Eine notwendige Sozialtechnik

Gefühlsarbeit Die Soziologin Eva Illouz entdeckt in "Die Errettung der modernen Seele“ einen "emotionalen Kapitalismus", der das Bedürfnis aller nach Anerkennung bedient

Hat sich nicht jeder schon einmal gefragt, ob er zur Lösung eines aktuellen Konflikts mit Kollegen, dem Ehemann oder Mitbewohnern eine Mediation einschalten sollte? Und das, obwohl die Hälfte aller Beteiligten entweder in eine Selbsthilfegruppe oder zu einem Therapeuten gehen?

Eine Untersuchung der Alltäglichkeit von Therapie im modernen Leben, wie das neue Buch der israelischen Soziologin Eva Illouz, verspricht also, unserem Seelenleben auf der Höhe der Zeit auf die Spur zu kommen. Und ihr neuestes Buch Die Errettung der modernen Seele versucht diese Erfahrung durch eine Darstellung seiner gut 100-jährigen Geschichte als Phänomen des industriellen Kapitalismus sichtbar werden zu lassen.

Nach und nach erlangte der therapeutische Diskurs eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung des bürgerlichen Selbst, weil er in den verschiedensten Sphären wie zum Beispiel in Unternehmen, in der Kindererziehung aber auch in Massenmedien und anderen gesellschaftlichen Institutionen Anwendung fand.

Illouz, die an der Universität Jerusalem lehrt, stellt die kulturkritischen Thesen Freuds als Ausgangspunkt des Siegeszuges des therapeutischen Ethos dar, die jedoch zunehmend durch die Verbreitung einer affirmativen Kultur der Selbsthilfe in den USA verdrängt wurden.

Im Unterschied zur kritischen Theorie um Adorno und Horkheimer formuliert Illouz eine poststrukturalistisch fundierte These, die die Gegenwart, anstelle der ewigen Diagnose vom Kulturverfall, positiv, als „emotionalen Kapitalismus“ deutet. Diese Stoßrichtung deutete sich schon in ihrem 2003 erschienenen Buch Der Konsum der Romantik (der Freitag vom 24.6.2005) an.

Obwohl das Buch als Teil der Kritik an der Moderne verstanden werden könnte, intendiert Illouz dieses Ziel nicht. Am Besten liest sich das Buch von hinten, wo die Autorin ihre wissenschaftliche Herangehensweise reflektiert. Damit sollte man den verheißungsvollen Klappentext besser vergessen, der verspricht, dass Illouz ihre Thesen auch an den Soaps über depressive Mafiosi, wie den derzeit beliebten „Sopranos,“ verdeutlicht.

Schlüssig beschreibt Illouz die enorme Ausbreitung der kapitalistischen Arbeitsteilung und ihrer wissenschaftlichen Erforschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Vorraussetzung des neuen therapeutischen Selbstmanagements. Emotionale Selbstkontrolle wird insbesondere für mittlere und höhere Positionen zur wichtigen Sozialtechnik in der Ausübung von Macht und Autorität. Modern ist daran die wechselseitige emotionale Anerkennung zwischen Chef und Arbeitnehmer, die sich gegenseitig als formal gleichberechtigt adressieren.

Schenkt man Illouz Glauben, leben wir heute in einem „emotionalen Kapitalismus“, der das Bedürfnis aller nach Anerkennung vor allem bedient, um seinen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Dies entspricht auch der ständig steigenden Anforderung, sich selbst als Unternehmer/in der eigenen Arbeitskraft zu begreifen, nicht als machtloses Rädchen in einem großen Getriebe.

Perspektive der Frauen

Spannend und diskussionswürdig ist Illouz These von der Verwischung und Auflösung der traditionellen Geschlechterrollen in diesem emotionalen Kapitalismus. Durch die Vermischung von Rationalität und Emotionalität sei die Perspektive von Frauen in diesem System zunehmend anerkannt und eingeschlossen worden. Auch dem Feminismus attestiert sie eine große Ähnlichkeit mit dem psychoanalytischen Diskurs des Selbst, da sich beide auf das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit bezögen.

