Eine kassierte Unabhängigkeit

Chronik eines aufhaltsamen Abstiegs Die Republik Elfenbeinküste unter französischer Vormundschaft und im Sog einer fatalen Sezession

Für die französische Regierung ist es zuweilen nützlich, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die hegemonialen Interessen der USA zu richten, das verhindert lästige Fragen zur eigenen Außenpolitik in Afrika. Über ein Jahrzehnt nach dem Genozid in Ruanda (1994) breitet sich noch immer ein Mantel des Schweigens über die damalige Rolle Frankreichs bei der Evakuierung der für den Massenmord am Volk der Tutsi verantwortlichen Hutu-Eliten. Gleiches gilt für jetzige Verwicklungen von französischer Diplomatie und Armee in einen Konflikt, der die Republik Elfenbeinküste als Staat aus den Angeln hebt und eines nicht fernen Tage zu einem "zweiten Ruanda" führen kann.

Identitätsmythen der "Ivorité"

Félix Houphouët-Boigny, jahrzehntelang Präsident der Elfenbeinküste und vom eigenen Selbstverständnis her ein "aufgeklärter Diktator", war bis zu seinem Tod am 7. Dezember 1993 die Inkarnation für das neokoloniale Modell des "Françafrique", dessen Webmuster noch Charles de Gaulle zu verdanken war. Im Jahre 1958 hatte ein französischer Jurist in seiner Pariser Anwaltskanzlei der Elfenbeinküste eine Verfassung geschrieben und Houphouët-Boigny vorgelesen. Der fand an diesem Schriftsatz nicht zuletzt deshalb Gefallen, weil ihm zugleich das Amt des Präsidenten zugesichert wurde, das er mit dem ersten Tag der Unabhängigkeit, dem 7. August 1960, übernehmen sollte.

Und genau so kam es. Als ungewöhnlich pragmatischer Politiker versuchte Houphouët-Boigny in den ersten Jahren nach seiner Machtübernahme für ein Land, dessen knapp vier Millionen Einwohner in eine Vielzahl ethnischer Gruppen zerfallen, eine nationale "ivorische" (Elfenbeinküste auf französisch heißt Côte d´Ivoire) Identität zu begründen, die es zuvor nicht gegeben hatte. Zu diesem Zweck verteilte er die Einnahmen aus den zunächst florierenden Agrarexporten (Kaffee, Kakao, Bananen, Kautschuk) unter einer handzahmen politischen Elite, die sich in der Einheitspartei Parti Démocratique de Côte d´Ivoire (PDCI) zusammenfand, wie auch unter der eigenen Volksgruppe, den katholischen Baoulé. Doch band er durch ein verzweigtes Klientelsystem zugleich andere Ethnien wie die muslimischen Volksgruppen des Nordens.

Dieses System kollabierte in dem Augenblick, als auf dem Weltmarkt ein akuter Preiseinbruch bei Kakao und Kaffee dazu führte, dass es immer weniger zu verteilen gab. Bereits Ende der achtziger Jahre erreichte die nötige Kreditaufnahme bei der Weltbank horrende Größenordnungen, ohne dass die Inflation einen merklichen Abschwung erfuhr. 1994 wurde der sogenannte CFA-Franc (einst die Abkürzung für Colonies Françaises d´Afrique, heute praktischerweise für Communauté Financière Africaine) um 50 Prozent abgewertet. Frankreich übernahm in seiner einstigen Kolonie ganz offiziell die Rolle des finanziellen Vormunds und hatte damit die Unabhängigkeit der Elfenbeinküste kurzerhand konfisziert. Parallel dazu präsentierte der Internationale Währungsfonds (IWF) ein Sanierungsmodell, mit dem verlangt wurde, das ohnehin brüchige Klientelsystem aufzugeben, das Staatsmonopol für Kakao und Kaffee abzuwickeln und die Elfenbeinküste dem freien Wettbewerb im globalen Handel zu unterwerfen.

Diese Zäsur fiel schon in die Regierungszeit des Houphouët-Boigny- Nachfolgers Konan Bédié, der nicht wenig tat, das Modell der "ivorischen Identität" den neuen Realitäten anzupassen, indem er die sinkenden Staatseinnahmen nur noch an die Bevölkerungsgruppen im Süden vergab und das System des "verarmten oder marginalisierten Klientelismus" aus der Taufe hob. Das Land geriet unter die Fuchtel einer rassistischen Segregation. Am 8. Dezember 1994 - fast genau ein Jahr nach dem Tod von Houphouët-Boigny - wurde ein Wahlgesetz verabschiedet, das sämtliche Kandidaten relegierte, deren "Ivorität" als "unzureichend" oder nicht "ausreichend bewiesen" galt. Die Diskriminierung von Teilen der Bevölkerung gipfelte in einem "Gesetz über Grund und Boden", das sogenannten "Nicht-Ivoirern" das Recht auf Land verwehrte und Tausende von Bauernfamilien im Norden von ihren Parzellen vertrieb.

