Eine Frage der Aufklärung

Naivität Ai Weiwei ist kein Einzelfall. Seit Monaten geht Chinas Regime gegen Journalisten, Blogger und Künstler vor. Das hätten auch deutsche Kulturvermittler wissen müssen

Eine heftigere Ohrfeige hätte die chinesische Führung der deutschen China-Politik nicht verpassen können. Am 1. April hatte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) im wieder eröffneten Nationalen Museum in Peking noch feierlich die deutsche Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ eröffnet und in moderaten und freundlich gesinnten Tönen für mehr Bürgerrechte in China geworben. Er sprach in seiner Eröffnungsrede von einem „Meilenstein in den deutsch-chinesischen Beziehungen“. Dann bedankte sich Westerwelle bei den Chinesen dafür, dass Deutschland die Ehre zuteil wird, die erste ausländische Ausstellung im wieder eröffneten Nationalmuseum ausrichten zu dürfen, dem größten Museum der Welt. Und dann auch noch eine Ausstellung zum Thema Aufklärung.

Zwei Tage später – Westerwelles Maschine war gerade auf deutschem Boden gelandet – nahmen Sicherheitskräfte Chinas derzeit wohl bekanntesten Künstler und Regimekritiker am Pekinger Flughafen fest: Ai Weiwei wollte eigentlich noch in diesem Monat zu einer Ausstellungseröffnung nach Berlin kommen. Und auch einen Teilumzug seiner Werkstätte in die deutsche Hauptstadt hatte er vor kurzem angekündigt. Doch Ai ist seit diesem Tag verschwunden. Seine Angehörigen und Anwälte wissen nichts über seinen Aufenthaltsort, jeder Kontakt zu ihm wird ihnen verwehrt. Von Seite des chinesisches Staats kommt die Begründung: Ai Weiwei habe sich „Wirtschaftsverbrechen“ schuldig gemacht. Journalisten, die sich wiederholt nach dem Wohl des prominenten Künstlers erkundigen, sagte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums Hong Lei: „Niemand steht über dem Gesetz.“ Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller sagte dagegen: Chinas Führung habe mit der Verhaftung den deutschen Außenminister und seine Delegation regelrecht vorgeführt.

Neue Stufe der Eskalation

Zwar werden seit Jahresbeginn verstärkt vor allem Blogger und Journalisten festgenommen und eingeschüchtert. Dennoch stellt der Fall Ai Weiwei eine neue Stufe der Eskalation dar: Als weltweit prominenter Künstler und Sohn eines bekannten Dichters genoss er bislang einen gewissen Schutz. Auch er wurde zwar schon mehrfach bedrängt, schikaniert, einmal verprügelt und mehrmals festgenommen. Doch bisher bekamen seine Anwälte ihn immer zügig wieder frei. Nun fehlt seit mehr als einer Woche jede Spur von ihm.

In Deutschland ist jetzt ein heftiger Streit über die Frage entbrannt, was Kulturpolitik und deutsche Außenpolitik insgesamt in einem Land wie China zu leisten vermag. Es werden Vorwürfe gegen die Initiatoren und Macher der Ausstellung erhoben, namentlich gegen die Leiter der Staatlichen Museen zu Berlin, der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München. Angesichts der Vorwürfe hat sich Martin Roth, Chef der Sammlungen in Dresden und einer der Hauptinitiatoren des Projekts, zu der Äußerung hinreißen lassen, dass Ai Weiwei einer sei, der immer nur draufhaue: „Es gibt Hunderte Künstler wie ihn, über die spricht aber keiner, weil sie keine Popstars sind“, sagte Roth. Ulrich Wilmes, Hauptkurator am Haus der Kunst in München, bezeichnete Roths Äußerungsgleich umgehend als „menschenverachtend“.

Doch auch abgesehen von der Wortwahl des Dresdner Museumschefs stellt sich die Frage: Haben sich die Ausstellungsmacher von den chinesischen Machthabern mit ihren Prachtbauten und Empfängen blenden, vielleicht auch einschüchtern lassen? Und Westerwelle und sein Außenamt sind dem naiv gefolgt?

Den Initiatoren ist ihr eigentliches Ansinnen zunächst keineswegs übel zu nehmen. Annäherung durch Dialog und kulturellen Austausch – dafür hat auch schon Willy Brandt plädiert und damit eine Grundlage der deutsch-deutschen Entspanungspolitik gelegt. Und was ist schon verwerflich daran, eine Ausstellung über die europäische Aufklärung für China zusammenzustellen, die im Herzen der Hauptstadt an einem Ort stattfindet, den täglich 30.000 Besucher besuchen sollen?

