihren liturgischen Höhepunkt. Nun wollen alle dasselbe wissen: Wird Deutschland mal wieder von Israel übergangen? Halten die Balkanstaaten zusammen? Gibt es den Wikingerblock? Die immer gleichen Vorurteile, die immer gleichen Bestätigungen.

Der Mathematiker Marcus Weber vom Berliner Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik hat nun wissenschaftlich nachgewiesen, was wir Fernsehzuschauer ohnehin wussten: Ja, es gibt sie, die Nachbarschaftshilfe beim Eurovision Song Contest. Die Balkanstaaten greifen sich tatsächlich ebenso gegenseitig unter die Arme wie die Skandinavier, die Slawen und die Baltenstaaten. Und die Deutschen bekommen von Israel fast niemals Punkte. Undundund.

Und jetzt? Nichts jetzt. Was wir ohnehin dachten, dürfen wir nun eben auch ganz offiziell denken. Aber das Punkte-Unser wird uns davon unberührt wieder in seinen Bann ziehen. Und schade wäre es, wenn man sich um dieses Vergnügen bringen und die Sendung objektiv oder gar vorurteilsfrei anschauen würde. Denn so unschuldig wie beim Euro­vision Song Contest kann man seine Klischees und Vorurteile sonst nur bei einer Fußballweltmeisterschaft pflegen.

Claas Triebel ist Autor und Psychologe. Sein aktuelles Buch Ein bisschen Wahnsinn: Wirklich alles zum Eurovision Song Contest hat er gemeinsam mit Clemens Dreyer geschrieben (Kunstmann Verlag)

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