Eine Mütze voll Ideologie

Erziehung Der Schriftsteller ­Jochen Schmidt geht ahnungslos ins Kino und sieht sich nach "Die Schlümpfe in New York" zu einer Warnung gezwungen

Der Film Die Schlümpfe in New York warf mit seinen einfachen Antworten mehr Fragen auf, als man erwartet hätte. Die Schlümpfe leben wie eine Nacktmullkolonie, allerdings über der Erde und mit einer männlichen Königin. Sie sind Sinnbilder einer Welt, in der die Gesellschaft sich funktional ausdifferenziert hat. Die Spezialisierung ist bei ihnen so weit gediehen, dass jedes Individuum nur noch eine Aufgabe hat, über die es sich definiert, vom Erzählschlumpf bis zu Jokey, dem Witzschlumpf. Schlumpfinchens Eigenschaft ist es, die Frau zu sein. Sie gibt sich zwar als Sex-Symbol, aber für die Fortpflanzung sorgt der Klapperstorch.

Durch die Ungeschicklichkeit von Clumsy-Schlumpf, werden die Schlümpfe vom Zauberer Gargamel entdeckt, der aus ihnen eine blaue Essenz gewinnen kann, um die Welt zu beherrschen. Sie sind seine blaue Blume. Bei Zeichner Peyo leben die Schlümpfe im Mittelalter, und Gargamel passt mit seiner Hakennase ins antisemitische Klischee dieser Zeit. Seine Katze heißt Azrael, und dass er seine Macht aus den Körpern seiner Opfer gewinnt, erinnert an die Ritualmord-Legenden vom Juden, der aus Kinderblut Elixiere braut.

Seltsamerweise tragen die Schlümpfe phrygische Mützen, seit der französischen Revolution ein republikanisches Symbol, das sich etwa im Wappen von Kuba und vom US-Senat findet. Ursprünglich wurden phrygische Mützen aus gegerbten Hodensäcken von Stieren hergestellt.

Kulleräugig

Gleich in der ersten Szene wird einem schwindlig, weil die Schlümpfe auf Vögeln durch den Wald fliegen, und Clumsy anschließend einen Slapstick-Parcours durchs Dorf hinter sich bringt, als endlose Action-Sequenz inszeniert, womit man der irrigen Annahme folgt, in Kinderfilmen müsste immer ganz viel gleichzeitig passieren und möglichst schnell, sonst würde man die Aufmerksamkeit der Zuschauer verlieren.

Durch eine Art Zeitstrudel geraten die Schlümpfe auf der Flucht vor Gargamel nach New York. Clumsys Augen ähneln übrigens denen von Gollum, wohl weil es sich bei beiden um CGI-Animationen handelt (Computer Generated Imagery). Er gerät in die Wohnung eines für eine Beauty-Firma arbeitenden Marketing-Sklaven. Die Schlümpfe folgen ihm auf dem Dach des Taxis, wo ihnen eine Werbung für die Blue-Man-Group als Tarnung dient. Den ganzen Film über wird plumpes Product Placement betrieben, bis sich einer der Schlümpfe in eine M verliebt.

Der Werber hat gerade den Job seines Vorgängers bekommen, muss aber in zwei Tagen eine neue Kampagne für seine Firma liefern, sonst wird er von seiner herzlosen Chefin gleich wieder gefeuert. Nur so hat es die westliche Welt so weit gebracht. Wie alle Hexen ist die Chefin vom südländischen Typ und eigentlich ein erotischer Gegenentwurf zur kulleräugigen, blonden Frau des Werbers. Diese freut sich über die Beförderung, hat aber Angst, dass ihr Mann das wirklich Wichtige im Leben, seine Familie und das Baby, vernachlässigt. Zu lernen es nicht zu tun, wird im Film seine Mission sein. Wie er dann seine Arbeit schaffen soll, die der Familie eine Wohnung unweit vom Central Park ermöglicht, bleibt unklar. Aber Geld ist nicht alles, die Frau sieht mit Sorge, dass er an eine größere Wohnung denkt, womöglich will er die nur, damit sie sich darin nicht mehr so nah sind. Er muss vor seiner Frau in die Knie gehen und mit dem Baby im Bauch reden, damit es seine Stimme hört und sie eine Bindung aufbauen.

Rationale Bedenken

Die Schlümpfe werden entdeckt, weil der Hund ihnen hinterherjagt, seit Tom Jerry ein Handlungselement, das endlose Filmmeter füllt und keiner dramaturgischen Ausdifferenzierung bedarf. Der Mann äußert rationale Bedenken an der Existenz der blauen Wesen, während die Frau sie sofort niedlich findet und an sein Herz appelliert. Sie hat schließlich ein Kind im Bauch, und wie soll er lieb zu ihrem Baby sein, wenn er schon an die Schlümpfe nicht glauben will? Er möchte ja auch, aber er ist gestresst wegen seiner fiesen Chefin. Im Büro sitzt er, wie alle kreativen Menschen, missmutig vor dem Computer und wartet auf Ideen. Die Schlümpfe toben über den Schreibtisch, er empfindet sie als Störung. Sie singen ihr monotones Schlumpflied und können nicht verstehen, dass er bei der Arbeit nicht singt, ein Hinweis darauf, dass er sich seiner Arbeit entfremdet hat und ein Beispiel an der fröhlichen Geschäftigkeit der Schlümpfe nehmen sollte, bei denen ja jeder genau das macht, was er am besten kann. Der Bäckerschlumpf würde nie auf die Idee kommen, als Gärtnerschlumpf zu arbeiten. Erst als die Schlümpfe weg sind, bastelt er gedankenverloren, das Schlumpflied summend, eine Grafik mit einem blauen Mond und dem Schriftzug seiner Firma. Papa Schlumpf hatte ihm verraten, dass, in den seltenen Momenten, da sich der Blaumond zeigt, ein Zauber möglich ist, der den Schlümpfen den Rückweg in ihr Land erlaubt.

