„Eine Illusion“

Interview Theater muss scheitern, wenn es an seine politische Wirksamkeit glaubt, sagt Jakob Hayner

Die digitalen Improvisationen des Theaters in Zeiten von Corona sieht Jakob Hayner kritisch, das Theater arbeite damit möglicherweise unfreiwillig seiner Selbstabschaffung entgegen, findet er. Dem ins „Karitative gehende Programm“ vieler Theater angesichts einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft kann der Autor auch wenig abgewinnen. In seinem Essay Warum Theater fragt er deshalb auch, wie die Bühne heute an intellektueller Relevanz gewinnen kann.

der Freitag: Herr Hayner, im Fernsehen sah ich jüngst, wie ein Kabarettist sein Programm vor parkenden Pkws darbot. Ist so etwas auch im Theater geplant?

Jakob Hayner: Im Moment wird wahnsinnig viel improvisiert. Mit Drive-in-Theatern oder im Internet. Die Digitalisierung kommt zuweilen wie ein Allheilmittel daher. Man erhofft sich unendlich viel davon, was angesichts der Situation nicht verwundert.

Ist es denn nicht reizvoll, mithilfe der digitalen Technologie die Grenzen der Kunstgattungen zu überschreiten und Hybridformen zu entwickeln?

Diese neuen Möglichkeiten bringen einem aber gar nichts, wenn man nicht weiß, was man erzählen will. Sicher kann man digitale Mittel nutzen, wenn man feststellt, dass sich mit ihrer Hilfe etwas besser oder vielleicht sogar nur auf diese Weise darstellen lässt. Das Theater müsste aber erst einmal gucken, ob es für die eigenen Anliegen sinnvoll ist, auf digitale Produktion und Redistribution zurückzugreifen. Man reflektiert beispielsweise viel zu wenig darüber, wie der Nachdruck, mit dem die Digitalisierung nun auch im Theater verfolgt wird, mit der Durchsetzung eines neuen Akkumulationsregimes zu tun hat: dem digitalen Kapitalismus.

Das Publikum soll durch die digitalen Möglichkeiten besser beteiligt werden. Ist das falsch?

Theater kann nicht heißen, dass man sich auf dem Tablet oder dem Smartphone mal kurz zu- und dann wieder wegschaltet. Das erzeugt nur eine Illusion von Beteiligung und folgt dem Bild einer Öffentlichkeit, die sich im Modus von Like und Dislike organisiert. Das scheint mir eine etwas kopflose Debatte zu sein, bei der ich mich frage, ob es dem Theater zugutekommt oder eher seiner Selbstabschaffung entgegenarbeitet.

Viele Kulturschaffende weisen angesichts der schwierigen Zukunftsaussichten darauf hin, dass auch ihre Einrichtungen ein bedeutender Wirtschaftszweig sind.

Ein schwaches Argument. Ich bin mir nebenher nicht so sicher, ob die Theater, wenn man sie beispielsweise mit der industriellen Produktion vergleicht, für die Bundesrepublik so ein entscheidender Wirtschaftsfaktor sind. Sie erreichen auch nicht die Massen, sondern eher ein bürgerliches Publikum, das dem Theater allerdings immer noch eine große Bedeutung zuspricht.

Sehen Sie das kritisch?

Was auf der Bühne geschieht, lässt zumindest den bürgerlichen Blickwinkel erkennen. Obwohl in den letzten hundert Jahren einige Versuche unternommen wurden, das aufzubrechen, hat sich das wieder verfestigt.

Einspruch. Wenn man die einschlägigen Theater in Berlin besucht, sieht man dort die Verfolgten und Entrechteten aller Herren Länder auf der Bühne. Mit ihren Biografien bestimmen sie mit, was dort geschieht.

Das Mitleid war immer auch ein Teil des bürgerlichen Selbstverständnisses. Mich erinnert das an die Phase des Naturalismus vor über hundert Jahren, als man entdeckte, dass die Welt um einiges größer und vielfältiger ist als auf den Theaterbühnen der Zeit. Dagegen habe ich zunächst einmal nichts. Nun ist allerdings die Frage, ob man mit einem ins Karitative gehenden Programm auch die gesellschaftlichen Ursachen für die Ungleichheit in den Blick bekommt. Warum sind die einen arm und die anderen reich? Warum können sich die einen gewählt ausdrücken und die anderen haben Mühe, sich sprachlich zu behaupten?

Ist es nicht eher die Aufgabe der Soziologie, solche Fragen zu beantworten?

Das kann sie auch, aber auf eine andere Art und Weise als die Kunst. Das Theater macht auf der Bühne ein Probehandeln möglich, das in der Welt draußen zunächst einmal keine Konsequenzen hat. Und damit kann man sehr Wichtiges über diese Welt erfahren. So denke ich an Brechts Die heilige Johanna der Schlachthöfe. Darin geht ein Mensch durch die Welt, versucht die ihm begegnenden Probleme auf konventionelle Weise mit gutem Willen zu lösen, und macht die Erfahrung, dass es auf diese Art und Weise nicht funktioniert. Man kann Situationen vor einem Publikum durchspielen und dieses zugleich mit einer Haltung bekannt machen, die man zu den dargestellten Problemen und gesellschaftlichen Widersprüchen einnehmen kann.

Zur Person

Jakob Hayner wurde 1988 in Dresden geboren. Er lebt in Berlin und arbeitet als Redakteur bei Theater der Zeit und schreibt als freier Autor für diverse Zeitungen und Zeitschriften. Warum Theater. Krise und Erneuerung ist bei Matthes & Seitz erschienen (160 S., 15 €)

Wenn Theaterleute heute von „Haltung“ sprechen, bedeutet das oft nicht mehr, als dass sie sich zu einer guten Sache bekennen.

