"Eine finstere Zeit liegt hinter uns"

Ägyptische Revolution Er hatte Dienst auf dem Tahrir-Platz, als der Umsturz begann: Ein junger Polizist fürchtete um sein Leben. Heute dankt er den Demonstranten dafür, dass er mehr Rechte hat

"Ich stand etwas abseits meines kleinen Verkehrsüberwachungspostens, der sich unter einer der Brücken von Kairo befindet, und beobachtete gebannt das Geschehen. Da hörte ich plötzlich einen Soldaten rufen: 'Herr! Herr! Ihre Kabine brennt!'"

So beginnt die Erzählung eines jungen Polizisten, der am 28. Januar 2011, dem Tag, an dem sich das Schicksal des Willkürherrschers Husni Mubarak entschied, mehrfach dem Tod begegnet ist. Er spricht vom schwersten Tag in seiner Laufbahn. Besonders schwer sei es ihm gefallen, seine Uniform abzulegen, um nicht von Demonstranten gelyncht zu werden, gegen die die Polizei zuvor mit größter Härte vorgegangen war. Wenn die folgenden Aussagen des Mannes auch widersprüchlich erscheinen mögen: Was er über seine Dienstherren im Ministerium sagt, ist eindeutig.

"Angesichts der heftigen Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten in Kairo, die ich am 25. Januar erlebt hatte, war ich am Morgen des 28. Januar unruhig und pessimistisch. Eigentlich hätte ich frei gehabt, doch dann war ich zum Dienst in die Sheikh Rihan Street beordert worden, die zum Innenministerium führt. Ein paar Demonstranten, die zum Ministerium wollten, wies ich höflich darauf hin, dass der Durchgang untersagt sei. Daraufhin zogen sie in Richtung Tahrir-Platz weiter. Später, als sich immer mehr Demonstranten auf dem Tahrir-Platz zum Sitzstreik versammelten, wurde ich zur Qasr el-Nil-Brücke in der Nähe des ägyptischen Museums abkommandiert.

Gegen Mitternacht fiel mir auf, dass etliche gepanzerte Fahrzeuge in Richtung Tahrir-Platz fuhren. Ich war mir sicher, dass ein Befehl zur Räumung des Platzes erfolgt sein musste. Ich erhielt jedoch keinerlei Anweisung, meinen Posten zu verlassen und harrte so lange aus, bis ich schließlich unter Beschuss mit Rauchbomben und Tränengasgranaten geriet. An den Folgen leide ich noch heute."

Während er dies erzählt, hustet der Polizist demonstrativ und spuckt in ein Taschentuch. Dann spricht er weiter:

"Nach allem, was ich am 25. Januar erlebt hatte, war mir klar, dass der 28. Januar nicht leicht werden würde. Als ich morgens losfuhr, kehrte ich, warum auch immer, nochmal um und ließ meine Dienstwaffe und meine eigene Waffe daheim. Einen Pullover, den ich im Auto auf der Rückbank fand, wollte ich daheim lassen, nahm ihn dann aber doch mit. Ich fuhr zu meinem Verkehrsüberwachungsposten, der wenig später, nach stundenlangen Zusammenstößen mit den Demonstranten, in Flammen aufgehen sollte. Einer der beiden Kollegen, der mit mir Dienst hatte und den ich schon seit der Ausbildung kenne, machte sich keinerlei Illusionen darüber, was da auf uns zu kam. Vier Stunden konnten wir unseren Posten halten. Dann mussten wir das Feld räumen. Der Kontakt zu unseren Vorgesetzten war unterbrochen. Die Zahl der Demonstranten stieg stetig an. Was an Tränengas und Wasserwerfern zur Verfügung stand, war so gut wie ausgereizt. Ich wusste schon längst nicht mehr, wer hier eigentlich im Recht war und wer nicht. Ich konnte nicht einfach ruhigen Gewissens gegen die Demonstranten vorgehen. Die Welle des Zorns, die durch die Straßen und auf die Plätze zuschwappte, war unfassbar. Schließlich rannten meine Kollegen und ich einfach Hals über Kopf davon.

Zuflucht auf einem Friedhof

Völlig verstört landeten wir auf einem prächtigen Friedhof, dessen Wärter uns äußerst freundlich aufnahm und uns sogar etwas zu essen und zu trinken anbot. Das, was wir vor unserer überstürzten Flucht erlebt hatten, stimmte uns alles andere als zuversichtlich. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange wir auf dem Friedhof geblieben sind. Ich kann mich auch nicht erinnern, wer mir meinen Pullover aus dem Auto gebracht hat. Aber ich werde nie den Augenblick vergessen, in dem ich meine Uniform auszog, auf die ich so stolz war und bei deren Anblick auch der schlimmste Verbrecher garantiert weiche Knie bekommt.

Beim Friedhofswärter erfuhren wir über Satellitenfernsehen Einzelheiten von den Straßenschlachten, vom Eingreifen der Armee, und auch von den Bränden in diversen Polizeistationen und im Hauptsitz der Nationaldemokratischen Partei von Präsident Husni Mubarak. Zutiefst erschrocken verfolgten wir die Fernsehbilder und vergaßen dabei völlig, dass wir selbst mitten im Geschehen steckten. Mir fiel ein, dass ich mich um meine Familie kümmern musste. Mit einer Stabilisierung der Lage war nicht zu rechnen. Also verließ ich den Friedhof, wollte zuerst nach Hause und dann zum Haus meiner Mutter, wo sich die Kinder aufhielten. Unterwegs sollte ich Dinge erleben, mit denen ich niemals gerechnet hätte. Zunächst packte ich zuhause eilig ein paar Kleidungsstücke für meine Frau und die Kinder zusammen. In der Aufregung beschloss ich, auch unsere Ersparnisse und den Schmuck meiner Frau mitzunehmen. Ich konnte nicht ahnen, dass mir daraus die größten Unannehmlichkeiten entstehen sollten.

Auf dem Weg zum Haus meiner Mutter traf ich mehrmals auf Banditen, die die instabile Sicherheitslage ausnutzen wollten. Manche bekamen es mit der Angst zu tun, als sie merkten, dass ich Polizist bin. Andere hingegen wollten ihren ganzen Hass auf die Polizei an mir auslassen. Doch ich war selbstsicher genug und wusste außerdem, dass ich mir nichts hatte zuschulden kommen lassen. Ich war zum Kampf bereit, gegen alle von ihnen. Ich musste jedesmal einstecken, habe aber auch kräftig ausgeteilt. Einmal hielten mich ein paar Gauner auf und verlangten 100 Pfund. Andernfalls wollten sie mich nicht passieren lassen. Ich war jedoch nicht bereit, auch nur einen einzigen Millim zu zahlen und trat, innerlich schon auf den nächsten Kampf gefasst, auf die Lauernden zu. Plötzlich sagte einer von ihnen, der mich offenbar kannte, zu seinen Spießgesellen: 'Lasst den Herrn durch.' Dann, an mich gewandt: 'Sie sind ein ehrenwerter Mann. Deshalb achte ich Sie, auch wenn Sie arm sind.'

Normalerweise brauche ich von meinem Haus bis zu meinen Eltern höchstens eine halbe Stunde. An diesem Tag war ich geschlagene sieben Stunden unterwegs und umrundete dabei quasi halb Kairo, bloß um von Maadi nach Shoubra zu gelangen. Endlich angekommen, schloss ich meine Kinder in die Arme, die sich unmittelbar danach schlafen legten. Ich hingegen weiß nicht, ob ich geschlafen habe oder nicht. Selbst heute weiß ich nicht, ob ich geschlafen habe oder nicht. Anfangs dachte ich noch viel über mich und meine Zukunft nach. Inzwischen denke ich aber hauptsächlich voller Angst an die Zukunft unseres Landes, nachdem wir ja jetzt alle erkennen mussten, was man uns alles vorenthalten hat.

Bessere Lage für Polizisten

Meine Kollegen und ich haben nichts gegen die Revolution, obwohl wir ziemlich zu leiden hatten, als sie los ging. Erst durch diese großartige Revolution ist uns klar geworden, was für eine finstere Zeit hinter uns liegt. Bis zur Revolution hat man uns Polizisten, genau wie dem Rest der Bevölkerung, unsere Rechte genommen. Wir mussten nicht selten bis zu 18 Stunden am Tag arbeiten und bekamen weder am Wochenende noch in den Ferien frei. Wir wurden außerdem denkbar schlecht bezahlt, wobei unsere Vorgesetzten meistens die Sondervergütungen, die wir kriegen sollten, selbst einstrichen.

Viele Polizisten waren frustriert, weil sie so gut wie keine Aufstiegschancen hatten. Die hohen Beamten klebten regelrecht an ihren Stühlen, anstatt endlich in Pension zu gehen. Bei der Revolution und bei den jungen Leuten, die sie möglich gemacht haben, können wir uns dafür bedanken, dass wir heute viel mehr Rechte haben."

Hossam Saad erforscht als Soziologe das ägyptische Selbstverständnis nach den lokalen und regionalen Veränderungen. Er lebt in Kairo


Dieser Text ist Teil der Freitag-Sonderausgabe 9/11, die der Perspektive der arabisch-muslimischen Welt auf die Terroranschläge und ihre Folgen gewidmet ist. Durch einen Klick auf den Button gelangen Sie zum Editorial, das einen ausführlichen Einblick in das Projekt vermittelt. In den kommenden Tagen werden dort die weiteren Texte der Sonderausgabe verlinkt.

Übersetzung: Andreas Bünger

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15:15 08.09.2011

Ausgabe 38/2020

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