Eine graue Strähne macht noch keine Regierung

Indien Sonia Ghandi kokettiert als designierte Ministerpräsidentin mit dem Charisma ihrer Schwiegermutter und wird ansonsten mit viel Skepsis bedacht

Mit acht Prozent Wachstum gehört Indien heute zu den prosperierendsten Nationalökonomien weltweit. Es war die Bilanz seiner Wirtschaftspolitik, die Premier Vajpayee veranlasst hatte, die Parlamentswahlen um sechs Monate vorzuziehen. Statt des erwarteten Sieges musste seine Bharatiya Janata Party (BJP) jedoch eine unerwartete Niederlage einstecken. Wieder einmal wird nun der Nationalkongress (INC) regieren.

Während sie Indien vor blitzenden Kameras eine stabile Regierung verspricht, glänzt eine dezente grauweiße Strähne im streng zurückgebundenen braunen Haar der geborenen Italienerin. Wie eine Einladung zum déjà vu: der Haarflecken war ein ganz persönliches Merkmal Indira Gandhis, ein Symbol ihrer Macht, die sich auf magische Weise auf ihre Schwiegertochter Sonia zu übertragen scheint und zum Siegel dynastischer Legitimität unter einem schockierenden Wahlergebnis wird. Niemand - weder die Astrologen der Wahlprognostik, noch die Makler an der Börse - hatten es vorausgesehen.

Aber eine Haarsträhne macht noch keine starke Regierung, zunächst sorgt sie für Erschütterungen. Als das Resultat der Wahlen feststand, erlebte die Börse in Bombay den gewaltigsten Absturz ihrer 129-jährigen Geschichte. Der Kurs fiel um fast 18 Prozent, innerhalb von 48 Stunden verloren Unternehmen und Anleger mehr als sechs Milliarden Dollar. Einige Kolumnisten sehen seither Blut auf den Straßen Indiens voraus. Das größte Dilemma der neuen Regierung sei ihre Abhängigkeit von kommunistischer Unterstützung, heißt es. In der Tat steht die CPM - die größte der beiden kommunistischen Parteien - der Kongresspartei in ihren Hochburgen Kerala und Westbengalen als unbeugsamer politischer Gegner gegenüber und hat bisher eine Teilnahme an der Zentralregierung abgelehnt. Allerdings will die Partei eine Koalitionsregierung von außen stützen und bei "allen wichtigen Abstimmungen" auf ihrer Seite stehen.

Wenig verlockende Aussichten für Sonia Gandhi, denn ohne die 63 kommunistischen Mandate kann sie nicht regieren. Der wirtschaftspolitische Kurs der CPM stellt sich strikt einer Liberalisierung entgegen, wie sie einst von Kongressfinanzminister Manmohan Singh eingeleitet, von der bisherigen Regierung des Premiers Atal Vajpayee (BJP) zu wuchernder Blüte getrieben wurde und nun von Sonia Gandhi zum zentralen Bestandteil ihres Regierungsprogramms erklärt werden soll.

Inzwischen hat die Bharatiya Janata Party (Volkspartei/BJP) nach dem Rücktritt und einer gelassenen, fast poetischen Abschiedsrede des bisherigen Premiers begonnen, den wachsenden öffentlichen Widerstand gegen Gandhi anzuführen. Die BJP hat deren Regierungsantritt zum "schwarzen Tag in der Geschichte Indiens" erklärt und einen Boykott der gesamten Opposition angekündigt. Nicht nur die entmachteten Hindus sehen dem "Römischen Reich" der ersten nicht-indischen Premierministerin mit Ablehnung entgegen. Ihre italienische Herkunft und ihr römisch-katholischer Glaube stempeln sie zur Außenseiterin, von der selbst viele liberale Inder nicht vertreten sein wollen. Dadurch werde ihrer Regierung die nötige Stabilität fehlen, prophezeien neutrale Beobachter wie der ehemalige US-Botschafter Wisner, die davon ausgehen, ein Kabinett Gandhi werde sich kaum länger als ein Jahr an der Macht halten.