Das hat mit einem grundsätzlichen Missverständnis zu tun, dem im Theater oft aufgesessen wird. Man glaubt, dass sich die Gesellschaft aus einer Ansammlung von Sprachhandlungen zusammensetzt, die moralisch zu bewerten sind. Dabei gibt es eine praktische materielle Vergesellschaftung, die dem Handeln der Akteure eine andere Wirkung zu geben vermag, als es das moralische Selbstbild der Akteure verlangt. Auf der Ebene der Handlungen ist man ganz anders in die Welt verstrickt als auf der Ebene der moralischen Selbstauskunft. Das Theater hätte nun die Möglichkeit, die daraus resultierenden Widersprüche herauszustellen, indem es immer wieder die Sprache der Akteure mit dieser Handlungsebene konfrontiert. Ich weiß gar nicht, wie viele Stücke ich gesehen habe, in denen herausgestellt wird, was Donald Trump für ein Idiot ist. Aber die entscheidende Frage ist doch nicht seine persönliche Dummheit oder Gemeinheit, sondern die nach den gesellschaftlichen Widersprüchen, die es möglich machen, dass jemand wie er eine solche Position einnehmen kann oder gar muss.

Interessanter wäre es, in einem Bühnenstück zu zeigen, wie ein Theatermensch, der sich nach Kräften darum bemüht, „Haltung zu zeigen“, am Ende das Gegenteil bewirkt: den Aufstieg der Rechten. Aber so ein Zugang hätte auf dem Theater heute wahrscheinlich keine große Chance?

Dem stünde die dort vorherrschende Wahrnehmung entgegen, dass man selbst wahnsinnig bedroht ist und einen Schutzraum für all die gefährdeten Individualitäten, Gefühle und Sensibilitäten bieten müsse. Für mich ist das Theater zunächst ein Raum des Widerspruchs. Dadurch, dass dort alles nur gespielt ist, können wir uns dem Bösen und allem, was uns Angst macht, aussetzen, ohne dass es uns wirklich zu zerstören vermöchte. Wir können es durchspielen und machen es dadurch unserer Vernunft zugänglich. Nun gibt es aber diese eigenartige Tendenz, zu sagen: Nein, wir müssen diese Sachen aus dem Theater raushalten, denn wenn irgendwo böse Sachen gesagt werden, geschehen sie an einer anderen Stelle. Das ist eine Art von Sprachmagie. Wenn jemand auf der Bühne etwas Beleidigendes oder Herabwürdigendes sagt, so glaubt man, könnte das einen anderen dazu ermutigen, Gewalt anzuwenden. Im Politischen ist das naheliegender, für die Kunst ist es absurd.

Wenn Theaterleute unter der Überschrift „Die Vielen“ gegen rechts demonstrieren, kann ich das Anliegen nachvollziehen. Mir scheint aber auch, dass die von Ihnen angesprochenen gesellschaftlichen Widersprüche in dem anvisierten breiten Bündnis verdeckt werden.

Das ist ja das Dilemma, dass dabei die systemische Krise aus dem Blick gerät, die immer mehr Menschen in Niedriglohnjobs und Armut treibt. Die sozioökonomischen Fragen stehen hinter den Repräsentationsfragen auf der sprachlich-politischen Ebene zurück. Das Problem dieser Selbstzuschreibung inklusive ihrer moralischen Überhöhung ist, dass man gar nicht versteht, warum eine solche Haltung, in der man sich selbst als „Die Vielen“ identifiziert, bei anderen Ressentiments hervorruft, und dass das in einer von Widersprüchen durchzogenen Gesellschaft nicht funktioniert. Man versteht sich als eine große demokratische Familie, aber die Selbstdarstellung wird von vielen anderen als das wahrgenommen, was sie in Wirklichkeit ja auch ist: eine heuchlerische Form der Rede. Das ist das Problem bei dem Versuch, entpolitisierte Politik zu machen.

Das Theater wird missverstanden als Politik mit anderen Mitteln?

Das Spiel kann eine wirkliche Erweiterung der Möglichkeiten sein, über die Welt nachzudenken und sich mit ihren Widersprüchen zu konfrontieren. Die Vorstellung, das Theater könne direkt politisch wirksam werden und diesen oder jenen Missstand beheben, ist eine Illusion. Statt die Bühne als Medium der Reflexion zu verstehen, wird etwas gänzlich Unmögliches von ihr verlangt, was sie notwendig immer wieder scheitern lässt. Das Theater erschöpft sich in Ersatzhandlungen.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Aktionen des „Zentrums für politische Schönheit“?

Das ist eine Truppe, die mit Regelverletzungen auf eine sehr effektive Weise medialen Aufruhr erzeugt und damit öffentliche Aufmerksamkeit provoziert. PR-Profis eben.

Damit können sie auf Probleme aufmerksam machen, die bislang zu wenig beachtet wurden.

Das kann einen hohen aufklärerischen Aspekt beinhalten, das will ich nicht leugnen. Meines Erachtens führen ihre Aktivitäten jedoch in eine Sackgasse – im politischen wie im künstlerischen Sinne. Die ganze Anerkennung, die sie erhalten, resultiert aus den empörten Reaktionen ihrer jeweiligen Opponenten, ob es nun die Regierung oder Höcke ist. Indem man immer wieder das, was man aus guten Gründen für verwerflich hält, öffentlich skandalisiert, verstrickt man sich auf eine fast libidinöse Weise immer mehr in eine Welt, von der man sich nicht mehr vorstellen kann, dass sie auch anders sein könnte.

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06:00 15.07.2020

Ausgabe 32/2020

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