Nichts. Aber es gibt dennoch ein Problem: Die Annahme, die der Ausstellung zu Grunde liegt, ist falsch. Die Ausstellungsmacher dachten, dass sie mit Gemälden von Caspar David Friedrich, Goya, Gainsborough, aber auch mit den Hausschuhen des Philosophen Immanuel Kant den Chinesen Demokratie nahe bringen würden. Immerhin ist die Aufklärung eine der entscheidenden Epochen jener europäischen Geschichte, die das Individuum zunehmend ins Zentrum der Politik stellt, Wissenschaft und Technik in den Vordergrund rückt und Menschenrechte sowie politische Gleichheit betont. Diese Ideen bildeten die Grund­pfeiler der US-amerikanischen Unabhängigkeit und mündeten in die Französischen Revolution. Warum nicht den Freiheitsgedanken über Ausstellungsstücke aus dieser Epoche nach China bringen? Immerhin ist auch die Idee, dass Kunst die Menschen und die Gesellschaft verändern kann, ein Gedanke der Aufklärung.

Doch schon dieser Gedanke zeigt: Die Macher haben sich nicht ausreichend mit der Situation Chinas beschäftigt. Hätten sie das getan, wäre ihnen aufgefallen, dass für Chinas Regime Diktatur und Aufklärung keineswegs im Widerspruch stehen. Im Gegenteil: Die Kommunistische Partei sieht sich ganz in der Tradition der Aufklärung. Mao selbst, aber auch die jetzige Führungsriege, beziehen sich seit jeher positiv auf die Ideen der Französischen Revolution. Und hätten die Deutschen einen genauen Blick in den Katalog geworfen, dann hätte ihnen der Beitrag zweier chinesischer Wissenschaftler auffallen müssen. Darin kommen die zu dem Ergebnis, dass der chinesische Kommunismus nichts weiter sei als „die Krönung der Aufklärung“.

Der liberale Flügel lahmt

So wirkt es erstaunlich naiv, wenn die deutschen Organisatoren glauben, mit einer Ausstellung würden sie zu einer Politik des Wandels beitragen und den Chinesen das richtige Bewusstsein von Demokratie vermitteln. Hätten sie die Ausstellung gegenüber der Öffentlichkeit nicht als belehrende Thesenschau verkauft, wäre die Aufregung wahrscheinlich nicht so groß. Nun wirken sie aber nicht nur auf die deutsche Öffentlichkeit unglaubwürdig, sie haben es sich auch mit der chinesischen Seite verscherzt. Niemand liebt es, für blöd verkauft zu werden. Auch die Chinesen nicht.

Allerdings zeigt sich auch auf der Seite der deutschen Ausstellungskritiker, wie gering die Kenntnisse über China sind. Viele glauben, hinter der Volksrepublik stecke nach wie vor ein totalitäres Regime, das zum Machterhalt mit aller Brutalität und allen Mitteln eines aufgerüsteten Überwachungsstaates seine Bürger zu unterdrücken versuche. Das ist nicht der Fall. Wer nicht öffentlich und lautstark das System und die Kommunistische Partei an sich infrage stellt, genießt so viele Freiheit wie seit der Gründung der Volksrepublik vor 60 Jahren nicht. Das ist nach wie vor bei weitem nicht ausreichend. Aber hinter der chinesischen Führung steht ein gigantischer Apparat, in dem heftige Richtungskämpfe geführt werden.

Warum das Regime spätestens seit Jahresbeginn dennoch so heftig gegen Oppositionelle vorgeht und die Zahl der verhafteten oder verschwundeten Schriftsteller, Anwälte und Journalisten so hoch ist wie seit Jahren nicht mehr, hat zum einen mit der Angst vor arabischen Verhältnissen in China zu tun. Zum anderen hängt es mit dem bevorstehenden Führungswechsel im kommenden Jahr zusammen. Zurzeit versucht sich eine Riege von jungen Hardlinern in Stellung zu bringen und sich mit harter Hand zu profilieren.

Ganz nüchtern betrachtet, schwächt es den liberalen Flügel, wenn Chinas Führung im Westen nicht nur in Fragen der Mensche, sondern generell – etwa auch in wirtschafts- und außenpolitischen Fragen – als böse Diktatur verteufelt wird. Das bringt selbst Chinas derzeitige Fortschritte in der Sozial- und Umweltpolitik in Gefahr.

Die Debatte um die Ausstellung und Ai Weiweis Festnahme veranschaulicht daher vor allem eins: In Deutschland gibt es nach wie vor eine Reihe von Menschen, die noch keinen adäquaten Umgang gefunden haben mit einem Staat wie China, der von der weltpolitischen Bühne nicht mehr wegzudenken und von dem auch Deutschland wirtschaftlich inzwischen abhängig ist. Zugleich verstehen viele dieses Land nicht. China passt in kein Schema, in das der Westen die Welt bislang einzuteilen versuchte.

Lass die Finger von Dingen, die du nicht verstehst. Das trifft auch und vielleicht gerade auf den Bereich der Kultur zu. Die Ausstellungsmacher haben sich und ihren Einblick in die inneren Verhältnisse Chinas offensichtlich überschätzt.

Felix Lee ist Journalist. Er lebt und recherchiert zurzeit überwiegend in China und Ostasien

08:00 14.04.2011
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