Eine gewisse Sündhaftigkeit

Schlüssel zum Öffnen aller Schlösser Zum 100. Geburtstag von Marlene Dietrich

Es genügt, ihren Vornamen zu nennen, und jeder weiß, wer gemeint ist. Was mit ihr gemeint ist - darüber gibt es freilich höchst unterschiedliche Aussagen. "Marlene Dietrich: Ihr Name beginnt wie eine Zärtlichkeit und hört auf wie ein Peitschenschlag. (...) Sie haben die Stimme und den Blick der Lorelei. Aber Lorelei war gefährlich. Sie sind es nicht." (Jean Cocteau) "Sie ist die Liebesgöttin schlechthin, sie ist aber auch die deutsche Hausfrau schlechthin." (Edward G. Robinson) "Ich kann nicht anders, aber ich muß meinem Herzen Luft machen und Ihnen sagen, daß Sie das verkommenste Frauenzimmer sind, das bis heute gelebt hat. (...) Sie gehören gelyncht, da Sie die elendste Kriegsverbrecherin sind. Dies schreibe ich im Namen all meiner deutschen Schwestern und Brüder!" (Deutsche Hausfrau aus Mayen im Rheinland) "Sie ist tapfer, schön, zuverlässig, liebenswürdig und großzügig. Langweilig ist sie nie." (Ernest Hemingway) "Sie ist keine Schauspielerin wie es Sarah Bernhardt war; sie ist ein Mythos, wie Phryne." (André Malraux)

Und wie sah sich Marlene Dietrich selbst? "Ich bin ein Preuße, ich bin ein guter Soldat." In ihrem Buch ABC meines Lebens kann man noch eine weitere Selbstinterpretation lesen: "Der Dietrich: Bezeichnung für einen Schlüssel, der alle Schlösser öffnet. Kein magischer Schlüssel. Ein sehr realer Gegenstand, dessen Herstellung große Kunstfertigkeit erfordert."

Auch die Herstellung dessen, was in der ganzen Welt als "Marlene" zum Begriff wurde, erforderte große Kunstfertigkeit. Schon der Name ist ein Kunstprodukt, eine Kombination aus den beiden Vornamen seiner Trägerin: Maria Magdalena. So getauft ist der spätere Weltstar eingetragen im Personenstandsregister: geboren als zweite Tochter des Königlich-Preußischen Polizeileutnants Louis Dietrich am 27. Dezember 1901 in Berlin-Schöneberg, Sedanstraße 53. Was wir von ihrer Biographie wissen, ist nicht immer allzu genau. Manches, was später über sie veröffentlicht wurde, widerspricht sich. Zum Mythos tritt die Legende.

Rückblickend auf ihre Kindheit und Jugend beschreibt sich Maria Magdalena als eher ernste, verschlossene Tochter aus gutem Hause. Der Vater stirbt früh. Die Bewunderung des Kindes galt der Großmutter: "Sie war realistisch und undurchsichtig zugleich in ihrer Perfektion, begehrenswert und kühl und verführerisch." Das klingt, als ob Marlene ihr eigenes Image im Nachhinein auf die Großmutter projiziert hätte. 1921 gelingt es Marlene, in die Schauspielschule von Max Reinhardt aufgenommen zu werden. In einer Inszenierung von Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung erhält sie 1922 ihre erste kleine Rolle. Im selben Jahr steht sie auch das erste Mal vor der Kamera. Der Film heißt Tragödie einer Liebe. Emil Jannings spielt eine Hauptrolle, Joe May führt Regie, als Aufnahmeleiter fungiert ein gewisser Rudolf Sieber. Zwei Jahre später wird er der Ehemann von Marlene Dietrich - und bleibt es nominell bis zu seinem Tode 1976. Bis sie als "fesche Lola" im Blauen Engel den Durchbruch erzielt, hat Marlene in mehr als einem Dutzend Filmen mitgewirkt - ohne sonderlich aufzufallen.

Mehr Aufmerksamkeit findet sie auf der Bühne, zum Beispiel 1928 in der Revue Es liegt in der Luft. Vor allem ein Duett mit Margo Lion, die zu den gefeierten Diseusen jener Zeit gehört, prägte das androgyne Image der Dietrich: "Wenn die beste Freundin mit der besten Freundin". Bald darauf machte Marlene auf einen jungen Berliner Kritiker Eindruck: "Da sind Garbo-Augen, eine Swanson-Nase, Bewegungen von einer selbstverständlichen erotischen Spannung und Fülle, wie wir sie sonst resigniert an manchen Amerikanerinnen bewundern. Eine ganze Generation leerlaufender Verführungsdamen kann durch diese Schauspielerin entthront werden, wenn sie in die Hände kluger, unängstlicher Regisseure kommt."

Ein Jahr später kam ein solcher Regisseur aus Hollywood: Josef von Sternberg. Der gebürtige Wiener sollte in Berlin für die UFA Heinrich Manns Roman Professor Unrat verfilmen. Seine Hauptdarstellerin fand er im Deutschen Theater in Georg Kaisers Zwei Krawatten. Der blaue Engel wird Marlenes erster und größter Erfolg. Fortan wird man sie mit Friedrich Hollaenders ihr auf den Leib geschriebenenem "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" identifizieren.

Unmittelbhar nach der Premiere des Films am 1. April 1930 fuhr Marlene nach Amerika. Hollywood macht aus ihr ein perfektes Kunstprodukt. Josef von Sternberg wird ihr Designer. "Da sie die Quintessenz einer gewissen internationalen Sündhaftigkeit ist, blendet sie auf eine exotische Art die Sinne des Durchschnittsmannes." So beschreibt der Kritiker Alistair Cooke den Mythos Marlene. Der sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein, der die Dietrich bei seinem Amerikaaufenthalt kennen lernte, sah es dagegen so: "Was für eine faszinierende Frau und überzeugende Persönlichkeit, wenn Sie ihr privat begegnen! Und was für ein armes, unwirkliches Monstrum, wenn man sie als Vamp auf der Leinwand sieht (...)."

