Eine Grenze irgendwo

Israel Immer mehr Soldaten und Offiziere verweigern den Dienst in den palästinensischen Autonomie-Gebieten

Es gibt vier Wege, der israelischen Armee zu entkommen: man weist ein psychiatrisches Attest vor, hat seine Nicht-Tauglichkeit durch wiederholte Befehlsverweigerung kundgetan, ist vorbestraft oder kann Gewissensgründe geltend machen. Noam Kusar brauchte zehn Monate, um seine Uniform loszuwerden. Dabei war der heute 20jährige grundsätzlich für den Dienst an der Waffe bereit. Nur in den palästinensischen Autonomie-Gebieten wollte er auf keinen Fall eingesetzt werden. "Ich hatte gerade zwei Monate Grundausbildung hinter mir, als es plötzlich hieß, wir sollten in einen Bus einsteigen und dorthin fahren", erzählt er. Noam, der seinen Standpunkt bereits bei der Einberufung mitgeteilt hatte, weigerte sich. Die Konsequenz: Vier Wochen Haft und Versetzung in eine, wie er sagt, "diskriminierende Position". In den darauffolgenden sieben Monaten hatte er faktisch nichts anderes zu tun als abzuwarten. Dann meldete er sich bei der "Kommission für Nicht-Tauglichkeit" und musste noch einmal für einen Monat in Militärarrest. "Es war erträglich", erinnert er sich, "dennoch habe ich danach nicht mehr die Kraft gespürt, die Sache durchzukämpfen. Ich habe stattdessen vor dem Psychiater eine kleine Show abgeliefert. Dann durfte ich gehen." Seither ist Noam Aktivist der Bewegung Es gibt eine Grenze, in der sich die Verweigerer zusammen geschlossen haben.

Keine Partner für den Frieden

Vom israelischen Militärdienst befreit sind automatisch alle arabischen Staatsbürger, die ungefähr ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmachen, dazu kommen die religiösen Studenten der Jeschiwa-Schulen. Die vor fünf Jahren entstandene Bewegung Für eine Zivilisierung der Gesellschaft - Neues Profil spricht von noch einmal 25 Prozent der Einberufenen, die aus gesundheitlichen oder anderen Gründen vom Armeedienst befreit werden. Haggit Gur Ziv ist eine der Gründerinnen des Neuen Profils. Ihr ehrgeiziges Ziel ist es, nicht nur Verweigerern beizustehen, sondern der gesamten Gesellschaft, die "eine militaristische ist", ein neues Selbstverständnis zu geben. "Das bestehende System ist so beschaffen, dass es den Krieg immer wieder neu kreiert, um sich selbst zu erhalten", meint sie. Dabei spielten die Medien, von denen "Araber als Feinde ohne menschlichen Wert" bezeichnet werden, eine furchtbare Rolle. Es gebe keinen Partner für den Frieden, heißt es dort immer wieder, und Gur Ziv fragt: "Lassen wir uns von der Realität beeinflussen oder sind wir es, die wir unsere Realität prägen?" Das Neue Profil schlägt keine politischen Lösungen vor, doch Gur Ziv glaubt, dass Israel mit der Besatzungspolitik "sowohl die Hamas als auch den Terror selbst geschaffen hat".
Während Gur Ziv und ihre Sympathisanten die Wehrpflicht grundsätzlich ablehnen und sich für die Möglichkeit eines Ersatzdienstes einsetzen, verweigern die Aktivisten der Gruppe Es gibt eine Grenze nur den Dienst in den besetzten Gebieten. "Ich war bereit, die Grenzen unseres Staates zu schützen", sagt Noam, der sich selbst als Patrioten bezeichnet. "Ich sehe ein, dass es eine Armee geben muss, aber dass sie in den Palästinensergebieten mit ihren 3,5 Millionen Menschen operiert, gehört nicht zu ihrem Auftrag."

Nicht hinter der Grenze von 1967

Matan Kaminer, der in sechs Monaten einberufen wird, hat die Frage, ob er grundsätzlich oder nur den Dienst in den Palästinensergebieten verweigern soll, für sich noch nicht entschieden. "Selbst wenn ich im Nachrichtendienst arbeiten oder das Essen für die Soldaten an den Grenzkontrollpunkten vorbereiten würde, mache ich mich schon mitschuldig." Es sei leichter, den Wehrdienst komplett zu verweigern, als während der Armeezeit immer wieder mit der Befehlsverweigerung und ihren Folgen konfrontiert zu werden. In der Regel sei es mit zwei Monaten Haftzeit abgetan.
Unverhoffte Rückendeckung erreicht die Verweigerer seit Mitte Februar von 150 Reserveoffizieren, die einen Offenen Brief unterzeichneten, in dem sie erklären, fortan "nicht mehr hinter der Grenze von 1967" kämpfen zu wollen. "Wir, die wir immer an vorderster Linie dienten", heißt es, "werden nicht länger den Krieg der Siedlungen ausfechten". Die Herrschaft über ein gesamtes Volk, "Vertreibung, Aushungern und Erniedrigung" müsse ein Ende haben. Der Brief hat in der Öffentlichkeit für mehr Furore gesorgt als die mühsame Arbeit der Bewegung Es gibt eine Grenze. Die Armee ist ratlos. Seit Tagen wird über mögliche Maßnahmen debattiert. Dabei zeichnet sich bereits ab, dass jeder Fall individuell behandelt werden soll.
Ihr Engagement gründe sich auf die Erfahrung, dass die Armee immer versucht habe, das Problem zu vertuschen, sagt Noam Kusar. "Mein Vorgesetzter warnte mich sogar davor, meinen Fall an die Presse weiterzugeben." Bevorzugte Praxis des Militärs war es stets, die Verweigerer der Kategorie "medizinische oder seelische Untauglichkeit" loszuwerden. Sie wurden isoliert und mit ihrem Problem alleingelassen. "Unsere Gruppe motiviert niemanden zur Verweigerung, aber wir helfen, wenn uns jemand braucht", sagt Noam noch. Schließlich habe jeder "seine Grenze irgendwo".

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00:00 01.03.2002

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