Eine gezielte Provokation

Extinction Rebellion Roger Hallam hat die Shoa nicht relativiert, weil er unvorsichtig war. Sondern ganz bewusst. Das legt eine E-Mail nahe, die in Kreisen der XR-Klimabewegung zirkuliert
Eine gezielte Provokation
Sein „Stunt“ ging schief: Roger Hallam

Foto: imago images / ZUMA Press

In einem Interview mit der Zeit hatte Roger Hallam die Shoa als „just another fuckery in human history“, als „nur ein weiterer Scheiß in der Menschheitsgeschichte“, bezeichnet. Der Gründer der Klima-Bewegung Extinction Rebellion (XR) wusste, was er tat. Am Ende des Textes prahlte Hallam: Er „habe seine Leute schon gewarnt, dass da etwas auf sie zukomme“.

Gewarnt hat Roger Hallam „seine Leute“ – in dem Fall XR Deutschland – wohl mittels einer E-Mail. Eine solche jedenfalls mit ihm als Absender wird in internen Kommunikationskanälen von XR Deutschland zitiert, in die der Freitag Einsicht nehmen konnte. Der Text legt mehr als nahe, dass Hallam die Shoa im Gespräch mit Journalisten ganz bewusst und gezielt für seine eigenen Zwecke instrumentalisiert hat.

Bezug genommen wird dabei nicht auf besagten Beitrag in der Zeit, sondern auf ein Interview mit dem Spiegel, das am Donnerstag im Internet erschienen ist, also einen Tag, nachdem der Zeit-Artikel online publiziert worden war. Welchem Text die Vorwarnung galt, ist allerdings zweitrangig – die E-Mail bezieht sich auf den Inhalt, der in beiden im Zentrum steht: Beide Male zieht Hallam einen direkten Vergleich zwischen der systematischen Auslöschung der Juden während des Nationalsozialismus in Deutschland und der Klimakrise.

Die E-Mail sollte dem Presse-Team von XR Deutschland nicht bloß als Warnung davor dienen, dass ein medialer Aufschrei ins Haus steht. Vor allem enthält sie klare Schritt-für-Schritt-Anweisungen, auf welche Weise die absehbare Debatte in den deutschen Medien zu steuern und umzulenken sei, damit am Ende nicht Roger Hallam schlecht, sondern Journalisten als Lügner dastehen. Diese Taktik ist also nicht darauf ausgelegt, Roger Hallam aus der Schusslinie der Kritik zu nehmen, sondern diente von vornherein als Mittel zum Zweck. In der zitierten E-Mail mit Hallam als Autor heißt es: „Ich denke, diese Art von „Falle“ für die Medien zu entwerfen hat starke Ähnlichkeiten zu den Dynamiken direkter Aktionen auf der Straße und wir sollten sie aktiv als Teil der M&M-Strategie entwerfen, um die Wirkung unserer Mitteilungen zu maximieren.” M&M steht für „Arbeitsgruppe Media & Messaging“ innerhalb von Extinction Rebellion, hier liegt die Verantwortung für Pressearbeit, Social Media und Internetseite.

Klimakrise und Vergewaltigung

Im Interview mit dem Spiegel versucht sich Hallam an genau dieser Taktik: Als Interviewerin und Interviewer ihn darauf hinweisen, dass er seine Weltuntergangsszenarien auf Annahmen, und nicht auf Fakten, stütze, geht Hallam zum Angriff über: „Es ist ehrlich gesagt Ihre Verantwortung als Journalisten, diese Berechnungen anzustellen. Meine Verantwortung ist es, eine Rebellion gegen die Regierungen zu organisieren.“ Hätten die Journalisten ihre Arbeit richtig gemacht, wüssten sie genau, wie er auf diese Vorstellungen komme und würden sie teilen.

