Eine Kassette voller Heimat

Migration Wie war es, Sohn eines kurdischen „Gastarbeiters“ zu sein? Unser Autor erzählt seine Geschichte
Eine Kassette voller Heimat
Acht Jahre musste der Vater (l.) sich in Deutschland „bewähren“. Tochter Hata (hier mit ihrer kleinen Schwester auf dem Arm) sang zu Hause für ihn

Illustration: Johanna Goldmann, Fotos: privat

Kurz nach dem rassistischen Angriff in Hanau diskutierte Markus Lanz mit seinen Gästen über das Ereignis. Er nannte die hier geborenen Menschen, die die Zielscheibe des Attentates waren und ermordet wurden, „Fremde“. Da musste ich an meinen Vater denken. Und immer wieder an diesen Satz, der in der Literatur sowohl Max Frisch als auch Friedrich Dürrenmatt zugeschrieben wird: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen!“ Es hat nie eine ehrliche Auseinandersetzung damit stattgefunden. Sie waren „Arbeiter“, „Gastarbeiter“ oder Migranten – immer in einer ihnen zugeschriebenen Funktion, aber sie wurden selten als vollwertige Menschen betrachtet, mit einem eigenen Leben.

Mein Vater, ein „Gastarbeiter“, kam nach Deutschland; wir durften jedoch nicht mit ihm reisen, weil er sich zunächst einmal „bewähren“ musste: Man musste damals acht Jahre lang gearbeitet haben und straffrei sein, um eine sogenannte Familienzusammenführung herbeiführen zu können. So lebten wir in dieser ewig andauernden Zeit getrennt voneinander – die Kindheit einiger seiner Kinder hat er nie erlebt und umgekehrt: In den Erinnerungen der Kindheit fehlt uns stets unser Vater. Das war Anfang der 1980er-Jahre.

Als Kommunikationsmittel dienten damals nur Kassettenrekorder. In unserem kurdischen Dorf in Türkisch-Kurdistan gab es zu dieser Zeit weder Strom noch eine Vorstellung von einem Telefon. Der Staat hatte uns vergessen; anders gesagt, er wollte, dass wir der Entwicklung der Welt hinterherhinken, und so investierte er weder in Bildung noch in die Infrastruktur unserer Region. Zur Realität der Kurden gehört immer noch: im Herkunftsland verfemt, in Deutschland nie von Interesse gewesen.

An diesem Abend saß der Vater wieder in seinem Zimmer. Er teilte es mit drei anderen Landsleuten in einer Gemeinschaftsunterkunft. Der Vater saß alleine, weil seine Zimmergenossen Nachtschicht hatten und erst gegen Morgen von der Arbeit zurückkehrten. Er genoss diese Stunden, weil sie nur ihm und seiner Familie gehörten. An jenem Abend hörte er ganz konzentriert dem Lied zu, das seine Tochter auf einer Kassette gesungen hatte. Das war die einzige Möglichkeit, am Leben seiner Familie teilzunehmen. Etliche Länder und Grenzen trennten sie voneinander. Er lebte seit mehreren Jahren in dieser kleinen Arbeiterstadt im Ruhrgebiet. Deutsch hatte er nicht gelernt, weil für den Staat und den Arbeitgeber seine Arbeitsleistung im Mittelpunkt stand. Bereits am ersten Tag seiner Ankunft in Deutschland musste er anfangen, zu arbeiten.

Außerdem war er ein Analphabet. In seiner Heimat hatte er keine Möglichkeit, das Lesen und Schreiben zu lernen; er war ein Mensch zweiter Klasse. Und hier war er als Gastarbeiter einbestellt worden – die Betonung lag, wohlgemerkt, auf „Arbeiter“ und nicht auf „Gast“. So musste er jeden Tag neun Stunden tonnenweise Motorteile von Autos schleifen, die grob aus einer Gießerei kamen. Er nahm jedes Mal ein Teil aus dem rechten Wagen neben sich, schleifte es und legte es dann in den Wagen auf der anderen Seite. Immer wieder. Ganz schnell, denn er arbeitete im Akkord. Stundenlang in Akkordarbeit. Er brauchte dafür keine Sprache – nicht einmal seine eigene Muttersprache. Die konnte er mittlerweile eh nur mit seinen Zimmerkameraden teilen, einen Wert hatte sie nicht mehr.

In der Unterkunft angekommen, musste dann die tägliche Arbeit erledigt werden: kochen, waschen, säubern ... Alles erledigte er selbst. Hier war er nämlich ganz alleine, ohne Familie. Für die Arbeit konnte er zwar einreisen, aber die Familie durfte nicht mit – auch für eine vorübergehende Zeit nicht. Die Gesetze änderten sich zwar immer wieder, aber stets zu seinen Ungunsten, deshalb durfte er die Familie nicht bei sich haben. Er vermisste seine Töchter, klein und hübsch. Insbesondere die pausbäckige, mittlerweile 8-jährige Tochter.

Die Superstars des Dorfes

Jedes Mal, wenn er nach Hause kam, legte er die Kassette in den Rekorder und hörte ihr zu – immer wieder. Hata – das war zwar nicht ihr eigentlicher Name, aber wie jedes kurdische Kind hatte sie einen Spitznamen – sang gerne, immer kurdische Bänkellieder und Balladen.

