Eine ganz normale Familie

Zeitschriftenschau Kolumne

Das neueste Heft der Zeitschrift Text+Kritik ist der "Jungen Lyrik" gewidmet. Eingangs stellt Norbert Hummelt in einer kleinen Anthologie sechs Jungdichter vor, von denen besonders Nora Bossong, geboren 1982, und Nadja Küchenmeister, geboren 1981, überzeugen. Beide leben in Berlin und haben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Beide beherrschen die Kunst des Aussparens. Ihre verknappten Alltagstexte spielen in dunklen (Märchen-)Räumen der Kindheit, an Tümpeln und in Bunkern, Hinterhöfen einer bedrohlich kargen "Heimat". So resümiert auch der Kritiker Guido Graf: "Erstarrte wandern ziellos durch winterliche Nächte in den Gedichten dieser jungen Leipziger Schule. Doch ›ziellos‹ meint hier nur Etikette, denn eigentlich weiß diese Dichtung zu gut, was sie tut und was sie will. Rhythmisch versiert, mit gutem metrischem Kalkül kommen ihre Gedichte daher. Glatt läuft jede Binnenkontext-Anbahnung, das Bild, das am Anfang eröffnet wird, findet auch sein Ende."

Im gleichen Heft sieht man den entdeckungsfreudigen Kritiker Michael Braun mitten im "Getümmel der Erlebnisdichter" auf der Suche nach "lyrischen Grenzgängern", die der Dichtung im 21. Jahrhundert neue Wege weisen könnten, und er findet sie auch in beachtlicher Zahl - Autoren wie Nico Bleutge, Daniel Falb, Hendrik Jackson, Steffen Popp, Marion Poschmann, Monika Rinck, Sabine Scho, Uwe Tellkamp, Anja Utler, Jan Wagner. Das sind Poeten, die zwischen 1968 und 1978 geboren wurden und um den Milleniumwechsel ihre ersten Publikationen vorgelegt haben. Sie nutzen die Sprache, wie Thomas Kling das einmal formuliert hat, "als optisches und akustisches Präzisionsinstrument." Man könnte auch sagen, bei ihnen lösen sich die Wörter ein Stückweit von ihrer mimetisch-realistischen Abbildfunktion und tragen auf je unterschiedliche Weise dazu bei, das Vertraute fremd zu machen.

Der Lyriker Jan Wagner schließlich wehrt sich, klug und sorgsam abwägend, gegen Schlagworte wie Formlosigkeit und Formalismus, die im Zusammenhang mit der jüngsten Lyrik immer wieder auftauchen. "Form", abseits der Lehrbücher, könne vieles sein, und jedes Gedicht müsse seine eigene Form finden, die auf den ersten Blick auch formlos, parlandohaft, also das Artifizielle verbergend wirken könne. Wagner unterscheidet eine inhaltsbetonte von einer sprachbetonten Sprech- und Schreibweise. Er warnt zurecht davor, jeden Rückgriff auf tradierte Formen bei Lyrikern für ein Zeichen von Konservatismus zu halten, und plädiert für ein "Nebeneinander der Möglichkeiten". Zumal auch die avantgardistischen Haltungen ihrerseits längst Konvention geworden sind.

Von Gottfried Benn ist derzeit, anlässlich seines 50. Todestags, reichlich die Rede, etwa in den manuskripten (Nr. 174), Am Erker (Nr. 52) sowie im Wespennest (Nr. 145). Ingeborg Bachmanns 80. Geburtstag ging dagegen im vergangenen Juni nahezu unbemerkt vorbei. Doch Frauke Meyer-Gosau hat im Januarheft der Literaturen die Spur der Verschollenen aufgenommen. In Rom, Wien und Klagenfurt befragte sie Freunde Bachmanns und Kenner ihres Werks danach, wie eng sich dieses Leben mit der Literatur verzahnte und wer die reale Person jenseits ihres Mythos eigentlich war.

Das zu Lebzeiten veröffentlichte Werk ist schmal: Zwei Gedichtbände, zwei Hörspiele, zwei Libretti, zwei Bände Erzählungen, ein Roman. Am 17. Oktober 1973 starb Ingeborg Bachmann nach einem Brandunfall in Rom. Dort beginnt auch Frauke Meyer-Gosau mit ihren Recherchen, sie sucht Inge von Weidenbaum, Freundin Bachmanns und Mitherausgeberin ihres Werks in ihrer Dachwohnung auf. Die erzählt von einer oft ausgelassenen und gar nicht prätentiösen Dichterin, von ihrer extremen Kurzsichtigkeit und ihrer Kunst des Überspielens; von ihrer Rastlosigkeit, Medikamenten-Abhängigkeit, dem Beziehungsunglück mit Max Frisch.

Hingegen hat Hans Werner Henze, Bachmanns langjähriger Freund, für den sie zwei Opernlibretti geschrieben hat, arg wenig zu berichten. In Wien, in der Österreichischen Nationalbibliothek, trifft Meyer-Gosau auf Hinterlassenschaften Bachmanns in grauen Schachteln, Zettel, Manuskripte, Entwürfe, insgesamt 9.000 Blätter. Der Briefwechsel ist bis 2025 gesperrt. Die als chaotisch und unzuverlässig Geltende hat alles Erdenkliche aufbewahrt. Und der Wiener Bachmann-Biograf Hans Höller bestätigt, dass hier Autobiografie und Werk "ganz eng miteinander verschränkt", Kunst und Leben also eine Einheit seien.

Am Ende ihrer Recherche trifft Frauke Meyer-Gosau in Klagenfurt in der Henselstraße 26, dem Elternhaus, auf Ingeborg Bachmanns Schwester. Hierhin sind auch die römischen Biedermeiermöbel der Dichterin zurückgekehrt und mit diesen ein wenig die Ruhelose selbst. "Wir sind ja eine ganz normale Familie", sagt Isolde Moser, die 78jährige Schwester, die sechs Kinder großgezogen hat und bis heute eine Pension betreibt.

Text+Kritik: Nr. 171, 2006 (Tuckermannweg 10, 37085 Göttingen), 16 EUR

Literaturen: Heft 1/2, Januar/Februar 2007 (Reinhardtstraße 29, 10117 Berlin), 9 EUR


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 16.02.2007

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare