Eine Guerilla hat Zeit

Afghanistan Das Scheitern des Westens am Hindukusch zeigt: Gebraucht wird eine deutsche Außenpolitik, die sich auch in die Lage eines Gegners versetzen kann
Eine Guerilla hat Zeit
Wie konnten die Taliban gegen das mächtigste Militär-Bündnis der Welt gewinnen?

Foto: Joe Raedle/Getty Images

Wird derzeit gefragt, weshalb die Taliban gegen das mächtigste Bündnis der Welt gewinnen konnten, zeugen offizielle Antworten von einem Kampf um die zeitgeschichtliche Deutungshoheit für eine fehlgeschlagene zwanzigjährige Intervention, die über 150.000 Tote und über zwei Billionen Dollar Kosten verursacht hat. Während die einen Nachrichtendienste als Verantwortliche ausmachen, zeigen andere auf Donald Trumps Deal mit den Taliban vom Februar 2020. Gerhard Schindler, Ex-Präsident des BND, ist so dreist, die angeblich behindernde Rechtsprechung des Verfassungsgerichts als maßgeblich für das deutsche Versagen anzuführen. Manche Experten nennen die US-Exitstrategie als Grund, andere meinen, die NATO habe zu wenig „boots on the ground“ gehabt. Diese Urteile haben eines gemeinsam: den Irrglauben, die Intervention hätte funktioniert, wenn man es nur besser gemacht hätte. Tatsächlich resultiert das Versagen vorrangig aus mangelnder Lernbereitschaft.

Man kann angesichts vorhandener Erfahrungen sogar von pathologischem Unvermögen sprechen, denn Interventionen in interne Konflikte gibt es schon lange. Externe Akteure intervenieren aus unterschiedlichen Gründen, seien sie nun geostrategischer, humanitärer oder rein machtpolitischer Natur. Trotz vielfacher negativer Erfahrung wird immer wieder die Grundregel missachtet, dass Gewaltkonflikte nicht militärisch zu lösen sind. Nach dem preußischen Kriegsphilosophen Carl von Clausewitz ist Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Das bedeutet, dass es im Krieg immer um politische Fragen geht, die diplomatischer Lösungen bedürfen. Die lange gültige Einstufung der Taliban als Terroristen, mit denen man nicht reden dürfe, war falsch, weil ideologisch verblendet. Reden ist immer besser als schießen. Zum Zweiten ist das erste Opfer des Krieges stets die Wahrheit. Von Beginn an wurde der Afghanistaneinsatz als Erfolgsgeschichte verkauft. Eine Vielzahl hehrer Ziele wie Demokratie und Menschenrechte dienten dazu, die Intervention und ihre menschlichen und materiellen Kosten akzeptabel zu machen. Die Bundesregierung benötigte neun Jahre, um zuzugeben, dass sich die Bundeswehr in einem Krieg befindet. Schönrederei und Verschleierung erweckten einen falschen Schein, von dem sich auch ein Teil der Entscheidungsträger täuschen ließ.

Schließlich, mach nicht kaputt, was du nicht reparieren kannst: Auf Afghanistan und Fälle wie Mali bezogen, heißt das, versuche erst recht nicht zu reparieren, was bereits kaputt ist. Natürlich kann einer zerfallenen Gesellschaft dabei geholfen werden, sich zu stabilisieren. Aber zum einen muss man dann adäquate Mittel zum Aufbau anwenden, zum anderen müssen die wesentlichen Anstöße aus der betroffenen Gesellschaft selbst kommen. Eine korrupte Elite zu alimentieren, reicht nicht.

Fremde werden Besatzer

Weiter gilt, eine Guerilla, die nicht verliert, gewinnt. Diese Lehre hat einst Henry Kissinger aus dem Vietnamkrieg gezogen. Auch wohlmeinende Interventen werden irgendwann als Besatzer bekämpft. In Afghanistan haben das Großbritannien, die UdSSR und nun die USA schmerzlich erfahren. Das gilt besonders dann, wenn die unterstützte Regierung unfähig und korrupt ist, die Sicherheitskräfte unzuverlässig sind und die Guerilla über sichere Rückzugsgebiete verfügt. Und noch etwas gilt: Die einen haben Uhren, die anderen Zeit. Wenn externe Mächte intervenieren, dann tun sie das mit einem politischen Ziel, das in einer gewissen Zeit erreicht werden soll. Irgendwann kommt unweigerlich der Zeitpunkt, zu dem sie die Kosten im Verhältnis zum politischen Nutzen als zu hoch einschätzen. Dann müssen die Fremden gehen, die einheimische Guerilla bleibt, um die Macht zu übernehmen.

Aus alldem ist nur eine Lehre zu ziehen: Grundsätzlich sollte es keine militarisierte Sicherheitspolitik geben, auch keinen militärisch gestützten Staatsaufbau in Ländern mit internen Gewaltkonflikten. Die Alternative besteht in einer Außenpolitik, die friedensorientiert und so selbstreflexiv ist, dass sie sich auch in die Lage eines Gegners versetzen kann.

Hans-Georg Ehrhart ist Senior Research Fellow am Hamburger Friedensforschungsinstitut

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06:00 06.09.2021

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