Eine Landkarte für morgen

Wanderer Ko Un, der koreanische Kandidat für den Literatur-Nobelpreis, wirkt als universaler Mittler zwischen Völkern und Sprachen

Ko Un ist ein politischer Dichter von natürlicher Sensibilität und ein vom Buddhismus geprägter Philosoph. Zehn Jahre wanderte er als Zen-Mönch durch Südkorea, um das Trauma des Koreakrieges (1950 - 1953), der auch sein Dorf verwüstete, zu verkraften. Wir erinnern uns: Der sich an den USA orientierende Süden kämpfte gegen den kommunistischen Norden. Unter der folgenden Militärdiktatur wurde Ko Un als Verfechter der Meinungsfreiheit und als intellektueller Initiator der Demokratiebewegung Südkoreas mehrfach inhaftiert, gefoltert, mit Todesstrafe bedroht und Publikationsverbot bestraft. Heute nimmt er an Verhandlungen über die Normalisierung der Beziehungen von Nord und Süd teil.

In seinen Gedichten kommt er als singender Vagabund daher, als Bettelmönch, Verbannter oder Fremder, ein "Niemand" - und ist doch ein Autor, der seit 2002 auf der Liste der Kandidaten für den Literatur-Nobelpreis steht. Der koreanische Schriftsteller behauptet in seiner Grußadresse an europäische Leser, ein Dichter sei ein Mann mit leeren Händen. Das klingt für Europäer befremdlich. Für uns ist der Begriff Leere negativ besetzt, verwandt mit dem Hohlen oder gar Sinnlosen. Für den Buddhisten aber ist die durch Meditation in der Stille erstrebte Leere ein edles Ziel. Sie geht mit Loslassen einher, mit der Befreiung von Konventionen, dem Überschreiten der Grenzen des Ichs, der Nationen, der Sprachen und Zeiten. Da fünf Milliarden Sonnenleben / der Zeit meiner Leben und Tode gleicht / möchte ich eines Tages mein Selbst vergessen, / ganz so wie die Sonne sagt er im Gedicht Das Volk der weißen Kleider. Die Erfahrung, dass "leere Hände" leicht und frei machen, beschreibt er im gleichnamigen Gedicht.

Was wird aus unserem in der Moderne vielfach beschworenen lyrischen Ich, wenn sein Erfinder am liebsten im Unbewussten verschwinden will, wie im Gedicht Der Feldweg? Was wird aus der nationalen, kulturellen, ethnischen Identität, an die wir uns so klammern, wenn ein Autor sich vor allem als Teil einer universalen Ganzheit von Natur, Mensch und Tier begreift? "Für einen Moment schließt sich der Kreis / zu den Dingen der Welt" ist im Gedicht Tanz zu lesen. Der Dichter, der alle Prägungen - und sei es im lyrischen Traum - abstreift, wird frei für Fragen wie diese: "Wie kann dann ein Windhauch dieser Welt ihr Haar berühren?" (Auf der Straße). Alles hängt mit allem zusammen, ist - ganz im Einklang mit den Naturgesetzen - eingebunden in den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens. "Die Hälfte des Lebens / war ich ein Wanderer" sagt das Ich des Gedichts Abend, und meint wohl nicht nur die Zeit, die Ko Un als Zen-Mönch durchs Land zog, sondern auch den Zyklus der Wiedergeburten in jeweils anderer Gestalt. Einst lebte er als Huftier am Kaspischen Meer, glaubt Ko Un. Mehr als 3.000 Jahre habe es gedauert, bis er 1933 als Mensch namens Takabayahi Toreske - ein von den japanischen Kolonialherren aufgezwungener japanischen Name - im südkoreanischen Ort Gunsan erneut das Licht der Welt erblickte. Die im Buddhismus verankerte Idee von Wiedergeburt und Verwandlung bestimmt die Bildwelt seiner Lyrik: Seht die Leere des Wipfels, / wenn der Vogel entfliegt. / Bleibende Leere, / seht nur den trüben Himmel heißt es im Traumgedicht von heute Nacht. Aber fürs Nirwana ist dieser Dichter - zur Freude des Lesers - noch lange nicht bereit. Zu problematisch ist das sprechende und meditierende Ich, zu "unvollkommen" und unruhig sein Denken und Empfinden.

