Eine Kultur der Anerkennung, das wäre gut

Im Gespräch Der Stuttgarter Integrationsbeauftragte Gari Pavkovic über einen Ansatz, wie Integration gelingen kann

In dieser Woche fand die zweite Sitzung der Deutschen Islam-Konferenz (DIK) in Berlin statt. Die Konferenz, die einen Dialog zwischen Staat und muslimischer Bevölkerung etablieren soll, entfachte neue Debatten über die Integration von Migranten. Während in den Medien über Deutschkurse und islamischen Religionsunterrricht diskutiert wird, arbeiten andere bereits erfolgreich an der praktischen Umsetzung. Stuttgart gilt beispielsweise mit seinem Integrationskonzept bundesweit als vorbildlich. Gari Pavkovic ist dort seit 2001 Integrationsbeauftragter.

FREITAG: Sie haben ein erfolgreiches Integrationskonzept für die Stuttgarter Migranten entwickelt. Wie gehen Sie vor?
GARI PAVKOVIC: In Stuttgart sind fast 40 Prozent der Bevölkerung Menschen mit Migrationshintergrund - eine sehr hohe Zahl. Und es ist klar, was unsere Aufgabe ist: wir wollen eine Angleichung von Chancen in puncto schulische Ausbildung, Arbeit, Zugang zu kommunalen Diensten und bürgerschaftlicher Beteiligung. Wir machen das systematisch, und wir arbeiten mit vielen Partnern zusammen, auch mit den Migranten-Vereinen. Uns ist vor allem wichtig, dass viele Personen beteiligt sind: Hauptamtliche, aber auch die Bürgergesellschaft. Das meiste läuft über bürgerschaftliches Engagement, also über Verknüpfung, Vernetzung der Arbeit.

Eine der wichtigsten Aufgaben, zum Beispiel die frühzeitige Sprachförderung im Kindergartenalter, wird über reine Vereinsarbeit aber wohl kaum gelingen ...
In Stuttgart gehen 95 Prozent aller Einwandererkinder in den Kindergarten, freiwillig. Wir müssen sie nicht verpflichten. Trotzdem haben die Schulen gesagt: die können wenig Deutsch bei der Einschulung. Wir haben uns gefragt: Wie muss die Qualität der Kindergartenbetreuung aussehen, damit die Kinder genügend Deutsch lernen? Und haben die Kindertagesstätten zu Bildungseinrichtungen umgebaut. Also: qualitative Sprachförderung - unabhängig von sozialer oder ethnischer Herkunft.

Was heißt das für die Erzieher?
Wir machen Projekte zur ganzheitlichen Sprachförderung; das nennt sich "Einstein in der Kita". Die Erzieherinnen und Erzieher sind geschult, die Kinder individuell zu fördern, ihren Sprachstand im Deutschen zu erheben, aber auch die Muttersprache zu unterstützen, die Eltern zu beraten. Parallel wird die Möglichkeit geschaffen, dass die Kinder im Kindergarten naturwissenschaftliche Experimente machen oder am PC mit Schriftzeichen spielerisch umgehen können. Das ist ein Sichtwechsel: nicht gucken, wer sind die spracharmen Kinder, sie aussondern und mit Sprachhelferinnen extern etwas mit ihnen machen - sondern Kindergarten und Schule so organisieren, dass jedes Kind mit seinen Talenten gefördert werden kann.

Ein Grundsatz der Stuttgarter Arbeit ist: wir braten keine nationalen Extrawürste ...
Wenn wir in den Stadtteilen Deutschkurse organisieren, dann richten wir uns nicht nach Nationalitäten, eher nach den sozialen Lebenslagen. Wir bieten zum Beispiel Deutschkurse an für Frauen aus schulfernen Milieus, wohnortnah in der Schule oder im Kindergarten, nationalitäten-übergreifend.