Derartige Maßnahmen waren freilich der Stabilität des Staates wenig förderlich, so dass am 24. Dezember 1999 ein Militärputsch die zwielichtige Figur des General Robert Guéï an die Macht katapultierte. Auch der wollte die Dogmen der "Ivorität" nicht missen. Als Guéï im Oktober 2000 Präsidentschaftswahlen abhalten ließ, waren zuvor 14 von 19 Kandidaten wegen "unzureichender Ivorität" nicht zugelassen worden, darunter Konan Bédié selbst, der damit zum Opfer der eigenen ideologischen Dogmen wurde. Die Wahlen mündeten statt der erhofften Befriedung in blutige Straßenkämpfe - bis schließlich der Oberste Gerichtshof Laurent Gbagbo, den Kandidaten des Front Populaire Ivorien (FPI), zum Sieger ausrief, der sich subtiler französischer Unterstützung erfreuen durfte.

Gbagbo setzte fort, womit seine Vorgänger gescheitert waren - er kultivierte die ivorische Ideologie zum Vorteil der Bevölkerung des Südens sowie der eigenen Macht - und zum Nachteil des Nordens und der Integrität des Staates, auf den er vereidigt war. Da die Armee als Ordnungsfaktor zusehends ausfiel, entstanden ab 2001 sogenannte "Pro-Gbagbo-Milizen", darunter Todesschwadronen wie die Jeunes Patriotes, die nun der "Ivorité" durch aggressive Militanz Nachdruck verliehen und dabei mit der Polizei kollaborieren konnten.

Frankreich sah ungerührt zu - das änderte sich erst, als der südliche Landteil bis hin zum Küstenstreifen und der Hauptstadt Abidjan durch den Vormarsch von Aufständischen aus dem Norden bedroht schien. Die Regierung Gbagbo insistierte heftig, man müsse das 1961 zwischen Frankreich und der Elfenbeinküste geschlossene Verteidigungsabkommen in Kraft setzen, das bei einer ausländischen Aggression zu gegenseitigem militärischen Beistand verpflichte. Und von einer Intervention müsse man ausgehen, die Rebellen würden von anderen afrikanischen Mächten unterhalten, besonders Blaise Compaoré, der Präsident von Burkina Faso, sei in diese Intrige verstrickt.

Nach einem symbolischen Zögern ließ die Regierung Chirac am 22. September 2002 die Operation "Einhorn" anlaufen. Französische Fallschirmjäger stoppten das Vorrücken des Nordens, gingen entlang einer Waffenstillstandslinie in Stellung (s. Karte), um den "nützlichen" Süden mit seinem Kaffee- und Kakao-Plantagen zu schützen und de facto eine Teilung des Landes vorweg zu nehmen. Die Rebellen sahen sich durch das Eingreifen Frankreichs aufgewertet - anfangs nur militärisch sichtbar, offenbarten sie jetzt auch ihr politisches Rückgrat: den Mouvement Patriotique de Côte d´Ivoire" (MPCI) unter dem Vorsitz von Guillaume Soro, einem ehemaligen Studentenführer.

Im Januar 2003 brachte die französische Diplomatie schließlich alle Beteiligten an einen Tisch, um nahe Paris das "Abkommen von Linas-Marcoussi" auszuhandeln, das von allen Bürgerkriegsparteien unterzeichnet wurde und Laurent Gbagbo weiterhin das Präsidentenamt zubilligte, wenn auch unter bis dahin undenkbaren Auflagen: den Eintritt des verachteten und geschmähten Nordens in eine ivorische Regierung. Die Rebellen - sie hatten sich zwischenzeitlich in Forces Nouvelles umbenannt - durften sechs Ressorts beanspruchen. Am 4. Juli 2003 verkündeten alle Konfliktparteien "das Ende des Bürgerkrieges" und kolportieren damit eine rhetorische Floskel, deren Realitätsgehalt gegen Null tendierte.

Die Spannungen klangen allein schon deshalb nicht ab, weil die ivorischen Nationalisten um Präsident Gbagbo nicht dazu bereit waren, sich der entscheidenden Botschaft des Linas-Marcoussis-Vertrages zu öffnen und die nationalistische Ideologie der "Ivorité" tatsächlich aufzugeben, sprich: das geltende Wahlgesetz wie auch das Gesetz über Grund und Boden zu kassieren.

Heraufziehende Bartholomäusnacht

Am 25. März 2004 endete in Abidjan eine friedliche Demonstration der Forces Nouvelles nahe stehenden Opposition, die sich für das Abkommen von Linas-Marcoussi einsetzen wollte, in einem entsetzlichen Blutbad. Mehrere hundert Menschen fielen den Todesschwadronen der Gbagbo-Milizen zum Opfer. Guillaume Soro, der Generalsekretär der MPCI, drohte daraufhin mit der endgültigen Zweiteilung des Landes.