„Kilam û stranên dengbêjan“, also Bänkel- und Balladenlieder, waren der Grundstein ihrer Musik. In der Regel wurden damals von „Dengbêj“, also von Leuten, die quasi „ihre Stimme selbst besingen“ (so die ungefähre Übersetzung der Bezeichnung) alle möglichen Ereignisse ohne eine instrumentale Begleitung in einer zum Teil sich reimenden Sprache gesungen. Konflikte innerhalb der Gesellschaft, Stammesfehden, zum Teil auch politische Ereignisse wurden durch den Dengbêj – es waren gewöhnlich Männer – in einer Geschichte verpackt und dann aus dem Stegreif gesungen. Angesehene Stammesführer hatten einen eigenen Dengbêj, der im Empfangssaal saß und zu bestimmten Anlässen seine Lieder sang. Die Gesangszeremonie konnte manchmal stunden- oder bei Hochzeitsfeierlichkeiten auch tagelang andauern – man feierte über mehrere Tage hinweg. Dengbêjs waren die Superstars der jungen Menschen. Wenn man auffallen wollte, dann begann man nach dieser Art zu singen. Dafür musste man jedoch nicht nur eine gute Stimme und die Fähigkeit zu singen, sondern auch ein gutes Gedächtnis haben. Die überwiegende Mehrheit der Menschen wurde vom Staat nicht eingeschult; sie sollten Analphabeten bleiben. Wissen hieß Teilhabe, und diese sollte auf jenem Fleck der Erde nicht erfolgen. So musste man sich das Gesungene schnell einprägen, weil man es nirgendwo schriftlich vorfinden konnte. Und nicht jeder Haushalt besaß einen Kassettenrekorder. Er war damals ein Luxusgut. Wenn man ein solches Gerät besaß, musste man für Batterien sorgen, die kaum erschwinglich waren. Also blieb der einfachste Weg, sich ganz schnell die Lieder einzuprägen. Da allen dieser Zustand bewusst war, wurden die Superstars schnell mit Bewunderung aufgenommen.

Und Hata gehörte in dem kleinen, von zwei Flüssen umschlossenen Dorf mitten in einem Tal zu den Superstars. Sie sang bekannte Lieder nach. Und manchmal, wenn ihr die Trennung vom Vater schwerfiel, dann zog sie sich zurück und sang. Insbesondere, wenn die anderen mit ihren Familien feierten, erlebte sie ganz stark das Gefühl, alleingelassen worden zu sein. Und genau in diesen Stunden machte sie Shakiros Lieder nach – den bekanntesten Dengbêj Kurdistans. Und der Papa war stets die ersehnte Hauptfigur der gesungenen Erzählung.

Wenn jemand aus dem fernen Almanya für den Jahresurlaub kam, war die Freude sehr groß. Denn er hatte bestimmt eine Kassette von Papa dabei. Darauf erzählte er von seinem Leben in der kleinen Arbeiterstadt im Ruhrgebiet – fast viertausend Kilometer weit weg von ihnen. Er erzählte zwar von seinem Leben, aber im Vordergrund stand die Sehnsucht und die Sorge um seine Familie. Den Film, den er aus Worten webte, bildeten die Zuhörer, die abends bei Kerzenlicht um den Kassettenrekorder herum zusammensaßen, in ihrer Phantasie wieder ab. Inwieweit sich die Bilder deckten, wusste niemand.

Zuhören im Kämmerlein

Papa schickte in der Regel eine zweite Kassette mit, eine leere. Nun war die Familie dran. Der Reihe nach, von Groß bis Klein, sprach jeder etwas auf den Grundig-Kassettenrekorder. Jeder legte selbst fest, was er erzählte. Der Papa sollte sehen, dass es allen gut ging und alle gesund waren. Alle wussten aber: Wenn Hata dran war, dann hieß das auch Lieder und Gesänge.

An jenem Abend übergab ein Arbeitskollege dem Vater nach dem Schichtende eine neue Kassette aus dem Dorf. Er hörte allen gespannt zu. Seine Mimik änderte sich stets. Als er den Liedern seiner Tochter zuhörte, tränten ihm die Augen. Allein saß er in diesem Kämmerlein. Aus dem Fenster sah er die Familien, die zusammensaßen und glücklich irgendwelche Geschenke auspackten. Und er saß hier –

Ich bin Türke, aufrichtig, fleißig

Mein Gesetz ist es, meine Jüngeren zu schützen, meine Älteren zu achten,

meine Heimat und meine Nation mehr zu lieben als mich selbst.

O großer Atatürk! Ich schwöre, dass ich unaufhaltsam auf dem von dir eröffneten Weg zu dem von dir gezeigten Ziel streben werde.

Mein Dasein soll der türkischen Existenz ein Geschenk sein.

Wie glücklich derjenige, der sagt:„Ich bin ein Türke.“

Die Angst des Vaters, der Sohn entfremde sich, sollte sich nicht bewahrheiten. Der Bund zwischen ihm und seiner Muttersprache entwickelte sich so stark, dass er später in der Fremde autodidaktisch die Schriftsprache des Kurdischen erlernte, in welche er klassische deutsche Literatur übersetzte. Das Singen allerdings überließ er komplett seiner älteren Schwester Hata – der Rivalität musste nämlich irgendwann ein Ende gesetzt werden. Was die Lieder anbetrifft, so hört er sie regelmäßig, weil sie für ihn seine Kindheit, sein Dorf und die verlorene Heimat bedeuten. Und die Lieder selbst erleben gerade in der Globalisierung eine Renaissance. Welch schöne Wende.

Abdullah Incekan ist ein deutscher Autor, Sprachwissenschaftler und Pädagoge kurdischer Herkunft. Er hat an der Universität Bamberg promoviert und lebt heute in Bochum

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06:00 12.10.2020

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