Migranten müssen sich folglich nicht nur mit den Deutschen, sondern auch mit Migranten anderer Nationalitäten auseinandersetzen ...
Das ist auch das, was die Migrantenvereine zunehmend tun: der "Spätaussiedlerverein deutsche Jugend aus Russland" macht zum Beispiel gute Jugendarbeit mit straffällig gewordenen Jugendlichen. Aber in diesem Verein sind auch türkische, albanische, tschetschenische Jugendliche. Das Programm ist so attraktiv, dass nationalitäten-übergreifend gearbeitet wird. Die bosnische Moschee in Stuttgart macht Koran-Unterricht in deutscher Sprache und erreicht auch afrikanische Muslime; die Migranten-Bildungsorganisationen machen im Verbund Elternabende an Schulen. Ansatz ist, die verschiedenen Gruppen zusammenzubringen, damit zum Beispiel der Schulerfolg ihrer Kinder besser wird.

Ketzerische Frage: es gibt wahrscheinlich Nationen oder nationale Mentalitäten, die sich leichter integrieren und andere, die mehr Schwierigkeiten haben ...
Wir sehen zweierlei Probleme. Das eine ist der Bildungshintergrund der Familien. Wenn Sie die Statistiken anschauen, haben wir eine hohe Benachteiligung türkisch-stämmiger Schüler in unserem Schulsystem. Aber wir haben eine ebenso hohe Benachteiligung italienischer Kinder. Andererseits sind vietnamesische Kinder sehr erfolgreich - und die sind der europäischen Kultur nicht unbedingt nah. Die slowenischen, die spanischen Kinder haben große Schulerfolge, auch die griechischen. Die portugiesischen wiederum nicht. Also: man kann das nicht an einer Schnittlinie von Religion oder Kultur festmachen. Wir haben aber eine gewisse Rückzugstendenz von organisierten Muslimen traditioneller Richtung. Das ist ein Problembereich, den man an der Religion festmachen kann.

Aufgrund der jüngeren Ereignisse halten viele den Islam nicht unbedingt für eine friedliche Religion, diese Meinung teilen auch Leute, die dieser Religion angehören. Wie gehen Sie damit um?
Die Sympathie für Gewalt ist bei organisierten Muslimen (in den Moscheen) nicht größer als bei Nicht-Muslimen. Wir haben aber die Befürchtung, dass in der Gemengelage der weltpolitischen Entwicklung auch bei den Menschen, die hier leben aus dem Irak, aus Afghanistan, aus Palästina eine Radikalisierung stattfinden kann, wenn ein paar Faktoren zusammenkommen: berufliche und gesellschaftliche Benachteiligung und das Gefühl, Muslime sind unter Generalverdacht. Da müssen auch die Muslime selber etwas dagegen tun - das ist nicht nur eine Bringschuld dieser Gesellschaft. Wir machen jetzt einen Modellversuch: islamischer Religionsunterricht an der Grundschule und eine differenzierte Aufklärung. Die Religion ist nicht per se problematisch; problematisch sind Auslegungen der Religion durch Menschen. Und im Islam haben wir weniger Reformkräfte als bei anderen Religionsgruppen.

Sie versuchen ganz bewusst, Leute mit einer Migrationsgeschichte in die Stadtverwaltung zu bekommen.
Menschen, die eine zusätzliche Sprache haben, bringen zusätzliche Kompetenzen hinein. Dadurch, dass wir Verschiedenheit, Diversität im Personal fördern, auch Migranten einstellen, sind wir näher an den Bürgern in ihrer Verschiedenheit. Das Ziel ist: angefangen vom Kindergarten über das Arbeitsamt bis zur Altenhilfe auch Migranten im öffentlichen Dienst zu haben, vor allem in der Schule ist das ganz wichtig - Lehrer und Lehrerinnen als Vorbilder, die den Zugewanderten mitteilen: ich hab´s geschafft, du kannst es auch schaffen. Und die auch Sensibilität haben für die Schwierigkeiten, die mit Migration verbunden sind.

Wieviele der Stuttgarter Hauptschüler mit einer Migrationsbiografie machen überhaupt einen Hauptschulabschluss?
Geht man nach dem Pass sind ein Drittel aller Stuttgarter Grundschüler Nichtdeutsche und etwa 60 Prozent der Hauptschüler. Das heißt aber faktisch, dass 70 bis 80 Prozent aller Hauptschüler einen Zuwanderungshintergrund haben - über die Eltern. Etwa 16 Prozent dieser "nichtdeutschen" Schüler verlassen die Hauptschule ohne Abschluss - das sind einfach zu viele. Bei den Deutschen sind es acht Prozent. Außerdem: momentan bekommen nur acht bis zehn Prozent der Migranten-Hauptschüler direkt nach der neunten Klasse eine Lehrstelle.

