Eine Frage des Systems

Die Kosmopolitin Bei der Schuleingangsuntersuchung treffen sich Kinder und Eltern aller Milieus. Doch die trennende Auswahl ist da schon längst erfolgt
Lena Gorelik | Ausgabe 44/2016 7
Eine Frage des Systems
Die soziale Durchlässigkeit ist in Deutschland noch immer katastrophal
Foto: MIS/Imago

„Vor dem Schlafen putze ich mir die Zähne“, sagt die Frau in der Schuleingangsuntersuchung zum Kind. „Vor dem Schlafengehen putze ich mir die Zähne“, wandelt das Kind grammatikalisch richtig um und hat keine Ahnung, warum es das machen soll. „Was machst du denn vor dem Schlafengehen?“, fragt sie noch freundlich. „Spielen. Oder nein: was gucken! Am liebsten was bei Netflix oder Amazon!“, sagt das Kind und lacht.

Die Frau lacht auch. „Jetzt hast du deine Eltern enttarnt“, sagt sie, und die Eltern, also der Vater des Kindes und ich, schauen uns an, zwischen belustigt und leicht beschämt, und dann wandelt das Kind noch einmal um, „jetzt habe ich meine Eltern enttarnt“. Auf die Frage, welche Schule das Kind besuchen soll, antwortet das Kind schneller als wir: „Montessori oder die jüdische Schule“, weil es Freunde hat, die dorthin gehen, und wir schauen uns wieder an, zwischen beschämt und belustigt.

Im Wartezimmer des Schulreferats sitzen, warten und spielen andere Kinder. „Da geht jedes Kind hin“, habe ich meinem erklärt, als es morgens nicht mit wollte. Denn es stimmt: Jedes Kind geht zur Schuleingangsuntersuchung. Hier begegnen sie sich alle, erst dann beginnt die harte Auswahl. Wobei das eigentlich falsch ist: Die Auswahl ist schon längst vollbracht. Da gibt es unser Kind, das einen Montessori-Kindergarten besucht und von der Existenz der jüdischen Schule gehört hat, und beim Durchschauen der Bücherkiste im Wartezimmer ruft, „schau mal, die haben auch Janosch, auch Was ist was!“, weil es zu Hause mehr Bücher hat, als es jemals wird lesen können. Dann gibt es noch andere Kinder, die kennen Bücher, wenn überhaupt, aus dem Kindergarten, und die Schulwahl wird nicht nach pädagogischen Unterrichtssystemen, sondern nach Distanz der Schule zum Wohnort entschieden.

Der Bildungstrend, die große Studie zum Schulerfolg in Deutschland, ließ jüngst Jubel aufkommen: Die Neuntklässler haben sich in Englisch bundesweit verbessert. Das ist natürlich ein Grund zur Freude, und weil wir uns so sehr über dieses Ergebnis freuen, vergessen wir, was die Studie ebenfalls ergab und was sich so gar nicht verbessert hat, nämlich dass bundesweit die soziale Herkunft den Schulerfolg weiterhin massiv beeinflusst.

Das heißt, dass ein Akademikerkind immer noch eine höhere Chance hat, ein Gymnasium zu besuchen, als ein gleich intelligentes Facharbeiterkind. Da ist das Stadtviertel, in dem das Kind lebt, da sind die Nachbarskinder, die eine bestimmte Schule besuchen, die Interessen vorgeben, da ist der mehr oder weniger ausgeprägte Wunsch der Eltern, das Kind möge eine höhere Bildung erhalten, da ist Unwissen seitens der Eltern, da sind Ängste, die der Eltern, die der Kinder, Ängste vor dem Unbekannten, dem Unpassenden. Da ist ein „Wir sind so“, das keine Ausdifferenzierung zulässt, im Übrigen auf der einen wie auf der anderen Seite, weshalb überforderte Akademikerkinder sich mit Nachhilfe in jedem Fach auf Gymnasien unglücklich machen.

Da ist nichts Fließendes, im Bildungssystem wie in den Denksystemen, und nichts ist ein Prozess: Einer, der die Unterschiede ebnen würde. Nachdem sich unser Kind durch das Was-ist-was-Buch geblättert hat, spielt es eine Weile mit einem netten Mädchen. Ich lächle ihre Mutter an, aber unterhalten kann ich mich mit ihr nicht, sie spricht, wie sich herausstellt, kein Deutsch. „Wir sehen uns in der Schule“, sagt unser Kind, als wir gehen, aber ich denke mir, das stimmt leider nicht.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin für den Freitag. Zuletzt erschien von ihr der Roman Null bis unendlich (Rowohlt 2015)

06:00 05.11.2016

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