Der heute Vierundsiebzigjährige bilanziert sein Leben als Mönch, Spätverheirateter, Zeitungsgründer, politischer Widerständler, Menschenrechtler, Gefolterter, von der Todesstrafe bedrohter Häftling, Exilant und Alkoholiker, Lyriker, Romancier, Essayist und Kinderbuchautor. Immer wieder betrachtet er seine Lebensphasen mit kritischen Augen: sein zeitweiliges Angepasstsein ("in jener Zeit, in der Hass beständiger als Liebe war", seinen "unzulänglichen" Gesang, seine Traurigkeiten, Wünsche und Defizite: so vielen Menschen nicht begegnet zu sein, auf Reisen nicht alles sehen zu können, so viele Bücher nicht gelesen zu haben. Wir lernen einen ratlosen, auch müden und sehnsüchtigen Ko Un kennen, der es versteht, das alltäglich Unabänderliche und das Universum im Gedicht zusammenzuführen.

In seine Visionen von absoluter Stille und Leere brechen immer wieder Gedanken ein, die um die Zukunft der Welt kreisen - ein dringliches Stakkato von Fragen: "Mit welcher Liebe / kann man verhindern, / dass die Menschheit untergeht." (Die Seidenstraße), "Was sollen wir tun? Ist die Zeit der Ernsthaftigkeit schon vertan?" ( Beim Erwachen aus dem Schlaf). Und so beginnt der Visionär, in seinen Gedichten die Welt anders zu ordnen: Ich begann eine neue Karte zu zeichnen, / obwohl mir flau im Magen war. / Eine Landkarte nicht für Gestern, sondern für Morgen. (Beim Zeichnen einer Landkarte). Beobachtungen während der Olympischen Spiele regen zum Nachdenken über globale Machtverhältnisse und über Achtsamkeit gegenüber Minderheiten an, über das respektvolle Miteinander der großen wie der kleinen Völker. Sowohl in Episoden erzählenden längeren als auch in sinnbildhaft kurzen Gedichten über politische Gewalt und Unterdrückung, Gefangenschaft, Traditionsbrüche, zwischenmenschliche Entfremdung, Lieblosigkeit, Neid, aber auch Liebe, Glück, Freude an der Stille und Ehrfurcht vor der Natur.

Vielleicht ist es Ko Uns Fähigkeit, Natur und Mensch, Geschichte und sich verändernde Verhältnisse und Lebensweisen in universalen Zusammenhängen zu sehen, die seine Verse in aller Welt bekannt macht. Nationale, ethnische und kulturelle Identitäten spielen in diesen Texten eine zunehmend untergeordnete Rolle. In 15 Sprachen wurden sie bisher übersetzt. Zu seinen schönsten Gedichten gehören die über das Vermächtnis des Großvaters, die wie Zaubersprüche und Überlieferungen uralter natürlicher Weisheiten anmuten: "Verstehe den Berg. / Verstehe das Wasser." Am Tun des Großvater, der dem Bücherwissen keinerlei Beachtung schenkte, wohl aber dem Lebewesen, das er mit seiner Körperwärme vor dem Tod rettete (Trotz Traurigkeit), misst sich letztendlich auch der zwischen den Zeiten und Sprachen vagabundierende Dichter. Sein Versuch, sich im Unbewussten aufzulösen, misslingt. Es triumphiert der Traum von einer gerechteren und menschenfreundlicheren Welt.

Ko Un: Beim Erwachen aus dem Schlaf. Gedichte. Aus dem Koreanischen von Kim Miy-He und Sylvia Bräsel. Wallstein, Göttingen 2007, 111 S., 16 EUR


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