Eine Literaturdebatte ohne Literatur

Biller vs. Dath Bekennende Nicht-Leser deutscher Gegenwartsliteratur führen eine Debatte über deutsche Gegenwartsliteratur. Die Arbeitsteilung zwischen Lesern und Schreibern hat Vorteile
Robert Stockhammer | Ausgabe 09/2014 2

Vor einigen Jahren hielt ein kalifornischer Literaturwissenschaftler italienischer Herkunft in Berlin einen Vortrag mit dem Titel: „Wie man über Literatur redet, ohne jemals ein einziges Buch gelesen zu haben.“ Leider hatte ich keine Zeit, diesen Vortrag zu besuchen, weil ich gleich eine Polemik gegen den Herrn schreiben musste. Zum Lesen habe ich auch nie Zeit, weil immer alle wollen, dass ich etwas schreibe. Zum Glück gibt es facebook, dessen Hauptquartier nur vier Meilen von der Stanford University entfernt liegt, an welcher der berühmte Literaturwissenschaftler nicht liest – da bleibt man dann wenigstens darüber auf dem Laufenden, wer noch so alles nicht liest. Pedanten werden jetzt einwenden, auch die Einträge auf facebook müsse man ja lesen – aber bei der Kürze dieser Texteinheiten würde ich eher von „aufschnappen“ sprechen.

Aufgeschnappt habe ich also, dass Maxim Biller und Dietmar Dath die deutsche Gegenwartsliteratur nicht lesen. Bei Dietmar Dath kann ich das verstehen, weil ich beim Durchblättern von Bücherkatalogen aufgeschnappt habe, dass er so viel deutsche Gegenwartsliteratur schreibt, wie man allenfalls noch einem Lektor zu lesen zumuten kann – weil dies eben dessen Beruf ist. Mehr braucht man ja eigentlich auch nicht für die deutsche Gegenwartsliteratur: ein paar Schreiber und ein paar Lektoren. Über Maxim Biller habe ich einmal aufgeschnappt, dass er einen Roman geschrieben hat, dessen Lektüre er sogar gerichtlich hat verbieten lassen. Oder so ähnlich jedenfalls.

Ziemlich inkonsequent fand ich allerdings, dass einer der beiden, die keine Gegenwartsliteratur lesen, ich glaube es war Dath, dies im Modus einer „Antwort“ in der FAZ auf den anderen der beiden, das muss dann wohl Biller gewesen sein, tat. Denn um auf einen Text zu „antworten“, müsste man den lesen, und wenn man doch keine Gegenwartsliteratur liest, sollte man doch am besten auch keine Texte von Gegenwartsliteraten darüber lesen, dass sie keine Gegenwartsliteratur lesen. Zuviel Lesen schränkt ja die Urteilsfähigkeit ein. Das sieht man, im Umkehrschluss, am besten an diesem Text hier, der nur deshalb zu so glasklaren Urteilen kommt, weil ich nicht nur keine deutsche Gegenwartsliteratur, sondern auch nicht die Debatten über deutsche Gegenwartsliteratur lese.

Arbeitsteilung zwischen Lesern und Schreibern

Nicht nur für Intellektuelle folgt die dringende Empfehlung zur strikten Arbeitsteilung zwischen Lesern und Schreibern. Diese bewährt sich sogar beim sogenannten Mann von der Straße, der nicht schreiben, sondern nur sprechen muss. Wenn so viele Leute ständig damit beschäftigt sind, irgendwelche Umfragen über Edathy, die Ukraine oder den Bundeswehreinsatz in Honduras zu beantworten, haben sie natürlich keine Zeit mehr, sich über Edathy, die Ukraine oder den Bundeswehreinsatz in Honduras zu informieren.

So lernt der geübte Medienbenutzer, seine Meinung zu sagen, bevor er sich eine hat bilden können und übt sich schlafwandlerisch in berechtigter Kritik am geplanten Bundeswehreinsatz in Honduras. Konsequent folgt daraus, dass in den Nachrichtenorganen nichts mehr über Edathy oder die Ukraine berichtet wird, sondern nur noch die Leute gezeigt oder zitiert werden, die ihre Meinung über Edathy oder die Ukraine äußern. Und wer bis hier gelesen hat, hat jetzt zum Glück keine Zeit mehr, auf diesen Artikel zu antworten.

Robert Stockhammer ist Professor für Literaturwissenschaft in München

 

06:00 12.03.2014

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