Eine nationale Tat

Zwischen Warenhaus und Konsumgenossenschaften Die Edeka feiert ihren 100. Geburtstag. Doch es gibt auch Gründe für kritische Fragen

Am 21. Oktober vor 100 Jahren wurde der "Verband deutscher kaufmännischer Genossenschaften", der spätere Edeka-Verband, gegründet. "100 Jahre Edeka. Gemeinsam wachsen", lautet das Motto der seit einem Jahr währenden Geburtstagsfeier.

Angefangen hat die Erfolgsgeschichte mit nur 13 kleinen Einkaufsgenossenschaften, darunter auch die Berliner Einkaufszentrale der Kolonialwarenhändler, die "EdK". Eingeklemmt zwischen den neu entstandenen Kaufhäusern auf der einen und den von der Arbeiterbewegung gegründeten Konsumgenossenschaften auf der anderen Seite, hoben sie 1907 den "Verband deutscher kaufmännischer Genossenschaften" aus der Taufe, nannten ihn bald in Anklang an die Berliner Genossenschaft kurz "Edeka". Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Einzelhändler nur eigenbrötlerisch auf die neue Konkurrenz reagiert und sich zurück nach den alten Zeiten gesehnt. Das ändert sich, als aus dem gemeinsamen Berliner Büro von Verband und Zentrale das Einkaufsvolumen aller Genossenschaften zusammengefasst wird. Persil, Dr. Oetkers Puddingpulver oder Maggi können so günstig angeboten und gemeinsam beworben werden. Die Edeka-Handelsrundschau informiert die Mitglieder über die aktuellen Angebote und Angelegenheiten, auch eigene Fabriken werden später aufgebaut, Eigenmarken entwickelt. Es wird aber auch Politik gemacht.

Treibende Kraft ist von Anfang an der Berliner Kaufmann Fritz Borrmann. Bereits Mitbegründer der "EdK", wird er 1921 Generaldirektor der Edeka und führt den Verband, die Zentrale, den Verlag und die Edeka-Bank in Personalunion. Borrmann bleibt über das Jahr 1933 hinaus bis 1937 im Amt. Sein Nachfolger Paul König, mit Borrmann ebenfalls schon vor 1933 im Vorstand, bleibt bis 1966 Chef der Edeka.

Seit seiner Gründung setzt der Edeka-Verband den Mittelstand über alles, bleibt ideologisch in rückwärts gewandtem Standesdenken verhaftet und fordert vor allem Besitzstandwahrung. Er kämpft gegen Warenhäuser, Filialbetriebe und Spezialgeschäfte, die - so der Vorwurf - die Gewerbefreiheit nur benutzten, um die Konkurrenz auszuschalten. Für Borrmann bedeutet die "Erhaltung des Mittelstandes" darüber hinaus "eine nationale Tat." Er engagiert sich in der Reichspartei des deutschen Mittelstands, kurz: Wirtschaftspartei. 1921, als er an die Spitze der Edeka tritt, ist er ihr Generalsekretär, 1924 und 1928 zieht er für sie in den Reichstag ein. Diese sich selbst als "nationalgesinnt" bezeichnende Splitter-Gruppierung mit späterem Trend zur NSDAP beteiligt sich 1930 in Thüringen an der ersten Landesregierung, in der auch die NSDAP vertreten ist, 1932 dagegen stützt sie als Zünglein an der Waage die Regierung Brüning.

Machten im Jahre 1914 die 72 Genossenschaften des Edeka-Verbands gerade einmal zehn Millionen Mark Umsatz, brachten es die 430 Genossenschaften mit knapp 27.000 Geschäften 1931 schon auf 267 Millionen Reichsmark. Insgesamt bestimmen noch immer kleine, selbstständige Einzelhändler das Marktgeschehen, auch wenn jeder einzelne mit dem Rücken zur Wand steht. Schon in den zwanziger Jahren proklamiert die NSDAP lautstark die Forderungen der kleinen Kaufleute. Die Bedeutung der nationalsozialistischen Politik gegen Konsumgenossenschaften und Warenhäuser gewinnt im Laufe der Wirtschaftskrise an Gewicht. Quer durch alle Branchen wählen überdurchschnittlich viele kleine Händler und Selbstständige am Ende die Partei.

Auch in der Edeka gewinnt sie an Einfluss. Während die Wirtschaftspartei noch die Regierung Brünung stützt, gerät Borrmann in der Edeka von rechter Seite unter Druck. Als die Wirtschaftspartei bei den Wahlen 1932 ins Bodenlose fällt, unternimmt der Edeka-Verband den Versuch, "durch leitende Persönlichkeiten unserer Genossenschaften, die als Funktionäre bei der NSDAP tätig sind, Berufsgenossen auf die Kandidatenliste der Reichstagswahl" zu bringen. "Die Unzufriedenheit unserer Berufsgenossen hat sich zu einer Verurteilung des ganzen parlamentarischen Systems gesteigert", lässt die Edeka-Handelsrundschau am 22. Juli 1932 wissen. "Eine gänzliche Wandlung der wirtschaftlichen Verhältnisse, ja man kann sagen, ›alles Heil‹ wird von der kommenden Regierung oder Diktatur erwartet."