In Hallams Wahrnehmung verstoßen die Medien gegen die erste Forderung von Extinction Rebellion: „Sagt die Wahrheit“. Bei der „Wahrheit“ geht es ihm offensichtlich nur um eine – und zwar seine, der zufolge durch die Klimakatastrophe Milliarden Menschen sterben werden, weil sie verhungern, bei Naturkatastrophen umkommen oder in Bürgerkriegen und jedes Ausmaß sprengenden Genoziden übereinander herfallen und sich gegenseitig umbringen. Anstatt aber zu erklären, wie er auf diese apokalyptischen Bilder kommt, legt er im Interview nach und fordert von den Journalisten, den Zusammenhang von Klimakrise und Vergewaltigung zu thematisieren: „Was wird zur schwerwiegendsten Folge des Klimawandels für Frauen auf der ganzen Welt werden? Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenbruch. Das bedeutet Krieg, das Abschlachten von Männern und die Vergewaltigung von Frauen.“ Für den früher als Bio-Landwirt in Wales tätigen Hallam ist vollkommen klar, dass sich die Medien durch ihre falsche und verharmlosende Darstellung der drohenden Katastrophe mitschuldig am Tod dieser Menschen machen.

Die E-Mail hat die Bewegung in Deutschland deren Kommunikation zufolge bereits am Dienstag, dem 19. November, erreicht – also noch bevor die Zeit den Artikel am Mittwoch online veröffentlichte. In ihr steht: „Ich hatte ein langes Interview mit „Der Spiegel“, das einen Austausch über Ansichten zum jüdischen Holocaust enthält. Es wird am Samstag erscheinen.“ Tatsächlich veröffentlichte der Spiegel das Gespräch dann am Donnerstag, dem 21. November, online. Weiter heißt es in der zitierten E-Mail: „Ich werde morgen eine Kopie bekommen und an euch weiterleiten. Weil es gegebenenfalls eine große Reaktion in den Medien provozieren könnte, wäre es gut, wenn XR M&M eine gute Antwort parat hätte, die die Debatte umdreht und die Medien für ihr katastrophales Versagen entlarvt, die Wahrheit über den bevorstehenden sozialen Zusammenbruch und Genozid zu sagen.“

Ein einfacher Landwirt aus Wales

Darauf folgen Anweisungen, wie die Pressevertretung von Extinction Rebellion in Deutschland die Argumentation lenken soll. Demnach müsse der Spieß umgedreht werden, weg von den Vorwürfen gegen einen „einfachen Landwirt aus Wales“, der doch nur die Wahrheit darüber sage, dass wir mit der Klimakrise auf ein „weit größeres Level von Kriminalität und Genozid zusteuern als die Nazi-Periode“ hin zum moralischen Versagen der deutschen Presse. Der „einfache Landwirt“ versuche doch nur, „diese Horrorshow in die Wahrnehmung der Welt zu bringen“. Angekündigt werden weitere „ungeheuerliche“ Dinge, weitere kreirte „Medien-Events“ wie das gegenwärtige in Deutschland.

Offensichtlich hat Hallam nicht damit gerechnet, dass die Mitglieder von XR Deutschland nicht „seine Leute“ sind. Statt sich in den Medien schützend vor ihn zu werfen und die hochgelobte Opferbereitschaft der Klimarebellion von der Straße in die Talkshows zu holen, distanzierte sich die Bewegung vehement von seinen Aussagen. Auch in internen Kommunikationskanälen ist spürbar, wie groß Entsetzen und Wut vieler Mitglieder im Angesicht der Shoa-Relativierung sind.

Allerdings ist die besagte E-Mail bisher nicht aus einem relativ kleinen Kreis, der sie diskutiert, heraus weiter verbreitet worden. Das erkennbare Kalkül Hallams, der mittlerweile eine „Antwort auf den Artikel in Die Zeit“ veröffentlicht hat, blieb bisher im Verborgenen, und damit auch das volle Bewusstsein, in dem er die Shoa und das Gedenken an die Opfer mutmaßlich missbraucht hat, um einen medialen Shitstorm auszulösen, der ihm in die Hände spielen und seine Auffassung der Klimakrise bewerben sollte.

13:39 22.11.2019
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