Noch vor wenigen Wochen hatte nur eine hauchdünne Wählerschicht Sonia Gandhi als Kandidatin für das Amt der Ministerpräsidentin in Erwägung gezogen. Die große Mehrheit quer durch alle Bevölkerungs-, Alters- und Bildungsschichten sah weit und breit nur einen einzigen akzeptablen Premier, den 79-jährigen Atal Behari Vajpayee, den selbst politische Gegner als den richtigen Mann in der falschen Partei schätzen. Hätte das Votum wie ursprünglich erwartet im Februar stattgefunden, wären Vajpayee und seine BJP mit dem Rückenwind eines erstaunlichen ökonomischen Aufschwungs und unter dem Eindruck indisch-pakistanischer Entspannungstendenzen elegant durchs Ziel gesegelt. Aber die Zeit arbeitete gegen sie. Die groß angelegte nationaloptimistische Feierkampagne "Indien scheint" gab der Opposition tägliche Gelegenheit, ihren Finger auf sozialpolitische Schwachstellen zu legen. Die Vision einer verwaisten BJP-Regierung, die nach einem möglichen Ausfall Vajpayees nach rechts driften und ihren früheren radikal-hinduistischen Unterstützerkreisen in die Hände fallen könnte, säte Sorge und Misstrauen.

Zugleich hatte die Kongresspartei endlich aus ihren Niederlagen in den Dezemberwahlen gelernt und das Kokettieren mit schwerblütiger Religiosität und Aberglauben aus ihrem Programm gestrichen. Als dann auch noch Rahul und Prianka, die Kinder Rajiv Gandhis, wie politische Novizen in den Wahlring stiegen und ihrer bedrängten Mutter sekundierten, war das ein überaus geschickter Schachzug. Sonia konterte eine generalstabsmäßige Hightech-Kampagne der BJP PR-wirksam mit der Hilflosigkeit der armen Witwe, die unermüdlich auf dem Trittbrett eines Mittelklasseautos durch staubige Dörfer fährt und armen Frauen zuwinkt.

Das Gros der Oppositionsparteien, von den Kommunisten abgesehen, hatte sich zu einer Allianz zusammengeschlossen, die Sonia Gandhi ohne jeden Kampf die Führung überließ. Ein Bündnis allerdings, das bis heute nur die Gegnerschaft zur BJP und der Wille zur Teilhabe an der Macht beieinander bleiben lässt - ein Koloss auf tönernen Füssen, für dessen Stehvermögen niemand garantieren kann. Geschwankt hat er bereits am Tage seiner Errichtung.

Als prominenter Ehrengast und neuer Vertrauter Sonia Gandhis ist nun der frühere Premier Vishwanath Pratap Singh an den Koalitionsverhandlungen beteiligt - jener Politiker der als Finanzminister die Regierung ihres Ehemannes Rajiv Gandhi stürzen half und die Schleusen für die Schmutzkanäle des Korruptionsskandals um das Geschäft mit den schwedischen Bofors-Waffen weit öffnete. Als Ministerpräsident zog Singh seinem gestürzten Vorgänger Rajiv Gandhi den besonderen persönlichen Sicherheitsschutz ab - und leistete damit einen mit viel Spekulationen behafteten Beitrag zu dessen tragischem Ende.

Die politische Realität Indiens erscheint im Augenblick wie ein Puzzle, das sich ganz neu und verblüffend zusammenfügt. Das Haarsträhnchen im Kameralicht wirkt dabei für viele wie ein Symbol der Hoffnung, von der niemand weiß, ob sie berechtigt ist.


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Künftige Sitzverteilung in der
"Lok Sabha" (Volkskammer)

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Bharatiya Janata Party (BJP)137

BJP und verbündete Regionalparteien189

Nationalkongress (INC)147

INC und verbündete Regionalparteien219

CPI / CPI (M) (Kommunistische Parteien Indiens)63

Andere Parteien72
00:00 21.05.2004

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