Eine größere Drohung

Der Lauf der Geschichte In seinen Büchern schreibt der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk eine intellektuelle Autobiographie und die politische Geographie der neuen Zeit in Polen

Andrzej Stasiuk muss eine hastige Jugend gehabt haben. Seine Autobiographie oder zumindest das, was er selbst als den ersten Teil davon bezeichnet, ist ohne einen einzigen Absatz geschrieben. Das schmale Bändchen von knapp hundertvierzig Seiten liest sich wie ein Plausch im Bus, in dem einer dem anderen erzählt, was war und was noch war und was auch noch war. So kommt es, dass am Ende, kurz vor dem Ausstieg, dem Erzähler auffällt, dass er die versprochene Antwort nicht gegeben hat. Beim nächsten Mal, schwört er hochheilig, wird er wirklich erzählen, wie er Schriftsteller wurde.
Stasiuk gibt sich gerne als Held, als sympathischer Macho einer knackigen Zeit, in der noch alles robust und ohne dreifachen Boden war. In Polen hat dieses Bändchen mit dem Titel Wie ich Schriftsteller wurde für Aufregung gesorgt. Denn die Zeit, an die Stasiuk sich hier erinnert, ist die Zeit der politischen Unruhen, der Verhängung des Kriegsrechts, die Zeit der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung Solidarität.
In dem Knast, in dem auch die Regimegegner einsitzen, empfinden die echten Kriminellen die politischen Häftlinge als Unruhestifter. Sie stören die tiefe Solidarität der schweren Jungs untereinander und deren Zusammenarbeit mit den Wächtern, die es ja auch nicht viel besser haben. Und Stasiuk gehörte zu den echten, zumindest zu den Kleinkriminellen. Und in deren Männerbund war die Welt noch in Ordnung, zumindest bevor alles durcheinander geriet im allgemein bekannten Spätkapitalismus: Frauen, Männer, gut, böse, schlechte und echte Musik, überhaupt, wer eigentlich Freund und Feind ist.
Man könnte also sagen, dass diese Autobiographie politisch ziemlich unkorrekt ist. Dass es so aussieht, als wären diese späten siebziger und frühen achtziger Jahre, ob in Polen oder sonst wo, überall von dem gleichen Jugendideal bestimmt gewesen. Dass diese Erinnerung einem ganz unangemessenen Muster folgt, bei dem früher alles besser, ehrlicher, spontaner und vor allem einfacher war. Wenn Stasiuks Autobiographie nicht so ungemein lustig wäre. Zum Beispiel, wenn bis zur Obsession in männlicher Expertenrunde darüber gestritten wird, wann es mit dem authentischen Rock bergab ging, wer die letzte wirkliche Band kennt. Oder: Wenn Stasiuk sich wie in einem rechtschaffenen Kindertagebuch zu erinnern versucht, wann, wo, was, wie viel gekostet hat, um zu beweisen, dass früher tatsächlich alles billiger war. Was ihm nicht immer gelingt. Der ganze Gestus der Wichtigkeit geht in dieser Übertreibung unter.
Wie ich Schriftsteller wurde ist ein lang anhaltendes Gelächter über die, die glauben, dass sich Literaten anders erinnern, als es die Rede vom Gestern zulässt. Nicht selten sind Tagebücher und Autobiographien ja nur deshalb interessant, weil man sich daran ergötzen kann, dass auch diesen oder jenen Schreiber die gleichen statistischen Mimosen umtreiben. Und nicht selten scheitert diese Gattung an dem peinlichen Bemühen, nicht peinlich zu sein, wenn mit bedeutender Geste das Allerallgemeinmenschlichste verkündet wird.
Aber vielleicht muss man Stasiuks Plauderton aus einem ganz anderen Grund verteidigen. Nicht weil er auf trickreiche Weise die Probleme der Autobiographie umgeht. Auch nicht weil er die Erwartung einer privilegierten Sicht possenhaft zurückweist. Im Untertitel heißt es hartnäckig und ironisch: Versuch einer intellektuellen Autobiographie. Vielleicht nimmt der Plauderton etwas ernst, was der alltäglichen und mit Sicherheit falschen Rede vom besseren Gestern innewohnt. Keinesfalls setzt er auf eine angemessene Darstellung. Aber er bringt eine Erfahrung auf den Punkt, nämlich, dass die Wahrheit immer einfach ist: "Auch Lenin habe ich gekauft, aber das war totales Gewäsch. Kein Wort über das wirkliche Leben. Heute schwant mir, daß wir bekloppte Linksradikale waren. Besonders Dz·ojo, weil er aus einer reichen Familie kam. Sie hatten eine Villa mit Garten. Arbeiteten in der Vertretung der BRD. Dz·ojo fuhr öfter dorthin und saugte Ideale auf. Er las sogar Frankfurter Schule. Uns fehlte dazu die Geduld. Wir übersetzten uns lieber Dylan, so wie er uns paßte. Den Kapitalismus haßten wir. Amerika liebten wir."
Stasiuk hat versprochen, einen zweiten Teil folgen zu lassen, in dem es ums Schreiben, um Schriftsteller, Kritiker und Redakteure gehen soll. Hoffentlich lässt er sich nicht davon abbringen, auch hier nicht zu viel Rücksicht auf die Angemessenheit der Darstellung zu nehmen.