Die sechs Filme, die Marlene bis 1935 unter der Regie von Sternbergs dreht, machen sie zum internationalen Star. Die neuen Machthaber in der alten Heimat nehmen es auf ihre Weise zur Kenntnis. 1933 kann man in dem deutschen Fachblatt Lichtbildbühne lesen: "Eine deutsche Künstlerin, und noch dazu eine von Weltruf, wünscht man in deutschem Geist und in deutscher Produktion tätig zu sehen. Es ist nach der nationalen Revolution absurd, dass unsere berühmteste Filmschauspielerin in fremdem Land nach fremden Direktiven in englischer Sprache statt in ihrer Muttersprache Filmrollen spielt, statt ohne Rücksicht auf Gage-Fragen ihre Kunst und ihren Ruhm dem Film des eigenen Volkes zur Verfügung zu stellen."

Zum höchsten Ruhme gereicht es Marlene, dass sie trotz Zusicherungen lukrativster Gagen, die ihr Hitler und Goebbels persönlich übermitteln ließen, niemals bereit war, den Nazis als Aushängeschild zu dienen. "Ich sah den Terror und das Unrecht. Ich sah die flüchtenden Juden in New York ankommen. Wir selbst haben viele von ihnen über Mittelsmänner in der Schweiz herausgeschleust." So begründet Marlene Dietrich ihre Haltung, zu deren Konsequenzen es gehörte, dass sie 1937 die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Und Hans Albers bescheinigte ihr später: "Marlene hat während des Krieges ein Vermögen für ihre Freunde in Deutschland ausgegeben. Ich meine: wirklich ein Vermögen. Sie hat drüben nie Steuern gezahlt, weil sie das Geld immer brauchte, um jemandem einmal eine schnelle Fahrkahrte zu kaufen ..."

In der Wildwestkomödie Der große Bluff erscheint 1939 eine neue Marlene auf der Leinwand. Ihr Barmädchen Frenchy wirkt wie eine Ironisierung der früheren Vamp-Rollen. "See what the boys in the backroom will have" - auch was die Jungs haben wollten, die vier Jahre später im Krieg gegen Nazi-Deutschland standen, wurde ihnen von Marlene gegeben. An allen Fronten singt sie für die amerikanischen Soldaten - "unter kriegsmäßigen Bedingungen, bei widrigem Wetter und unter Gefahr an Leib und Leben", wie ihr die Urkunde zur Verleihung der amerikanischen Medal of Freedom bestätigt, mit der sie ebenso ausgezeichnet wird wie mit dem französischen Kreuz der Ehrenlegion.

Was sie im Krieg erlebte und dass sie danach mitansehen musste, wie heimgekehrte Soldaten ohne Jobs auf der Straße standen: Marlene hat es nie vergessen. Über "bittere Nachkriegserfahrungen" mit den Amerikanern schrieb sie: "Damals dachte ich, daß jeder wußte, was Bomben, Zerstörung und Tod bedeuteten. Sie wußten nichts. Sie wollten nichts wissen. Seit dem Bürgerkrieg kannten Amerikaner keinen Krieg. Ihr Wissen über den Krieg bezogen sie aus dem Radio und aus Zeitungsberichten. (...) Im Laufe der Jahre wurde die Idee, daß Amerika ein Land sei, das für ›Recht‹ kämpft, zur allgemein anerkannten Überzeugung (...). Aber diese neue Rolle, die Amerika spielt, ist erworben und eher angemaßt. Man kann nicht andere Länder beurteilen, ob dort Recht oder Unrecht herrscht, wenn das Leben im eigenen Land auf Betrug und Räuberei beruhrt, auf Krieg gegen die Schwachen, auf Vernichtung der Eingeborenen, denen man - zum Beispiel - einen Dollar für die Halbinsel gab, die heute als New York bekannt ist."

Nach dem Kriege stand Marlene Dietrich wieder vor der Kamera, aber erst Billy Wilder verhalf ihr in Zeugin der Anklage zu neuem Leinwandruhm. Zwölf Filme drehte Marlene Dietrich noch. Doch stärker als im Kino wirkte sie jetzt auf den Showbühnen in aller Welt, die sie seit ihrem Debut 1953 in Las Vegas eroberte. Die singende Marlene blieb dem Mythos näher als die Schauspielerin.

Das zum profitablen Absatz ihrer Ware von den Marktstrategen der Bewusstseinsindustrie entworfene Image hat sich selbstständig gemacht. Zuletzt war Marlene für die Medien die strahlende Großmutter mit den schönsten Beinen der Welt. Nach einem Oberschenkelbruch im Herbst 1975 bei einem Auftritt in Sidney musste sie auch das Showgeschäft aufgeben. Um die Legende am Leben zu erhalten, zog sie sich bis zum Tode am 2. Mai 1992 ganz in ihre Wohnung in Paris zurück. Niemand sollte sehen, dass das Alter von der scheinbar ewigen Jugend nichts übrig ließ.

Marlene Dietrich verkörperte eine Epoche. Sie war auf ihre gewiss ganz unfeministische Weise und trotz aller Widersprüche auch eine Symbolfigur der Frauenemanzipation. Das ausgeklügelte Produkt eines Kinos, das es heute so nicht mehr gibt, blieb sie letztlich doch stets unverwechselbar sie selbst - eben Marlene.

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00:00 21.12.2001

Ausgabe 42/2021

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