Eine Kraft, die stets das Gute will …

Analyse "Wehret den Anfängen!“, heißt es, wenn von ­Inflation die Rede ist. Dabei führt gerade die Gegenwehr die nächsten Krise herbei

Ironie des Schicksals: Erst haben die Deutschen den Griechen die Deflation an den Hals gewünscht. Zur Strafe taucht bei ihnen jetzt das Gespenst der Inflation auf. Um Griechenland vor dem Würgegriff der Finanzmärkte zu retten, hat sich nämlich die Europäische Zentralbank bereit erklärt, weiterhin griechische Staatsschulden zu kaufen, obwohl deren Kreditrating den (bisher) geltenden Kriterien nicht genügt.

Woher die Angst rührt

Genau genommen kauft die EZB die griechischen Schuldpapiere nicht, sondern sie nimmt sie bloß von den Geschäftsbanken als Sicherheit entgegen und räumt diesen dafür kurzfristige Kredite ein. Die EZB wird nicht müde, diesen feinen Unterschied zu betonen, doch faktisch läuft es dennoch darauf hinaus, dass Gläubiger von griechischen Staatsschulden diese bei der EZB in Bargeld umtauschen können.

Genau das ist es, was bei allen strammen Monetaristen im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen Inflationsängste auslöst. Denn nach der monetaristischen Theorie wird erstens das Preisniveau durch die vorhandene Geldmenge bestimmt. Zweitens berge jede Inflation den Keim der galoppierenden Hyperinflation in sich. Deshalb heißt es nun: Wehrt den Anfängen!

Was Angst machen sollte

Es steht überhaupt nicht fest, ob die durch die Übernahme der griechischen Staatsschulden bewirkte Erhöhung der Notenbankgeldmenge zu Preissteigerungen führt. Zudem muss noch geklärt werden, ob eine Inflation von drei bis fünf Prozent jährlich nicht besser wäre als die niedrigen Teuerungsraten Deutschlands in den vergangenen Jahren.

Zunächst zum Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation. Unter Geld versteht der Ökonom kurzfristig realisierbare Guthaben gegenüber guten Schuldnern. Die Banknote ist die Extremform von Geld: kürzeste Laufzeit, bester Schuldner. Dieser – die Zentralbank – ist so gut, dass er sich leisten kann, für seine Schuldscheine, die Banknoten, keine Zinsen zu zahlen. Ebenfalls zur Geldmenge gehören kurzfristige Guthaben gegenüber den Banken.

Eine höhere Geldmenge lässt die Preise nur dann steigen, wenn damit mehr Ware nachgefragt wird als die Produktionskapazitäten hergeben. Genau das wäre das Rezept für einen konjunkturellen Aufschwung, den alle herbeiwünschen. Doch leider führt eine Ausweitung der Geldmenge eben nicht automatisch zu mehr Nachfrage. Schön wäre es, dann könnte man jede Rezession locker vermeiden.

Das Problem ist nicht die Geldmenge an sich, sondern allenfalls die Art, wie diese zustande kommt. Wenn eine Regierung „ihre“ Notenbank beherrscht und – statt Steuern einzutreiben – Noten drucken lässt, kommt irgendwann einmal der Punkt, wo keiner mehr echte Ware gegen bunt bedrucktes Papier tauschen will. Dann haben wir eine Hyperinflation.

Der Fall von Griechenland liegt aber genau umgekehrt. Hier zwingt eine Zentralbank, die EZB, „ihre“ Regierung dazu, auf Teufel komm raus zu sparen. Ihre Übermacht ist so offensichtlich dass die Regierung ihre Glaubwürdigkeit gegenüber der Bevölkerung zu verlieren droht. Die Politik und nicht das Geld wird entwertet. Die Folgen sind allerdings noch schlimmer.

Worin das Problem besteht

Die Furcht vor einer weltweiten Inflation ist dennoch nicht ganz unberechtigt. Sie kommt von den immer umfangreicheren Schuldner-Gläubiger-Verhältnissen. Die entsprechenden Guthaben sind realwirtschaftlich gesehen Ansprüche an das Bruttosozialprodukt beziehungsweise das Produktionskapital. Inzwischen liegt der Nominalwert der Guthaben weit über dem Marktwert des weltweiten Sozialprodukts und des Produktionskapitals. Würde auch nur ein Teil dieser Ansprüche kurzfristig geltend gemacht, käme es zu einer Preisexplosion.

In der Tat stehen den Guthaben keine realen Werte gegenüber. Nur ein Bruchteil davon sind Investitionskredite. Bei der überwiegenden Mehrheit handelt es sich um reine Konsumkredite. Sie sind dadurch zustande gekommen, weil viele Länder und große Teile der Bevölkerung laufend mehr ausgegeben als eingenommen haben.