Trotzdem gelten die Stuttgarter Verhältnisse ja als paradiesisch - verglichen etwa mit Berlin.
Die wirtschaftliche Situation ist bei uns viel besser; das erleichtert manches. Berlin ist riesig und unüberschaubar. In Stuttgart haben wir eine große Koalition für eine gute Integrationspolitik, also keine parteipolitischen Querelen. Wir haben sowieso nur wenige Kinder in dieser Stadt. In weniger als 20 Prozent aller Haushalte leben Kinder! In der Hälfte dieser Haushalte sind Migrantenkinder. Das sind unsere Stuttgarter Kinder, wir haben keine anderen. Also müssen wir uns intensiv um sie kümmern.

Was sagen Sie zu den spektakulären Berliner Hilferufen - wie etwa aus der Rütli-Schule?
Die Rütli-Schule hatte sehr viele arabische Schüler mit Duldungs-Status, also Jugendliche, die keine gefestigte Perspektive haben - weil alle sechs Monate neu darüber entschieden wird, ob sie hier bleiben dürfen. Es ist relativ schwierig, solche Jugendliche zu motivieren. Man muss die Arbeit dann eventuell ganz anders organisieren. Wichtig ist, die Menschen einzubinden und ihnen zu vermitteln: du bist ein Teil dieser Stadt. Du gehörst dazu! Das muss aber gelebt werden. Ein Konzept allein genügt nicht. Wenn Migranten etwas tun, muss das auch gesehen und anerkannt werden, im Stadtteil zum Beispiel. Eine Kultur der Anerkennung, das wäre gut. - Das andere ist die Elternbeteiligung. Ob jemand in Richtung Gewalt tendiert oder zu abweichendem Verhalten neigt: die Grundlagen werden im Elternhaus gelegt. Das ist nicht nur eine Bildungsfrage, sondern auch eine der Erziehungsfähigkeit. Und der Wertevermittlung im Elternhaus.

Wie kommen Sie an die Eltern heran?
Wir haben hier mehrsprachiges Personal in der städtischen Elternbildungs-Stätte, die auch viele Arbeiter-Familien erreichen. Kein Mittelschichts-Elternbildungs-Programm, sondern Angebote speziell für die benachteiligten Familien, für allein erziehende türkische Mütter, die oft ein soziales Problem haben, gute Angebote auch für nichtdeutsche Väter: wie verbinde ich Elternrolle und Beruf - das sind Dinge, mit denen wir auch die türkischen, arabischen und kroatischen Väter erreichen. Oder: Väter unterstützen ihre Söhne in der Schule. Türkische Sozialarbeiter motivieren die Eltern, sich stärker um das Lernen ihrer Kinder zu kümmern - vor allem, wenn die Mütter zu wenig Deutsch können. Das kann eine Schule in Kreuzberg oder Neukölln genauso tun - wenn sie einen Pool von Sozialarbeitern mit Migrationsgeschichte im eigenen Stadtbezirk haben.

Was halten Sie bundesweit für das größte Problem bei der Integration?
Dass wir kein systematisches Integrationsprogramm von Bund, Ländern und Kommunen haben! Es gibt viele Akteure, viele Programme, aber sie sind miteinander nicht gut verzahnt. Vieles ist nur befristet. Man suggeriert, dass es mit 600 Stunden Deutschkurs getan ist. Aber wenn danach kein beruflicher Einstieg kommt, verlernen die Leute das wieder - dann sind sie bei Null. Man braucht eine systematische Eingliederungshilfe, sonst kommt Integration nicht zustande.

Das Gespräch führte Christian Gampert

Der 48-jährige Diplom-Psychologe Gari Pavkovic, im kroatischen Mostar geboren, ist seit 2001 Leiter der Abteilung für Integration der Stadt Stuttgart.


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00:00 04.05.2007

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