Doch die Partei lehnt eine besondere Vertretung von Standesinteressen auf dieser Ebene ab, sagt Nein. Borrmann, der später, wie viele seiner Kollegen aus der Wirtschaftspartei, der NSDAP beitreten wird, will dennoch "dankbar anerkennen, dass sich die NSDAP, die nach dem 31. Juli dieses Jahres die größte und ausschlaggebendste Partei sein wird, die Mittelstandsforderungen zu eigen gemacht hat."

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler gehen deren "Kampfbünde für den gewerblichen Mittelstand" rabiat gegen Kaufhäuser und Konsumgenossenschaften vor. Viele Kaufhäuser müssen ihre Lebensmittelabteilungen schließen, die Konsumgenossenschaften werden drangsaliert, ihre Funktionäre verhaftet und schließlich ganz aufgelöst und enteignet. Die Edeka und ihre Führung dagegen bleiben weitgehend unangetastet.

In vorauseilendem Gehorsam und sicher auch in der Erwartung wirtschaftlicher Vorteile fordert die Edeka im März 1933 ihre Genossen vielmehr auf, "Mitglieder der örtlichen Kampfbünde zu werden". Borrmann bezeichnet die Einkaufsgenossenschaften nunmehr als "urgermanisch und heimatberechtigt", später wird er die Edekaner sogar auffordern: "Benutzt den Ladentisch als Kanzel für die Aufklärungsarbeit und helft dem Führer, das Vaterland vom Ausland unabhängig zu machen."

Am 18. April 1933 schaltet sich die Edeka - freiwillig - gleich. Fritz Borrmann bleibt im Amt, nur werden ihm zwei Präsidenten an die Seite gesetzt, im Amt des Ersten Präsidenten der NSDAP-Mann Fritz Lösch. Auf dem Verbandstag im Juni 1933 wird die Gleichschaltung bestätigt. Lösch erklärt unter stürmischem Beifall in Richtung "Vater Borrmann", er sei "berufen, ihm treu an der Seite zu stehen". Das Foto von der Tagung (siehe nebenstehend) wurde für die Festschrift der Edeka 1957 fein säuberlich retuschiert: keine Fahne, keine Uniform ist mehr zu sehen, nur "weiße Westen".

Noch heute tut sich die Edeka schwer mit ihrer Geschichte, benennt nur einzelne, isolierte Fakten. Edeka-Sprecherin Marliese Kalthoff verweist auf die Selbstständigkeit der 28.000 Edekaner, die ein "Spiegelbild dieser Gesellschaft" dargestellt hätten. Immerhin räumt die neue Jubiläumsschrift inzwischen ein, dass Fritz Borrmann seit 1933 Mitglied der NSDAP war, sogar von Arisierung einiger Wein-Kellereien ist die Rede. Man habe sich, so die Beschwichtigung, aber notgedrungen anpassen müssen, weil sonst die gesamte Genossenschaft in Gefahr gewesen wäre.

Die Umsätze von Warenhäusern und Konsumvereinen gehen in den Jahren nach 1933 deutlich zurück. Die der Edeka schießen zwar nicht in den Himmel, auch Edekaner müssen weiter um ihre Existenz kämpfen. Doch insgesamt entwickelt sich die Edeka stabil, ab 1934 steigen die Umsätze der Gruppe. Sie expandiert ins Saarland und ins annektierte Österreich. Trotz des Überangebots an Läden machen sich bis Ende 1938 stolze 731 Jung-Edekaner selbstständig. Bei Kriegsbeginn 1939 zählt die Edeka 525 Genossenschaften mit rund 45.000 Mitglieds-Geschäften. Ihr Umsatz beziffert sich trotz aller allgemeinen Handelsbeschränkungen auf 347 Millionen Reichsmark gegenüber 267 Millionen im Jahr 1931. Im letzten Kriegsjahr macht sie noch einen Umsatz in Höhe von 125 Millionen Reichsmark, 200 Genossenschaften verblieben der Edeka nach Kriegsende in den Westzonen. Doch die Startbedingungen für den Neubeginn sind bestens: Der Verband steigerte seinen Umsatz auf 629 Millionen Mark im Jahre 1950 und auf 727 Millionen im Jahr darauf. Die Zahl der Edekaner erreicht 1963 mit knapp 45.000 ihren Höchststand.

In den sechziger und siebziger Jahren stellt sich der Verband einer beispiellosen Konzentration auf dem Lebensmittelmarkt. Die Zentrale wird zur Aktiengesellschaft, das Geschäft mit Hilfe von sieben Regionalgesellschaften abgewickelt, die Zahl der Genossenschaften auf zehn reduziert und ihre Funktion auf Gesellschafter beziehungsweise Aktionäre beschränkt. Mit der Übernahme der Netto-Läden steigt die Edeka ins einst so bekämpfte Discounter-Geschäft ein, mit Übernahme von Spar wird sie Deutschlands Lebensmittelhändler Nr. 1. Längst bilden nicht mehr nur einzelne Geschäfte die Basis, sondern wiederum kleine Ketten. Die Zahl der Edekaner, die zwei, drei oder noch mehr Geschäfte betreiben, steigt deutlich. Sie sehen in der Edeka-Gruppe vor allem einen umfassenden Dienstleister. Mit der Übernahme der Discounter-Kette PLUS strebt die Edeka am Ende ihres Jubiläumsjahrs auch in diesem Marktsegment auf eine Spitzenposition.

00:00 14.12.2007
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