Schlendrian spielt dabei auch eine kleine Rolle. Wer sich lieber empört, statt zu denken, lässt es gerne dabei bewenden. Doch da ist viel mehr. Beispielsweise die Tatsache, dass Deutschland in den letzten zwölf Jahren vor der Krise die Produktion konstant schneller erhöht hat als die eigene Nachfrage. Die Differenz betrug im Jahresmittel rund 0,8 BIP-Prozente. Die Folge davon waren stetig steigende Exportüberschüsse. Umgekehrt ist etwa in Griechenland, Frankreich und vor allem in den USA der Konsum schneller gewachsen als die Produktion.

Wo die Ursachen liegen

Der wichtigste Grund für diese globalen Verwerfungen liegt in der Anti-Inflationspolitik der Zentralbanken insbesondere der EZB. Wie bekämpft man die Teuerung? Indem man Lohnerhöhungen unterdrückt. Es gibt praktisch keine Rede von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und seines Vorgängers Wim Duisenberg, in der die beiden nicht wiederholt „Lohnzurückhaltung“ verlangen und damit drohen, „übermäßige“ Lohnsteigerungen sofort mit Zinserhöhungen zu bestrafen.

Niedrige Löhne sind zwar nicht im Interesse der Mehrheit, aber in einer Währungsunion bringen sie der Exportindustrie Wettbewerbsvorteile. Die Kombination von EZB und Exportlobby hat im EU-Raum zu einer abwärtsgerichteten Lohn/Preis-Spirale geführt. Angetrieben wurde sie von Deutschland. Seit dem Zeitraum 1991 bis 1996 gingen hier die jährlichen Lohnsteigerungen im Fünfjahresmittel von 2,8 über 1,3 auf 0,3 und schließlich auf minus 0,3 Prozent zurück. Österreich, Belgien und Portugal zogen mit einer parallelen Entwicklung mit. In Italien ist seit langem von Lohnerhöhungen nicht mehr die Rede. Im ganzen EU-Raum hinken die Löhne immer mehr hinter der Produktivität her. Im Klartext: Was die EZB und die Agenda 2010 den Arbeitnehmern weggenommen haben, ist den Unternehmern als Zusatzgewinn zugeflossen. Folge dieser Politik waren sinkende Wachstumsraten der Produktivität und des BIP. Dabei schnitt der langjährige Export- und Preisstabilitätsweltmeister Deutschland klar am schlechtesten ab. Länder wie etwa Dänemark oder die USA, die höhere Inflationsraten zuließen, und die Reallöhne wenigstens annähernd gleich stark steigen ließen wie die Produktivität, wurden mit höheren Wachstumsraten belohnt.

Doch das Schlimmste kommt erst noch: Die Inflationsbekämpfungs- und Lohnsenkungspolitik der EZB hat die Unternehmer und ihre Topmanager mit einer Flut von Wertschriften beschenkt. Hinter diesen stehen zwar keine realen Gegenwerte, dafür aber eine mächtige Finanzlobby. Diese hat es geschafft, einen großen Teil ihrer Guthaben gegenüber den zahlungsunfähigen Privatschuldnern (Stichwort: Subprime-Hypotheken) in Guthaben gegenüber dem Staat und den Zentralbanken zu verwandeln.

Gleichzeitig hat die Finanzlobby Sanierungsprogramme und „strukturelle“ Reformen durchgesetzt, welche die Kaufkraft beziehungsweise die Ausgabenfreudigkeit ihrer Schuldner – Staaten und Arbeitnehmer – weiter verringern. Theoretisch verbessert sich damit deren Kreditwürdigkeit, was den Banken erlaubt, ihre Guthaben weiterhin zum Nominalwert zu verbuchen. In Wirklichkeit wird aber nur die deflationäre Abwärtsspirale verstärkt – bis zur nächsten Krise.

Welche Lösungen es gibt

Man kann erstens die Schuldner Pleite gehen lassen, beziehungsweise mit ihnen Nachlassverträge abschließen. Das kann zu einem Kollaps des Finanzsystems führen – womit dieses ja auch erfolgreich erpresst. Zweitens: Man kann die ohnehin nicht eintreibbaren Guthaben durch Inflation nach und nach entwerten. Zu diesem Zweck muss man die Geldmenge in Nachfrage verwandeln, indem man sie an die bedürftigen Schichten verteilt und den Geldkreislauf wieder schließt – also so lange wie die Unternehmen ihren Angestellten von Anfang einen Lohn zahlen, der ihren Absatz sichert.

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11:00 20.05.2010

Ausgabe 38/2020

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