Umgekehrt verhält es sich mit Stasiuks neuem Roman. Hier geht es ums Heute. Spielte Die Welt hinter Dukla in der ländlichen Bergregion der Beskiden in Südpolen, so vermisst Stasiuk in seinem Roman Neun das neue Warschau, die Ankunft des Kapitalismus samt Kriminalität großen Stils, die nichts mehr mit den kumpelhaften Männerbünden aus seiner Autobiographie gemein hat. Entsprechend ist die Romansprache auch nicht mehr jovial, eitel und ironisch. Statt dessen ein Blick, durchgängig kalt, ein Netz aus Handlungen, durchgängig neblig. Nur in einer einzigen Passage taucht kurz ein Ich auf. Aber auch dieses vermag die Unübersichtlichkeit der Schauplätze, der Abhängigkeiten und Gewalttaten der hilflosen Figuren nicht zu ordnen, sondern gesteht seine Mitschuld an dem unvermeidlichen Lauf der Geschichte auf einen Tod zu.
Am Anfang der Handlung steht eine zertrümmerte Wohnung. Pawel, ein junger Geschäftsmann, der es zu einem bescheidenen Textilhandel gebracht hat, erwacht zwischen Scherben, wohl wissend, dass dies nur eine Warnung ist, ein Vorgeschmack auf die Zerbrechlichkeit seines Körpers. Natürlich geht es um Geld. Aber es geht auch darum, dass selbst Pawel unklar ist, wem genau er das Geld schuldet und wer genau es jetzt zurückverlangt. Durch den ganzen Roman geistert eine Drohung, die größer ist als diese Geldforderung und der die Figuren ausgesetzt sind, als Opfer und auch als Täter, in der sicheren Ahnung, dass sie ihr zuletzt nicht entkommen werden. Pawel verlässt seine Wohnung, stößt während seiner mehrtägigen Irrfahrt durch Warschau auf Milieus und Gestalten, deren Schicksal durch die gleiche Drohung bestimmt ist.
Da ist sein ehemaliger Freund Jacek, der offensichtlich mehr Glück mit seinen Geschäftsideen hatte und offensichtlich in noch größeren Schwierigkeiten steckt. Da ist Packer, der Befehlsempfänger, der für den Geldeintreiber Bolek arbeitet, der sich Syl, ein junges Mädchen, wie eine Hauskatze hält, und von Irina, seiner großen Liebe, träumt. Bolek wiederum arbeitet für einen gewissen Herrn Max, der sich vor allem um seinen schwulen Sohn sorgt und selbst als Legende aller Mächtigen nicht einmal das oberste Glied in der Kette der Drohungen ist. Auch für Herrn Max geht es darum, dass es nur noch ums Geld geht und vor allem um solches, das fehlt.
Als könnte diese Ökonomie des Mangels und der Angst nicht mehr begriffen sondern nur noch gezeigt werden, verfährt der Roman wie eine Kamerafahrt, die disparate Szenen einsammelt, aneinander reiht, kommentarlos zur Schau stellt. Bis durch die Wiederholung der durchgängigen Gewalt in den Szenen der Stadt der Raum für die Figuren zunehmend enger wird. Bis schließlich klar wird, dass sich die Verfolgungsjagd nicht mehr durch die Rückgabe des geliehenen Kapitals auflösen lässt. Denn die Drohung lebt davon, dass die Rechnung nie aufgeht und dass der Rest mit einem Opfer bezahlt werden muss. Das wissen auch die beiden Freunde, die jungen Unternehmer, deren Not keine Ausnahme vom normalen Geschäftsleben ist. Die alles in allem dazugehört. Zuletzt flüchten sie sich auf die Dächer von Warschau, warten, bis das Schicksal an ihnen vorbeizieht, das sich ganz ihrer Nähe vollstreckt. Ein Mord wird beobachtet. Es gibt keine Gegenwehr des Opfers, keine Außenperspektive in diesem Roman, sondern nur den rituellen Urgrund dessen, was man moderne Ökonomie nennt.
Die beiden Romane Die Welt hinter Dukla und Neun spiegeln stilistisch und thematisch die Differenz von Stadt und Land wider, die in der polnischen Geschichte immer auch eine politische und eine des Widerstands war. Während man die Fülle, die Atmosphäre, das Wunderbare von Dukla nach dem Lesen am liebsten mit einer Reise dorthin eingeholt hätte, bietet Stasiuks literarische Geographie des neuen Warschau kein Angebot zur Hoffnung. Man kann Stasiuks Autobiographie vorwerfen, eine politische Zeit unpolitisch erzählt zu haben. Seine Romane beschreiben eine unpolitische Zeit präzise politisch.

Andrzej Stasiuk: Die Welt hinter Dukla. Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Suhrkamp-Verlag Frankfurt am Main 2002, 174 S., 18,80 EUR
Andrzej Stasiuk: Wie ich Schriftsteller wurde. Versuch einer intellektuellen Autobiographie. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Suhrkamp-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2001, 139 S., 9 EUR
Andrzej Stasiuk: Neun. Roman. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2202, 297 S., 22,90 EUR

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00:00 22.03.2002

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