Seither dämmert die Elfenbeinküste einer möglichen Bartholomäus-Nacht entgegen, in der es zu Massakern kommen könnte, die vom Ausmaß her an Ruanda 1994 erinnern. Auf einen ersten Blick scheint es so, als würde die von der französischen Armee kontrollierte Pufferzone zwischen Nord und Süd das Schlimmste verhindern. Doch würde eine solche Deutung der Lage den Umstand negieren, dass die reanimierte Kolonialmacht selbst Partei ist. Französische Unternehmen verfügen erneut über den größten Teil der Ressourcen des Landes: Von Kakao und Kaffee über Kautschuk und Öl bis zu Elektrizität und Bewässerung. Die Nachfolger des "weißen Afrikaners" Houpouët-Boigny, wie er dank seiner Nähe zu Frankreich genannt wurde (und deshalb auch in der Normandie begraben sein wollte) verdanken ihre Mandat inzwischen wieder dem französischen Staat, auch wenn Laurent Gbagbo darüber räsoniert, auslaufende Konzessionen ab 2005 international ausschreiben zu wollen.

Es erstaunt, wenn Präsident Chirac plötzlich voller Sorge von den "ivorischen Todeskommandos" spricht und auf Distanz zur Militärjunta von Gbagbo geht, die beide kein Problem waren, solange die "Ivorité" als Staatsdoktrin die französischen Interessen salvierte. Offenkundig versucht die Pariser Diplomatie, zwischen den zu allem entschlossenen Bürgerkriegsparteien zu vermitteln, sie könnte dadurch auf höchst unerfreuliche Weise zwischen die Fronten geraten. Paris wäre nur erst dann als Friedensemissär legitimiert, würde es sich zu einer strikten Absage an die bisherige Praxis der "Ivorité" durchringen und eine Definition derselben preferieren, die Privilegien kappt und Versöhnung will - doch dazu dürfte es vermutlich zu spät sein.

Der Autor arbeitet in Frankreich als Korrespondent verschiedener Zeitungen.


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Die Fuchtel der "Ivorité" - ein Überblick

Auf Abwegen
7. Dezember 1993 - nach dem Tod von Félix Houphouët-Boigny wird Parlamentspräsident Henri Konan Bédié neuer Staatschef und lässt sich zwei Jahre später durch Wahlen bestätigen. Bédié hält kompromisslos an der Ideologie der "Ivorité" fest, tut aber einiges, um sich aus der engen wirtschaftlichen Umklammerung durch Frankreich zu lösen. Ohne Absprache mit Paris erhält beispielsweise der US-Konzern Venco 1995 die Lizenz zur Prospektion von Ölquellen vor der ivorischen Küste.

Ein Weihnachtsputsch
Am 24. Dezember 1999 rebelliert Generalstabschef Robert Guéï gegen Konan Bédié und ernennt sich selbst zum "Präsidenten einer Übergangsregierung", die eine ausgesprochen nationalistische, allein an der "Ivorité" ausgerichtete Politik verfolgt. Es wird vermutet, dass die Regierung Chirac nicht unglücklich über die Entwicklung ist, da Bédié Gefallen an der neuen Afrika-Politik des damaligen US-Präsidenten Clinton fand. Im Süden wird eine Welle des Fremdenhasses gegen die im Norden lebenden größtenteils muslimischen Ethnien (wie die Volksgruppe der Mossi) ausgelöst.

Von 41,2 auf 59,4 Prozent
Bei den am 22. Oktober 2000 abgehaltenen Präsidentschaftswahlen erklärt sich General Guéï noch am Wahlabend mit 52,7 Prozent der Stimmen zum Sieger, während er seinem Konkurrenten Laurent Gbagbo vom Front Populaire Ivoirien (FPI) 41,2 Prozent zubilligt. Als es daraufhin zu Straßenkämpfen in Abidjan kommt, flieht Guéï, während Gbagbo mit 59,4 Prozent zum Sieger erklärt wird. Die Lage beruhigt sich nicht - die Konfrontation im Land nimmt immer mehr die Züge eines Bürgerkrieges an.

Französischer Frieden
Am Runden Tisch von Linas-Marcoussis bei Paris wird am 26. Januar 2003 unter französischem Patronat ein Abkommen der nationalen Aussöhnung ausgehandelt, das den Nord-Rebellen des Mouvement Patriotique de Côte d´Ivoire (MPCI) einen Platz am Kabinettstisch in Abidjan reserviert. Erstmals wird in einem Vertrag die Ideologie der "Ivorité" umgangen, indem allen Volksgruppen - auch denen des muslimischen Nordens - das Recht auf Einbürgerung zugestanden wird. Eine Niederlage für die privilegierten Eliten der Baoulé und Bété im Süden.

Millionen von Toten
Guillaume Soro, Generalsekretär der nun in den Forces Nouvelles vereinten Rebellen, stellt am 3. Mai 2004 nach einer Inspektionsreise durch den "befreiten Norden" erstmals die Einheit der Elfenbeinküste unmissverständlich in Frage. "Wenn ein Krieg mit Millionen von Toten droht, ist die Teilung ein Ausweg." Man dürfe auf Dauer den Sezessionswillen des Volkes nicht ignorieren. Frankreich, aber auch die UNO und die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft müssten wählen zwischen dem Verbleib von Präsident Gbagbo und einem Zerbrechen der Republik Elfenbeinküste.


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00:00 08.10.2004

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