Die Sprache der Therapie, so Illouz, habe kulturelle Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre und sogar zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit neu definiert. Das private Selbst sei zunehmend in eine öffentlich vorzutragende und zu konsumierende Erzählung verwandelt worden. Emotionale Intelligenz sei zunehmend nicht mehr eine „typisch weibliche“ Fähigkeit, sondern die zentrale Kompetenz für beide Geschlechter, die dem beruflichen und privaten Erfolg diene: „Subtile und komplexe Gefühlsarbeit, die andere eher einschließt als ausschließt, die sowohl selbstbewusst als auch an anderen orientiert ist.“

Therapeutischer Habitus

Diese Angleichung der Geschlechtscharaktere deutet Illouz im Anschluss an den französischen Soziologen Luc Boltanski, einem Schüler Pierre Bourdieus, als Ausdruck des „konnexionistischen Kapitalismus“, der private und berufliche Beziehungen zunehmend ähnlicher gemacht habe.

Therapeutischer Habitus und emotionale Intelligenz werden hier als aktuelle Erfolgsmodelle kapitalistischer Subjektivität beschrieben, weil sie einen einheitlichen Modus für beruflichen Erfolg, soziale Anerkennung und persönliche Beziehungen versprechen. Und wer kann seine Freunde oder Familie heute schon von seinen Arbeitskollegen unterscheiden? Oder etwa doch?

Leider führt die Abwesenheit von normativer Kritik auch zur Verflachung in der Beurteilung der Verschiebungen von privat/beruflich und männlich/weiblich.

Die Effekte der Entgrenzung der bürgerlichen Sphären und Identitäten im immer noch dominierenden Neoliberalismus fasst Illouz als Tendenzen von Universalisierung und Humanisierung im Weltmaßstab auf. Doch die Privatisierung der öffentlichen Verantwortung – wie der Abbau der Sozialversicherungssysteme – lässt sich wohl kaum als positiver Ausdruck der Verbreitung der emotionalen Intelligenz deuten. Sondern womöglich nur als die verallgemeinerte Verantwortung, mit sich selbst und der Familie, auch bei drei schlecht bezahlten Jobs gleichzeitig, ohne sonstige Hilfe klar zu kommen – emotional und finanziell. Die nahe liegende Frage in welchem Zusammenhang die Kompetenz der „emotionalen Intelligenz“ mit Klasse, ethnischer Herkunft, Bildung und Geschlecht stehen, bleibt leider unbeantwortet.

Illouz Absage an einer normativen Kritik des von ihr Untersuchten entspricht auf theoretischer Ebene dem seit 1989/90 leider sehr praktisch universal gewordenen Kapitalismus. Die Verschiebung von moralisch wertenden Urteilen auf eine kommunikative Vernunft des Mitmachens wie sie von Illouz als Logik des therapeutischen Ethos beschrieben wird, spiegelt sich leider auch in ihrer eigenen Methode wieder, ohne reflektiert zu werden. Das Unbehagen mit diesem Ritual des emotionalen Kapitalismus selbst fortwährend aufs engste verknüpft zu sein, löst Illouz Untersuchung letztlich nicht auf – eine Schwachstelle des ansonsten lesenswerten Buches.

Die gesellschaftliche Verbreitung von Depressionen und anderen psychischen Leiden sollten Hinweise darauf sein, dass der therapeutische Diskurs eine notwendige Technik für die prekäre Verfassung der Individuen in der Gegenwart (geworden) ist und keine Ausnahmeerscheinung. Illouz analysiert diesen jedoch ausschließlich als Erfolgsmodell der modernen Seele. Über die Abgründe psychischer und gesellschaftlicher Krisen im modernen Kapitalismus und darüber wie sie zusammenhängen, ist in ihrem Buch hingegen wenig zu erfahren.

Die Errettung der modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der SelbsthilfeEva Illouz, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009. 412 S., 26,80

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15:30 26.11.2009

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