Eine neue Stadt

Bühne Im Deutschen Theater sucht Brigitte Reimanns „Franziska Linkerhand“ nach der Synthese zwischen dem Notwendigen und dem Schönen
Thomas Irmer | Ausgabe 45/2019

Als Brigitte Reimanns wegen des frühen Krebstods unvollendet gebliebener Roman 1974 erschien, war das Schicksal ihrer Heldin in Büchern und Filmen der DDR längst etabliert: Eine idealistische und lebensfrohe junge Frau betritt die Sphäre der Produktion und wird desillusioniert. Es ist ein durchaus ambivalenter Topos der erzählten DDR der 1960er Jahre, denn die jungen Frauen erleben, selbst wenn sie wie Rita im geteilten Himmel einen Selbstmordversuch unternehmen, einen Reifungsprozess in der Auseinandersetzung mit den herrschenden Verhältnissen. Dass der Glücksanspruch sich auch in den Liebesdingen nicht erfüllt, ist dabei mit dem Unbehagen an männlichen Autoritäten in der Arbeitswelt verknüpft, als ob das eine das andere spiegeln könnte.

Im Fall von Franziska Linkerhand handelt es sich um eine Architektin, und die Sphäre der Produktion ist der dringend erforderliche Wohnungsbau in „Neustadt“, hinter dem sich Hoyerswerda in der Niederlausitz verbirgt mit dem Kombinat Schwarze Pumpe, wo Braunkohle zu Gas verarbeitet wurde als einem wichtigen Energieträger.

Das Misstrauen der Älteren

Tatsächlich musste eine neue Stadt für rund 16.000 dort Beschäftigte und ihre Familien errichtet werden. Für Architekten und Entwickler urbaner Strukturen war das ein Spielfeld der utopischen Ideen, doch unter den ökonomischen Bedingungen der frühen DDR herrscht der Zwang zur Masseneffizienz. Man ringt um jeden Zentimeter Fensterbreite und darum, ob neben der Kaufhalle auch noch ein Kino stehen kann. Dass es dann doch nur ein seelenloser „Haufen Fernsehhöhlen“ werden wird, dagegen kämpft Franziska bis zum Schluss. Ihre Schöpferin, die Hoyerswerda als Bewohnerin von Grund auf kannte und diese Erfahrung in auch sehr lesenswerten Tagebüchern festhielt, lässt sie nicht aufgeben und doch keine Lösung finden: „Es muss sie geben, die kluge Synthese zwischen heute und morgen, zwischen tristem Blockbau und heiter lebendiger Straße, zwischen dem Notwendigen und dem Schönen.“

In Reimanns Architekten-Geschichte steckt noch ein anderer typischer Konflikt jenes Jahrzehnts, der uns heute nicht nur die DDR damals besser verstehen lassen könnte, sondern auch in unserer Gegenwart sich auf andere Weise wiederholt. Franziska ist um 1938 geboren, zwar aus bürgerlichem Haus, aber der ersten Generation der DDR zugehörig, die um 1960 zumeist gut ausgebildet in den Beruf geht. Die Architektin erlebt nicht nur die Unmöglichkeit der von ihr gesuchten Synthese, sondern auch das Misstrauen, das ihr von Älteren entgegengebracht wird. Der Soziologe Wolfgang Engler hat vor Jahren in seiner Studie Die Ostdeutschen herausgearbeitet, wie die Älteren, die zumeist mit Traumata belasteten kommunistischen Kämpfer und Erstbewahrer der DDR, diesen Jüngeren nicht nur wegen Beatles und Minirock nicht trauten, sondern auch sonst nichts zutrauten.

In der Kultur entlud sich dieses autoritäre Misstrauen mit dem 11. Plenum 1965 und seinen Verbotsexzessen von Arbeiten der Generation Franziska, ein Ereignis, das in die lange Schreibzeit des Romans hereinreicht. Heute könnte man mit dem grundsätzlich gestörten Generationenverhältnis an Fridays for Future denken, wenn es um die Artikulation von Ansprüchen für die Zukunft geht, während die Dieselmotorbetrüger noch wacker von der auf ökonomische Notwendigkeiten hinweisenden Politik gestützt werden. Oder man könnte an die jungen Leute zwei Generationen nach Franziska in der DDR denken, die nach der Wende trotz Ausbildung und Studium von den neuen Herrschern, mit „Buschzulage“ alle lukrativen Posten an sich raffend, ins Abseits befördert wurden. Die brauchten nach der klugen Synthese zwischen heute und morgen nicht mehr suchen.

Das Deutsche Theater hat nun die Bühnenadaption von Franziska Linkerhand im Rahmen seiner Programmserie „30 nach 89“ als vierstündige Hauptinszenierung auf der großen Bühne herausgebracht. Regie führt Daniela Löffner, 1980 im badischen Freiburg geboren, die Franziska spielt Kathleen Morgeneyer, Jahrgang 1977 und aufgewachsen im sächsischen Karl-Marx-Stadt. Auf DDR-Folklore wird völlig verzichtet. Das Bühnenbild von Wolfgang Menardi ist eine über der Bühne hängende überdimensionale Papierrolle (zugleich Videoscreen), und darunter befinden sich auf beinahe leerer Fläche ein Architektentisch samt Modellbau und ein paar Schubkarren. Das Ganze wirkt bewusst unfertig, ein bisschen abstrakt, was der Inszenierung natürlich in dem Maße zugutekommt, wie die Regie Franziskas Geschichte nach und nach aus ihrer Verankerung in Nachkriegszeit und DDR hebt.

So wird die Hauptfigur zu einer Zeitgenossin, die ihre auf andere gerichtete Hoffnung nicht verlieren will, gegen alle Zumutungen Kette rauchend. Kathleen Morgeneyer macht das wunderbar, aber ihre Gegenspieler, männlich wie weiblich, sind leider nur exzentrische Figuren, allen voran der von Peter René Lüdicke karikierte Chef Schafheutlin. Dafür aber, ein großes Stück Literatur noch einmal anders zu sehen, ist der Abend allemal gut.

Info

Franziska Linkerhand Regie: Daniela Löffner nach dem Roman von Brigitte Reimann

Deutsches Theater Berlin, bis 1. Januar 2020

06:00 15.12.2019

Ausgabe 08/2020

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