Das ist natürlich nicht die Kampagne, für die der Werber sich entscheidet, er macht noch eine richtige, die er an seine Chefin schicken will, aber Clumsy rutscht unbemerkt auf der Tastatur des Computers aus, so dass die Mondkampagne abgeschickt wird, morgen wird New York damit gepflastert sein, noch ahnt davon niemand etwas.

Glückliche Kleinfamilien

Die Chefin will inzwischen von Gargamel wissen, wie dessen Zauber funktioniert, sie verspricht ihm die Macht über die Welt. Sie ist durch und durch böse und in ihrem Metier, der Kosmetik, ja auch so etwas wie eine Zauberin. Der Zuschauer möchte nicht, dass die friedliebenden Schlümpfe im Labor eingedampft werden, nur um Menschenfalten wegzuzaubern.

Der Werber hat ein nächtliches Gespräch mit Papa Schlumpf, der ihm Mut macht, er werde bestimmt ein guter Papa, da solle er mal keine Angst haben. Oh, wie gut das tut, so ein Gespräch unter Männern. Am Morgen ist der Mann aber gestresst, er muss zur Arbeit, seine Frau sieht ihn sorgenvoll an, wie kann ihm seine Karriere wichtiger als das Schicksal der Schlümpfe, mit anderen Worten, als sein Baby sein? Unterwegs muss er feststellen, dass New York mit der falschen Kampagne gepflastert ist, auf den Werbeflächen vom Times Square sieht man den Blaumond aufleuchten, die Chefin schreibt ihm eine wütende SMS, alles scheint verloren. Er sinkt erschöpft auf eine Bank und greift sich in die Jacke, seine Frau hat ihm unbemerkt das erste Ultraschallbild des Babys zugesteckt wie eine wundertätige Ikone. Plötzlich fallen ihm die vielen glücklichen Kleinfamilien auf, die Straßen sind voll mit Männern, die mit Kleinkindern spielen, Manhattan sieht aus wie der Prenzlauer Berg. Er streichelt die Hand des Embryos auf dem Bild.

Gargamel hat inzwischen Papa Schlumpf gefangen genommen und begonnen, blaue Essenz zu filtern. Sie macht seinen Zauberstab so mächtig, dass er den Mond blau färbt. Von einem Penthouse aus sehen die Kunden und Mitarbeiter der Beauty-Firma zum Himmel hoch, wo der Mond jetzt genauso aussieht wie auf der neuen Firmenkampagne. Ein unerhörter Effekt, eine geniale Kampagne. Nur wenige Jahre trennen uns von dieser Vision, eines Tages wird es möglich sein, beliebige Oberflächen und Naturerscheinungen wie die Niagara-Fälle oder die Pyramiden als Werbeflächen zu nutzen, der Mond wird dann aussehen wie ein Nike-Swoosh, die Sonne wie ein angebissener Apfel und die Milchstraße wie der Coca-Cola-Schriftzug.

Der Werber erkennt, dass er sich für die Kampagne entschieden hatte, die seiner Chefin gefallen sollte, nicht für die, die er mit dem Herzen, das heißt, mit den Schlümpfen gemacht hatte. Selbstverständlich hat auch im Kapitalismus nur das Produkt unentfremdet entstandener kreativer Arbeit die nötige Magie. Die besten Ideen kommen aus dem Herzen und sind dann auch erfolgreich. Genau diese Lehre gilt aber auch für das Privatleben, das Baby macht doch viel glücklicher als die Karriere, man braucht keine größere Wohnung, dann ist man sich wenigstens näher.

Verlogene Gesellschaft

Papa Schlumpf hatte seinen Schlümpfen verboten, ihn aus Gargamels Gewalt zu retten, sie sollten sich selbst retten. Im Hollywood-Film muss der Held zögern, sich dann aber für die lebensgefährliche Rettungsaktionen entscheiden. Natürlich lassen die Schlümpfe Papa Schlumpf nicht allein. Im Showdown zwischen Schlümpfen und Gargamel leistet Clumsy den entscheidenden Beitrag, er hatte ihnen das alles ja auch eingebrockt. Ausgerechnet er wird den Zauberstab fangen und zum ersten Mal nicht stolpern oder etwas fallen lassen, er ist über sich hinausgewachsen, wie der Held in jedem Hollywood-Film seit David gegen Goliath. Die Schlümpfe sind gerettet und bauen ihre Schlumpfenstadt, wie man im Abspann sieht, inspiriert von New Yorks Architektur, wieder auf. Der Werber sagt zu seiner Frau: „Ich schlumpfe dich“, erste Babyfotos sind zu sehen.

Nicht zum ersten Mal ist der Zuschauer gerührt. Aber die Tränen, die er hier vergießt, sind der Kleister, der diese verlogene Gesellschaft zusammenhält. Wenn Ideologie die Fähigkeit ist, Vergnügen an einem Leben in Widersprüchen zu empfinden, dann ist der Schlumpffilm ein ideologisches Meisterwerk, das von der Freiwilligen Selbstkontrolle auf den Index gesetzt werden müsste, wie Diddl-Mäuse, Rollkoffer-Schulmappen, Handys und fast alles, was im Kinderkanal läuft.

Von Jochen Schmidt (geb. 1970 in Berlin) erschien zuletzt Dudenbrooks (Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2011)

12:30 14.11.2011

Ausgabe 14/2020

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