Eine Krise der Gefühle

Angst Nach den Wahlen in Griechenland liegen in Europa wieder die Nerven blank. Untergangsstimmung hat aber noch nie geholfen

Seit vor vier Jahren mit dem Kollaps der Lehman-Brothers-Bank die globale Finanzkrise „ausgebrochen“ ist, fahren wir auf einer Achterbahn der Emotionen. Schon das Wort „ausgebrochen“ ist ja verräterisch, dieses Wort, das wir normalerweise auf Vulkane münzen, deren Gewalt völlig unerwartet über uns hereinbricht. Nun also, seitdem die Finanzkrise ausgebrochen ist, überschießen die Emotionen in alle Richtungen. Mal in Richtung Alarmismus, dass nun der „Gelduntergang“ (Spiegel) vor der Türe steht, dann mal wieder in Richtung eines unbegründeten Sicherheitsgefühls. Da ist dann zu hören: „Wenn die Leute wüssten, wie es wirklich steht, würden sie richtig in Panik geraten.“

Mit dem Wahlausgang in Griechenland hängt nun scheinbar endgültig der Zusammenbruch der Eurozone über uns. Was passiert, wenn Griechenland in den ungeordneten Bankrott schlittert, die Banken kollabieren und andere Länder und das globale Finanzsystem untergehen? Leiden dann nur die Griechen? Oder ist das ganze Geld futsch? Kommt morgen keine Kohle mehr aus dem Geldautomaten? Was machen wir dann? Basteln wir uns eine neue Währung?

Viele Ängste sind rational und in einem gewissen Sinne zugleich irrational – insofern sie sich auf Nichtwissen stützen, was die Aussichten erst recht bedrohlich macht. Die Bürger sehen sich einer Gefahr gegenüber, die sie nicht verstehen. Schlimmer noch: Sie haben den Eindruck, niemand versteht die Gefahr, auch nicht sogenannten „Experten“ wie Peter Bofinger oder Hans-Werner Sinn, die uns normalerweise schon durch den Umstand beruhigen, dass offenbar wenigstens sie die Dinge verstehen. Diesmal ist das anders.

Experten wissen selbst nicht weiter

Die neoliberalen Experten erklären uns, dass wir durch die Verabreichung schmerzhafter Medizin die Krise in den Griff bekommen. Durch rigide Haushaltspolitik und Austerität würden die Märkte beruhigt, sodass wir am Schlimmsten vorbeischrammen. Aber jeder sieht längst, dass Austerität nicht funktioniert. Weder in Griechenland noch in Spanien noch anderswo. Die linken Experten erklären, man könne sich aus Krisen nicht heraussparen, sondern nur herausinvestieren. Aber richtig kann das auch nicht überzeugen, denn woher soll das Geld dafür kommen? Vermögenssteuern? Noch mehr Schulden? Aber wie, wenn die Märkte für Staatsanleihen Horrorzinsen verrechnen? Nun, direkte Staatsfinanzierung durch die Druckerpresse der Zentralbank, das wäre eine Möglichkeit. Wir ahnen aber, dass alle Experten schwarzen Flecken auf ihren Modellen haben, wir spüren: Sie sind selbst nicht restlos überzeugt von ihren Vorschlägen. Wie könnten sie auch?

Es ist die Zeit von Schlagworten. Eines lautet: „Schulden kann man nicht mit Schulden bekämpfen.“ Klingt einleuchtend. Es macht aber offensichtlich manchmal einen Unterschied, wer verschuldet ist. Natürlich kann man Schulden mit Schulden bekämpfen. Wenn der Kreislauf der Schuldentilgung ungebrochen bleibt, dann haben wir kein Problem – erst wenn die Kette irgendwo reißt. Dann haben wir ein großes Problem. Insofern könnte man beinahe umgekehrt sagen: Man kann Schulden nur mit Schulden bekämpfen, erst der Versuch, damit aufzuhören, reißt den Krater auf.

Unsicherheit, die sich auf Nichtwissen gründet, ist auch die große Zeit des „Geheimwissens“. Leute treten auf, die meinen, sie hätten eine Formel gefunden. Sie umgeben sich mit der Aura derer, die jenes verborgene Wissen besitzen, welches man uns vorenthalten wolle. Das Geldsystem mit seinem Zins und Zinseszins könne nicht funktionieren, weil es zu überbordendem Wachstum von Vermögen und Schulden und daher notwendigerweise in einen Krach führen müsse. Und der komme bald, 2012 schon, spätestens 2013. Die Weisen wissen es, sie sind die Hare Krishnas der Ökonomie. Gegen ihre Theorien zu argumentieren ist sinnlos. Wer das tut, erweist sich allein deshalb schon als unaufgeklärter „Büttel des Geldsystems“.

Es kann immer schlimmer kommen

Womöglich ist in unsere intellektuelle DNS auch so etwas wie eine Sehnsucht nach der Apokalypse eingeschrieben. Klar, wir haben Panik, weil wir uns nicht ausmalen können, wie es nachher weitergeht. Aber wir haben, wenn Phasen von Unsicherheit und Instabilität nur lange genug dauern, auch so etwas wie die Sehnsucht nach dem finalen Knall: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ Man hört das in Griechenland oft: „Es kann ja ohnehin nicht mehr schlimmer kommen.“ Dabei weiß jeder: Natürlich kann es schlimmer kommen. Aber die chronische Hängepartie von Krise, Fast-Kollaps und nervenzerfetzenden Last-Minute-Rettungen – für die sind wir auf Dauer auch nicht gemacht.

In diese Emotionen der Krise spielen auch moralische Empfindungen hinein. Wir erzählen uns die Krise nicht zuletzt als Moralfabel: Wer schlecht gewirtschaftet hat, der muss den Schmerz ertragen, er ist die Sanktion für Fehlverhalten. Deshalb „müssen“ die Griechen eben jetzt leiden. Aber müssen sie wirklich? Wer hat etwas davon, wenn die Griechen „bestraft“ werden? Und wieso die Griechen, aber nicht Goldman Sachs oder andere Banken?

Wir sehen: Fakten allein weisen keinen Ausweg. Und Emotionen können uns auf den Holzweg schicken. Es kann nichts schaden, ihnen gelegentlich zu misstrauen.

Robert Misik ist Journalist und Schriftsteller

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11:00 16.05.2012

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