Eine Oase in der Wüste

Israel Israel gedenkt wieder der Ermordung von Yitzhak Rabin. Doch sein Vermächtnis verblasst. Das heutige Establishment hat das Klima für den Mord erst vorbereitet

Ein Jahr vor dem Oslo-Abkommen von 1993 hatte ich mit Yasser Arafat ein Treffen in Tunis. Er war sehr neugierig, von mir etwas über Yitzhak Rabin zu hören, der gerade zum Premier Israels gewählt worden war. Ich beschrieb ihn, so gut ich konnte und endete mit den Worten: „Er ist so ehrenhaft, wie ein Politiker nur sein kann.“ Arafat brach in Gelächter aus und alle Anwesenden – unter ihnen Mahmud Abbas – stimmten mit ein.

Um ganz ehrlich zu sein: Ich mochte Rabin als Menschen. Ich mochte besonders einige seiner Charakterzüge. Zunächst seine Ehrlichkeit. Die ist unter Politikern besonders selten und hob sich ab wie eine Oase in der Wüste. Sein Herz und sein Mund stimmten überein – so weit es im politischen Leben möglich ist. Er log nicht, wenn er es vermeiden konnte. Ich mochte sogar seinen auffälligsten Charakterzug – er war äußerst introvertiert. Er lebte zurückgezogen mit wenig Kontakten. Er war nicht einer, der andern schnell auf die Schulter klopfte, er machte auch keine überschwänglichen Komplimente, er war in der Tat eher ein Anti-Politiker.

Ich mochte an ihm nicht zuletzt, wie er seinen Gesprächspartnern direkt sagte, was er von ihnen hielt. Einige seiner Äußerungen in pikantem Hebräisch sind ein Teil der israelischen Folklore geworden wie „ unermüdlicher Intrigant“ (über Shimon Peres), „Propeller“ ( über die Siedler, die wie Ventilatoren viel Lärm machen, ohne irgendwohin zu gelangen), „Abfall von Schwächlingen“ (über Leute, die Israel aus Eigennutz verlassen). Bei ihm gab es kein Small Talk. Bei jedem Gespräch kam er gleich auf das Wesentliche. Man könnte sich vorstellen, dass diese Charakterzüge andere Leute stören würden, stattdessen wurden viele genau davon angezogen.

Kein Bild von Arafat

Mehr noch als alles andere respektierte ich Rabin für den dramatischen Wandel seiner Einstellung im Alter von 70 Jahren. Der Mann, der seit seinem 18. Lebensjahr Soldat gewesen war, der sein ganzes Leben gegen die Araber kämpfte, wurde plötzlich ein Friedenskämpfer. Und nicht nur ein Kämpfer für Frieden allgemein, sondern für Frieden mit dem palästinensischen Volk, dessen Existenz von den Führern Israels immer geleugnet wurde. Die öffentliche Erinnerung versucht heute, dieses Kapitel auszulöschen. Im ganzen Land kann man Karten kaufen, die Rabin zeigen, wie er König Hussein beim Unterzeichnen des Friedensabkommens zwischen Israel und Jordanien die Hand reichte. Aber es ist fast unmöglich, eine Karte zu finden, die Rabin mit Arafat beim feierlichen Unterzeichnen des Oslo-Abkommens zeigt – als ob dies nie stattgefunden hätte. Heute fragt man sich beim Nachdenken über das Vermächtnis von Rabin – warum wurde das Oslo-Abkommen ein Fehlschlag?

Die Gründe sind leicht zu erkennen. Von Anfang an fußte dieses Agreement auf fragwürdigen Voraussetzungen, weil ihm die Hauptsache fehlte: eine klare Definition des Endergebnisses dieses Prozesses.
Für Arafat war es selbstverständlich, dass die vereinbarten „Interimphasen“ zu einem unabhängigen palästinensischen Staat in der gesamten Westbank und im Gaza-Streifen führen – vielleicht mit einem kleineren Austausch von Land. Ost-Jerusalem, einschließlich der muslimischen Heiligen Stätten, sollte Hauptstadt Palästinas – die Siedlungen sollten aufgelöst werden. Ich bin davon überzeugt, dass er sich mit der symbolischen Rückkehr einer begrenzten Anzahl von Flüchtlingen ins eigentliche Israel begnügt hätte.

Dies wäre Arafats Preis gewesen, um 78 Prozent Palästinas, auf dem heute Israel liegt, aufzugeben. Es gäbe keinen palästinensischer Führer der Gegenwart oder Zukunft, der mit weniger zufrieden sein würde. Arafat war sich der Mängel des Abkommens bewusst. Er sagte seinen Leuten, es wäre das „bestmögliche Abkommen unter den schlecht möglichsten Umständen“ gewesen. Aber er glaubte, die Dynamik des Friedensprozesses würde die Hindernisse auf dem Weg überwinden. Auch ich dachte so. Wir hatten beide unrecht.

Respekt für den Gegner

Rabin war ein Kind der klassischen zionistischen Ideologie. Er trug in seinen Genen den Code der zionistischen Bewegung, deren Ziel es von Anfang an war, das ganze Land zu einem ausschließlich jüdischen Staat zu machen und die Existenz eines arabisch-palästinensischen Volkes zu leugnen. Wie die meisten seiner Generation absorbierte er diese Ideologie mit der Muttermilch und war auch so erzogen. Doch dann – an der entscheidenden Wegkreuzung seines Lebens – wurde er zum Opfer eines unlösbaren inneren Widerspruchs: Sein analytisches Gehirn sagte ihm, er müsse mit den Palästinensern Frieden machen, einen Teil des Landes „aufgeben“ und die Siedlungen auflösen, während sein zionistisch genetisches Erbe mit aller Kraft dagegen opponierte. Das wurde sogar beim Unterzeichnen des Oslo-Abkommens sichtbar: er reichte Arafat seine Hand, weil ihm dies sein Kopf befahl, aber seine ganze Körpersprache drückte das Gegenteil aus.

Es ist unmöglich, Frieden zu machen, ohne ein grundsätzlich geistiges und emotionales Engagement für Frieden. Es ist unmöglich, die Richtung einer historischen Entwicklung zu verändern, ohne seine Geschichte neu zu überdenken. Für einen Führer ist es unmöglich, sein Volk in eine völlig andere Richtung zu steuern – wie Atatürk in der Türkei –, wenn er nicht selbst den Wandel verinnerlicht hat. Es ist unmöglich, mit einem Feind Frieden zu schließen, ohne seine Wahrheit zu verstehen.

Rabins innere Überzeugungen entwickelten sich auch nach Oslo weiter. Zwischen ihm und Arafat wuchs der gegenseitige Respekt. Vielleicht wäre er auf seine vorsichtige Weise zum nötigen Wandel gelangt. Der Mörder und seine Hintermänner hatten dies befürchtet und entschieden sich, dem zuvor zu kommen. Rabins Scheitern wird in dieser Woche bei der Gedenkrallye genau dort, wo wir vor 14 Jahren Zeugen seiner Ermordung waren, seinen Ausdruck finden. Die Hauptredner werden die beiden sein, die dem Oslo-Abkommen das Grab geschaufelt haben: Shimon Peres und Ehud Barak als auch Zipi Livni und Erziehungsminister Gideon Sa’ar. Sie gehörten zu den Kräften, die das Klima für den Mord vorbereiteten. Rabin wird sich in seinem Grab umdrehen – vermute ich.

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17:30 09.11.2009

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